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Ausgabe:

1927 Nr. 24

Spalte:

562-563

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Colgrave, Bertram

Titel/Untertitel:

The Life of Bishop Wilfrid by Eddius Stephanus 1927

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 24.

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Meinung» daß diese westlichen Elemente aus den Exemplaren stammen
, nach denen Thomas seine Revision vollzog; diese boten vielmehr
einen gelaufigen antiochenischen Text; was im Apparat der Harclensis
an westlichen Lesarten steht, dürfte aus der Vergangenheit ihres
syrischen Textes stammen: die ursprüngliche Philoxeniana war vermutlich
nach einem ganz oder teilweis „westlichen" Text gearbeitet,
und Thomas hat solche Lesarten, die er hei seiner Revision beseitigen
mußte, in den Apparat hineingerettet.

Aus dem in dieser Weise vorgeführten Material, das
in den Appendices noch ergänzt wird (s. unten), gewinnt
R. nun in dem eigentlich textkritischen Teil
wesentliche und wertvolle Folgerungen. Seine besondere
Aufmerksamkeit gilt begreiflicherweise dem westlichen
Text. Er ist nach R. entstanden, indem um das Jahr
150 n. Chr. in Syrien oder Palästina eine ältere Grundlage
neu bearbeitet wurde. Und zwar stand diese Bearbeitung
— das ist die besondere Hypothese des vorliegenden
Werkes — in naher Beziehung zu der Sammlung
der neutestamentlichen Schriften; der westliche
Text wäre also recht eigentlich für die Zwecke der Ka-
nonsbildung angefertigt und wäre dann später innerhalb
des Kanons verdrängt worden von einem älteren
Text, der im wesentlichen der der alten Uncialen ist.

Diese Vermutung kann das vorliegende Werk nicht zur Gewißheit
erheben; es werden Wahrscheinlichkeitsgründe allgemeiner Art
für sie angeführt wie die zeitliche Nahe der beiden Prozesse der
Textrevision und der Kanonsbildung; diese können natürlich nicht überzeugen
. Wichtiger sind die Zitaie aus Ambrosiaster, der die Abstammung
der alten Latin* von unverderbten griechischen Handschriften
versichert und für die Existenz eines anderen (nicht-westlichen)
griechischen Textes in seiner Gegenwart die „sofistae Graecorum"
verantwortlich macht, „qui sibi peritiam vindicant". Die Frage ist
nur, ob die Behauptung Ambrosiasters dem geschichtlichen Tatbestande
entspricht und nicht einfach der Polemik entstammt. Die
Hypothese von dem Zusammenhang der Schöpfung des westlichen
Textes mit der Kanonbildung harrt also noch weiterer Begründung
und entsprechender Diskussion.

Sehr wertvoll und weittragend ist ferner die Unterscheidung
zweier Elemente im westlichen Text, der
„Basis" und der Revisionsarbeit. Nur würde man von
dem Verf. mehr Hilfen bei der Unterscheidung dieser
Elemente erwarten. Man kann m. E. mit Benutzung
literarischer Kriterien schon heute einige Feststellungen
machen. Z. B. zeigen die westlichen Zeugen ganz unverkennbar
die Tendenz, Nähte und Widersprüche im Text,
die von der Verbindung der Traditionen mit der schriftstellerischen
Bearbeitung herrühren (s. meine Abhandlung
in der Gunkel-Festschrift), zu beseitigen; vgl. Act.
13,6; 14,42; 14,7; 15,34. Diese Varianten entstammen
zweifellos der Revisionsarbeit. Dagegen sind die Stellen
des westlichen Textes, an denen der Text der alten Un-
zialen ausführlicher ist als der abendländische, wohl als
Oberreste des alten Textes anzusehen, der der Revisionsarbeit
zugrunde liegt und der natürlich, wenn wir ihn
rekonstruieren könnten, schon wegen seines Alters außerordentliche
Schätzung verdienen würde. Aber auch dieser
Text dürfte bereits Verwilderungen enthalten haben,
gerade solche harmloser Art, wie sie überall dort auftreten
, wo in der Textüberlieferung nur die Sache, nicht
aber Form und Stil beachtet wird; das neue Hermasfragment
(Michigan-Papyrus 44—H) liefert für solche
harmlose Verwilderungen ausgezeichnete Beispiele. Es
wäre also ernsthaft zu fragen, wieviel von den sonstigen
westlichen Varianten auf alte Verwilderungen schon in
dem „Basis"-Text oder auf allerlei andere Zufälligkeiten
zurückgehen. Und es wäre weiter zu fragen, in welchem
Sinn man eigentlich noch von der Einheitlichkeit des
westlichen Textes sprechen kann, wenn viele und verschiedenartige
Elemente der „Basis" zugerechnet werden
müssen. Es ist aber das große Verdienst des vorliegenden
Werkes, die Frage des westlichen Textes unter
Aufstellung einer neuen Hypothese und unter Verwen- 1
dung neuer Gesichtspunkte wieder in Angriff ge- |
nommen zu haben.

Von den Problemen des Textes der alten Unzialen
werden namentlich die den Codex B betreffenden Fragen
ausführlich behandelt. Das Ergebnis der sehr vorsichtigen
Untersuchung ist relativ günstig für die Bewertung
von B. Der Text ist im wesentlichen frei von westlichen
und antiochenischen Einflüssen, und die Häufigkeit
schwieriger Lesarten in B scheint zu bezeugen, daß die-
| ser Text nicht das Erzeugnis einer Rezension ist, sondern
daß seine Sonderart mit seinem Alter zusammenhängt,
daß er also tatsächlich eine Art „neutralen" Text re-
, präsentiert. Die Bevorzugung, die B heute bei vielen
angelsächsischen Gelehrten noch genießt, bestände dann
1 auch vor dem Forum der neuesten Forschung zu Recht.
I In einzelnen Fällen, in denen innere Gründe die Ent-
I Scheidung bedingen, neigt R. aber, und wie mir scheint
mit Recht, zur Bevorzugung antiochenischer Lesarten
gegenüber alexandrinischen und westlichen (17, 14; 4,
33); auch der antiochenische Text verdient eine Unter-
j suchung, die zwischen der Revisionsarbeit und dem als
; Basis verwendeten Text grundsätzlich unterscheidet. So
I führt das Werk auch in dieser Frage weiter, wenn auch
zunächst mehr in Form von Anregung und Aufgabenstellung
als in der Gewinnung neuer Ergebnisse. Eine
ganze Anzahl von ungelösten Einzelfragen hat R. am
Ende dieses ganzen über 300 Seiten starken einleitenden
Teiles zusammengestellt.

Den mittleren Teil des umfangreichen Bandes
nimmt die Wiedergabe des Textes ein. Und zwar eines
doppelten Textes: auf der linken Seite steht B, auf der
rechten D. Im Apparat der linken Seite werden in einer
ersten Spalte die Abweichungen der Editoren Westcott-
Hort, Soden und Ropes selbst gegenüber dem B-Text angeführt
, in einer zweiten haben die anderen wesentlichen
alexandrinischen Zeugen ihre Stelle, soweit sie von B
abweichen, nämlich BC 81 (nicht 33, weil dieser Text
stark mit antiochenischen Lesarten durchsetzt ist); eine
dritte Spalte führt die Abweichungen des antiochenischen
Textes an, im wesentlichen nach SHLP. Der Apparat
I der rechten Seite bringt einen Abdruck von d und, soweit
abweichend, auch von h, dann Zeugnisse der abendländischen
Väter (Tertullian, Irenaeus, Cyprian, Au-
i gustin), endlich die wichtigsten Lesarten des Harclensis-
| Apparates. Einzelne Fragen des Textes sind in Anmer-
l kungen unter dem Text oder am Ende des Textabdrucks
[ behandelt. Auch hier liegt aber aller Nächdruck nicht
auf der Werbung für irgendwelche Hypothesen, sondern
auf der durchsichtigen Darbietung des Materials. Und
j das ist überhaupt der vorherrschende Eindruck, der sich
j mir auch beim Gebrauch des Werkes in der Vorlesung
gefestigt hat: wir haben noch keine Ausgabe der
i Apostelgeschichte, die so reichhaltig und andrerseits so
frei von einseitigen Hypothesen ist wie dieses Werk.

Die Reichhaltigkeit des Ganzen kommt endlich in
den Appendices zum Ausdruck, die außer dem Abdruck
von Papyrus Wessely 237 noch Kollationen der wichtigsten
Versionen bringen, also von Vulg Pesch Sah und
Boh, ein Material, das hier viel übersichtlicher als sonst
in den Apparaten dargeboten werden kann und das auch
jeweils mit den anderen Zeugengruppen in besonderen
Spalten verglichen wird. Den Schluß bildet eine noch
von Conybeare stammende Übersetzung des Ephrem-
Kommentars, der dieses wichtige Hilfsmittel einschließlich
der Catenen-Fragmente bequem zugänglich macht.
So gleicht der letzte Eindruck dem ersten: man ist erstaunt
über die Fülle des dargebotenen und mit verschwenderischer
Raumbenutzung ausgebreiteten Materials
, und ebenso über ein Werk, von dem dieser reichhaltige
und jeden Mitarbeiter zu Dank verpflichtende
Band nur den dritten Teil der ersten Abteilung darstellt.
Heidelberg. Martin Dibelius.

Colgrave, Bertram: The Life of Bishop Wilfrid by Eddius
Stephanus. Text, Translation and Notes. Cambridge: University
Press 1927. (XIX, 192 S.) 8«. sh. 12/6.

Diese neue Ausgabe der beinahe ältesten lateinischen Biographie
aus angelsächsischer Feder mit Obersetzung, Einleitung und
Kommentar ist sehr dankenswert, weil sie diese wichtige historische
Urkunde bequem zugänglich macht. Die vorzügliche Ausgabe von
W. Levison mit ihrer fördernden Einleitung und ihrem aufschlußreichen