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Ausgabe:

1927

Spalte:

65-66

Autor/Hrsg.:

Reyer, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Einführung in die Phänomenologie 1927

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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lehrreiche Abhandlung, dem religiösen nur eine polemische
Gelegenheitsschrift an, die von der Art heutiger
religionswissenschaftlicher Methode noch unberührt ist.
Aber der prinzipielle Idealismus des Verfassers tritt auch
in dieser Begrenzung deutlich hervor. Wie kritische Erwägungen
nötigen, die Gesetze des Raumes und der
Zeit, der Substanz und der Kausalität, um ihre Möglich- j
keit zu begreifen, als geistige Gesetze anzusehen, so
müssen wir mit derselben logischen Notwendigkeit den
allgemeinen Zusammenhang aller Dinge „als konform
und gleichartig denken mit dem Vernunftzusammenhang j
und der Einheit unserer Vorstellungen". Diese all- |
gemeine „nur nach Analogie unserer Vernunft denkbare j
Einheit der Dinge und der Vorgänge ist das Wesen der i
Gottheit" (84). Allerdings läßt sich daraus nicht, wie
die Identitätsphilosophie meinte, das Einzelne in seinen
bestimmten Verhältnissen ableiten, aber das von ihr
intendierte Prinzip der geistigen Einheit des Universums
ist die heutige Wissenschaft im Begriff, auf anderem
Wege wieder aufzufinden. Dahin fuhrt die (allerdings
in der Form ihrer Begründung heute überholte) Einsicht,
daß schon die „Elementartätigkeiten der absoluten
Wesen" (Atome) nur nach Analogie psychischer Vorgänge
, nach Analogie nämlich der Empfindung, zu
denken sind (26f. 42f. 48. 112. 128f. 336) und ein allgemeiner
Zug nach Bewußtwerden überall in der Wirksamkeit
der Kräfte erkennbar ist. Auch ist Voraussetzung
des wissenschaftlichen Kausalbegriffs die Vorstellung
eines einheitlichen Ganzen, des Universums
der Gegenstände (215). Diese Idee des Ganzen (verbunden
mit der der Autonomie) ist zugleich der Grund-
charakter des geistigen Lebens (324. 27). Geistiges
Leben ist in jeder seiner Gestalten autonomes Leben; j
wir denken es hervorgegangen aus dem, was an Aktivität
schon im Grunde der Dinge vorauszusetzen ist, entwickelt
durch Familie, Gesellschaft, Staat, religiöse Gemeinschaft
, die Vollendung erreichend in der großen
autonomen Persönlichkeit. In dies aus der aktiven Natur
des Geistes stammende Reich des „objektiven Geistes"
reiht sich auch das religiöse Erlebnis ein, die innere
Ergriffenheit des Gemütes und die freie Hingabe an das
Göttliche (311). Es gehört, wie jede Weltanschauung,
nicht mehr ins Gebiet der Wissenschaft, sondern des
Glaubens, besitzt aber seine eigene Ordnung und seine
Autonomie (232 f. 324). Damit ergibt sich also Riehls
Gesamtanschauung, die von den Problemen der Naturerkenntnis
ausging und in der Hauptsache ihnen zugewendet
blieb, gleichwohl als fähig, auch die Grundlegung
einer Religionsphilosophie zu bieten.

Berlin. A. Titius.

Reyer, Dr. Wilhelm: Einführung in die Phänomenologie.

Leipzig: F. Meiner 1926. (X, 465 S. m. 1 Abb.) 8°. *" Wissen
u. Forschen, Bd. IS. Rin. 12.50; geb. Rm. 15—.

Der Verf. will in dieser seiner Schrift nicht Bekanntschaft
vermitteln mit den Resultaten phänomenologischer
Forschung, wie sie von auf diese Forschungsmetnodc
eingestellten Denkern erarbeitet worden sind. Seine Einführung
hat sich vielmehr die Aufgabe gestellt, dem
Leser bewußt zu machen, was mit der Bezeichnung
Phänomenologie Eigenartiges und Besonderes gemeint j
ist. Das ist nicht so einfach. Denn die phänomenologische
Forschung bewegt sich auf einem Wirklichkeits- j
ge-biet, das nicht ohne weiteres sichtig ist, sondern erst
sichtbar gemacht werden muß. Handelt es sich hier
doch nicht um eine Analyse des seelisch gegebenen Er-
•gtnntnisverlaufs; auch nicht um eine Theorie über das
Erkennen oder um eine Kritik der Erkenntnisgegebenheiten
, sondern um ein Erfassen und klärendes Durchdringen
des Erkenntnisaktes in seinem lebendigen Vollzug
. Zur Erfassung dieses Wirklichen bedarf es bestimmter
Haltung. Es ist darum Aufgabe der Einführung
, diese Haltung in dem Leser auszulösen. Er
muß durch geeignete Hinweise veranlaßt werden, bestimmte
geistige Aufmerksamkeitsakte zu vollziehen, die

sich in einer wesentlich andern Richtung bewegen als in
derjenigen des ihm geläufigen empirischen Beachtens
und begrifflichen Denkens. Mit dem Sichtigmachen des
besonderen Gegenstandes der Phänomenologie verbindet
sich Einführung in die ihr eigentümliche Begriffssprache.
Da Phänomenologie nicht nur Aufweisung ihres besonderen
Gebietes sein will, sondern seine wissenschaftliche
Durchdringung, bedarf es in einer solchen Einführung
auch einer Sicherung der Methode, welche solche wissenschaftliche
Durchdringung zu leisten vermag. Endlich
wird der Leser auch danach verlangen, zu erfahren,
welche Bedeutung die phänomenologische Forschung für
das menschliche Erkennen besitzt. Es wird darum zu
zeigen sein, wie sich vom phänomenologischen Ansatz
aus der menschliche Erkenntnisprozeß in seinen verschiedenen
Grundgestaltungen und einzelnen Bildungen

— einschließlich der verschiedenen Formen des Irrtümlichen
— tatsächlich klärt, und wie resp. wieweit von
diesem Ansatz aus eine volle Sicherung unserer Erkenntnisse
(ihre Objektivität und Absolutheit) erreicht werden
kann.

Bei einer Anzeige dieses Buches kann es sich demnach
nicht darum handeln, daß wir in eine prinzipielle
Auseinandersetzung mit der Phänomenologie eintreten,
sondern lediglich um eine Beurteilung unter dem Gesichtspunkt
der Angemessenheit dieser Einführung zu
ihrem besonderen Zweck. Dann aber wird unser
Urteil dahin gehen: Wer diese reichlich 450 Seiten
durchgearbeitet hat, sich wirklich mit vollem Aufmerken
den immer erneuten Hinweisungen erschließend, zugleich
auch mit Benutzung des angefügten Sach- und
Wortregisters sich immer erneut die Meinung der Ausdrücke
der spezifischen phänomenologischen Abschnitte
vergegenwärtigend, der hat in der Tat die vom Verf. beabsichtigte
Einführung in ihrem vollen Umfange erlebt.
Der Verf. bemüht sich nun aber besonders gerade darum
, in immer erneuten Wendungen dem Leser die erforderliche
Blicköffnung zu vermitteln. Das ist gewiß
lobenswert. Erwacht das Verständnis nicht an dieser
Wendung des Gedankens, dann vielleicht an der etwas
anders gestalteten nachfolgenden oder noch weiter nachfolgenden
. Jn dieser Fülle immer wieder etwas anderer
Wendungen liegt aber zugleich die Gefahr alles Hin-
und Hergeworfenwerdens in Wiederholungen, daß man

— trotz immer wieder stattfindender rückblickender
Zusammenfassung — die zielstrebige Führung doch
nicht immer in voller Deutlichkeit durchspürt. Man
wünscht sich unwillkürlich anstatt der Fülle einige wenige
ganz scharfe Linien. Und ich glaube nicht, daß der
Gegenstand es ist, der eine solche Behandlung verbietet.
Ist eine Sache in sich deutlich, dann kann sie — und sei
sie noch so neuartig — auch mit wenigen scharfen
Richtlinien zur Erfassung gebracht werden. Und noch
in einer andern Richtung wäre m. E. ein „weniger" mehr
gewesen. Ich meine eine strengere Beschränkung auf
wirklich nur das, was dazu dient, dem Leser das besondere
, worum es sich hier handelt, deutlich zu
machen. Ganz vortrefflich dient dem die senr ausgeführte
Abgrenzung gegen die Psychologie, ebenso die
Abgrenzung gegen den kantischen Kritizismus. Anderes
dagegen erscheint mir vom Zweck des Ganzen aus gesehen
als eine Belastung. Vielleicht ließe sien dem Verständnis
des Lesers in manchen Partieen des Buches
auch noch mehr durch konkrete Beispiele zu Hilfe
kommen. Und wesentlich erleichtert würde das Erfassen
des Gedankenfortschrittes, wenn die Überschriften
des Inhaltsverzeichnisses dem Text selbst eingefügt
wären. Der Leser, welcher bei der Art der Gedankenführung
seine volle Kraft darauf wenden muß, das jeweilig
Gegebene ganz zu verarbeiten, wird nicht immer
ohne weiteres in der Lage sein, den im fortlaufenden
Text oft kaum besonders hervorgehobenen Übergang
zu einem weiteren Punkt gleich als solchen zu erkennen.

Herrnhut Th. Steinmann.