Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1927 Nr. 2

Spalte:

586-587

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnell, Jenny

Titel/Untertitel:

Die dänische Kirchenordnung von 1542 und der Einfluß von Wittenberg 1927

Rezensent:

Kochendörffer, Heinrich

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

585

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 25/26.

586

Abhandlung über das Bonaventurakolleg zu Quaracchi
trägt eine stark persönliche Note, da Grabmann mehrfach
in Quaracchi gewesen ist. Die Bedeutung solcher
Forscher wie Fidelis a Fanma und Ignatius Jeder
wird hier gewürdigt. Auch für Grabmann ist am mittelalterlichen
Theologenhimmel Thomas von Aquin die
leuchtende Sonne, um die eine Anzahl mehr oder weniger
bedeutender Trabanten kreisen. Um diese letzteren,
die bisher wenig oder gar nicht beachtet worden sind,
bemüht sich der unermüdliche Forscherfleiß Grabmanns,
und es ist ihm dank seiner heute wohl einzigartigen
Beherrschung der scholastischen handschriftlichen Bestände
der europäischen Bibliotheken gelungen, eine
Fülle neuen Materials vorzulegen oder doch wenigstens
darauf hinzuweisen. Zunächst wird es jeder Kenner ihm
danken, daß er uns in das wenig beackerte Gebiet der
Arbeiten der Artistenfakultäten einführt. Die 4. Abhandlung
macht uns mit der Tätigkeit der von den Humanisten
arg verspotteten modistae, d. h. der Verfasser der
tractatus de modis significandi oder der mittelalterlichen
„Sprachphilosophen" sowie der Grammatiker bekannt,
deren Arbeit die methodische Grundlage der mittelalterlichen
Philosophen, Dogmatiker und Exegeten bildete
und deren Studium somit zum Verständnis ihrer Schriften
unerläßlich ist. Als Nebenresultat springt heraus,
daß der dem Duns Skotus zugeschriebene Traktat de
modis significandi von dem Magister Thomas von Erfurt
stammt. Die 6. Abhandlung führt uns in die Vorlesungstätigkeit
des um die Mitte des 13. Jahrhunderts
blühenden Aristoteleserklärers Nikolaus von Paris ein.
Der glückliche Fund einer Münchener Handschrift ermöglichte
es Grabmann, über diesen bisher kaum bekannten
, unter dem Einfluß des Boethius arbeitenden
Zeitgenossen Alberts d. Gr. und Thomas' Licht zu verbreiten
. Die im Anschluß an Bäumker gearbeitete, da
und dort weiterführende (vgl. die Bemerkungen über
Erasmus von Montecassino S. 251 ff.) 7. Abhandlung
lehrt uns die Lehrer des Aquinaten, namentlich Petrus
von Hibernia kennen. Der 14. Aufsatz behandelt die
mittelalterlichen Übersetzer des Areopagiten, bringt namentlich
über die von Thomas benutzte Übersetzung
des Johannes Sarracenus wertvolle Mitteilungen und erhebt
die Verfasserschaft des Robert Grosseteste an einer
weiteren Übersetzung über allen Zweifel. Die 13.
Abhandlung bespricht die handschriftlich zu Bologna
befindliche von Baptista de' Giudici (f 1484) verfaßte
Apologie der auch von Thomas benutzten, gleichfalls
von Robert Grosseteste stammenden Übersetzung der
Nikomachischen Ethik, die von Lionardo Bruni nicht
sehr glücklich angegriffen worden war.

Beziehen sich die besprochenen Abhandlungen auf
die Voraussetzungen der Tätigkeit des Aquinaten, so
bringen die 10. und 11. Abhandlung besonders wertvolle
und reichhaltige Mitteilungen über die ältere italienische
und deutsche Thomistenschule. Ich mache namentlich
auf die Abschnitte über Bombolongus (S.
339 f.) und Romanus de Roma (S. 340 ff.), Johannes
von Sterngassen (S. 392ff.), Jakob von Metz (S. 404ff.)
und Heinrich von Lübeck (S. 421 ff.) aufmerksam. Hier
steckt alles voll von neuen Funden und Entdeckungen.
Aber auch die Ausführungen über schon bekannte Thomasschüler
, wie Ramberto dei Primadizzi (S. 348 ff.),
einen der Apologeten des Thomas gegen Wilhelm de
la Mare, Ptolomeo von Lucca (S. 354ff.), dessen Exae-
meron sein systematisches Interesse an der thomistischen
Theologie weit stärker hervortreten läßt, als wir bisher
wußten, über den Lehrer Dantes Remigio de' Girolami
(S. 361 ff.), die Quodlibeta des Johannes von Neapel
(S. 379 ff.), Nikolaus von Straßburg (S. 401 ff.) und
den von Grabmann besonders hochgeschätzten Johannes
Picardi von Lichtenberg (S. 41 Off-, vgl. besonders das
Urteil S. 419 unten) bringen viel neues. Thomasinus ist,
wie wir erfahren, keine Person, sondern der Titel eines
Kompendiums der thomistischen Theologie (S. 406).

Einige Abhandlungen beschäftigen sich mit Thomas

selbst. Der kürzere, erst in diesem Sammelbande veröffentlichte
12. Aufsatz bringt philologisch wertvolle
Mitteilungen über eine mittelhochdeutsche Übersetzung
; der Summa (S. 432 ff.). Die sehr ausführliche 8. Ab-
i handlung über die Aristoteleskommentare des Thomas
: (S. 266ff.) setzt sich mit den Datierungen Mandonnets
| auseinander, die vielfach als zu früh erwiesen werden
und bringt Darlegungen über die Methode der Aristo-
| teleserklärung, die Thomas befolgt. Es ist mir hier
! übrigens nicht ganz deutlich geworden, wie die beiden
! von Gr. gefällten Urteile, daß Thomas einerseits auf
Eruierung des historischen Wortsinns den größten Wert
legt, und daß andererseits die Aristoteleskommentare uneingeschränkt
als Quelle der eignen Gedanken des
großen Scholastikers gelten sollen, sich vereinigen
lassen. Aus dem Gebiet der rein literargeschichtlichen
und historischen Forschung in dasjenige der Problemgeschichte
führen die 9. und die 3. Abhandlung. Die
erstere bezieht sich auf eine Jugendschrift, wenn nicht
die Erstlingsschrift des Aquinaten de ente et essentia
(S. 314—331). Die kurze Abhandlung zeigt, wie stark Gr.
systematisch an dieser für die thomistische Metaphysik
grundlegenden Arbeit interessiert ist. Mehrfach kehrt
auch sonst im vorliegenden Buche der Hinweis auf
; dieses Büchlein des Aquinaten wieder, z. B. in dem
außerordentlich gelehrten und nicht mehr aufs Mittelalter
bezüglichen Panegyrikus auf die disputationes
metaphysicae des Suarez (S. 525 ff.). Die 3. Abhand-
: lung zeigt, wie der Naturrechtsbegriff der Scholastik
i von Gratian bis Thomas in immer stärkerer Abwendung
vom alten römischen ius naturale religionsphilosophischen
Charakter gewinnt (S. 65 ff.). Hier hätte
vielleicht eine Anordnung des Stoffes nach dem bei den
i besprochenen Theologen häufig wiederkehrenden systematischen
Gesichtspunkten vor der rein historisch-
j chronologischen den Vorzug verdient.

In die Einflußsphäre Alberts d. Gr. führt die sehr
I viel neues bietende ausführliche 5. Studie über Ulrich
1 von Straßburg (S. 146 ff.), aus dessen Werken das
I compendium theologicae veritatis gestrichen und mit
Pfleger dem Hugo von Straßburg zugewiesen wird,
dessen ungedruckte Schriften aufgezählt und besprochen
und dessen Metaphysik dargestellt wird. Auf die Mystik
; beziehen sich der weniger bedeutende Aufsatz über die
deutsche Frauenmystik des Mittelalters (S. 469 ff.) und
die ein vollständiges Neuland beackernde und viel Interessantes
bringende Abhandlung über den zu Anfang des
j 15. Jahrhunderts blühenden Benediktinermystiker Johann
von Kastl (S. 489 ff.), der als der Verfasser des
Albert d. Gr. zugeschriebenen vollständig noch nicht
1 edierten Traktats de adhaerendo deo und als stark von
Thomas beeinflußt nachgewiesen wird. Es könnten,
i wie ich vermute, von ihm aus geschichtliche Linien zu
Staupitz führen.

Wir werden es Grabmann danken, daß er seine
wertvollen Einzelarbeiten uns in diesem Sammelbande
i vorlegt. Sein Buch ist ein ernstes Warnungssignal für
jeden, der auf dem Gebiet des mittelalterlichen Geisteslebens
arbeitet. Wenn ein Forscher von so gewichtiger
Autorität wie er unausgesetzt auf neues Material hinweist
, Fragezeichen macht und neue Probleme aufdeckt,
j so ist diese umsichtige Forscherarbeit von unendlich
größerem Werte als die Leichtfertigkeit, mit der über
mittelalterliches Geistesleben von solchen geurteilt wird,
die niemals eine mittelalterliche Handschrift in der Hand
j gehabt haben.

Rostock. Joh. von Walter.

Schnell, Jenny: Die dänische Kirchenordnung von 1542 und
der Einfluß von Wittenberg. Breslau: F. Hirt 1927. (84 S.)
4°. == Veröffentlichungen der Schlesw.-Holstein. Univ.-Oesellsch.
Nr. 5. = Schriften d. Baltischen Kommission zu Kiel, Bd. 3.

Rm. 6.30.

Die Kontroverse, ob die dänische Kirchenordnung
' von 1542 dänisches oder deutsches Gepräge aufweise,