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Ausgabe:

1927 Nr. 19

Spalte:

450-451

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Helander, Dick

Titel/Untertitel:

Kant och hans samtids Kyrkliga problem 1927

Rezensent:

Bohlin, Torsten

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 19.

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ihres Wesens als „schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl
"). Auf S. 136 sage ich abschließend, — es sei
„genial", wie Schi, wenn auch nicht kurzweg „die"
Religion, so doch „eine" solche, die „seine" (die vielerlei
historische Ingredienzen gehabt) auf einen Nenner
bringe, der sich wirklich als „Zentrum" in allen
„echten Religionen" erweise. „Genial" auch sei es, wie
Schi, von seinem Religionsbegriff aus „ein ganzes System
von Ideen (die ihm die christlichen sind)
zu bauen verstanden" habe. „Er ist (schließe ich an)
geradezu erst der Schöpfer der theologischen Systematik
. Und davon kann ja gar keine Rede sein, daß
er die Folgezeit nur in Irrtümer verstrickt habe. Er
hat vieles Neue, H o h e , das Verständnis des Christentums
Fördernde aus seinem Schachte, aus
seiner frommen, reichen, hellen Seele emporzuheben gewußt
". Aber, meine ich dann weiter, freilich „doch auch
vieles, das nur für ihn und seine Umgebung ,galt'
und auf die Folgezeit beirrend gewirkt hat, was mindestens
nunmehr zu seinem Ende kommen muß". Wirklich
, wir sind nun mal nicht mehr Romantiker und
haben von der Romantik her doch manches noch erst
abzustreifen. Für das Romantische als solches in
Schi, hat W. zu wenig ein Auge. Auch er selbst will
gar nicht Schi.'s Religionsbegriff und darin wurzelnde
dogmatische Methode einfach fortsetzen, sagt beiden
vielerlei Unzulänglichkeit und Verbesserungsbedürftigkeit
nach. Aber er meint sie eben beide, zumal die
Methode, auch nur „verbessern" zu brauchen. So
will er Schleiermacherianer, aber „in höherer Ordnung"
(wie Schi. Herrenhuter) bleiben. Er hat eine höchst
komplizierte Eigenmethode an die Schi.'sehe Methode
angeschlossen. Es ist ihm anscheinend kaum begreiflich,
daß jemand da nicht mitgeht. W. will, das unterliegt mir
keinem Zweifel, auf seine Weise, also im Anschluß an und
in Fortbildung von Schl.'s Grundidee über die Religion
und die Methode, rechter evangelischer Glaubenslehre, dem
Evangelium und zwar, wie er von sich bezeugt,
in dem Verständnis das uns Luther erschlossen, weiter
die Bahn brechen, als der evangelischen Theologie
bisher (auch Schi.!) gelungen. Von daher sein Pathos,
die Leidenschaftlichkeit seines Streitens für Schi. —
in dem Maße als er ihn gelten läßt! Er wird mir
denke ich, keine andere Absicht zutrauen, als in meiner
Weise (wie ich für nötig halte, unter strengerem Bruch
mit Schl.'s „Methode" und persönlicher Haltung) auch
und nur dem Evangelium zu dienen und Luthers
Grunderkenntnissen über es, so gut ich kann, zu weiterem
vollerem Siege zu verhelfen. — Auch E. Brunner
hat in keinem Sinne eine andere Absicht! Er benutzt
nur Schi., in bewußt einseitiger (wie auch ich urteile
nicht zu billigender) Betonung seiner „Mystik", (unter
Absehen von andern Momenten bei ihm) als Kon-
trastrelief für seine Bewertung des „Worts". Aber
in nicht viel anderer Weise, nur in umgekehrter Richtung
, „verwendet" auch W. Schleiermacher einseitig,
daß ich so sage, wie sein Sprungbrett. Schl.'s Methode
als Idee müsse bleiben. Ich habe versucht, Schi,
zuerst als Historiker allseitig zu charakterisieren
und allseitig zu seinem Rechte zu bringen, ziehe dann
erst als Systematiker meine Konsequenzen.
(Das müßte W., meine ich, ruhiger zu würdigen
wissen.)

Wobbermin hat in seiner Rede nicht zum ersten Mal sich widei
mich gewandt. In ihr versucht er offenbar, sich in gewissem Maße
mir gegenüber zu zügeln. In einem Aufsatze in der „Christi. Welt"
(1927, Nr. 3) redet er davon, ich wolle Schleiermacher den jetzigen
jungen Theologen „verekeln"!! Ich denke nicht daran; das wissen
meine Schüler. Er selbst, meint er wohl, suche ihn zu ver-
edelen. Gelingt es ihm, von Schl.'s „Methode" aus Luther und
dem Evangelium besser die Bahn zu brechen, als ich Schi, gegenüber
zu tun suche, so bin ich der erste, der sich mit ihm und für ihn
freut. In dem Zusatz I zu seiner Rede, spricht er — es ist schon
milder gewordene Ausdrucksweise der ersten gegenüber — davon,
es sei „Naivität" bei mir („nur aus meinem überwiegenden Historismus
zu verstehende": ich bin nun mal in seinen Augen kein
Systematiker!), daß ich „die theologisch-systematische Arbeit unter

Ausschaltung Schleiermachers unmittelbar an Luther anzuknüpfen"
empföhle. Ich habe darüber gelächelt, daß ich bei meinen 76 Jahren
gar noch „naiv" sein soll. W. deutet an, daß ich nicht nur Schi.,
sondern auch Kant nicht zu würdigen wisse: „Darauf gerade beruht
Schleiermachers Bedeutung, daß er das kritische Denken
Kants in die theologische Arbeit eingeführt und doch (sie!) zugleich
das Glaubensverständnis Luthers erneuert hat." Daß Schi, das
„Glaubensverständnis" wirklich Luthers wiedergewonnen habe, beanstande
ich und schränkt W. alsbald selbst ein. Über Kants
Bedeutung für die Theologie gerade auch Schl.'s, habe ich in meiner
„Geschichte der Theol. seit Schi." eigens und in sorgfältig erwogener
Weise gehandelt. Ob ich ihm gerecht werde oder nicht, steht dahin.
Wenn W. sich offenbar vorstellt, ich kenne Kant nichi recht, so darf
ich sagen, daß ich seit mehr als fünfzig Jahren ihn mir nahe zu
bringen versucht, nach meinem Vermögen seine Grundtheorien immer
wieder durchdacht habe. Wobbertnin ist ja auch kein junger Mann
mehr, er nähert sich dem 60. Lebensjahre. Wie sollte er nicht vielleicht
vieles sich erworben haben, das auch mir immerhin beachtliches
Neues böte. Mich hat das Leben nicht so selbstgewiß gemacht
als ihn. Vielleicht weil ich nicht nur Systematiker, sondern
auch Historiker immer gewesen bin.

Noch ein kurzes letztes Wort zu „Zusatz III" P. Erich Przy-
wara S. J., (den auch ich in seiner Art zu würdigen weiß), hat
Wobbermins Sympathie gewonnen, sofern „auch ihm" deutlich geworden
sei, daß die evangelische Theologie (in der Methode) von
; Schleiermacher nicht weichen dürfe; „daß jeder Versuch, grundsätz-
| lieh hinter Schleiermacher zurückzugehen, zugleich hinter die
Reformation selbst zurückführen müsse". (Die Sperrung
ist von mir). Ich habe die beiden Aufsätze Przywaras in den
„Stimmen der Zeit" 1926, auf die W. sich bezieht, nicht gelesen
(kenne nur seine „Religionsphilosophie"); was W. über seine Argumentation
mitteilt, macht sie nicht allzu klar. Mich interessiert per-
i sönlich an dieser Mitteilung, daß sie mich über eine Bemerkung
W.'s in dem schon zitierten Aufsatz in Chr.W. 1927, 3 aufklärte.
! Wie W. sich da ausdrückt, hat er sich angesichts meiner Schleier-
! macherbewertung „unwillkürlich an den Kopf gefaßt". Wolle man
i mir folgen, so würde das „ja die evangelische Theologie um hundert
i Jahre — vielmehr es würde sie hinter die Reformation
i (von W. gesperrt) zurückführen'7. Ich verstand dies Urteil nicht,
] verstehe es auch trotz „Zusatz III" nicht sehe nun doch aber, wie
W. darauf gekommen ist. Vielleicht hätte er sich an das alte „Timeo
Danaos" erinnern dürfen.

Halle. F. Kattenbusch.

Heiander, Dick: Kant och hans samtids Kyrkliga problem.

Leipzig: O. Harrassowitz 1926. (133 S.) 4°. = Lunds Universitets
Arsskrift. N. F. Avd. 1. Bd. 21. Nr.

Der Verfasser gibt im Ganzen mit Klarheit und
; Übersichtlichkeit Kants Gedanken über die Kirche und die
i damit zusammenhängenden Probleme wieder. Das Ma-
| terial wird natürlich hauptsächlich aus der Religion
I geholt, aber auch andere Schriften kommen in Betracht,
besonders Der Streit der Fakultäten.

Nach einer Bestimmung von Kants allgemeiner Auf-
I fassung der Kirche im Vergleich mit der Kirchenauffassung
der Orthodoxie, des Pietismus und des Rationa-
j lismus wird Kants Auffassung von der Entstehung und
j Organisation der Kirche dargelegt, wobei der Verf. unterscheidet
zwischen was er eine „normative" Linie
nennt, auf der die Kirche in herkömmlicher Meinung
mit „einem ethischen gemeinen Wesen unter der göttlichen
moralischen Gesetzgebung" identifiziert wird, und
' einer historizierenden Linie, wo Kant mit Ausgangspunkt
von der „Schwäche" in der Natur des Menschen die
historisch bestimmten Religionsformen mehr positiv zu
bewerten sucht als „Leitmittel" für den reinen moralischen
Glauben, gleichzeitig wie er ein Entwicklungsprinzip
geltend macht, dem gemäß die historisch gegebenen
Formen dem Glauben überflüssig werden, im
selben Maße wie eine Näherung zum sittlichen End-
s ziel geschieht. In einem dritten Kapitel werden Kants
t Aussprachen über das Verhältnis zwischen Kirche und
Theologie referiert, wobei eine besondere Aufmerksam-
| keit der Auffassung Kants von der Schriftauslegung und
der Lchrfreiheit gewidmet wird. Ein viertes Kapitel berichtet
von Kants Auffassung des gottesdienstlichen Lebens
der Kirche, wobei der Verf. unterscheidet zwischen
der rein „ethischen" Linie, auf der der Gottesdienst überhaupt
bloß eine Bezeichnung für das sittliche Leben ist,