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Ausgabe:

1927

Spalte:

48

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heußner, Alfred

Titel/Untertitel:

Kleines Kant-Wörterbuch 1927

Rezensent:

Stephan, Horst

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Seite 1

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dankenwelt der Copec-Bewegung dar in ihren christlichen
Idealen vorn Reich Gottes und ihren sozialen
Fragen und Folgerungen. (Erziehungsfrage, Wohnungsfrage
, sexuelle Frage, Erholung, Kriminalreform, internationale
Beziehungen, Kriegsproblem, Industrie und
Eigentum, Politik und Staatsbürgertum). Er geht den
geschichtlichen Wurzeln nach. Die ganze christliche
soziale Bewegung in England entrollt sich vor unseren
Augen, und bedeutsame Streiflichter fallen auf die gesamte
kirchengeschichtliche Entwicklung Großbritanniens, die
äußerlich und innerlich so ganz anders verlaufen ist
als bei uns. Dabei sind die Untersuchungen in einen
noch größeren geschichtsphilosophischen Rahmen gestellt
. Die Art der Darstellung, das erklärt sich aus der
Anlage des Buches, ist z. T. ein wenig umständlich; derselbe
Stoff wiederholt sich an verschiedenen Stellen, dieselben
Gedankenreihen kehren mehrmals wieder. Aber
diese Erscheinung ist nur eine Folge des Strebens nach
wirklich allseitiger Gründlichkeit in der Erfassung der
Probleme. Manche Aussagen sind noch nicht recht
ausgeglichen, so sind nicht alle Urteile über das Luthertum
geschichtlich und inhaltlich glücklich formuliert
und berechtigt (z. B. S. 35). Der Verfasser bemüht sich
weitgehend, England in seiner Art des Protestantismus
gerecht zu werden. Dagegen wird in gelegentlichen Bemerkungen
Amerika durch allzu verallgemeinernde Urteile
unrecht getan. Manchmal scheint die praktische
Bedeutung der Copec auch etwas überschätzt zu sein.
Die Entwicklung seither hat ihre Grenzen aufgedeckt
und neue Schwierigkeiten gebracht, bei der starken Arbeitslosigkeit
, in dem langen Streik mit seinen verhetzenden
Folgen, in der vermehrten kommunistischen Propaganda
. Aber trotzdem handelt es sich um eine bedeutsame
geschichtliche und gegenwärtige Bewegung, die
wir Deutschen kennen müssen, von der wir auch lernen
können, und es ist ein entschiedenes Verdienst des
Verfassers, in einer methodisch so feinen und der Form
nach so fesselnd geschriebenen Darstellung in Deutschland
dafür einzutreten.

Löwenberg (Mark). We r de r in a n n.

Geißler, Fr. J. Kurt: Religion und Durchdringung. Eine
philosophische Botschaft an alle, mit zwei Auszügen aus: Das
einheitliche Wesen des Raumes und richtungswichtige Punkte
und Kurven des Dreiecks. Leipzig: O. Hillmann 1925. (119 S.)
gr. 8°. Rm. 4.50.

Verf. unterscheidet Richtigkeit und Wahrheit. Unter Richtigkeit
versteht Verf. Gültigkeit für endliche Zusammenhänge, unter Wahrheit
die Giltigkcitszusammenhänge des Nicht-Endlichen, welche doch
das Endliche begründen. Die Wahrheit ist die „Lehre von der Durchdringung
". Das Ich durchdringt die räumliche Welt, und es ist
durchdrungen von psychischen Entitäten, die jenseits des Bewußtseins
liegen und in dasselbe nur hineinragen. Auch Gott „durchdringt"
uns, freilich nur mit einem Schimmer. — In dein Hegriff des
Durchdringung glaubt Verf. der mechanistischen Vorstellungsweise
die dem Geist homogene entgegenzustellen. Die Sprache des Verf.
ist von oft selbstgefälliger, resentimentgestachelter Eitelkeit.

Dennoch liegt in seinem Versuch die richtige Tendenz, zu einer
dem Geistigen adaequaten Vorstellungssymbolik zu gelangen. — Die
mathematischen Anhänge entziehen sich meinem Urteil.

Marburg. Th. Siegfried.

Heußner, Stud.-Dir. Dr. Alfred: Kleines Kant-Wörterbuch.

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1925. (4*, 149 S.) 8°.

Hilfsbüchlein f. Kant-Leser, H. 3. Rm. 3.80.

H. versucht alle wichtigeren Begriffe der kritischen Hauptschriften
Kants (einschl. der „Religion innerhalb der Grenzen der
bloßen Vernunft") kurz zu erklären. Er gibt also nicht Register der
Fundorte, wie es etwa Vorländer in den Ausgaben der Phil. Bibliothek
tut, sondern nennt nur solche Stellen, die er zur Erklärung
braucht. Dadurch spart er Ballast, vereinfacht seine Aufgabe, bahnt
einen raschen Weg zu den wichtigsten Fundorten und schafft sich die
Möglichkeit, den vielgequälten Hauptbegriffen (wie transzendental)
ganze Seiten zu widmen. Wo Ref. nachgeprüft hat, fand er die Erklärung
im allgemeinen richtig und für die Orientierung sehr praktisch
— im einzelnen wird man stets über allerhand streiten können. So
darf das Büchlein den Anfängern und den Gelegenheits-Kantianern
empfohlen werden — ich fürchte, daß recht viele Theologen sich zu

ihnen rechnen müssen. Erklärungen, die der akademisch Gebildete
nicht braucht (wie adäquat, hypothetisch, populär) bedeuten doch dank
ihrer Kürze auch keine Störung.

Leipzig. Horst Stephan.

SOEBEN ERSCHIEN DAS

71. Tausend

A. von HARNACK

Das Wesen des Christentums

Aus dem Vorwort zum 70. Tausend: Was mich bestimmt
, diese Vorlesungen auch ferner noch fortleben
zu lassen, ist die Erwägung, daß sie, obgleich zeitgeschichtlich
bedingt, doch den Standpunkt vertreten,
der für die Bestimmung des Wesens unserer Religion
der maßgebende bleiben muß, aber in der Gegenwart
verschoben zu werden droht. Das Wesen des
Christentums zu bestimmen, ist eine geschichtliche
Aufgabe, da es sich in dieser
Religion um eire Verkündigung handelt, die sich geschichtlich
vollzogen hat.

Preis: leicht kartoniert M. 3—; in Ganzleinen, als
Geschenkausgabe M. 4.50.

A. von HARNACK

Die Briefsammlung des Apostels

PaulUS und die anderen vorkonstantinischen
christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen
aus der altkirchlichen Literaturgeschichte.

H. hat hier ein Thema herausgegriffen, dessen Bedeutung
kaum überschätzt werden kann. Er bewährt
den Scharfblick des großen Historikers auch hier, wenn
er die seither ungebührlich vernachlässigte Frage nach
dem Zustandekommen der Sammlung stark in den
Vordergrund seiner Betrachtungen stellt. Und es ist
besonders verdienstlich, daß er auch die Frage nach
dem Ort der Sammlung der Paulusbriefe aufrollt.
Außer den Paulusbriefen sind behandelt die Briefe des
Ignatius, des Dionysius von Korinth, des Origenes,
des Cyprian und des Dionysius von Alexandria. Die
Glanzstücke sind die Seiten über Ignatius und Cyprian.
Die reichen Anmerkungen sind besonders verdienstlich
und geben an zahlreichen Stellen Winke für eine
ersprießliche Weiterarbeit. Dtsch. Literaturzeitung.

An einem glücklich gewählten Thema hat uns Harnack
den Beweis erbracht, daß er, der 75 jährige, noch über
die wunderbare Kunst seiner jungen Jahre verfügt,
spröde Stoffe so darzustellen, daß dem Leser fast
alles als bequem und einlach, dazu reich und glänzend
erscheint, und daß die Fachleute mit gespannter Aufmerksamkeit
zuhören müssen und der weiteste Kreis
von Lesern sich ebenso lebendig angezogen wie
ernsthaft belehrt findet. Chr. Welt.

Preis geheftet M. 3.60.

fliC

VERLAG DER J. C. H INRICHS'SCH EN
BUCHHANDLUNG IN LEIPZIG C. 1

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 5. Februar 1927.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Bauratgerberstr. 19.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig C. 1, Blumengasse 2 -Druckerei Bauer in Marburg.