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Ausgabe:

1927 Nr. 7

Spalte:

148-149

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Smith, Harold

Titel/Untertitel:

Ante-Nicene Exegesis of the Gospels. Vol. II 1927

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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147

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 7.

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leugnungs- und der Begräbnis-Geschichte im wesentlichen
, d. h. von einigen Versen abgesehen, nicht aus
Markus stammen, jene wenigen Verse aber Einfügungen
nach Markus in einen anderen Zusammenhang
darstellen. Dieser Zusammenhang, der mit Lk. 22,14
sichtbar wird, verlangt nach einem Anfang, und so ergibt
sich ganz ungezwungen die Fragestellung, ob nicht
auch andere Teile des Lukas-Evangeliums in diese zusammenhängende
Erzählung gehören, die nichts mit
Markus zu tun hat. Die ganze Hypothese hängt also
von der Überzeugungskraft der hier verwendeten Beweise
ab. Und hier hat denn auch die Kritik einzusetzen.

T. geht regelmäßig von einer Wortstatistik aus, die prozentual die
Zahl der aus Markus stammenden Worte im Lukastext errechnet. Eine
scheinbar sehr exakte, in Wirklichkeit aber sehr bedenkliche Methode!
Denn da anerkanntermaßen Lukas in seinen unbestrittenen Markusstücken
dazu neigt, die Wendungen des Markus durch sprachlich
vornehmere Ausdrücke zu ersetzen, so ist Wortstatistik ein völlig ungeeignetes
Mittel, den Grad der Abhängigkeit von Markus festzustellen
. Man mache sich die Sache etwa am Verhör vor Pilatus klar.
Zugestanden ist, daß Lukas das Verhältnis der Christen zur römischen
Behörde „apologetisch" betrachtet, zugestanden ist weiter, daß er sich
müht, gerade offizielle Angelegenheiten richtig und deutlich darzustellen
— für jene Betrachtungsweise und diese Bemühung bietet die
Apostelgeschichte genügendes Material. Also ist es fast selbstverständlich
, daß er die unsubstanziierte Anklage der Hierarchen Mk.15,3
vergegenständlicht in einer seinem bisherigen Bericht völlig entsprechenden
Weise und daß er das Zögern des Pilatus „apologetisch"
ausmalt. Was sonst in der Erzählung des Lukas von diesem Verhör
(nicht von der Herodesszene 1) über Markus sachlich hinausgeht, ist
im wesentlichen die Bemerkung über Barrabas, bei der vielleicht
mündliche Überlieferung maßgebend war. Diese Überlegungen lassen
also Mk. sehr wohl als Quelle für den Lk.-Bericht vom Verhör bestehen
, und doch ergibt die Wortstatistik nur den geringen Befund von
26,5 Prozent Markus - Worten im Lukas - Text. Diese kritische Betrachtung
macht zugleich zwei Faktoren sichtbar, die bei der Beurteilung
des Lukastextes jedenfalls in Rechnung gestellt werden müssen:
einmal die Produktion von Variationen der Erzählung durch die noch
nicht zur Ruhe gekommene Überlieferung, — man denke nur an den
Einfluß des A.T.l—, sodann die selbständige, von pragmatischen Überlegungen
durchaus nicht freie Erzählerart des Lukas. Diese beiden
Faktoren müssen berücksichtigt werden, ehe man sich auf Quellcn-
hypothesen einläßt; Taylor hat die mündliche Tradition gelegentlich,
die selbständige Arbeit des Lukas aber nur ganz selten, beide jedenfalls
in viel zu geringem Maß in Rechnung gestellt.

Im dritten Kapitel behandelt T. die übrigen Teile
des Lukasevangeliums mit Ausnahme der eschatologi-
schen Rede, die im vierten Kapitel untersucht wird. Der
Nachdruck liegt hier natürlich nicht auf der Herausarbeitung
des anerkannten Sonderguts, sondern auf der
Frage, ob wirklich alle Stücke, die inhaltlich und der
Anordnung nach Parallelen bei Markus haben, aus Markus
stammen. Es werden dann die Markus- und die Q-
Stücke bei Lukas untersucht. Das Ergebnis besteht darin
, daß sich ein zusammenhängendes Ganzes herausstellt
, das aus Q-Material und Sondergut zusammengesetzt
ist. Dieser Proto-Lukas besteht aus Luk. 3,1 bis
4, 30; 5,1—11; 6,12—8, 3; 9,51 — 18, 14; 19,1—28;
19,37—44; 19,47—48 und dazu kommen noch die
entsprechenden Stücke der Leidensgeschichte von 22,14
ab. Dieser Proto-Lukas stellt nicht eine Quelle, sondern
das erste Werk des Evangelisten dar, das er dank den
in Cäsarea zur Zeit der Gefangenschaft des Paulus
erhaltenen Überlieferungen schrieb (hier werden die
Philippustöchter genannt); und zwar offenbar zu einer
Zeit, da das Markusevangelium noch nicht existierte.
Als er dieses dann gelesen hatte, stattete er sein Werk
mit Markus-Material aus, und so entstand der Text, der
in der Kirche in Umlauf kam und den wir heute lesen.
Es ist ohne weiteres deutlich, daß diese Hypothese,
wenn sie gesichert würde, manches Problem einer Lösung
näher führen würde, so die Frage der Auslassung
von Mk. 6,45—8, 26 oder die andere, warum Lukas
an manchen Stellen das aus Q oder anderswoher stammende
Material offenbar gegenüber Markus bevorzugt.
Allein ich habe mich von der Durchschlagskraft der
Beweise T.s weder im Kleinen noch im Großen überzeugen
können.

Nicht im Kleinen — denn auch in den oben genannten Stücken
außerhalb der Leidensgeschichte steckt Markus-Material. Es handelt
sich dabei ganz auffallenderweisc um Abschnitte, bei denen man gar
kein Recht hat, von selbständigen Erzählungen zu sprechen: die
Jängerberufung Lk. 6,12—16 ist eine Liste, die Lukas ungefähr an
der Stelle bringt, wo sie nach Markus hingehört, die er aber mit der
folgenden Perikope ausgetauscht hat. Und diese, Lk. 6, 17—19 stellt
einen „Sammelbericht" über Massenandrang und Massenheilungen dar.
Daß Lukas die Jüngerliste nach seinen Kenntnissen gestaltete und
daß er jenes allgemeine Referat stark umstilisierte, kann in Stücken,
die kein abgerundetes Ganze bilden, wirklich nicht wunder nehmen
und darf nicht zur Bestreitung des Markus-Einflusses in diesen Texten
verleiten. Ebenso ist 19,47. 48 nichts anderes als ein Sammelbericht,
der an derselben Stelle wie Mk., nur mit ein bischen anderen Worten
über Jesu Aufenthalt in Jerusalem Bescheid gibt. Und vollends
Lk. 19, 37—44 ist die zweite Hälfte der Einzugsgeschichte, die unter
keinen Umständen von ihrer Einleitung (wunderbare Auffindung des
Reittieres) getrennt werden kann, und für diese Einleitung gibt auch T.
den Einfluß des Mk.-Textes zu. Die Methode der Prozentberechnung
führt also auch hier nicht zu giltigen Resultaten.

Aber auch im Großen erheben sich Bedenken gegen
die Hypothese. Die Zusammengehörigkeit aller genannten
Stücke kann nicht erwiesen werden, T. denkt
noch ganz im Sinne der alten die Evangelien und ihre
Entstehung individualisierenden Methode. Ihm genügt
es, wenn er die Entstehung seines Protolukas aus den
persönlichen Schicksalen seines Verfassers (die übrigens
doch keineswegs mit Sicherheit festzustellen sind!) begreiflich
machen kann. In Wirklichkeit handelt es sich
aber um das Problem, ob die Stücke des Protolukas in der
Entstehungsgeschichte der evangelischen Überlieferung,
die eine Geschichte der Namenlosen ist, an den Anfang
gehören. Und das ist das mindeste, was der neueren stilkritischen
Betrachtungsweise der Evangelien zu entnehmen
ist: daß man den Anfangsstadien der Überlieferung
nicht oder wenigstens nicht allein durch ein mechanisches
Verfahren literarkritischer Subtraktion näher
kommt, sondern nur unter Berücksichtigung der stilistischen
Fragen.

Aber ich möchte diese Anzeige nicht mit einem kritischen
Wort schließen. Denn ich bin der Überzeugung,
daß solche Arbeiten getan werden müssen, auch wenn
die Fragen, die sie lösen wollen, anders zu beantworten
sind, als Streeter und Taylor glauben. Solche Versuche
treten in der Literaturwissenschaft an die Stelle des Experiments
in den exakten Wissenschaften. Was jetzt am
dringendsten gebraucht wird, ist eine neue Untersuchung
des literarischen Charakters des Autors von Lk. und Acta
, unter dem Gesichtspunkt seiner Annäherung an die
große Literatur; die Ergebnisse einer solchen Arbeit, die
naturgemäß für Evangelium und Apg. ganz verschieden
ausfallen würden, könnten Sicherheit geben über den Anteil
, den man der Redaktorenarbeit des Lukas zuschreiben
darf; und erst wenn so das Verhältnis von Tradition und
Komposition bei Lukas festgelegt ist, erst dann wird man
weiter über die Quellen des Evangeliums reden können.
Heidelberg. Martin Dibelius.

Smith, D. D. Harold: Ante-Nicene Exegesis of the Gospels.

Vol. IL (Aus ,,Translations of Christian literature" series VI.)

London: S. P. C. K. 1926. (IV, 350 S.) 8°. geb. sh. 7/6—.

Dieser zweite Band des Werkes, dessen erster Band
im vorigen Jahrgang dieser Zeitung (Sp. 106—108) angezeigt
ist, umfaßt bei gleichem Umfange beinahe die
doppelte Zahl der Sektionen, in die der Verfasser den
Text der vier Evangelien seiner synoptischen Anordnung
gemäß zerlegt hat: Nr. 19—48 der 183. Er beginnt mit
joh. 1,35—42 (Nr. XIX) und schließt mit Marc. 3,
31—35 (Parall). Die ganze Bergpredigt aber ist (S. 179
bis 311) bereits mit behandelt; Marc. 3,31—35 hat ja
seine Parallelen in Matth. 12,46—50 und Luk. 8,19 bis
21. — Die Art des Ganzen ist in der Anzeige des ersten
Bandes bereits charakterisiert. Die Bedenken, die ich damals
ausgesprochen habe, will ich nicht wiederholen,
obwohl der neue Band sie nicht entkräftet hat.

Ein weiteres Bedenken, das auch schon dem ersten Bande
gegenüber hätte geltend gemacht werden können, hat der Verf. selbst