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Ausgabe:

1927 Nr. 22

Spalte:

526-527

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hilbert, Gerhard

Titel/Untertitel:

Ecclesiola in ecclesia. Luthers Anschauungen von Volkskirche und Freiwilligkeitskirche in ihrer Bedeutung f. d. Gegenwart. 2., verm. u. verb. Aufl 1927

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 22.

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Theologische Arbeiten aus dem wissenschaftlichen Prediger-
Verein der Rheinprovinz. In Gemeinschaft mit d. übrigen
Vorstandsmitgliedern hrsg. v. D. Klingemann; N.F., 22. Heft.
Neuwied: J. Meincke 1926. (200 S. m. 1. Taf.) gr. 8». Rm. 4—.
Lic. H. Rodewald-Irmenach beschließt mit diesem Heft,
das mit dem Bilde des Pfalzgrafen Georg Wilhelm von Birkenfeld
(nach einem Stich im Berliner Kupferstichkabinett) geziert ist, seine
wertvolle Arbeit „Aus der Geschichte des 30jähr. Krieges in der
Hinteren Grafschaft Sponheim", leider schon mit 1632. Wir gewinnen
einen genauen Einblick in die diplomatischen und militärischen
Vorgänge, die mit dem Eingreifen der Schweden zur Befreiung der
Grafschaft von den Spaniern und zur Restitution des kirchlichen
Zustandes zu Gunsten der Evangelischen führten. Die Hauptquellen
sind, neben den vielfach lückenhaften lokalen, Brüsseler, Münchener,
jetzt auch Stockholmer Akten und zumal die seit 1888 von der
Schwedischen Akademie der Geschichte und Altertümer herausgegebenen
Schriften und Briefwechsel Axel Oxenstiernas. Während
Georg Wilhelm sich zurückhält, spielt im schwedischen Dienst neben
seinem Bruder Christian eine bedeutsame Rolle der Rheingraf Otto
Ludwig, dessen keckes Draufgängertum freilich allein zur Vertreibung
der Spanier nicht ausreicht; es bedarf des Eingreifens der
Hauptmacht unter Horn, im Hintergrund der Franzosen und der
Bedrohung von Maastricht durch die Niederländer. Doch bleibt ihm
die eindrucksvolle Tat der Befreiung Trarbachs, die Horn durch Eroberung
der Grevenburg — mit schwerem Geschütz — vollendet. Des
letzteren Bild erscheint anschaulich in zwei Zügen: wie er im spanischen
Kugelregen ruhig auf dem Kirchhof herumspaziert und bisweilen
im Tacitus liest, und wie er sich vom Kommandanten der abziehenden
Burgbesatzung die entscheidenden Karthaunenschüsse mit
400 Talern bezahlen läßt. Georg Wilhelms Vorsicht hat dann die
Grafschaft vor einem erneuten Spaniereinfall bewahrt. — Lic. H.
Barnikol-Jülich behandelt „die Lehre Calvins vom unfreien
Willen und ihr Verhältnis zur Lehre der übrigen Reformatoren und
Augustins". Calvins ethisch-religiöser Determinismus ist nach B.
nicht im Gedanken der Allmacht Gottes oder der Providenz oder der
Prädestination begründet, sondern in seiner Anschauung von der
Erbsünde. Er wahrt dabei die Spontaneität des menschlichen Handelns
, das Nebeneinander durch die Unterscheidung von neecssitas und
coactio verständlich zu machen suchend und beide Gedanken verbindend
in der Formel necessitas (servitus) völuntaria. Die Institutio
von 1539 scheint einen Einfluß Butzers zu verraten; doch hat
Calvin den religiös-sittlichen Determinismus schärfer und folgerichtiger
herausgearbeitet. Er nennt sich mit Recht einen Erneuerer des Augustinismus
, denn er ist wie Augustin Determinist im sittlich- religiösen
und Indeterminist im psychologischen Sinn. Seine Bedeutung
liegt hier wesentlich darin, daß es ihm in anderer Weise als Me-
lanchthon (der an der rein religiösen Wertung der Erbsünde festhält
und mehr und mehr zum Indeterminismus neigt) gelungen ist, den
metaphysischen Determinismus Luthers im Sinne Augustins in der
Lehre vom liberum arbitrium auf das ethisch-religiöse Gebiet zurückzudrängen
und in übersichtlicher systematischer Darstellung das Erbe
Augustins und die religiöse Intuition Luthers der Mitwelt der Reformation
darzubieten.

Aachen. Alfred Zillessen.

Die Religionswissenschaft der Gegenwart in Selbstdarstellungen
. Hrsg. v. Erich S t a n g e. Bd. 3 : Bernhard Bartmann,
Hartmann Grisar, Joseph Mausbach u. a. Leipzig: F. Meiner 1927.
(VIII, 239 S. m. 7 Bildn.) gr. 8". Lwd. Rm. 12—,

Band I dieses Unternehmens (1925) wurde im Jahrgang 1925
(S. 526 f.) dieser Zeitschrift angezeigt und besprochen. Inzwischen
(1926) ist ein zweiter, abermals von protestantischen Theologen ausgefüllter
Band und der vorliegende dritte, katholische Theologenbilder
enthaltende, Band erschienen. Nur ihn habe ich zu besprechen.
Von den sieben Gelehrten, die hier sich selbst darstellen, sind drei
Systematiker (Bartmann-Paderborn; Mausbach-Münster; Sawicki-
Pelplin), drei Kirchenhistoriker (Grisar S. J.-Innsbruck; Schmidlin-
Münster; Schrörs-Bonn) und einer Exeget (Peters-Paderborn). Daß
gerade diese Theologen zum Wort kommen, ist mehr Zufall als
Absicht; wie es scheint, wird noch ein weiterer Band von Selbstdarstellungen
katholischer Theologen folgen. Wenn es das Ziel aller
dieser „Selbstdarstellungen" ist, ein Bild der jüngsten Entwicklung
und vom augenblicklichen Stand der verschiedenen Wissenschaften,
im vorliegenden Fall der katholischen Theologie, zu geben, so haben
die 7 katholischen Theologen dieses Ziel mehr oder weniger scharf
im Auge behalten, das Persönliche in den Hintergrund geschoben
(soweit es die Schilderung der manchmal sehr bewegten Gelehrtengeschichte
erlaubte) und das Sachliche, die selbstgewählte Arbeit und
die durch die Zeit aufgedrängten Aufgaben, in den Vordergrund gestellt
. So zieht ein gut Stück Geschichte der katholischen Theologie
des letzten Halbjahrhunderts am Auge des Lesers vorüber und ist,
wie Schrörs richtig bemerkt, eine nützliche Vorarbeit für den
künftigen Geschichtsschreiber der neuesten deutschen katholischen
Theologie getan. Von Grisar erfährt man überdies, daß er an Lebenserinnerungen
arbeitet. Es ist nicht immer Erfreuliches, was einzelne
dieser Theologen über ihre Geschicke berichten müssen; aber es ist
erfreulich, daß sie so offen davon reden. Stilistisch am schönsten
weiß Schrörs zu reden; auch inhaltlich scheint sein Selbstbildnis am
besten gelungen zu sein. Die ganze Schwierigkeit der katholischen
Bibelkritik drückt sich im verschlungenen Stil von Peters aus. Bei
i Bartmann (S. 15, Z. 7—10) ist eine Satzkonstruktion nicht in Ordnung
; es scheint etwas zu fehlen. Druckfehler sind sehr selten:
S. 16, Z. 13 v. u. lies pertrartantur; S. 55, Z. 4 v. u. lies Rauch,
Z. 2 v. u. lies Heege; S. 84 Z. 6 v. U. lies appetitu; S. 103, Z. 2
v. o. lies Ephrem.

Binsdorf (Württbg.). Wilhelm Koch.

Ihm eis, Missionsdir. Dr. C.: Um unsere Aufgabe in Indien.

Gedanken z. Wiederbeginn dtsch. Missionsarbeit im Tamulen-
lande. Leipzig: Verlag d. Evang.-Iuther. Mission. (55 S.) 8°.

Rm. - 60.

In dem vorliegenden Büchlein, das die
! Aufsätze, die der Verfasser auf seiner Heimreise
von Indien für die Allgemeine evangel.-
luth. Kirchenzeitung geschrieben hat, in umgearbeiteter
und erweiterter Form einem größeren Leserkreis zugänglich
machen soll, spricht sich der Direktor der
Leipziger Mission über die Aufgabe dieser Mission in
Südindien aus. Die Themata der einzelnen Aufsätze
sind: Die Größe der Missionsaufgabe; Die Dringlichkeit
der Aufgabe; Unsere evangelistische Aufgabe; Unsere
Aufgabe an der Frauenwelt; Unsere Aufgabe an den
Paria; Unsere Aufgabe an der Kirche und den Gemein-
, den. Es sind beachtenswerte Gedanken, die hier vorge-
' tragen werden, Gedanken, die auch von den Vertretern
anderer Missionen auf anderen Missionsfeldern beachtet
zu werden verdienen.

Halle. H. W. Schomerus.

Hilbert, Prof. D. Gerhard: Ecclesiola in ecclesia. Luthers Anschauungen
von Volkskirche und Freiwilligkeitskirche in ihrer Bedeutung
f. d. Gegenwart. 2., verm. u. verb. Aufl. Leipzig: A.
Deichert 1924. (II, 97 S.) gr. 8°. Rm/2.80.

Diese kleine Schrift des früheren Rostocker Professors hätte
längst angezeigt werden sollen. Es ist nur die Schuld der starken
Überlastung des Referenten, daß die Anzeige so spät kommt. Ihre
Bedeutung ist jetzt bereits erwiesen durch die starke Wirkung, die
sie gehabt hat. Sie hat das Problem der „Kerngemeinde" überall
! angeregt. So gehört sie zweifellos zu den beachtenswerten Reformschriften
, die mehr als Tageswert haben.

Freilich liegt ihre Bedeutung kaum in ihrem ersten historischen
Teil. Hilbert gibt allerdings eine gute Zusammenfassung
der Untersuchungen, die seit Sohms Kirchenrecht, insbesondere seit
der. Diskussion P. Drews — Hermelink — K. Holl — K. Müller
über Luthers Kirchenbegriff geführt worden sind. Der Grundfehler
in der bekannten Schrift von P. Drews „Entsprach das Staatskirchen-
tum dem Ideale Luthers" — moderne Fragestellung an Luther
heranzubringen, ist auch von H. noch nicht überwunden. Man verwirrt
immer wieder das geschichtliche Bild, wenn man Gegensätze wie
„Volkskirche" und „Freiwilligkeitskirche" in Luther hineinträgt. H.
stellt mit Recht fest, daß bei Luther Ansätze für beide Organisationsseiten
zu finden sind. Aber eben doch nur Ansätze. Die Zeitver-
j hältnisse waren damals so absolut anders, daß man besser tut, die
heutigen Ausdrücke wie „Staat und Kirche", „Staatskirchentum"
„Volkskirche", „Freiwilligkeitskirche" usw. ganz zu vermeiden, wenn
man Luthers Anschauungen darstellen will. Man muß sich nur an
I Luthe-rs eigne Ausdrücke halten und sich dabei vergegenwärtigen,
was sie ihm damals bedeuteten und in welchem Einzelzusammen-
! hang er sie anwendete. Ebenso falsch wie die Übertragung moderner
I termini und Fragestellungen in das 16. Jahrhundert, ist die unmittel-
j bare Anwendung Lutherscher Probleme auf die Zweckmäßigkeits-
| fragen der heutigen Kirchenverfassung. Waffen aus Luthers Schriften
j kann sich jede Richtung holen, und es ist mindestens sehr schwierig
die geistigen Verbindungslinien richtig zu ziehen. Luthers Ideal
von der Sammlung derer, die mit Ernst Christen sein wollen ist ja
| von ihm selbst nicht in praktische Anwendung gebracht. Heute ließe
sich der geistige Gehalt dieses Gedankens in sehr verschiedener Form
| der Wirklichkeit näher führen.

Einen gewiß sehr beachtenswerten Versuch macht H. in seinen
| praktischen Vorschlägen. In diesen liegt die Bedeutung seiner
Schrift. Er will den Segen volkskirchlicher Einrichtungen nicht
entbehren; andrerseits sieht er ein, daß eine abgeschlossene Gemeinde
j der Heiligen nicht ohne Selbstbetrug darzustellen ist. So schlägt
j er denn eine Kerngemeinde (ecclesiola) in freier beweglicher Selbst-
i auslese vor. Das enthält jedenfalls einen sehr brauchbaren Wahr-
| heitskern, der auch in der Praxis sich schon bewährt hat.