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Ausgabe:

1927 Nr. 20

Spalte:

461-462

Autor/Hrsg.:

Brückner, A.

Titel/Untertitel:

Die Slaven 1927

Rezensent:

Haas, Hans

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461

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 20.

462

gen wußten, und sie haben sich ebenso gegen den „Atheisten
" Spinoza, gegen den Deismus und gegen die Leib-
niz-Wolffsche Philosophie gewandt, die das Unbeweisbare
beweisen will.

An der akademisch-humanistischen Gestaltung ihrer
praktisch-pietistischen Theologie und an der auch die
Orthodoxie umformenden Tendenz auf die Praxis wird es
liegen, wenn die ursprünglich freundlichen Beziehungen,
die zu Cyprian und Fecht, Carpzow und Löscher bestanden
haben, sich nur allmählich gelockert haben;
erst seit etwa 1703 sind die „Unschuldigen Nachrichten"
nach und nach zum Angriff vorgegangen; gegen Pfaff,
dessen Persönlichkeit bekanntlich manche Angriffsflächen
bot, vornehmlich seiner „indifferentistischen"
Unionspolitik wegen; Buddeus ist schließlich von Cyprian
in Gotha förmlich verhört worden wegen seiner
„sonderbaren Meinungen", wobei die naturrechtliche
Tendenz seiner staatsrechtlichen Schriften, der Ausdruck
gustus rerum divinarum und die Wertung der Kabbala
und anderer mvstischer Schriften eine Rolle gespielt
haben. Der Prozeß ist schließlich im Sand verlaufen;
doch letztlich wohl nur deshalb, weil es Buddeus
gelang, entscheidende formale Einwendungen zu machen,
die dem Verfahren den juristischen Boden weggezogen
haben. Der scharfblickende Cyprian — er war in seiner
Art ein wirklich bedeutender Mann — hat erkannt, daß
diese in der Halbheit lebende und wie von selbst im
Bruch der Zeiten den Kompromiß schaffende Theologie,
die den Neubau scheute, der Aufklärung den Weg bereiten
mußte, die da war, wenn der Subjektivismus des
Gefühls zum Subjektivismus des Verstandes und das
Wesen des Christentums — und dazu leitete der Föderalismus
an — in rationaler Interpretation zur natürlichen
Religion geworden war.

Das Referat wird deutlich gemacht haben, daß
ich St.s sorgsames und umsichtiges Buch für eine
hervorragende Leistung halte, die eine für den Dog-
matiker noch immer wichtige, ausgezeichnete Kenntnis
der altprotestantischen Theologie verrät, und die
sowohl für den Theologiehistoriker wie auch für
den Dogmatiker bedeutsam ist. Vielleicht ist die Darstellung
hie und da etwas breit; aber wer selbst die umständliche
Gründlichkeit der alten Herrn aus dem 17.
oder dem Anfang des 18. Jahrhunderts kennt, die Nuancen
nur in Sätzen wiedergeben kann, der ermißt auch,
wie schwierig es ist, hier kurz zu referieren, und doch die
Quellen selbst reden zu lassen oder ein anschauliches
Bild zu zeichnen. Von den Anmerkungen, die ich sonst
noch zu machen hätte, möchte ich nur hervorheben, daß
ich altmodisch genug bin, an den drei Linien der neueren
Theologiegeschichte festzuhalten, der mystischen, der
reformatorischen und der humanistischen; ich glaube,
daß die Reduktion auf zwei Linien, wie sie auch St. vornimmt
, die Eigenart namentlich der mittleren dieser
Linien verkürzt. Wie immer bei tüchtigen und die
Wissenschaft weiter führenden Leistungen, so empfindet
man auch hier gerade die Lücken, die immer noch bleiben
. Das Werk St.s läßt so den Wunsch neu lebendig
werden, daß bald einmal auch die französisch-reformierte
Theologie im 17. Jahrhundert — Amyraut und die
Schule von Saumur — eine monographische, vielleicht
um eine Gestalt konzentrierte Behandlung erfahren möge
, damit wir auch von dieser Seite aus die Vorbereitung
der Aufklärung in der reformierten Orthodoxie deutlich
und sicher erkennen können. Dann wird es vielleicht
auch möglich sein, die Geschichte der theologischen
Aufklärung in Deutschland — und zwar in dieser Ganzheit
, nicht in der Form der Darstellung einzelner Theologen
— zu schreiben.

Berlin. E. S e e b e r g.

Brückner, Prof. Dr. A.: Die Slaven. Tübingen: J.C.B. Mohr
1926. (III, 43 S.) gr. 8°. = Religionsgeschichtliches Lesebuch, 3.

Rm. 2—.

Für die 4. Auflage von Chantepie de la Saussayes Lehrbuch
der Religionsgeschichte hat sich dem Herrn Herausgeber erfreulicherweise
auch für die Religion der Slaven und Litauer der zu ihrer Beschreibung
Berufenste zur Verfügung gestellt: Professor A. Brückner
(Berlin). Den Seiten 506—540 in Band II, die dort seinen gediegenen
Fachbeitrag darstellen, treten als eine sehr willkommene Ergänzung
die 21/i Bogen ausgewählter Berichte zur Seite, die über
den heidnischen Brauch und Glauben der Slaven, Preußen, Litauer,
Zemaiten (Samogitien) und Letten Aussagen enthalten, auf denen
mangels anderer Quellen von Bedeutung jede Darstellung in erster
Linie zu fußen hat. Sehr ergiebig sind auch sie nicht. Und auch das
Wenige, das sie bieten, ist keineswegs von der Art, daß es unbe-
sehens gewertet werden könnte. An dieser erforderten kritischen
Prüfung aber läßt Professor Brückner es nicht fehlen. Zu wünschen
läßt nur sein Übersetzen gelegentlich, dies freilich nur — und das
denn also ein belangloser Mangel — in stilistischer Hinsicht. Die
Verdeutschung des Latein, geflissentlich wörtlich gehalten, erinnert
manchmal, nicht nur in der tindeutschen Häufung der Partizipien, allzustark
an den zugrunde liegenden Text. Hierfür ein Beispiel wenigstens
: „Der dadurch beunruhigte und Wirren im Volke fürchtende
Witowt zog vor, daß das Volk von Christus als von ihm abfiel."
(S. 27).

Leipzig. • H.Haas.

Dal man, Prof. Gustaf: Aramäische Dialektproben. Unter dem
Gesichtspunkt neutestamentlicher Studien. Neu hrsg. 2., erw. Aufl.
Mit deutsch-englischem Wörterverzeichnis. Leipzig: J. C. Hinrichs
1927. (IX, 72 S.) gr. 8°. Rm. 8.50; geb. 10—.

1896 waren die „Dialektproben" erstmals erschienen
! —E. Kautzsch hat sie hier 1897 Sp. 209—211 angezeigt —
und seitdem lange vergriffen. Ihr Neilerscheinen begrüßt
man um so lebhafter und dankbarer, als es sonst
ja nichts Ähnliches gibt. Die neue Auflage enthält alle
Texte der ersten, dazu einen wertvollen Nachtrag
neuer Texte (S. 33—40): vokalisiert ein paar Gleichnisse
und Erzählungen, unvokalisiert einige Sprichwörter,
'■ alles Stücke, die inhaltlich für das Neue Testament
wichtig sind und in diesem Sinne vom Verf. in seinem
„Jesus-Jeschua" behandelt wurden; endlich, als Beispiele
alter Übersetzung aus dem Griechischen, Mt. 5,1—22,
Luk. 8,5—8. 12—15. Mt. 25,1—13 aus dem palästinischen
Evangeliar, in unvokalisierter Quadratschrift —
vergleichshalber sei erwähnt, daß das erste und letzte
dieser Stücke Schultheß in seiner Grammatik des Christlich
-Palästinischen (1924) S. 106 und 111 in syrischer
Schrift bietet. Auch das Wörterverzeichnis ist mehrfach
berichtigt und dem Textzuwachs entsprechend erweitert.
Um das Buch auch im englischen Sprachgebiet einzuführen
, sind die englischen Bedeutungen beigefügt —
wie umgekehrt an Stelle der ausführlichen Grammatik
Dalmans zur ersten Einführung das knappe, aber sehr
geschickte Büchlein von Wm. B. Stevenson, Grammar
of Palestinian Jewish Aramaic (1924), benützt werden
kann, das ständig auf die „Dialektproben" verweist.
Das Vorwort endlich orientiert über die Veränderungen
der neuen Auflage und verteidigt sich gegenüber Schult-
hess, der (Gramm. S. VIII) bemängelt hatte, daß Dal-
man galiläischen Texten die jüdisch-rabbinische Punktation
unterlegt. Schade, daß Schulthess nicht mehr antworten
kann und daß auch die von ihm in Aussicht
gestellte Arbeit über den christlich-palästinischen Dialekt
und seine Aussprache ungeschrieben blieb.

Daß nun aber dieses so bequeme Hilfsmittel, sich
ins Jüdisch-Aramäische einzuarbeiten, wieder vorliegt,
legt allen denen, die es angeht, die Verpflichtung auf,
auch davon Gebrauch zu machen: den Alttestamentlern
wegen des Biblisch-Aramäischen, dem die „Fastenrolle"
und Onkelos sprachlich so nahekommen, und erst recht
den Neutestamentlern, die über Mandäern und Mani-
chäern das alte „tunica propior pallio" nicht vergessen
dürfen, wie ja die Diskussion über ein allfälliges aramäisches
Original des IV. Evangeliums zur Genüge zeigt.

Zu berichtigen weiß ich nur Kleinigkeiten. Für den Anfänger
schiene es mir wünschenswert, daß angegeben wird, zu welchem
Dialekte die einzelnen Stücke gehören. Im Wörterverzeichnis fehlen
373J Itpe. (S. 35 Nr. 5, Z. 3), "|")jj Pe. „bedürfen" (S. 38 Z. 8);
„entschlafen" ist im Text (S. 35 Nr. 4, Z. 1) als:"^^, im Wörter-