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Ausgabe:

1927 Nr. 21

Spalte:

502-504

Autor/Hrsg.:

Wünsch, Georg

Titel/Untertitel:

Religion und Wirtschaft 1927

Rezensent:

Mulert, Hermann

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501

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 21.

502

Art. 137 Abs. 3 Satz 1 der Reichsverfassung in seiner
kirchlichen Eigenart jetzt ausschließlich der Sphäre der
kirchlichen Autonomie angehört und dafür nötigenfalls
gemäß Art. 137 Abs. 8 der Reichsverfassung durch
landesgesetzliche Ausführungsbestimmungen der Weg
freigemacht werden muß. Anscheinend hat der Verf. damals
, als er seine Arbeit kurz nach dem Erlaß der neuen
Reichsverfassung abschloß, die Tragweite der neuen
Grundsätze über das Verhältnis von Kirche und Staat
noch nicht voll übersehen. Wie stark die einschlägige
Materie inzwischen in den 7 Jahren bis zur Veröffentlichung
der Arbeit gefördert worden ist, tritt auch sonst
bei der Broschüre mehrfach in die Erscheinung. So
sind z. B. die vom Verf. angeführten preußischen Staatsgesetze
vom 20. Juni 1875 und 3. und 7. Juni 1876 inzwischen
durch die Staatsgesetze vom 8. April und vom
24. Juli 1924 überholt; die Frage, wieweit den Gemeindegliedern
ein Recht auf Benutzung der Kirchenstühle
zusteht, würde jetzt, wenigstens für die evangelische
Kirche, an der Hand der neuen deutschen Kirchenverfassungen
(für Altpreußen vergl. Art. 7 der Verfassungsurkunde
) einen ganz anderen Ausgangspunkt
nehmen müssen. Trotzdem wird man die Veröffentlichung
der Arbeit als eine Zusammenfassung der
Rechtsanschauungen, wie sie sich bis zur jüngsten Neuregelung
des kirchlichen Verfassungsrechts nach dem
damaligen Schrifttum und der damaligen Rechtssprechung
darstellten, dankbar begrüßen können:
Berlin. B. Karnatz.

Fugel, Prof. Gebhard, u. Peter Lippert, S. J.: Gotteswerke

und Menschenwege. Biblische Geschichten in Bild u. Wort geschildert
. München: „Ars Sacra" J. Müller 1124. (VII, 72 S. m.
72 ganzseit. Kupfertiefdruckbildern.) 4". geb. Rm. 12—.

Ein Prachtwerk, enthaltend 30 atl. und 42 ntl.
Tiefdruck-Kunstblätter Fugels mit je einer Seite Text
von Lippert. Dem evangelischen Beschauer fällt Beides
einigermaßen auseinander. Mit Fugel kann er viel weiter
mitgehn als mit Lippert. Sind doch, allerdings mit bestreitbarem
Recht, Fugelische Blätter als evangelische
Konfirmandenscheine herausgegeben worden. Man kennt
deren stark farbig-malerische Art, die das Zeichnerische
durchaus in Dienst nimmt. Die konfessionelle Sonderbestimmtheit
tritt uns in der Auffassung Mariä entgegen
: wir glauben eine hl. Theresa zu sehn. Das Blatt
,Einsetzung des eucharistischen Sakraments' gibt den
Raum als Chorraum, wie sich ja auch in Rudolf Schäfers
Bild der Hintergrund des spendenden Jesu zum Altaraufbau
gestaltet. Bei allem Detailreichtum ist der seelische
Abstand von alter Historienmalerei beträchtlich.
Licht und Schatten sind in all ihren reichen Möglichkeiten
zur bildhaften Charakterisierung genutzt. Manche Blätter
erreichen eine bildmäßige Rundung und Ausschöpfung,
die sie unvergeßlich macht. Vieles bleibt dahinter
zurück. ,Das Manna' wirkt gestellt, der Jakobstraum
ist wenig glücklich, desto geglückter der Jakobskampf.
Die Auferstehung darf man eben wohl doch heute
nicht mehr malen; anderswo ist das Visionäre, mit ganz
andern als den expressionistischen Mitteln, wirklich getroffen
. Was die Gesamtheit der Bilder bedeutet, wird
klar, wenn wir sie auf dem Hintergrund der heutigen
katholischen Kunst-nicht der Beuroner - sehn. Manchen
Erdenrest, zu tragen peinlich, nimmt man dann hin.

LippertsText ist neukatholisch. Dieser Katholizismus
nimmt Alles herein, um ihm Deutungen und Winke
nach oben zu entnehmen. Das geht oft nur in einer eigentümlich
bewegten, bunt-malenden, andeutenden, sich
wohl selber als heiliges Spielen nachgehender Seelsorge
empfindenden Fühl- und Sprechweise. Mystisch-allegorisches
Erbgut kann wohl einmal die sonst geradlinig
einen Gedanken meinende Auslegung verwirren, so,
wenn bei der .Stillung des Seesturms' erst von der
,sturmerfüllten See dieser Welt' geredet wird — während
Gott ,wie ein Schlafender' ist, und dann, in wohlerwognem
Übergang, er im Sturm, auf den Wogen, und

zu gleicher Zeit in der Abend- und der Morgenröte ist;
,oder vielmehr, in ihm ist all das... er selbst ist das
uferlose Meer'. Von der an pantheistische Zeitgedanken
anklingenden geistvoll beziehungsreichen Rede führt der
Weg gern ins quasi-sakrale Halbdunkel der drei Punkte
(...), in unbehaglicher Verwandtschaft mit nicht dem

: schönsten Zug der Tagesschriftstellerei, die allerdings
ihrer Wirkung sicher ist und sein darf. Die vollendete
Kunst L.s bringt es aber anderswo zu einfachsten eindringlichsten
Prägungen einer überraschenden .zweiten
Naivität'. Bei der Schöpfungsgeschichte bringen die Spekulationen
über die Grenzen des Seins und Nichtseins
eigentümliche Farbmischungen des Gedankens; nicht nur
hier muß man zur Kennzeichnung der Rede, von der wir
fordern, daß sie von Person zu Person, von Gewissen
zu Gewissen ergehe, die Bilder von der Palette nehmen.
Bei Auslegungen wie zum Sündenfall im Paradies und
.Davids Sünde und Buße' könnte nur eine Abhandlung
die kunstvoll gemischten Töne wieder in die Einzelkomponenten
zerlegen. Jesus und die Samariterin' sagt
viel Gutes über die Vollmacht des vom Himmel gekommenen
Seelensorgers, aber wie unerträglich ist uns der
Satz: ,Breit und fest stand dieses Weib auf der Erde, in
langen wechselvollen Erfahrungen war sie lebensge-
wandt und selbstsicher geworden; sie hatte ihr Schicksal
in die eigene Hand zu nehmen gelernt und im Kampf
der Geschlechter sich als die stärkere erwiesen'. Der
Gedanke an Kierkegaard zeigt den Fehler: die Seelsorge,
die sich der Macht des Ästhetischen bedient, aber den
.Sprung' nicht als Sprung zeigt, sondern .raunend, rauschend
' (ebenda bezeichnend), überredend übersprudelt,
kann den Weg über die Kluft weg ins Ethische, in die
Personwelt des Gewissens auf Du und Du, das Beichtkind
nicht zurückführen, mag sie auch tausendmal in
wissender Liebe sehenden Auges über die Kluft zu
ihm hinabgesprungen sein. Diese, mit tausend erprobten
Mitteln beschwörende, Kunst der Seelenführung trägt
mir, ich mag mich dagegen wehren, soviel ich wolle, die
Züge des Hans Thomaschen Versuchers im glänzenden
Rhetorengewand der Antike; ich kann mich des vielen

i Eigenartigen, des Sublimen wie des Urtümlichen, nicht
freuen. Ich meine, es müsse diese Kunst bei all ihren
vielberühmten Erfolgen dem Herrn .ärgerlich' sein. Auch
Petrus meinte es gut, mußte sich aber sagen lassen:
,du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich
ist'. Und alle feine Psychologie und Psychagogie muß
uns unter das Gericht von Luthers Einsicht in die
Mischung der seelischen Beweggründe treten; von da her
würde sie lernen, die Mittel und alle aus ihr fließenden
Erfolge wie die Pest zu meiden, die eben Ausdruck un-
sers ins Innerste verderbten, schuldhaft verderbten Wesens
sind. Am steilen Weg des Gewissens sind die
naturhaften Rezepte ,für Gifte Gegengift' (Wagner,
Tristan) und .similia' ,similibus' nicht gewachsen. — Als

' Beispiel von Seelenführung mögen wir denn immerhin
L. studieren. Die Verwahrungen habe ich zu geben
gesucht.

Fahrenbach (Baden). Peter Katz.

Michaelis, D. Dr. Georg: Wirtschaftlicher Wiederaufbau.

Berlin: Furche-Verlag 1924. (28 S.) 8°. = Stimmen aus d.
dtschn. christl. Studentenbewegung, H. 28. Rm. —50.

Wünsch, Priv.-Doz. Lic. theol. Georg: Religion und Wirtschaft.

Tübingen: J.C.B. Mohr 1925. (VI, 96 S.) gr. 81 Rm. 2.70.

Michaelis, der frühere Reichskanzler, sieht die Möglichkeit
für uns, aus wirtschaftlicher Not herauszukommen
, nur darin, daß weder Kapitalismus noch Kommunismus
herrscht. Jener werde mit seiner Selbstsucht
leicht rücksichtslos, also unsittlich; dieser sei, wie die
Erfahrungen der Kriegswirtschaft zeigen, undurchführbar
. Privatbesitz solle bleiben, soweit er in wirtschaftlich
heilsamer Weise verwendet wird, die Produktion steigert,
aber namentlich das Erbe sei stark zu besteuern und die
Arbeiter jedes größeren Betriebes seien am Gewinn zu
beteiligen, doch nicht so, daß die Einzelnen eine Divi-