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Ausgabe:

1927 Nr. 2

Spalte:

593-595

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Troeltsch, Ernst

Titel/Untertitel:

Glaubenslehre. Nach Heidelberger Vorlesungen aus d. J. 1911 u. 1912 1927

Rezensent:

Althaus, Paul

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 25/26.

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diges, tätiges Schulleben" die Forderungen der Schulreformer
. Und die Jugendbewegung wollte eben jugendliches
Leben verwirklichen. Jetzt geht hier wie dort der
Kampf um die religiösen und weltanschaulichen Ziele,
die erstrebt werden sollen.

Greifswald. Hermann Wolfgang Beyer.

Troeltsch, Ernst: Glaubenslehre. Nach Heidelberger Vorlesungen
aus d. J. 1Q11 und 1912. Mit e. Vorwort v. Marta
Troeltsch. München: Duncker & Humblot 1925. (X, 3S4 S.)
gr. 8°. Rm. 13—; geb. 17—.

Die vorliegende Glaubenslehre bietet die Diktate
und eine Nachschrift der Heidelberger Vorlesungen von
Troeltsch aus den Jahren 1911 und 1912. Die Wiedergabe
der mündlichen Rede durch Gertrud von le Fort
„ist keine stenographische, aber trotzdem eine weithin
wörtliche"; sie hat „dem verstorbenen Meister persönlich
vorgelegen und ihn erfreut". Wo die Vorlesung in den
beiden Semestern abbrach, sind Ergänzungen aus anderen
Vorlesungen von Tr. und, für die Lehre von der
religiösen Gemeinschaft und von der Vollendung, aus
fragmentarischen Diktatentwürfen älterer Entstehung ge-
geläen.

Der Wert des Buches ist weniger ein wissenschaftlicher
als ein menschlicher, wie das Vorwort selber andeutet
. Sachlich bietet die Darstellung kaum einen Gedanken
, den man nicht aus den von Tr. selber herausgegebenen
Schriften schon kennte. Entspringt die Herausgabe
der Glaubenslehre dem Wunsche, „daß über dem
Berliner Kulturphilosophen der Heidelberger Theologe
nicht ganz vergessen werde" (VI), so darf man fragen,
ob dem nicht eine Sammlung der Aufsätze aus der
Christi. Welt, aus der RGG., zusammen mit der Schrift
über die Bedeutung der Geschichtlichkeit Jesu besser gedient
hätte. Einen großen Vorzug hat allerdings die
herausgegebene Kollegnachschrift: man hört Tr. lebendig
reden, in der ganzen Frische und Kraft seines glänzenden
Vortrages, oft unbekümmert um den Ausdruck,
drastisch, witzig, aber auch tiefernst, warmherzig bekennend
. Um diesen Vorzug nimmt man auch die offenkundigen
Mängel des Buches in Kauf.

Eine eingehende Würdigung der Dogmatik von Tr.
kann nicht die Aufgabe dieser Anzeige sein. So deuten
wir nur auf einige Züge in Tr.s Theologie, die sich im
Zusammenhange dieser Vorlesungen besonders aufdrängen
. Die Empfänglichkeit Tr.s für ganz disparate Gedanken
bringt es mit sich, daß wichtigste Sätze seiner
Dogmatik nicht nur in Spannung, sondern in offenkundigem
Widerspruche zueinander stehen. Das tritt an
dem Gottesgedanken deutlich hervor. An sich bilden die
Kapitel der eigentlichen Gotteslehre das beste Stück des
Buches. Die Vertretung des Theismus gegen den Monismus
usw., vor allem in der Lehre von Gottes Heiligkeit
und Liebe, ist kraftvoll und fein. Mit Nachdruck
lehrt Tr. Gottes Willentlichkeit und Freiheit, die keinem
menschlichen Ansprüche verantwortlich ist (212, 230).
Die Souveränität in Gottes Liebe wird stark betont, die
Partikularität der Heilsabsicht Gottes mehrfach bekannt
(231). Aber verträgt es sich mit solchem Gottesgedanken
noch, wenn es bald darauf heißt: „Gott selbst
wächst und vermehrt sich durch die eigene Arbeit der
Kreaturen"; „Das Hervorbrechen des höheren Lebens in
den endlichen Geistern muß doch als eine Art von Erwachung
Gottes gedacht werden" (237f.)? Oder wenn
Tr. den Gedanken der „Selbsterlösung Gottes" (360) als
notwendig empfindet? — — Seine Abgrenzung gegen
Schleiermacher, dem er sich nach Methode und Sinn
näher weiß als irgend einem seiner Zeitgenossen (130),
vollzieht Tr. durch ein ausgesprochenes Bekenntnis zum
Personalismus: „Demgegenüber wird unsere Glaubenslehre
auch nicht die leiseste Neigung zum Monismus
zeigen: sie ist personalistisch von oben bis unten und
steht durch und durch zum ethischen Willensgedanken,
an dem durch bloße Stimmungen nichts verschwemmt
werden soll" (130). Aber trotzdem bekommt, über-

! raschend genug, in der Eschatologie der Pantheismus
ein „relatives Recht" (363, vergl. 238): die Vollendung
der persönlichen Geister muß zum Untergange in Gott,
damit auch zum Zusammenfließen untereinander führen.
Zwar will Tr. diesen Zukunftsgedanken vom Pantheismus
insofern unterscheiden, als das letzte Untergehen
nicht ins tote All oder in die Identität aller Dinge er-

| folgt, „sondern in die Fülle und Seligkeit des göttlichen
Lebens" (363) — aber sollte das göttliche Leben nicht
als Liebe gedacht werden? Wo bleibt aber die Liebe,
wenn das Ich und Du „zusammenfließen"? Hier rächt

I es sich, daß die Trinitätslehre nur „als Formel der Ver-

j bin düng des Historischen und des Religiösen im Chri-

j stentum" (122) begriffen wird.

Der Ernst des Gottesgedankens wird von
hintennach gelähmt durch die evolutionistische Gesamtanschauung
, die alles beherrscht. Die Partiku-

! larität der Gnade ist bei Tr. ein Begriff, den man
nicht beim Worte nehmen darf, so stark er auch betont
wird. Er hat es zuletzt doch nicht, wie es zuerst

j erscheint, mit der Souveränität Gottes, mit der Härte der
Prädestination zu tun, sondern bedeutet nur die wahr-

| haftig recht harmlose „Anerkennung der zweifellos verschiedenen
Grade der Leichtigkeit und Möglichkeit in

[ der Erreichung des göttlichen Zieles" (363). Nicht um
ein Entweder-Oder göttlicher Erwählung und Verwer-

! fung, sondern um das zeitliche Früher oder Später der

; Entwicklung zur Vollkommenheit handelt es sich — so
kann die Partikularität der Gnade und die Apokatastasis
im selben Atemzuge gelehrt werden, ein Beweis, wie
sehr dem Erwählungsgedanken der Ernst göttlicher Entscheidung
genommen ist. Damit rühren wir an den

| schwersten Mangel dieser Theologie. Tr. müht sich ja,

| die Entwicklung und die Entscheidung, wenigstens des
Menschen, zusammenzudenken: die Entwicklung ist

| nicht ein naturhafter Ablauf, sondern vollzieht sich durch
willentliche Entscheidung und Hingabe der persönlichen
Geister hindurch (364). Aber die Entscheidung wird
nur behauptet, ohne daß i n ihr gedacht würde. Man
kann eben nicht in einem System irgendwo der „Entscheidung
" auch einen Platz anweisen, ohne sie damit
in ihrem Ernste zu entmannen. Umgekehrt: wer

! wirklich yon der Entscheidung vor Gott spricht, dem
ist damit ein für alle Male die Möglichkeit eines evo-
lutionistischen Weltbildes, dessen perspektivischer Punkt

S die Apokatastasis wäre, genommen. Der weiß vielmehr
auch um die Entscheidung Gottes. Tr. vermag sehr
warm von Gottes vergebender Liebe zu reden. Aber sie
ist ihm selbstverständliche Folge aus dem offenkundigen
Wesen Gottes. Daß sie Entscheidung ist, wird nicht
zur Geltung gebracht. Daher fehlt denn auch jedes Verständnis
für die Versöhnungslehre des Paulus und der
Reformatoren. Als erster Einwand gegen sie erscheint
bezeichnenderweise nicht ein theologischer, sondern ein
modern-profaner: „Wir stehen zu stark unter dem Eindruck
der Kontinuierlichkeit und Einheitlichkeit des gesamten
Weltgeschehens" (353)! Hier ist es begründet,
wenn Tr. den Gedanken der Entscheidung zuletzt doch
nicht ernst nimmt.

In die Ahnenreihe dieser Glaubenslehre gehören
Denker wie Origenes, Leibniz, Goethe, Schleiermacher

j und nicht zuletzt R. Rothe. Tr. kann, wenn auch in

| Abgrenzung gegen den Neuplatonismus, von Emanation
und Remanation reden (364). Ein Stufenbau von Geisterreichen
, die Wiederbringung vielleicht auch der untermenschlichen
Kreatur, d. h. ihre Geistwerdung, — das

! sind Gedanken, die er erwägt (179, 363). Zugleich will

i er das Leiden mit J. Böhme bis in den göttlichen Willen
selbst hinein verfolgen (236).

Die Bedeutung der Theologie von Troeltsch besteht
darin, daß bei ihm wie bei kaum einem anderen Zeit-

j genossen der historische Relativismus und das Evangelium
zusammenstießen. Welche der beiden Mächte die

i stärkere in diesem Ringen war, darüber kann ein Zweifel
nicht bestehen. So wird die Dogmatik von Tr. und mit