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Ausgabe:

1927 Nr. 18

Spalte:

425-426

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herz, Johannes (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Die Verhandlungen des 33. Evangelisch-Sozialen Kongresses in Saarbrücken am 25. - 27. Mai 1927 1927

Rezensent:

Bornemann, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 18.

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Summe von Argumenten bereitgestellt, die wertvolle Dienste zu
leisten berufen sei (S. 160). Zweifellos haben nicht alle, die an
der Weimarer Verfassung schaffenden Anteil hatten, es ebenso gemeint
; ebenso zweifellos aber haben die beteiligten Zentrumsabgeordneten
es so gemeint, wie hier dargestellt wird. Für die gerade in den
Auseinandersetzungen der nächsten Zeit sehr wichtige Frage, welches
nun die Meinung „des" Oesetzgebers sei, bietet Sch.s Buch einen
wertvollen, freilich vom Standpunkt einer Seite geschriebenen
Beitrag.

Breslau. M. S c h i a n.

Der soziale Geist in der evangelischen Kirche der Gegenwart

und die evangelisch-soziale Arbeit im Freistaat Sachsen. 2., erweit
. Aufl., hrsg. vom kirchl. Ausschuß f. soziale Arbeit in den
Bezirken Zittau und Löbau von Gerhard B e m m a n n. Herrnhut i.
Sa.: G. Winter (1927). (214 S.) 8«. Rm. 3.50.

Mehr als fünfzig gut ausgewählter Zeugnisse (Reden
und Aufsätze) für den sozialen Geist in der evangelischen
Kirche sind hier aus den letzten Jahren (nur
ein paar greifen weiter zurück) zusammengestellt, in
erster Linie um der sozialen Arbeit in den Bezirken
Zittau und Löbau zu dienen, aber diese besondere Ab-
zweckung beschränkt nicht den Nutzen des Buchs für
andere Bezirke. Es kann die besten Dienste für die
Verbreitung und Vertiefung des evangelisch-sozialen Gedankens
und für die praktische Arbeit tun. Der Verfasser
schließt die Vorrede mit den Worten: „Gott
schenke der blühenden Maienzeit des evangelisch-sozialen
Geistes in unsrer Kirche eine reich gesegnete
Frucht". Man darf sich freuen, daß ein Mann, der
selbst mitten in der sozialen Arbeit steht, unsre Zeit
so zuversichtlich beurteilt.

Berlin. Adolf v. H a r n a c k.

Die Verhandlungen des 33. Evangelisch-Sozialen Kongresses
In Saarbrucken am 25.—27. Mai 1927. Nach den Manuskripten
u. stenogr. Niederschriften hrsg. v. Johannes Herz. Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht 1926. (174 S.) 8°. Rm. 3—.

Das vorliegende Heft ist von besonderem Reiz
und Wert. ,Saarabien', seit Langem die Stätte sozialer
Bestrebungen und Auseinandersetzungen und heutzutage
auch als Grenzland von ganz besonderer Bedeutung,
hatte seine Anziehungskraft bewährt und bot dem Kongreß
einen wohlbereiteten und fruchtbaren Boden. Generalsekretär
Pfarrer Herz hatte seine Aufgaben in vortrefflicher
Weise gelöst. Die Predigt von Präses D.
Wolf wies die Versammelten auf den Pfingstgeist hin.
Die Begrüßungen und Ansprachen auf dem öffentlichen
Volksabend waren geeignet, die Herzen zu erwärmen.
Neben den alten Koryphäen des Kongresses, Baumgarten
, Rade, Titius, Walter Classen u. a., trat diesmal
der neue Vorsitzende, Rekhsgerichtspräsident Dr. Simons
auf, der vorzüglich leitete und redete. Die Aussprache
in den beiden Hauptversammlungen hielt sich
durchweg auf anerkennenswerter Höhe und war vielseitig
und fruchtbar. Der erste Hauptvortrag, von Lic.
Georg Wünsche-Marburg gehalten und mehr wissenschaftlich
eingestellt, untersuchte und bejahte die Möglichkeit
der Beeinflussung wirtschaftlicher Vorgänge aus
sittlichen Grundsätzen; er prüfte die Berechtigung des
Schlagwortes von der ,Eigengesetzlichkeit' der Wirtschaft
und forderte die Ausgestaltung einer Wirtschafts-
ejhik, wozu sich auch die Versammlung trotz der vorliegenden
Schwierigkeiten bekannte. Unmittelbar aus der
Praxis kommend und für die Praxis bestimmt war das
Thema der 2. Hauptversammlung ,Die Lebens- und
Arbeitsverhältnisse der erwerbstätigen Jugend in
Deutschland', worüber auf Grund einer veranstalteten
großzügigen Enquete Professor Dr. Zimmermann-Hamburg
und — über die weibliche Jugend — Frau Krukenberg
-Kreuznach ausgezeichnet berichteten. Beide Berichte
ergeben ein vielgestaltiges Bild, aus dem eine
ganze Reihe charakteristischer Züge sich deutlich hervorheben
und bestimmte Aufgaben stellen. So weckt
das Studium dieses reichhaltigen Protokolls wachsende
Spannung. Ich wünsche es in die Hände aller Nationalökonomen
, Theologen und Lehrer wie überhaupt aller

derer, die sozial eingestellt und besonders mit der Erziehung
der Jugend betraut sind. Man kann hier nicht

, nur die schönen und bedeutenden Tage des Saarbrückener
Kongresses im Geiste nacherleben, sondern vor allem
für die eigne Arbeit und Einstellung wertvolle und maß-

! gebende Gesichtspunkte und Winke empfangen.

Frankfurt a/Main. w. Bornemann.

Schulte, Dr. phil. Franz: Herzog Ferdinand und Herzogin
Julie von Anhalt-Cöthen. Eine relig.-geschichtl. und relig.-
psychol. Studie. Gothen (Anh.): Verlag d. Sachs. Tageblattes
1925. (140 S. m. Abb. u. Taf.) 8". Rm. 4—; geb. 5—.

Die hundertjährige Wiederkehr des Tages, an dem Herzog
Ferdinand von Anhalt-Cöthen und seine zweite Gemahlin Julie,
Halbschwester des preußischen Königs Friedrich Wilhelms III., in

I Paris zur katholischen Kirche übertraten (24. Okt. 1825), hat den
katholischen Pfarrer Schulte in Cöthen veranlaßt, „das religiöse
Lebensbild dieses edlen Romantikers auf einem Fürstenthron neu so

, zu zeichnen, daß das alte Zerrbild endlich vernichtet wird, das
konfessionelle Polemik, blinde politische Leidenschaft und religiöse

i Unduldsamkeit entworfen haben". Was den Herzog, der schon als
Fürst von Pleß mit dem Katholizismus sympathisierte, der katholischen

| Kirche in die Arme trieb, war (wie bei den meisten Konvertiten)
ihre imponierende Einheitlichkeit und Geschlossenheit gegenüber den
Meinungsverschiedenheiten und dem Subjektivismus im protestantischen
Lager, bei der vierundzwanzig Jahre jüngeren Herzogin in

| ähnlicher Weise der massive Dogmatismus. Dazu kam, daß sie von
der romantischen Zeitströmung erfaßt wurden, die ihnen der österreichische
Generalkonsul in Leipzig Adam Müller nahebrachte. Was
dem Buch seinen Wert verleiht, ist die Verwendung neuen Quellenmaterials
aus dem Pfarrarchiv der katholischen Kirche St. Maria in

j Cöthen, besonders der Briefe, die zwischen Cöthen und Paris (an
den Erzbischof, den päpstlichen Nuntius, den Minister des Auswärtigen,

| den König Karl) hin und her gegangen sind. Eindrucksvoll ist die
Parallelisierung des gereizten vorwurfsvollen Schreibens Friedrich
Wilhelms III. an seine Schwester nach ihrem Übertritt mit dem
Schreiben, das Kaiser Wilhelm I. am 3. Okt. 1874 an die übergetretene
Königin Marie von Bayern, gleichfalls eine geborene Hohenzollern-
prfnzessin, richtete, und dem „Exkommunikationsbrief" Wilhelms IL
vom 7. August 1901 beim Übertritt der Prinzessin Anna von
Preußen, Landgräfin von Hessen.

Zwickau i. S. O. C lernen.

Houtin, Alb.: Un Pretresymboliste: Marcel Hebert (1851—1916).

Paris: F. Rieder. (357 S.) Fr. 10—.

In Marcel Hebert lernen wir eine der anziehendsten und vornehmsten
Gestalten kennen, wie sie der an scharf geschnittenen
Charakterköpfen so reiche französische Modernismus aufzuweisen hatte.
Als Sohn lothringischer Eltern 1851 in Bar le Duc geboren, widmete
er sich, einem inneren Drange seiner tiefreligiösen Seele folgend, dem
geistlichen Stande und erwarb sich bei seinen Lehrern wie Mitschülern
, zu welchen der spätere Kardinal Amette von Paris gehörte
, das Lob eines nicht bloß glänzend begabten, sondern auch
musterhaft frommen, bescheidenen und gewissenhaften Studenten. 1876
zum Priester geweiht, war er zunächst auf dem Lande in der Seelsorge
, dann aber als Erzieher in einem angesehenen Pariser Institute,
der Ecole Fenelon, tätig; mit zärtlicher Liebe und Verehrung hingen
die Zöglinge noch über sein Grab hinaus an ihm. Seine Lieblingsstudien
galten der Kantischen Philosophie; mit Duchesne engstens
befreundet, arbeitete er fleißig an seinem Bulletin Critique mit. So
kindlich jedoch sein Glaube in der Zeit seiner Jugend gewesen war,
so ward er doch mehr und mehr an ihm irre, da er all das furchtbare
| Leiden und Übel der Welt mit der kirchlichen Lehre von einem all-
I weisen und allgütigen Schöpfergotte nicht zu vereinbaren vermochte,
I überdies auch durch die Bedenken, welche Duchesne erhob, zu
ernsten Zweifeln an der Auferstehung und Gottheit Christi gelangt
war; bald lag das ganze Gebäude seiner kirchlichen Rechtgläubigkeit
in Trümmern. Er sah nun in den kirchlichen Lehren nur mehr
j Einkleidungen und Sinnbilder, Symbole tieferer Wahrheiten, — eine
I Auffassung, welche er zuerst in seinem Zwiegespräche „Piaton und
Darwin" aussprach, das im Frühjahre 1893 in den „Annales de
I Philosophie chretienne" erschien und am Schlüsse seinen Gedanken-
i inhalt in den Versen eines bekannten Hymnus des hl. Thomas zusammenfaßte
: „Sub diversis speciebus — Signis tantum et non rebus —
Latent res eximiae." Es gab damals in Frankreich eine ganze Kirche
| katholischer Atheisten, die es gerne hatten, wenn ihnen gescheite
Priester ein friedliches Zusammenleben mit der Kirche ermöglichten;
einer ihrer Führer, K. Maurras, eignete sich Heberts Symbolismus',
, der ja auch kirchlich noch ungerügt war, sofort freudig an. Zwar
beschwerte sich eine adelige Dame, Mutter eines seiner Zöglinge,
über Heberts unkirchliche Lehren beim Kardinale Richard von Paris
welcher nun Heberts Vorgesetzten zur Rechenschaft vorlud, sich aber
bei dessen Erklärung beruhigte: „Eminenz, die Dame wähnt, Gott