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Ausgabe:

1927 Nr. 23

Spalte:

539-540

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoepffner, Ernest

Titel/Untertitel:

La Chanson de Sainte Foy. Tom. I et II 1927

Rezensent:

Koch, Hugo

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539

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 23.

540

Einzelne. So wird der Gandersheimer Streit, die Ehe des
Grafen Hammerstein u. a. sehr eingehend behandelt.
Es ist im Grunde aber nicht viel, was über die
Tätigkeit des Metropolitan und des Metropolitansprengeis
zu berichten ist. Auch die großen Persönlichkeiten
, die ihrer Metropolitanstellung einen
Inhalt zu geben versuchten, wie Willigis, Aribo u. a.
haben doch nichts. Großes erreichen können. Das
liegt, wie der Verf. mit Recht bemerkt und eingehend
darlegt, an dem Wesen der deutschen Kirche, oder um
es konkreter auszudrücken, an der bischöflichen Fürstenmacht
, und an der Verbindung der deutschen Kirche
mit Rom. Königtum und Papsttum haben die Metropoli-
tangewalt niedergehalten. Der Verfasser schließt sich
Haucks Urteil an: Das Erzbistum blieb bis zum Ausgang
des Mittelalters, was es seit seiner Erneuerung
durch Karl den Gr. gewesen war, eine Würde ohne eine
bedeutende Amtsbefugnis. Und doch ist die Metropoli-
tanverfassung für die deutsche Kirche nicht überflüssig
und zwecklos gewesen. Der Metropolitanverband ver-
kirchlichte, entnationalisierte die deutsche Kirche und
führte sie der mittelalterlich - römischen Universalkirche
entgegen. Man bekommt aus den Ausführungen des
Verfassers einen Eindruck davon, wie schwierig es war,
Institutionen, die für die Kirche des Imperium Romanum
berechnet waren, für deutsche Verhältnisse zu erneuern.
Und das ist immerhin ein wertvolles Resultat.

Kiel. Q. F ick er.

Hoepffner, Ernest, et Prosper Alfaric: La Chanson de Sainte Foy.

Tom. I et II. Paris (VI; 95, Boulevard Raspail): Societe
d'Edition „Les Belies Lettres" 1926. (VIII, 376 et VI, 206 S.)
gr. 8°. = Publications de la Faculte des Lettres de l'universite de
Strasbourg, Fase. 32 et 33. I: fr. 40—; II: 20—.

Vorliegende große Veröffentlichung befaßt sich mit
der in altprovencalischer Sprache (langue d'oe) gehaltenen
gereimten Schilderung des Martyriums der hl.
Fides in Agen (Agennum) unter Diokletian. Das Gedicht
war Gelehrten des 16. Jahrhunderts bekannt, geriet
dann in Vergessenheit und wurde erst 1901 von
dem Portugiesen Leite de Vasconcellos in einer wohl
aus dem Anfang des 12. Jahrh.s stammenden Handschrift
der Leidener Universitätsbibliothek wieder entdeckt und
in der Zeitschrift Romania veröffentlicht. A. Thomas
gab es 1925 in der Sammlung „Classiques francais du
moyen äge" heraus. Zu einer umfassenden und eingehenden
Behandlung aber haben sich der Romanist
Hoepffner und der Religionshistoriker Alfaric, beide Professoren
an der Straßburger Universität, zusammengetan,
und sie legen hier die Früchte ihrer gelehrten Forschung
vor. Der erste Band ist eine für die romanische Philologie
wertvolle Gabe: er würdigt das Gedicht in paläo-
graphischer, sprachlicher und literargeschichtlicher Hinsicht
, bietet den altprovencalischen Text mit philologischem
Commentar und reichhaltigem Glossarium. In
dem für Theologen und Historiker in Betracht kommenden
zweiten Band untersucht Alfaric — dem wir ein
Werk über die manichäischen Schriften und eines über
die geistige Entwicklung Augustins verdanken — in
mustergiltiger Weise Heimat und Zeit des Gedichtes,
seine Quellen, die Geisteshaltung seines Verfassers. Es
stammt — darin trifft die historische Untersuchung mit
der sprachlichen in Bd. I, S. 197 ff. durchaus zusammen
— aus dem südlichen, an das nördliche Katalonien
stoßenden Languedoc, der Cardagne, näherhin dem
Kloster Cuxa (in der heutigen Diözese Perpignan), wo
von den darin erwähnten Märtyrern Reliquien aufbewahrt
und verehrt wurden. Zeit: gegen 1060. Quellen:
Lactanz de mort. persec, ein lateinisches Gedicht über
die hl. Fides und den hl. Caprasius in leoninischen Versen
, die offizielle Passio, ein Bericht über die Trans-
latio der Märtyrerin von Agen nach Conques, ein Bericht
über ihre Wundertaten von Bernard d'Angers, zwei
Predigten über die Heilige, ihr liturgisches Offizium und
andere Offizien. Der Verf. war ein Mönch, der über eine

j gewisse Bildung verfügte, da er Lactanz, Augustin,
Isidor von Sevilla und Ps.-Dionysius (in der Über-
| setzung des Scotus Eriugena) kennt; die Zeit seiner
i Heldin aber schildert er nach den feudalen Vorstellungen
seiner eigenen Umwelt. Bestimmt war der Sang
allem nach dazu, von zwei Chören in heiligem Tanze
vorgetragen zu werden als volkstümlicher Ersatz für
das liturgische Offizium. Nach diesen Feststellungen
wird eine französische Übersetzung geboten, die von
i Hoepffner hergestellt und im Verein mit Alfaric wiederholt
sorgfältig durchgeprüft und verbessert wurde, um
den Sinn, die Abschattungen und die altertümliche Farbe
I möglichst genau wiederzugeben. Dazu steuerte Alfaric
j einen eingehenden, von feinem Verständnis und großer
Belesenheit zeugenden Commentar bei. An lateinischen
! Texten sind beigegeben die offizielle Passio sanetorum
j Fidis et Caprasii und ihre Übertragung in leoninische
Verse, mit Anfügung abweichender handschriftlicher Lesarten
.

Noch einige Bemerkungen. Zu S. 93 V. 76 f.: die im Sang
frei wiedergegebene Wendung der Passio: „pulchra erat facie, sed
pukhrior mente" ist ein Tonoe, der sich weit zurückverfolgen läßt
(vgl. z. B. C. Weyman in der Festgabe f. A. Knöpfler 1917, Nr. 25).
S. 94 bezeichnet A. die Wendung ,,elle prit martyre" (= „sumpsisse

j martyrium" bei Bernard d'Angers) als „assez singuliere". Dem Verf.
schwebt wohl das „Nehmen" eines Sakramentes (Bluttaufc!) vor.
Außerdem ließe sich zeigen, daß im Spätlatein die Bedeutung von su-
mere fast mit aeeipere oder adipisci zusammenfällt. V. 97: zum

; „schwarzen" Teufel wäre zu vergleichen F. J. Dölgcr, Die Sonne
der Gerechtigkeit und der Schwarze 1918. V. 118: Ungläubige und
Sünder sind, wie A. richtig bemerkt, schon in der H. Schrift mit
Hunden verglichen; dieses Bild geht aber auch durch die ganze
Väterliteratur hindurch (namentlich in Verbindung mit oblatrare:
gegen Gott, gegen die Christen, gegen die Wahrheit u. ä.). V. 217f.
und 223 f.: Angleichung von Zügen im Leiden eines Märtyrers an
das Leiden Christi ist sehr häufig und sehr alt, z. B. im Polykarpmartyrium
. Zu V. 275 ff. hebt A. mit Recht die Anspielung auf
Zauber- und Hexenglauben hervor. V. 306: „il nous donna le baptemc
en bas, dans l'eau". Sollte hier nicht der patristische Gedanke
durchscheinen, daß Christus durch seine Taufe das Wasser geheiligt
und so die Taufe ermöglicht habe? Übrigens ist es ein Irrtum, wenn
A. meint, daß im 11. Jahrhundert schon die heutige Begießungstaufe
statt der Untertauchung in Übung gewesen sei, siehe F. X. Funk,
Kirchengesch. Abhh. u. Unterss. I (1897) S. 479 f. V. 340: der
Gedanke, daß der Märtyrer seinen Geist auf Gott (und die jenseitige
Herrlichkeit) gerichtet hält (nicht auf die Qualen des Martyriums),
geht seit Tertullian und Cyprian durch die Väterliteratur und die
Martyrien hindurch. Ebenso ist die Bekehrung von umstehenden
Heiden mit nachfolgendem Martyrium (V. 346 ff.) ein häufiger Zug.
V. 356 und V. 373 f. spielen Züge aus der Erzählung von den drei

I Jünglingen im Feuerofen herein.

München. Hugo Koch.

Strunz, Franz: Albertus Magnus. Weisheit u. Naturforschg. im
Mittelalter. Mit 3 Faks. u. 35 Abb. Wien: K. König 1926. (187S.)
8°. = Menschen, Völker, Zeiten, Bd. 15. geb. Rm. 6—.

Der bekannte Historiker der Naturwissenschaften
entwirft hier ein Bild Alberts des Großen, des mittelalterlichen
Menschen und des Klassikers der mittelalterlichen
Naturwissenschaft. Der erste Abschnitt handelt
vom mittelalterlichen Lebensgefühl. Dem,
was der Verf. hier schreibt über die Verankerung der
mittelalterlichen Weltanschauung im Übersinnlichen, über
i die religiöse Orientierung der mittelalterl. Kultur, über
j den Gang des mittelalterl. Menschen vom Mythus zur
j Wissenschaft, über die Tendenz jener Zeit, Gedanken
i substanziell zu denken, und über den mittelalterlichen
Begriff der Wahrheit als einer festen und fertigen
Größe, kann man zustimmen. Einzelnes bedarf der
Korrektur, so z. B. die Behauptung, im Mittelalter habe
man es für nötig erachtet, daran festzuhalten, „Wissen
und Glauben, Philosophie und Theologie seien dasselbe
" (S. 36). Dieses Urteil trifft lediglich auf
Scotus Eriugena, nicht aber auf die einflußreichen
Denker der Hochscholastik, auch nicht auf Albert den
Großen, zu.

Der zweite Abschnitt bringt eine (die neueste Literatur
berücksichtigende) Darstellung des Lebens und