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Ausgabe:

1927 Nr. 21

Spalte:

493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sprenger, Paul

Titel/Untertitel:

Vivificatio nach Paulus und deren Bedeutung und Wert für die evangelische Rechtfertigungslehre 1927

Rezensent:

Heinzelmann, Gerhard

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493

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 21.

494

Sprenger, Lfc. theol. Paul: Vivificatio nach Paulus und
deren Bedeutung und Wert für die evangelische Rechtfertigungslehre
. Ein systematisch-theologischer Versuch. Leipzig:
A. Deichert 1925. (76 S.) gr. 8°. Rm. 2.50.

Die Untersuchung gibt sich als eine exegetisch-dogmatische,
wie schon der vollständige Titel andeutet. Auch wer das Recht
solcher Untersuchungen anerkennt, wird sich doch der Gefahren,
die hier lauern, immer bewußt sein müssen. Es kann dabei so
kommen, daß weder die Exegese, noch die Dogmatik erhält, was ihr
gebührt. Der Verf. hat diese Gefahr viel zu wenig beachtet; so ist
man in beiderlei Hinsicht am Ende unbefriedigt: der paulinische Gedankengang
ist nicht sorgfältig genug entwickelt und die dogmatische
Verarbeitung läßt die systematische Geschlossenheit vermissen.

Was das Problem selbst betrifft, so unterscheidet der Verf.
zwischen der vivificatio als Glaubensinhalt und als Glaubenserlebnis.
In erster Hinsicht betont er mit Recht stark die objektive Voraussetzung
der Auferstehung Jesu, welche für die physische und sittliche
Lebendigmachung die entscheidende Bedeutung hat. Das gegenwärtige
Glaubenserlebnis der Vivificatio wird in der durch den
Glauben erfolgenden „Einpflanzung" in das Ganze der einheitlichen
(Auferstehungs-) Persönlichkeit Jesu erblickt, wobei aber zu beachten
bleibt, daß der Glaube und nicht eine empirische Tatsächlichkeit die
Bedingung der Gemeinschaft mit Christus ist. „Glaube ist empirisch
immer nur Unglaube" (K. Barth). Dogmatisch möchte der Verf. Me-
lanchthon, der nach ihm die vivificatio mit der Freude des getrösteten
Gewissens gleichgesetzt hat, und Calvin, der die vivificatio als
Aufgabe der Verwirklichung der Wiedergeburt faßt, verbinden. Die
ethische Aufgabe liegt in der religiösen eingeschlossen, ist aber nicht
einfach mit ihr erledigt.

So richtig mir der Grundgedanke der Schrift Sprengers erscheint
, so wäre doch genauer zu zeigen gewesen, wie denn die
objektive Tatsache der Auferstehung Jesu in sittlicher Hinsicht lebenspendende
Kraft haben kann, und wiefern der „Glaube" dabei die
einzige Form der Verwirklichung des neuen Lebens ist.. M.a.W. das
objektiv-subjektive Problem, das der Verf. richtig als wesentlich erkannt
hat, bedarf weiterer Vertiefung.

Im Einzelnen fallen manche überspitzte Aeußerungen auf, z. B.
S. 74: „Wir stützen unseren Glauben auf die Tatsache unseres —
immer noch — Unglaubens". Der Schluß von der Einmaligkeit des
Sterbens und Auferstehens Jesu auf die Plötzlichkeit und Einmaligkeit
der Bekehrung ist zu beanstanden (vgl. S. 72). Das Literaturverzeichnis
läßt wichtige einschlägige Literatur vermissen.

Basel. Gerh. Heinzelmann.

ICig als Zirkusakklamation in Byzanz.

Bei der Sammlung von Belegen für die Elg i'/foV-Akklamation
ist mir leider ein wichtiges Zeugnis entgangen, auf das ich nachträglich
noch aufmerksam machen möchte. Es findet sich im Zeremonienbuch
des Konstantinos Porphyrogennotos. Das Zeremonienbuch
beruht auf der Vereinigung eines älteren Akklamationen- und eines
Zeremonienbuches durch Konstantin Porphyrogennetos (s. darüber
zuletzt G. Millet in Recueil d'etudes dediees ä la memoire de N. P.
Kondakow, Prag 1926 S. 279 ff.). Die in 1 69. 71. 73. mitgeteilten
Zirkus-Akklamationen müssen z. T. in recht alte Zeit zurückgehen,
wie auch Millet hervorhebt. Für uns ist in erster Linie von Bedeutung
, daß unter ihnen auch die EU .V-eoc-Akklamation vorkommt.
In I 69, 71 und 73 lautet die Akklamation nur einfach: EU 6 öWf.
In I 70 ist sie mit der oöiooy-Akklamation kombiniert worden:
Elg 6 ,»eöV, <ri> a'xovg ao)oov. Für die moxin'-Akklamation vergl.
mein Buch: El( 9/eös, Epigraphische, formgeschichtl. u. religionsge-
schichtl. Untersuchungen (Göttingen 1926) S. 167. 171. 317. Die
byzantinische Zirkusakklamation hat den Artikel zwischen eis und
&eög, der sonst gewöhnlich fehlt. Jedoch ist die eis iV-eo'c-Formel
mit Artikel auch epigraphisch gesichert, vergl. die Bemerkungen
auf S. 30 zu Nr. 77 meines Buches. Über das Problem des fehlenden
Artikels s. das. S. 200. 203. 269. Im Martyrium der hl. Katherina
liest die rec. A. die Akklamation: Elg 0-e'og zähl ygioxiaviov (Viteau
S. 20), rec. B. dagegen: Eis i &eog xiöv ygtaxiaxmv (S. 37),
rec. C. endlich: Miyag u 9-eiig xiox ygioxiaviov. Diese Stellen
beweisen, daß zwischen der dg-Akklamation mit od. ohne Artikel
ebenso wenig ein begreiflicher Unterschied besteht, wie zwischen der
elf- und der fiiyag-Akklamation (über den Zusammenhang von elf-
und ue'yrtc-Akklamation s. m. Buch S. 196. 231. 268. 327.). Es ist
hier nicht der Ort, die Zirkusakklamationen im Zeremonienbuch im
einzelnen durchzugehen. Natürlich fehlt die vxä -Akklamation so
wenig wie die aäeop-Akklamation. Aber auch die uiZt (-Akklamation
kommt vor. Vergl. I 71 Au£et vixxv x(Sv ßahov.

Ich benutze die Gelegenheit, um an dieser Stelle noch einige
Ergänzungen zu Ausführungen in meinem Buch zu geben. Zu S.
143 wäre noch nachzutragen, daß A. Jarde in seinem Buch: Etudes
critiques sur la vie et le regne d'Alexandre Severe. Paris 1925
neuerdings wiederum (S. 17 ff.) den apokryphen Charakter der
Akklamationen in der Vita Severi behauptet hat. Derselbe hat

a. a. O. S. 17 Anm. 7. das in te omnia, per te omnia in der Akklamation
V. Severi 7,6 (s. mein Buch S. 143) mit der Akklamation
| Cassius D. LXXVIII 20,2 xoixov eyofxsg niinxa iyofiei' ver-
I glichen. Es ist ihm entgangen, daß Diadumenus 2: Antoninum
habemus, omnia habemus eine viel schlagendere Parallele ist. —

Da das Problem des Akklamationsrufes liturgiegeschichtlich
bedeutsam ist (Akklamationen bei der Kommunion), mache ich
darauf aufmerksam, daß die Kaiserakklamationen im Kult der Arval-
brüder, soweit sie nach Beendigung der Mahlzeit gesprochen werden
, (a. a. S. S. 144), in einen Augenblick fallen, in dem sich
die Teilnehmer einer Mahlzeit sonst bonam mentem, bonamque
valetudinem zu wünschen pflegten. (Petron. 61. C. Trimalch. S. 285) —
Zu S. 148 füge hjnzj: Wie ipmvi) die Bedeutung von Akklamation
hat, so kann qimveiv Bezeichnung für akklamator. Rufen sein. B. G.
U. III 925 s. Wilcken, Grundzüge S. 56 und Meautis in Rev. de
| philol. 1916 S. 51. — Zu S. 154 Anm. 1 wäre noch hinzuzufügen,
i daß die Beischrift: Victoria aeterna sich häufig auf Kaisermünzen
findet, Cohen, Septim. Sev. nr. 387—391; Caracalla nr. 341—342;
Geta nr. 186 u. s. w. s. a. C. J. L. VIII 9754; XIV 2257. —
Daß der IM'.rauv-Ruf zum antiken Gebetsstil gehört, zeigt
das Gebet an Apis bei Xenophon, Ephesiaka V 4, 10. — Da die
profane Verwendung des miserere- und iXirjoiix -Rufes (a. a. O. S.
167) noch immer nicht ausreichend beachtet ist, mache ich auf fol-
! gende Stellen aufmerksam: „Sancte, tui vatis, Caesar, miserere
serenus" in Porfyrii carmina ed. Kluge nr. II Z. 1, 18, 35: Ferner:
Geschichte des hl. Ephraem c. 39. Eine Sünderin wirft sich Ephraem
mit den Worten zu Füßen: „erbarme dich meiner, du Heiliger
Gottes" (Lamy, Ephraem Hymni et sermones II S. 82). In den
apokryphen Apostelgeschichten ist dieser Sprachgebrauch überaus
häufig. — Für die Ausführungen S. 173 f. Anm. 1 ist Ammian.
XV 1,3 von Wichtigkeit: Constantinus... a justitia declinavit ita
i intemperanter ut „aeternitatem meam" aliquotiens subsereret et
orbis totius se dominum appellaret". Orbis dominus ist hier so viel
wie xoniioxgüxwQ und führt notwendig auf den Ximv-Begriff. Die
Stelle bestätigt unsere Behauptung, daß dominus terrarurn und
dominus orbis begrifflich auseinander zu halten sind. — Für die
Verwendung der eis-Akklamation (S. 180f.) ist die Stelle Cassius
Dio LXIII 20,4f. sehr lehrreich. Man ruft Nero zu: 'O'ivuntoioxa
ovä, Ilvfriovixa oer?, Aiyoimxe Avyovaxe, Niiimxi. xiö HgaxXel,
Nigmvi xm AnoXXmi'i, mg eis neoioihyix^g. eig an aimxng.
Avyovaxi Avyovaxe, iega (piont], ucxagioi oi not axovotrtes-
Die Stelle ist auch als Beleg für den an aümroe-Ritt bedeutsam
und für die Verwendung des Makarismos in der Sprache der
Akklamationen interessant. — Zum Topos: Staunen beim Anblick
eines Wunders (S. 193 ff.) vergl. Oppian. V 468 f. (Delphinwunder). —
S. 196ff. Füge zu den Belegen für die fiiyag-Akklamation in der
Wundererzählung noch hinzu: Martyrium Katharinae rec. C. S. 61
(Viteau): mixe xgtc£eci' rixiig nöi' nantoxinxmi' Ini xm üeäuaxi.
Miyag ö iJeiig tillp yiiinriavmi'. — Zu den S. 200 ff. behandelten
Kleinasiatischen Sühninschriften mit der aiyov-Akklamation sind die
neuerdings von J. Zingerle behandelten Inschriften hinzuzurechnen.
I Dreimal findet sich am Anfang die Formel: MtydXrj ur'rjjp Ai'atixig
s. Österr. Jahresh. 1926 Beiblatt Sp. 5. 16. 23. Der' akklamatorische
Sinn dieser Eingangsformel ist auch von Zingerle nicht gesehen
worden. Sehr lehrreich ist in der Inschrift Sp. 17 Z. 23 f. MiyäXm
ovv et 9toi oi tV A&rroig. Die in der xoXaaig sich auswirkende
Soxa/xis führt zu der Erkenntnis: ueyäXot oi ireoi
oi «V A&xxoig. Das ist eine ganz ähnliche Situation, wie sie die
fiiyag-Akklamation in einer großen Anzahl von christlichen Wunder-
erzählungen voraussetzt. — S. 204 habe ich Belege für die
fieyuXrj n'yr;-Akklamati<)n zusammengetragen. Eine Gemme aus Horns,
| über die Cumont in Compt. rend. de l'acad. des inscr. 1926 S. 202
j und Syria VII 1926 S. 347 ff. gehandelt hat, trägt auf der einen
1 Seite (neben astralen Symbolen) die Inschrift MeydXx; tvtll Vtuunc
| xai Eipiaov und auf der Rückseite die (wohl von anderer Hand
i eingravierten) Worte: MiyaXai yägtxeg roT ireoi. Das Wort ydgig
hat hier zweifellos die Bedeutung von Acxau/g und die Verbindung
fj.eyai.xi fom/Hs ist uns grade als Akklamation bezeugt. — Zu
S. 210. Besonders deutlich wird der akklamatorische Charakter
des beneddcite-Rufes aus seiner Verwendung bei den Katharern s.
Jean Guiraud, Cartulaire de N. D. de Prouille Bd. I p. CLXXXVIII
und p. CXC. — Zu S. 216 ff. der Protokollcharakter der
Wundererzählung P. Oay. nr. 1382 ergibt sich auch aus dem
Gebrauch des Wortes xaxaymgi'eiv in Z. 19. Über die
verschiedenen Bedeutungen von xaxaymgi&n', s. Preisigke,
Papyruswörterbuch — S.223. Für evxvyöig als Buchanfang s.P. Bouriant
1: evxvyiäg xu) eyovxi xai avayivmtsxnvxi , fiäXXor efe xm
voovxxi (s. Perdrizet, Terres cuites de la collect. Fouquet p.
XXXIII) und jetzt in der Ausgabe von P. Collart S. 26 Z. 273ff.
Damit berührt sich am meisten — zumal wenn man die
vorher angedeutete Beziehung von Makarismos und Akklamation im
Auge behält — Apoc. 22,7 aaxdgiog 6 rrwfüV xovg Xöyovg xfjg
xiQogjijxetag xov ßißXcov xoi'xov. — Beim Problem der Eingangsformel
(S. 223 f.) hätte ich auch auf die Basmala verweisen