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Ausgabe:

1927 Nr. 24

Spalte:

567-570

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ammudsen, Valdemar

Titel/Untertitel:

Den kristna Kyrkan under nittonde Århundradet 1927

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 24.

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schlesischen Kirchengeschichte, gruppiert vor allem um den Schweidnitzer
Pastor Qottfr. Balth. Schärft, einen fleißigen und einfallsreichen
Mitarbeiter der Unschuldigen Nachrichten. Sch. hat Löscher aus seinen
reichen Sammlungen manches Wertvolle zur Verfügung gestellt, seine
eigenen, feingedachten wissenschaftlichen Pläne, darunter eine Geschichte
der Gebetbücher, aber nur zum geringsten Teile zur Ausführung
gebracht. Nebenbei wirft die kleine Studie wertvolles Licht
auf die Anfänge des Pietismus und die harte Bedrückung durch das
österreichische Regiment in Schlesien. Briefe einiger anderer Schlesier
an L. bilden den Abschluß. Leider hat W. die Fundstelle der benutzten
Briefe nicht mitgeteilt. Es wäre vor allem um weiterer Lokalforschung
willen erwünscht, wenn er das noch einmal nachholte.
Gießen. Heinrich Bornkamm.

Ammundsen, Valdemar: Den kristna Kyrkan under nittonde

o

Arhundradet. Bemyndigad översättning frän danska Originalet av
Axel Nihlen. Stockholm: Norstedt 1925. (IV, 418 S.) gr. 8°.
Holmquist, Hjalmar: Kyrkohistoria. III: Nyaste Tiden jämte
Nutiden. Ebd. 1926. (VIII U. 246 S.) 8°. geb. kr. 10.75.

Die beiden Schriften sind der ThLZ. nicht zur Besprechung
zugegangen, sondern von mir persönlich erworben
. Was A. anlangt, könnte es wunderlich scheinen,
daß ich die schwedische Übersetzung statt der dänischen
Urschrift zugrunde lege; aber nur in der schwedischen
Übersetzung ist das Buch, das einen Band in einem
großen zugleich dänisch und schwedisch erscheinenden
Sammelwerke über die Weltkultur im 19. Jahrhundert
bildet, einzeln zu haben. Lehrreich sind beide Werke
nicht durch neue Forschungsergebnisse, so gewiß sie
auf eingehenden persönlichen Studien der Verf. beruhen,
sondern als Versuche, die Kirchengeschichte des 19.
Jahrhunderts zur zusammenfassenden Darstellung zu
bringen.

A. schreibt für den weiten Kreis der gebildeten
Laien, nicht besonders für Theologen. Und zwar insbesondere
für dänische gebildete Laien: die nordschles-
wigische Frage nimmt in seinem Buche einen alles
Ebenmaß zerstörenden breiten Raum ein. Mit dieser Ab-
zweckung auf einen weiteren Kreis erklärt sich zweierlei.
Einmal, A. teilt nach den drei großen Kirchenformen
ein und beginnt jeden Teil mit einer Darlegung des
Wesens des betreffenden Kirchentypus. Die Abschnitte
über das Wesen des Katholizismus und über das reformatorische
Christentum umfassen jeder etwa einen Bogen
, ' der über anglikanischen und puritanischen Typ
reichlich zehn Seiten. Zweitens, A. gibt bei jeder
Kirche außerdem einen großen Rückblick auf die Geschichte
im 18. Jahrhundert. Dazu kommt dann eine
durch A.s persönliche Eigenart bedingte Stoffauswahl.
Er hat sich auf die Hauptsachen sammeln wollen, darum
sind zunächst überall die Nebengebiete zurückgedrängt
: Deutschland und England, daneben noch Frankreich
und Nordamerika treten ins Licht, von den übrigen
Ländern werden — abgesehen von einer einen Bogen
fassenden allgemeinen Skizze des russischen Christentums
— nur knappste Notizen geboten, die nordischen
Länder und die Missionsgebiete sind, um sie nicht gleicher
Behandlung zu unterwerfen, ganz ausgeschlossen.
Sodann, es sind alle auf Verfassung und Recht der
Kirchen bezüglichen Dinge mit äußerster Flüchtigkeit
skizziert — in der Hinsicht ist das Buch nahezu unbrauchbar
—, und der ganze so gewonnene Raum ist auf
die Schilderung allgemeiner geistiger Tendenzen und
führender Persönlichkeiten verwandt.

Was so entstanden ist, ist ein höchst subjektives
Buch, das eine reich belesene und die Zeichnung von
Porträts mit geübter Kunst treibende, aber in der Auswahl
ihrer Studien wie in der Zuwendung von Liebe
und Haß sehr weitgehend durch individuelle Gesetze bestimmte
Persönlichkeit als Verf. erkennen läßt. Es tut
einem Deutschen weh, zu sehn, wie sich das im Verhältnis
zu unsrer Kirche und unserm Lande offenbart.
Eine Anzahl unsrer Männer — besonders aus der
ersten Hälfte des Jahrhunderts — sind mit einem starken
Willen zur Gerechtigkeit gezeichnet. Aber dann bricht

in der Zeichnung andrer und in der Gestaltung und
Auswahl vieler kleiner Notizen doch wieder ein Urge-
fühl durch, das alles von der nordschleswigischen Frage
aus sieht und den Willen unsrer deutschen Männer zu
einem freien starken deutschen Staate und den Geist des
Prcußentums an sich selbst als sittlichen Makel zu fassen
in Gefahr steht. So ist im Ganzen ein Bild deutscher
j Frömmigkeit und deutschen Christentums im 19. Jahr-
| hundert entstanden, in dem nun wirklich keiner von uns
] sich wiedererkennen wird. Schön und wertvoll sind
i dagegen die Porträts aus der anglikanischen Welt; was
z. B. über Maurice, H. Bushneil und Ph. Brooks gesagt
ist, findet sich so in keiner andern Gesamtdarstellung,
man spürt eine lange eingehende Beschäftigung mit die-

1 sen Theologengestalten durch.--

H. hat ein Lehrbuch für Studenten schreiben wollen.
Auch bei ihm fehlt die nordische Kirchengeschichte; aber
nur, weil sie in einem andern Bande des gleichen Lehr-
I buchs eine zusammenfassende Darstellung finden wird.
Seine Einteilung beruht auf einer Durchkreuzung der
konfessionellen und der chronologischen Gesichtspunkte.
| Als zeitliche Grenzsteine erscheinen 1800, 1830, 1870,
| 1917, also die auch bei uns gewohnten. Die Stoffaus-
I wähl strebt nach Gleichmäßigkeit; an Namen, Ereig-
j nissen, Büchertiteln, Daten ist die kurze Darstellung
H.s reicher als die umfassendere A.s. Abwägende Ge-
I rechtigkeit, welche das eigne Urteil hinter den dargestellten
Sachen möglichst zurücktreten läßt, gibt dem
I Buche sein Gepräge; wo ein Urteil hervortritt, stammt
I es meist aus einem unsrer Art verwandten Empfinden.
| Die über das bei uns Gewohnte — z. B. das Buch
stark von Stephan's Darstellung des 19. Jahrhunderts
unterscheidende — hinausgehende Berücksichtigung
| der angelsächsischen Welt sprengt abgesehen von
| der auffallend breiten Darstellung der Oxford-
I bewegung nur an einer einzigen Stelle wirklich das
] Ebenmaß der Darstellung. Diese Stelle aber ist
um so auffallender: H. weiß nichts zu erzählen
von der deutschen Erweckungsbewegung am An-
i fang des 19. Jahrhunderts. Sowohl die Bewegung
selbst wie alle in ihr führenden Persönlichkeiten — auch
sämtliche mit der Erweckungsbewegung zusammenhangenden
Persönlichkeiten der vermittelnden Theologie
bis einschließlich Martin Kähler — sind einfach über-
I gangen. Damit wird aber die eigentliche lebendige
Triebkraft der ganzen deutschen Kirchengeschichte des
19. Jahrhunderts verdunkelt. Es erscheint so, als ob wir
i im 19. Jahrhundert in Deutschland wohl eine glänzende
| Theologie, abgesehen aber von Wichern nichts kirchlich
Aufbauendes erlebt hätten; und seltsam sticht von dieser
Vernachlässigung der Erweckungsbewegung ab die liebevolle
Behandlung der Gemeinschaftsbewegung.

Wie konnte das geschehen? H.s eingehende Darstellung
des Idealismus und Schleiermachers als der beiden
großen neuen Tendenzen in der deutschen Kirchengeschichte
des 19. Jahrhunderts, sowie die Art, wie er
I die deutschen Theologen im 19. Jahrhundert im ein-
| zelnen wertet, zeigt deutlich, daß er ein auch bei uns
wirksames Bild von der Geschichte des deutschen evangelischen
Christentums in perspektivischer Verkürzung
wiedergibt. Wir haben Licht und Schatten in der Ge-
j schichte der deutsch-evangelischen Kirchen im 19. Jahr-
i hundert selber viel zu stark unter dem Gesichtswinkel
1 der theologischen Wissenschaft und zu wenig unter dem
der Kirche gesehen. Wir haben keine Darstellung unsrer
Kirchengeschichte neuester Zeit, in welcher die frohe
I stolze Liebe zu dem eignen Kirchenwesen den Grundton
I abgäbe. Wir sind, jeder aus dem Gesichtswinkel seines
I besonderen Bestrebens heraus, nicht dankbar genug gewesen
für das, was wir an unsrer Kirche hatten. Die
I anglikanischen Kirchenhistoriker dagegen haben sich auf
i diese Liebe und diesen Dank stets trefflich verstanden.
I Das Echo unsrer eignen Urteile über uns wie das der
anglikanischen über sich klingt uns durch die Dar-
! Stellung auch eines uns so freundlich gesonnenen sach-