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Ausgabe:

1927 Nr. 4

Spalte:

86-87

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spettmann, Hieronymus

Titel/Untertitel:

Die Erkenntnislehre der mittelalterlichen Franziskanerschulen von Bonaventura bis Skotus 1927

Rezensent:

Walter, Johannes

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86

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 4.

86

Relijjionsgravamina der Evangelischen aus dem 18. Jahrh. Ein
ÖHiellenhinweis). —

Erfreulich ist, daß das Papier mit jedem Heft besser wird.
Warum haben nur zwei Hefte Fadenheftung.''

Göttingen. Kurt Dietrich Schmidt.

Grabmann, M.: Des Ulrich Engelberti von Straßburg O.

Pr. (f 1277) Abhandlung De pulchro. Untersuchungen u.

Texte. Vorgetr. am 7. Nov. 1925. München: G. Franz in Komm.

1920. (84 S.) 8°, Sitzungsberichte d. Bayer. Akad. d. Wissensch.,

Philos.-philol. und histor. Klasse, Jg. 1925, 5. Abhdlg. Rm. 2—.
Die Neigung, in der Scholastik sämtliche Probleme
des Kulturlebens behandelt zu finden, hat namentlich
bei katholischen Forschern dazu geführt, auch von
einer „Schönheitslehre der Scholastik" zu reden. In der
Tat widmen manche Scholastiker dem Begriffe des
pulchrum Erörterungen. Aber einmal handelt es sich nur
um gelegentliche Darlegungen, ferner stehen dieselben
zumeist im Dienste der Ootteslehre, sofern sie eine Erläuterung
der Bezeichnung Gottes als des höchsten
pulchrum dienen sollen, und endlich repräsentieren sie,
auf den Inhalt gesehen, nur Reproduktionen und gelegentliche
Weiterführungen antiker Gedanken, keine
selbständigen Ausführungen, die aus lebendiger Fühlungnahme
mit der mittelalterlichen Kunst entstanden
sind. Das ist der Eindruck, den man aus der ebenso
gelehrten wie besonnenen Einleitung gewinnt, dic-
Grabmann seiner Edition eines bisher unbeachteten und
unbekannten Abschnittes aus der theologischen Summa
des Ulrich Engelberti von Straßburg voranschickt, in
welchem dieser dem Begriffe pulchrum die „umfangreichste
systematische Entwickelung des Schönheitsbe
griffs" aus der thomistischen Zeit widmet. Die Abhand

rativ nobilioris übersehen. S. 81 Z. 20 bezieht sich pro-
priae schwerlich auf Deus. S. 82 Z. 30 ist deformitatem
versehentlich mit „Schönheit" übersetzt. S. 83 Z. 20 ist
versehentlich in der Übersetzung „bei sittlichen Defekten
" (S. 69) zugefügt. — Recht wertvoll ist übrigens
der Hinweis darauf, daß von den literarischen Schilderungen
der Schönheit Jesu und Marias konkretere Verbindungslinien
zur mittelalterlichen Kunst führen, als von
den theoretischen Erörterungen über den Schönheitsbegriff
(S. 17 und 73).

Rostock. Joh. von Walter.

Spettmann, Dr. phil. Hieronymus: Die Erkenntnislehre der
mittelalterlichen Franziskane' schulen von Bonaventura
bis Skotus. Texte, verdeutscht u hrsg. Paderborn: F. Schöningh.
1925. (143 S.) kl. 8°. = F. Schöninghs Sammlung philos. Lesestoffe
, 6. Bdchn. Rm.1.80.

Der Verlag Ferdinand Schöningh-Paderborn wünschte
für seine von Feldmann und Rüther herausgegebene
Sammlung philosophischer Lesestoffe, welche Gymnasiasten
in das philosophische Denken einführen soll,
eine Verdeutschung scholastischer Texte. H. Spettmann,
der sich dieser Aufgabe unterzog, wählte hierfür erkenntnistheoretische
Stücke der älteren und jüngeren
franziskanischen Schule in der Überzeugung, daß sie
neben dem Thomismus zu Worte kommen müsse, weil
sie „manchen Bestrebungen von heute" sehr entgegenkäme
. So bringt er denn Übersetzungen aus Bonaventura,
Eustachius von Arras, Roger Marston, Matth, v. Aqua-
sparta, Rieh. v. Middletown, Wilh. v. Ware und
Skotus, in der Überzeugung, daß der unerfahrene „Mulus
", in ihrer Schule unterwiesen, sich „nicht so leicht
füng° umfaßTYl^ j in den Irrgängen moderner Spekulation verfangen

auf den Darlegungen seines Lehrers Alberts des Großen,
die dieser in seinem Kommentar zu der pseudodionysia-
nischen Schrift De divinis nominibus gemacht hat und
die Uccelli 1869 unter dem Titel De bono et pulchro
schlecht herausgegeben und fälschlicherweise dem Thomas
zugeschrieben hatte, weil eine Nachschrift jenes
Kommentars, wie es scheint, ein Autogramm des Thomas
ist. Während Thomas auch auf das Scnönheitsempfinden
reflektiert, ist für Albert wie für Ulrich die Schönheit
rein objektiv die consonantia proportionis perfectionis
ad perfectibile oder der Glanz, den die Form über die
ihr proponierten Teile der Materie ausstrahlt. In dieser
Definition wirkt der areopagirische Neuplatonismus nach.
Den areopagitischen Gedanken, daß Gott die Ursache
alles Schönen ist, spinnt Ulrich weiter aus, indem er
Gott als causa efficiens, exemplaris und finalis mit dem
Schönen in Beziehung setzt, dagegen nicht, wie früher
Hugo von St. Viktor, das sinnlich Schöne als Reflex des
geistig Schönen, d. h. der Tugenden auffaßt, obgleich
auch er das pulchrum mit dem bonum inhaltlich identifiziert
. Gewinnt das Schöne bei Ulrich auf diese Weise
eine relative Selbständigkeit, so kann er auch bei der
Entwicklung des Begriffs der Proportion eine gewisse
Originalität beanspruchen. Im übrigen gilt auch von
ihm, daß seine Ausführungen auf antiken, meist neuplatonischen
Gedanken fußen.

Seiner Edition schickt Grabmann eine paraphra-
sierende Übersetzung voraus, die er durch wertvolle
Hinweise auf ältere und spätere Gedanken kommentiert.
Der Ausgabe liegt die älteste, aus dem späten 14. Jahrhundert
stammende vatikanische Handschrift der Summa
Ulrichs zu Grunde. Fünf weitere Handschriften des
16. Jahrhunderts werden zur Herstellung des Textes
herangezogen. Der Text ist sorgfältig bearbeitet. Erwünscht
wäre eine stärkere Benutzung des Kommas
s°wie eine Kenntlichmachung der Zitate durch Anführungszeichen
. S. 81 Z. 22 lies formam, S. 84 Z. 11 lies
^militudinem. perfecte S. 75 Z. 10 fasse ich als Genetiv,
natura S. 75 Z. 17 und 21 als Nominativ auf. Mon-
struosi partus S. 78 Z. 10 sind wohl Mißgeburten, nicht
„monströse Dinge", aecreseit S. 78 Z. 29 darf nicht mit
„kommt zu" übersetzt werden. S. 79 Z. 7 ist der Kompa-

würde" (S. 7). Die Nominalisten bleiben „begreiflicherweise
" unberücksichtigt (S. 3). Die Auswahl ist zum
Teil geschickt. Namentlich die Ausführungen des Matth,
v. A. und des Skotus zeichnen sich durch große Klarheit
und relative Verständlichkeit aus, so daß das Interesse
des Gymnasiasten schon gefesselt werden könnte.
Anderseits gehört doch eine beim Gymnasiasten nicht
vorauszusetzende Beherrschung der mittelalterlichen Gedankenwelt
zum Verständnis mancher Texte. Erwähnt muß
werden, daß der übrigens nicht sehr umfangreiche Abschnitt
aus Wilhelm von Ware S. 80—85 nicht, wie die
übrigen Übersetzungen, auf Editionen zurückgeht, sotir
dern auf die Abschrift der Quästionen Wilhelms, die
der Verf. vor dem Kriege aus dem cod. Plut. XXXIII
dext. cod. 1. der Laurenziana zu Florenz anfertigte.
Hier liegt ein bisher unbekannter Text vor. Der Verf.
verweist auf seine Arbeit über Wilh. v. Ware, die abgeschlossen
ist, ohne daß er bisher einen Verleger finden
konnte.

Wenn der Verf. freilich für seine Übersetzungen
auch auf das Interesse des Fachphilosophen rechnet,
so möchte ich doch empfehlen, neben seinen Übersetzungen
die Originaltexte zu Rate zu ziehn. Grobe
Böcke, wie die Übersetzung von calidus mit „kalt"
(S. 97 Z. 448, S. 98 Z. 504 und S. 99 Z. 517), sind mir
allerdings nicht häufig entgegengetreten, und die Übersetzung
liest sich fließend. Aber Auslassungen und
Zusätze sind durchaus nicht immer kenntlich gemacht.
Die Neigung des Verf.s, Fremdwörter zu meiden, ist
gerade bei scholastischen Texten nicht unbedenklich.
Daß der Begriff esse secundum quid mit „beschränktes
Sein" wiedergegeben wird, halte ich für stark anfechtbar
(S. 88 Z. 96); eine andere Übersetzung: „Sein unter
bestimmter Rücksicht" (S. 87 Z. 94) ist zwar treffender,
aber nicht schön; formaliter wird auf S. 90 zweimal
mit „inhaltlich" übersetzt; qukquid ponatur in animo
subiective soll „alles in der Seele als Bestimmung sich
Findende" heißen S. 92, Z. 276. Sehr frei ist virtute
propria et terminorum mit „ohne besondere Erleuchtung
" wiedergegeben (S. 95, Z. 368). Unzulässig ist, daß
die Zählung des Skotus S. 93 Z. 303 ff. willkürlich korrigiert
wird. S. 94 Z. 330 findet sich unberechtigterweise