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Ausgabe:

1927

Spalte:

57-58

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Braun, Friedrich

Titel/Untertitel:

Christoph Schorer von Memmingen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Geisteslebens im 17. Jahrh 1927

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 3.

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mals erhärtet. Ein angehängtes Literaturverzeichnis
dürfte erschöpfend die handschriftlichen und gedruckten
Quellen und Darstellungen nennen.

Basel-Olten. Ernst Staehelin.

Fischer, Prof. Dr. Ludwig: Veit Trolmann von Wemding genannt
Vitus Amerpachius als Professor in Wittenberg (1530 bis
1543). Freiburg i. Br.: Herder & Co. 1926. (X, 215 S.) gr. 8°. =
Studien u. Darstellgn. aus d. Gebiete d. Geschichte, X, 1. Rm. 10—.

Nachdem Fischer in der unter dem Titel „Beiträge
zur Geschichte der Renaissance und Reformation"
1917 erschienenen Festschrift für Joseph Schlecht über
des „Veit Trolmann von Wemding, genannt Vitus Amerpachius
, Jugendzeit und Studienjahre (1503—1530)" gehandelt
hat, berichtet er in der vorliegenden trefflichen
Monographie, die dem Andenken des am 6. Mai 1925
heimgegangenen Freisinger Hochschulprofessors geweiht
ist, über die Wittenberger Jahre Amerbachs bis
zu seiner Übersiedlung nach Ingolstadt. Amerhach war
in Wittenberg „Pädagoge", d. h. Privatlehrer für junge
Studenten, Professor der Grammatik und Physik, seit Anfang
1541 auch Mitglied des Konsistoriums. Durch
sorgfältiges Studium der Briefe von, an und über Amer-
bach, der Schriften Amerbachs und der Vorreden dazu
hat F. es erreicht, sich und uns einen tiefen Einblick in
die Gedankenwelt des Mannes und in seine Loslösung
von Melanchthon und Luther zu verschaffen. „Veit
Trolmann steht an der Wiege und im Herzen des religiösen
Umsturzes da als der Vorläufer jenes großen
Heerzuges klar denkender Menschen, die in Erkenntnis
der Zufälligkeiten und Menschlichkeiten des Werkes
Luthers den Weg zum Hafen der alten Kirche gefunden
haben und immer noch finden."

Zu S. 56: Die von Melanchthon bevorwortete Textausgahe der
Meteora des Pontanus erschien schon 1524 (vgl. mein Melanchthon-
briefwechselsupplement im Druck - S. 27t Nr. 3SI). Zu

S. 191: Die Originalausgabe des Kommentars Amerbachs zu Ovids
l ibri de Ponto mit der wichtigen Vorrede an Christoph von Minkwitz
vom 1. März 1540 (S. 140ff), Straßburg, Crato Mylius 1541,
die „sich bisher auf keiner öffentlichen deutschen Bibliothek hat !
nachweisen lassen", ist in Zwickau (4. 8. 5,3) vorhanden. Die
Zwickauer Bibliothek besitzt überhaupt viele Amcrhachdruckc (Nr. 1
bis 6, 9, 11, 12, 14—16, 18 u.s.w.), auch (Hdschr. CXXUI) Nachschriften
von der Hand des Andreas Poach von zwei Kollegs Amer-
bachs: In Joannis Joviani Pontani Mcteorcrum , libellum ayoTrn
(7. Mai bis 10. Nov. 1534) (wesentlich sich deckend mit dem oben
erwähnten Kommentar) und: Erotemata de rebus narura'ibus sive de
physica Alberti Magni (ab 16. Nov. 1534). Demnach wäre das
S. 35 über Amerbachs Vorlesungen Gesagte zu modifizieren.

Zwickau i. S. O. Giemen.

Braun, Ob.-Konsist.-Rat a. D. D. Friedrich: Christoph Schorer
von Memmingen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen
Geisteslebens im 17. Jahrb. Mit 2 Bildnissen. Im Selbstverlag
des Vereins für bayr. Kirchengeschichte. (VIII, 345 S.) gr. 8°. =
Einzelarbeiten aus d. Kirchengesch. Bayerns, Bd. 3. Rm.5.50.
Christoph Schorer (1618—1671), Stadtarzt zu
Memmingen, gehört zwar nicht zu den führenden Geistern
seiner Zeit, aber immerhin ist er eine interessante Persönlichkeit
. Schon als Student in Straßburg tritt er
gegen die Verwelschung der deutschen Sprache mannhaft
auf; auf weite Kreise des Volkes gewinnt er
Einfluß durch seine Kalender; wobei er sich besonnen
von den vielen Spielereien und Absonderlichkeiten der
Astrologie fernzuhalten weiß, als Stadtarzt von Memmingen
, seiner Vaterstadt, beweist er einen weiten Blick
in der Fürsorge für hygienische Maßnahmen; daneben
vergißt er nicht die Pflege der Musik; seine Fürsorge
wendet sich auch dem Schulwesen zu, wenn auch seine
Ratschläge mehr den Schulbetrieb statt den Lehrstoff
betrafen. Aus allem aber tritt eine ernste, im schlichten
Gottvertrauen wurzelnde, sein Vaterland heiß liebende
Persönlichkeit entgegen. Bis jetzt hatte man eigentlich
nur seinen Kampf für die Reinheit der deutschen Sprache
naher gewürdigt. Braun führt die Arbeiten Hartigs
weiter und entwirft ein allseitiges Bild seiner Tätigkeit.
Geschickt weiß er die einzelnen Stadien seines eigentlich

ganz einfachen Lebenslaufes durch Schilderung seines
literarischen Arbeitens zu beleben und mit reichem Inhalt
zu erfüllen, um dann zum Schlüsse ein eingehendes
Charakterbild zu geben. Dazu mußte er nicht nur
Schorers Schriften genau durcharbeiten, sondern sich
auch ein Bild jener Zeit verschaffen. Welch umfassende
Kenntnis er sich erworben hat, zeigen die Ausführungen
über Astrologie. Hier meint man keinen Laien sprechen
zu hören, sondern einen Meister vom Fach. Zu bedauern
ist nur, daß die reichen Anmerkungen nicht ausgenützt
werden können; das Register nimmt auf sie
keine Rücksicht. Der erste Teil schildert Schorers
Leben und Wirken, der 2. Teil bringt Auszüge aus
Schorers Schriften. Auch hier ist die reiche, sachgemäße
Kommentierimg zu begrüßen; aber die Frage sei
doch erhoben, ob nicht eine Neuherausgabe dieser
höchst selten gewordenen Werke am Platze wäre.
Roth. Karl Schornbaum.

Reiße, Dr. theol. Roman: Die weltanschauliche Entwicklung
des jungen Joseph Goerres (1776—1806). Breslau: Müller
& Seifert 1926. (XV, 140 S.) gr. 8°. = Breslauer Studien z.
histor. Theologie, 6. Rm. 5.50.

Unter umfassender Heranziehung von Quellen und
Literatur, und vielen wörtlichen Anführungen schildert
Reiße die geistige Entwicklung des jungen Goerres
bis Herbst 1806, wo der Dreißigjährige als Privatdozent
an die philosophische Fakultät nach Heidelberg
ging. Die Aufklärung, in deren Zeichen seine Jugendjahre
, ihre Voraussetzungen und Ergebnisse (Kap. I)
stehen, zeichnet ihr Verf. im Allgemeinem mit den
auf katholischer Seite üblichen, hauptsächlich aus der
Werkstätte der damals entthronten Jesuiten stammenden
Farben. Doch ist der lebhafte Streit, den vor über
15 Jahren Merkle mit seinen Gegnern Rösch und
Sägmüller über die katholische Beurteilung jenes Zeitalters
geführt hat, nicht ganz ohne Einfluß auf die
Darstellung geblieben. Das zeigt die Bemerkung über
„die allzugroße Nachsicht des übermächtigen Jesuitenordens
gegenüber dem entsittlichten Treiben bei Hofe
(in Frankreich), sein Streben nach Macht und Reichtum
wie seine Unduldsamkeit gegenüber andern kirchlichen
und theologischen Richtungen, die verweltlichte Gesinnung
einer privilegierten Geistlichkeit" über „den Verfall
der Schultheologie in eine unfruchtbare, trockene
Stubengelehrsamkeit" (S. 3), über den Mangel des
Jesuitenordens an „schöpferischer Aufgeschlossenheit,
um den Gefahren der neuen Zeit ... wirksam begegnen
zu können" (S. 6). Im elterlichen Hause zu Coblenz
herrschte so sehr die alte kirchliche Sitte, daß der
junge Joseph noch am Tage der Geburt getauft wurde
(S. 12). Das von „kritisch-zersetzendem Geist" durchwehte
Gymnasium seiner Vaterstadt aber verläßt er
als „religiöser Zweifler", dessen „freigeistige Ideen in
dem geliebten Mädchen immer stärker wiederklingen"
und dem die französische Revolution „nicht Umsturz,
sondern Erfüllung bedeutet" (S. 30). „Sturm und
Drang" lautet die Überschrift des II. Kapitels: der
feurige Jüngling tritt in den politischen Kampf ein im
Kreise der „Klubbisten" und streitet für eine neue
Weltzeit, deren Morgenröte er in Revolution und Aufklärung
erblickt, er läßt Kant, Fichte, Condorcet, Rousseau
, Herder auf sich wirken, er wird zum grundstürzenden
Fürstenhasser und Kirchenfeind, dessen Erbitterung
gegen die Kirche aber nicht gleichbedeutend mit Religionslosigkeit
ist. In diesem Zusammenhang scheint
mir aber R. unberechtigt abzuschwächen, wenn er meint,
daß es weniger die Dogmen an sich gewesen seien,
die Goerres zum Widerspruch gereizt hätten, als vielmehr
die Beweise der Dogmatiker, weniger die kirchlichen
Gebräuche, als deren Verirrungen und Mißstände
(S. 68). Das stimmt weder mit den tatsächlichen Äußerungen
des Stürmers (S. 61), noch mit der Bezeichnung
eines „radikalen Kirchenfeindes", die R. selbst ihm
gibt (S. 55 ff.), noch mit dem Urteil S. 133, daß Goerres
noch am Ende der Coblenzer Jahre „von einem Ver-