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Ausgabe:

1927

Spalte:

60-62

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Geismar, Eduard

Titel/Untertitel:

Sören Kierkegaard. I. - II 1927

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 3.

stehen und Bejahen des Dogmas in Christentum und
Kirche weit entfernt war." Bald fielen aber bittere Wermutstropfen
in den Rauschtrank seiner politischen Begeisterung
. „Das System ward geändert", klagt er
(S. 50 f.), „die Leidenschaften blieben . . ., Hofton und
Hofsitte wurden auf Republikanismus geimpft, und die
verächtlichste aller Menschenklassen, die der republikanischen
Schranzen, ward zur förmlichen Gilde". Immer
lebhafter werden seine Anklagen gegen „die Giftschwämme
der Revolution, die Verschleuderer und öffentlichen
Diebe" (S. 51). „Solange die Leidenschaften
noch in dem ungebundenen Naturzustände umherschwär-
inen . . ., solange ist es rasender Unsinn, eine Nation
zur Selbstbeherrscherin erheben zu wollen" (ebenda).
Die seelischen Voraussetzungen seiner späteren religiösen
Entwicklung aber liegen in seiner, von Gefühl und
Phantasie beherrschten, wahrhaft kontemplativen Natur,
die besonders stark in den Briefen an seine Braut
Katharina v. Lasaulx, sich offenbart, aber auch in seiner
Tagesschriftstellerei immer wieder durchbricht. So kommt
es zum „Ringen um eine neue Weltanschauung" (Kap.
III), wobei Schelling, Böhme und der indische Mythus
ihm Führer sind zu einer Art pantheistischer Gottesvorstellung
, die freilich nicht mit dem gewöhnlichen
Pantheismus zusammenfällt (S. 109): der künftige Mystiker
kündet sich an. Wie er aber am Ende seiner
Goblenzer Zeit immer noch zur Kirche stand, erhellt
aus den Tatsachen, daß er weder seine Ehe kirchlich
segnen, noch seine Kinder taufen ließ, noch den Gottesdienst
besuchte.

Ein empfindlicher Herr scheint der Andernacher Pfarrer Karl
v. Lasaulx gewesen zu sein, der sich während eines Besuches bei
seinem Bruder in Coblenz ,an seiner geistlichen Würde gekränkt'
fühlte, weil — Ooerres Sonntags nicht in der Kirche gewesen sei'
(S. 134')! Er rechnete demnach den Besuch des Gottesdienstes zu
den Pflichten nicht gegen Gott, sondern gegen die Geistlichkeit.
S. 1241 wird als .bezeichnend für den aufklärerisch-platten Inhalt'
einer Schrift der Satz angeführt: ,Zu meiner Zeit lernte man in der
Schule fast weiter nichts als den Katechismus und hörte sehr wenig von
solchen Dingen, die dem Menschen im irdischen Leben nützlich und
gut sind.' Sollte es wirklich nur eine .aufklärerisch-platte'Schule sein,
d e den Schülern auch .solche Dinge' beibringt?

München. Ii ugo Koch.

Knappert, Dr. L.: Het ontstaan en de vestiging van het
protestantisme in de Nederlanden. Utrecht: A. Oosthoek
1924. (450 S.) gr. 8°.

Verf. führt die Geschichte des Protestantismus in
den Niederlanden von den Anfängen bis zur Entstehung
der reformierten Kirche. Mystik, Sekten und Humanismus
werden einleitend geschildert. Besonderer Nachdruck
fällt natürlicher Weise auf Erasmus. Die erste
Periode der niederländischen Reformation will Verf.
trotz der Einflüsse Luthers nicht als spezifisch lutherisch
gelten lassen. Seine Grundthese ist die von einer eigentümlichen
, selbständigen niederländischen Reformationsbewegung
. Die Führer von 1520 bis 1530 bezeichnet
Verf. als die „Sakramentarier", als hervorragendste Gestalten
darunter zeichnet er den durch den Abendmahlsstreit
bekannten Cornelis Hoen und den Humanisten
Wilhelm Gnafaeus. Nach einer Schilderung der lutherischen
Märtyrer in den Niederlanden wendet Verf. sich
dem Täufertum zu und weiterhin den spezifisch niederländisch
Reformierten, von denen die einen, Erasmus ähnlich
, an eine Versöhnung mit der katholischen Kirche
dachten, andere, voran Velicanus, zur Trennung schritten.
Lutherische Einflüsse, Zwingiis Abendmahlslehre und
von den Reformatoren scharf abweichende Verwerfung
der Prädestination zeichnet ihn und seinen Kreis aus. In
den letzten Kapiteln zeigt Verf., wie in der Zeit
schwerer Verfolgung und inneren Zwistes der Calvinismus
die Bahn zur kirchlichen Organisation beschritt und
die eigentliche Kirchengründung durchführte.

Ein durch ein ganzes Forscherleben hindurch zusammengetragenes
Material hat der Verf. verarbeitet.
Sein Werk gibt ein wissenschaftlich einwandfrei fun-

I diertes Bild niederländischer Reformationsgeschichte.
| Nachdem auch in Deutschland das Interesse für die
! lokale Reformationsgeschichte in starkem Steigen be-
; griffen ist, wird dieses umfassende Buch als eine will-
i kommene Leistung betrachtet werden. Es zeigt, wie

die Reformation je nach Trägern und Verhältnissen
| eigentümliches Gepräge gewann. Die These von dem

nicht-lutherischen Charakter der niederländischen Re-
I formation muß Verf. selbst durch den steten Hinweis auf

den Anstoß, den Luther gab, eingrenzen. Aber hinter
: dieser Überspitzung steht das berechtigte Interesse für
j die individuellen Ausprägungen und Abschattungen, in
j denen die Reformation sich vollzog und breiten Boden
I gewann.

Marburg. Tb. Siegfried.

Geismar, Prof. Eduard: Soren Kierkegaard. Hans Livsudvikling
og Forfatterwirkaomhed. 1. Opdragelsen til Kaldet. (147 S.)
2. Stadiernes Digter. (150 S ). Kobenhavn: G. E. C. Gad 1926.
gr. 8". je dän. Kr. 3 50.

Eduard Geismar hat begonnen, die Frucht seiner
'. jahrzehntelangen Kierkegaardstudien in einem großen
| Werke zusammenzufassen. Es sind im Ganzen sechs
i Teile, jeder etwa 150 S. lang, geplant. Die beiden
j ersten sind erschienen und werden hier von mir be-
j sprechen. Die vier anderen werden behandeln: 3. Livs-
filosofi. 4. Martyr eller Digter. 5. Kun den Sandhed,
der ydmygger, opbygger. [ Nur die Wahrheit, welche
; demütigt, erbaut.] 6. Kirkestormeren. Von den beiden
I erschienenen Teilen enthält der erste eine Darstellung
| der religiösen und geistigen Entwicklung bis zur Auf-
j hebung der Verlobung, der zweite eine Analyse von
Entweder-Oder, Furcht und Zittern, die Wiederholung
und Stadien auf dem Lebensweg, mit gelegentlichen
Seitenblicken auf die andern gleichzeitigen Schriften.

Zweierlei bringt der Verf. zu seiner Arbeit mit,
worin es zurzeit kein andrer ihm nachtun kann. Das
erste ist vollständige Stoffbeherrschung. Es wird
schwer sein, irgendeine Lücke in der Bearbeitung des
weitschichtigen Stoffes ihm nachzuweisen. Er überrascht
immer wieder durch eine Sorgfalt und Umsicht,
welche auch unmittelbar fernerliegende Verknüpfungen
nicht übersieht. Nur jemand, dem Schriftstellern und
Tagebücher in allen ihren Teilen gegenwärtig sind,
kann so schreiben. Das zweite ist eine Feinfühligkeit
in der seelischen Durchdringung, eine Sicherheit
im Ablauschen kleiner und persönlichster Züge, wie
man sie sonst höchstens gegenüber einem sehr guten
Freunde oder dem Ehegatten zu gewinnen pflegt. Vor-
j sichtig gegenüber allzu großen Worten und allzu kühnen
Vermutungen, immer an einem bestimmten Zug die An-
i knüpfung suchend und vor jeder Einmischung eigner
Subjektivität in die Deutung der Gestalt bange und K.
selbst, sooft es geht, das Wort gebend, so ganz
der Sache dienend, geht die Darstellung ihren Weg. Wer
ihr folgt, wird aber nicht nur bemerken, wie da und
dort die Gestalt K.s selbst unmittelbar lebendig aus dem
Buche G.s vor ihn tritt, sondern daß G. auch den Faden
des Ganzen fest in der Hand behält und ein bestimmtes
Ziel vor Augen hat.

Manches von dem, was G. vor allem im ersten Teile
des Buchs zu sagen hat, ist uns schon bekannt aus
seinen kürzeren Vorstudien und Vorträgen, welche in
Zeitschr. f. syst. Theol. erschienen sind. Es wird hier
nur schärfer und genauer gesagt und umfassender begründet
. Dazu gehört vor allem seine Überwindung der
von dem kürzlich verstorbenen P. A. Heiberg vorgetragenen
Hypothese über K.s Sünde und Geheimnis.
P. A. Heiberg hat bekanntlich die Geschichte von dem
Buchhalter aus den Stadien, welcher sich möglicherweise
Vater geworden glaubt, als Mitteilung über K.s
Fall verstanden. Ich habe dem in Th. L. Z. 1923 S. 207 die
Stelle IX A 50 („Ein Verdienst habe ich — ich habe
keinen Menschen in die Welt gesetzt") entgegengehalten
. Heiberg hat in seinem letzten Buche (Soren
Kierkegaard religiöse Udvikling. Psychologisk Mikro-