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Ausgabe:

1927

Spalte:

534-537

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Salin, Edgar

Titel/Untertitel:

Civitas Dei 1927

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 23.

534

Soden, Hermann Freiherr v.: „Schriften des Neuen Testaments",

in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt hergestellt. Schlüssel.
Gegenüberstellung der in von Sodens Apparat vorkommenden Sigla
u. d. entsprechenden in Gregorys Liste bearb. v. Friedrich
Krüger. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1927. (4 S. u.
4 Tab.-Taf.) 8». Rm- 2~•

Die geistvolle, aber schwer dem Gedächtnis einzuverleibende
Sodensche Bezeichnung der Neutestamentlichen Handschriften hat sich
nicht durchzusetzen vermocht. Infolgedessen ist die große und schon
als Materialsammlung unentbehrliche Sodensche Ausgabe für viele
schwer brauchbar. Man mußte Gregorys Vergleichstabellen beständig
zur Hand haben, wenn man Sodens Apparat mit Gewinn benutzen
wollte. Auf der Würzburger Neutestamentler-Tagung im Jahr 1922
erbot sich Valentin Weber, durch seine Schüler ein Lesezeichen für
den Sodenschen Textband herstellen zu lassen, das eine schnelle Orientierung
ermöglichte. Nachdem sich der damals vorgesehene Plan aber
'-erschlagen hat, hat Dobschütz einen seiner Schüler aufgefordert, den
Benutzern des Sodenschen Werkes diesen Dienst zu tun. Die nicht
ganz einfache und durch mancherlei Druckfehler und Ungleichmäßig-
keiten bei Soden erschwerte Arbeit liegt nun vor und darf im allgemeinen
als gelungen bezeichnet werden. Der Vergleich vollzieht
sich gesondert auf der ersten Seite für den Praxapostolos, auf der
zweiten und dritten für die Evangelien, auf der letzten für die Apokalypse
. Und zwar sind nicht nur die Handschriften, sondern auch
die Sodenschen Rezensionen genannt; man findet also die Bezeichnungen
genau so wie sie im Apparat bei Soden stehen. Daß das
Lesezeichen im allgemeinen in denselben Typen gedruckt ist wie das
Sodensche Werk, ist wesentlich; freilich wünschte ich, daß auch die
Rezensions-Buchstaben hier kursiv wären wie dort; mindestens in den
Anmerkungen besteht so die Gefahr, daß man 1 als Bezeichnung der
Cäsarea-Rczension mit I als Bandzahl verwechsele.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Merk, August, S. J.: Der armenische Irenaeus Adversus
Haereses. (S.-Dr. aus Zeitschr. f. kathol. Theologie, 50. Jahrg. 1926.)
[Innsbruck: F. Rauch 1926.] (143 S.) 8».

Es ist verwunderlich, daß sich bisher niemand der
dankbaren Aufgabe unterzogen hat, den Wert des neuen
armenischen Irenaeus für die Herstellung des ursprünglichen
Irenaeus und für die Beurteilung der lateinischen
Übersetzung zu untersuchen und aufzuzeigen. Soviel
ich urteilen kann, ich verdanke meine Kenntnis des armenischen
Irenaeus Herrn Professor Dr. Lüdtke in
Hamburg, wird sie in der vorliegenden Arbeit in ausgezeichnet
sorgfältiger und umsichtiger Weise in Angriff
genommen und gelöst. Die Arbeit hat auch die neu
gefundenen griechischen Fragmente und die Fragmente
der syrischen Übersetzung berücksichtigt. Das Ergebnis
ist, daß die armenische Übersetzung, soviele Mängel ihr
anhaften mögen, doch ein höchst wertvoller Zeuge für
den ursprünglichen Text ist und im Allgemeinen die
Güte der lateinischen Übersetzung bekräftigt. An manchen
Stellen, an denen deren Lesarten Verschiedenheiten
aufweisen, ermöglicht sie es die Entscheidung zu geben.
Sie zeigt auch, daß es unmöglich ist, einer der beiden
Handschriftenklassen, in denen der lateinische Irenaeus
uns überliefert ist, ausschließlich den Vorrang zuzuweisen
. Sie füllt Lücken aus und rettet manches bisher
als Zusatz angesehene Wort. Es ist durchaus richtig,
daß für jede künftige Irenaeus-Ausgabe, auch für eine
lateinische, die beständige Bezugnahme auf die armenische
Übersetzung eine unerläßliche Forderung ist. Ein
vortreffliches Hilfsmittel dafür bietet die vorliegende
Arbeit. Ich will noch mit einem Worte zeigen, daß sie
es ermöglicht, die lateinische Überlieferung besser als
es bisher geschehen ist, auszunutzen. In dem Schluß des
lateinischen Irenaeus, der allein in dem Codex Vossianus
(und in Abhängigkeit davon in der Stockholmer Handschrift
) erhalten ist, finden sich in den Drucken, was
bisher merkwürdigerweise noch niemals beachtet worden
ist, einige Lesarten, die jeder handschriftlichen Grundlage
entbehren. Harvey II, S. 416, 1 ist gedruckt myste-
rium gloriae filiorum; die Handschrift liest aber ganz
deutlich ministerium gloriae filiorum und bietet so statt
des farblosen mysterium einen charakteristischen escha-
tologischen Zug. Der Armenier bestätigt die handschriftliche
Lesart (Merk S. 401). Harvey II, S. 424,9 ist
gedruckt ex credentibus, was nicht gut erklärt werden

kann; die Handschrift liest aber ex centibus (= ex gen-
tibus), was der Armenier bestätigt (Merk S. 403). Harvey
II, S. 414, 24 ist gedruckt ab Effron filio Seor
Ethaeo. Die Handschrift liest ganz unerklärlich: ab effron
filio yphei. XXI. cetheo. Feuardent in der Ausgabe von
1576 hat in den Text aufgenommen ab Effron filio
Yphei, Ethaeo; in der Ausgabe von 1596 hat er im Text:
ab Effron filio [Seor] Ethaeo; hat sich also an die
Vulgata angeschlossen. Merk hat die Lesart der Handschrift
nicht angemerkt, weil sie von Harvev nicht angegeben
worden ist. Der Armenier hat aber das Richtige. Nur
können wir immer noch nicht wissen, welche Form der
lateinische Übersetzer dem Eigennamen gegeben hat,
eine Form, aus der sich die Verlesung vphei. XXI. erklären
muß. Vielleicht kann man aus der merkwürdigen
Verlesung etwas über den Charakter der Vorlage des
Codex Vossianus erschließen.

Kiel. G. F ick er.

Salin, Edgar: Civitas Dei. Tübingen: J. C. B. Mohr 1926. (VII
245 S.) gr. 8». Rm. g_; geb. 12—.

Dieses bedeutsame Buch ist gedacht von einem
über alle Fachgrenzen hinaus zum Erfassen geistesge-
i schichtlicher Bewegung strebenden Intellekt, es ist ge-
l schrieben in der sprachlichen und geistigen Sonderart
j des George-Kreises und wird getragen von der Überzeugung
, „daß die Geschichte des frühen Christentums
nicht eine Fachangelegenheit des Theologen ist, sondern
der Brennpunkt allen damaligen Geschehens und ein
lebendiges Vorbild alles staatlichen Menschtums und
aller gläubigen Gemeinschaft". Es gilt nicht Augustin
und seinem Werk, sondern dem Gottesstaat und will
j das Staatsbild zeichnen, „das die frühchristlichen Jahrhunderte
langsam heraufführten" und „das Augustin
abschließend gestaltete". Als Ganzes ist das Buch eine
| geistige Leistung und im einzelnen enthält es eine große
Anzahl nicht nur geistvoller, sondern auch die Sache
erhellender Formulierungen, und zwar in allen seinen
, Teilen — das sei dem kritischen Referat vorausgeschickt.

Die Voraussetzungen der Darstellung werden erar-
, beitet durch ein Kapitel über antike Staatsgesinnung
und ein Kapitel über Augustus. In jenem wird sehr fein
j die schon mit Plato anhebende Umbiegung zum Indivi-
j dualismus aufgezeigt, die von der Stoa weiter geführt
wird; nun tritt Natur an die Stelle des Staates, die Kos-
| mopolis ersetzt die Polis. Das politische Element der
I Stoa ist ihre Tugendlehre, „die gebotene Schulung für
I die Einfügung in das nahende Weltreich von Rom",
I aber diese Tugendlehre ist, da sie Tugend vor Gott
meint, „eine Vorbereitung auf den allumfassenden Him-
[ mel des Christentums" und in diesem Sinn metapolitisch.
I Augustus wird dann — durchaus im Sinne des George-
[ Kreises — als der Held der Legende geschildert, dessen
Leben unter dem Zeichen der Göttlichkeit stand, dessen
Gestalt aber der Welt nicht das erlösende Symbol werden
konnte, weil dieses Geschlecht den überirdischen,
nicht den irdischen Friedefürsten ersehnte. Indem s!
J den Kaiser als Gegenfigur des Heilandes zeichnet,
setzt er die Gestalt Jesu schon von vornherein in eine
j bestimmte Beziehung zur Idee eines „Reiches"; wich-
] tiger und vielleicht für eine Darstellung der Zeitenwende
! richtiger wäre es wohl, diese Gestalt des Kaisers auf
, den Hintergrund zu stellen, auf den sie für ihre orientalischen
Verehrer gehörte: auf den Hintergrund des orien-
j talischen Weltreichs, das schon Wirklichkeit gewesen
; war und dessen Verwirklichung gerade von kleinen
; Potentaten des Ostens immer wieder angestrebt wurde.
; Und wenn man zeigen will, wie sich die Abendröte der
endenden Antike in das Morgenrot des christlichen Äons
i wandelt, so müßte, meine ich, auch von der griechischen
' Aufklärung die Rede sein; denn mit ihren geistigen
Waffen hat das Christentum gegen die Götter gekämpft
! und gerade Augustins siebentes Buch de civitate Dei ist
j ein Zeugnis für die Bedeutung und Dauerhaftigkeit
i dieser apologetischen Art.