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Ausgabe:

1927 Nr. 18

Spalte:

422-423

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zwingliana. Mitteilungen zur Geschichte Zwinglis und der Reformation. 1926, Nr. 2. (Bd. IV

Titel/Untertitel:

Nr. 12.) 1927

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 18.

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den Geist des Luthertums in Nordamerika, andernteils
die Art des Unterrichts an den theologischen Lehranstalten
dort. Ich muß ja freilich hinzufügen, daß
es in den Vereinigten Staaten Nordamerikas eine Mehrzahl
selbständiger lutherischer Kirchen gibt, die nicht
in jeder Beziehung sich gleich sind. Das ist ja auch in
Europa nicht anders. Im einzelnen die Unterschiede
derselben zu bezeichnen, hat für uns hier nicht viel
Interesse. Sie stehen zum größeren Teil nicht sowohl
unsern lutherischen Landeskirchen zur Seite als den
Separationen, die wir unter dem Namen Altlutheraner
kennen, überwiegend ist unter den Lutheranern der
Vereinigten Staaten das deutsche Element. Je länger
je mehr hat es sich jedoch der Sprache des Landes, also
der englischen, erschlossen. In welchem Maße das
Luthertum dort sich noch der deutschen Sprache im
Gottesdienste oder in sonstiger gemeindlicher Weise
bedient, weiß ich nicht. Im rein kirchlichen, bzw. eigentlichen
religiösen Sinn hat es die Fühlung mit
dem deutschen Luthertum durchaus nicht verloren, sucht
sie vielmehr, gerade jetzt nach dem Kriege wieder besonders
zu stärken und fruchtbar zu gestalten. D. Neve
hat (1904) selbst in deutscher Sprache (er ist m.
W. geborener Holsteiner) eine „Geschichte der luth.
Kirche Amerikas" geschrieben. Ich kenne sie leider
nicht. Da ich auch nie selbst in Amerika war, reicht
meine Kenntnis der verschiedenen Denominationen,
„Synoden" wie sie sich selbst zu bezeichnen pflegen,
nicht weiter als wie sie der sehr ausführliche Artikel
„Nordamerika, Vereinigte Staaten" in PRE 1 (Hauck),
Bd. 14, 1904 und der knappere, aber auch recht übersichtliche
Artikel in RGG. Bd. V („Vereinigte Staaten
von N.-A."), 1913, ermöglichen. Wiefern die Ereignisse
seither ändernd eingewirkt haben, wiefern es zu Neubildungen
, etwa neuen „Vereinigungen" unter den Lutheranern
, Annäherungen in Sonderheit unter den deutschen
Synoden dort gekommen, ist mir nicht bekannt, vermag
ich auch aus dem Buche von D. Neve, das ich im
Augenblick anzeigen soll, nicht zu entnehmen. D. Neve
selbst gehört zur Ohio-Synode, die bei aller grundsätzlichen
Treue gegen das lutherische Bekenntnis im
Sinne des Konkordienbuchs als ganzen, doch die Augustana
im besonderen hochhält, sie als eigentlich
„Das Bekenntnis" ansieht, (N. nimmt gern die Bezeichnung
derselben als „Augapfel" seinerseits mit auf:
man kann zum Vergleich an die spezifische Hochhaltung
des Apostolikums unter den „ökumenischen Symbolen
" denken, wie das gesamte Abendland sie übt).
Übrigens übt die Synode auch die Unterscheidung
von articuli fidei fundamentales und non oder minus
fundamentales in den Bekenntnisschriften ernstlich. Die
Schriften des Konkordienbuchs neben der Augustana,
in's besondere die Konkordienformel, gelten für N. und
im Sinne seiner Synode dabei als die autoritativen I n -
terpretatJonen für die Augustana, wo man über
diese nach ihrem eigenen Wortlaut zweifelhaft
sein könne. Soweit ich sehe, ist die Ohio-Synode, ohne
irgendwie latitudinarisch zu sein (wie die sog. „Generalsynode
", die älteste, aber trotz ihres beibehaltenen
Namens auch nur partikulare „lutherische" Vereinigung
[sie ist zu unterscheiden von dem sog. „General
k o n z i 1 ", einer auch nur partikularen, aber streng
konfessionellen Gruppe, zu der u. a. die Ohio-Synode
mitgehört: Die General „ s y n o d e " ist seit langer Zeit
spezifisch „amerikanisch" eingestellt, wir würden sie
unionistisch und liberal nennen]) — die Ohio-Synode,
sage ich, ist die weitherzigste spezifisch lutherische
Gruppe in den Vereinigten Staaten. Die Artikel, auf
die es ihr ankommt, sind echt lutherisch nach dem
Maße etwa des Gnesioluthertums weder den Philippismus
.

Das Buch von N. ist gedacht als Hilfsmittel für
Studenten: es will diesen die Lektüre bzw. das sorgfältige
Selbst Studium der Einzelstücke des Konkordienbuchs
, insonderheit der Augustana, nicht etwa erlassen,

vielmehr gerade aufnötigen. N. gibt knappe, recht geschickte
Einleitungen zu jedem der Bekenntnisse, dann
aber überwiegend nur Inhaltsübersichten in Form gewissermaßen
von Überschriften oder thesenhaften Zusammenfassungen
der einzelnen Artikel, so zwar daß bei
weitläufigen Ausführungen, etwa der Apologie (oder
auch des Gr. Katech. Luthers, gar bei der Konkordienformel
), in knapper Form die Entwicklung des Qedanken-
gangs des jeweiligen Abschnitts gezeigt wird: Der
Student soll an der Hand der Stichworte sich dann
selbst in die betreffende Schrift einarbeiten. Wir in
Deutschland könnten das N.'sche Buch recht gut bei
Seminarübungen brauchen, wenn es nicht englisch geschrieben
wäre. Bei weitem den Hauptraum des Buchs
nimmt die Augustana ein, S. 83—307. Hier bietet N.
im Grunde auch einen vollen Kommentar, nur doch
eben so, daß man auf Schritt und Tritt sieht, wie der
„Student" angetrieben wird, sich nicht mit dem „Kommentar
" als Ersatz des Selbststudiums zu genügen,
sondern ihn nur als Beihilfe zu solchem zu nutzen.
Den Abschnitt über die Konkordienformel (S. 400 bis
444) hat N. nicht selbst geschrieben, sondern Dr. Georg
J. Fritschel überlassen, der am Wartburg-Seminar
zu Dubuque in Jowa Professor ist und ein eigenes
Werk über sie verfaßt hat (The Formula of Concore!,
its Origin and Contents. Philadelphia 1916).

Bei jedem Einzelstücke wird sehr sorgfältig die Literatur
registriert: die Hauptwerke vorab in einer Übersicht, die Spezial-
arbeiten zu einzelnen Problemen meist erst in Anmerkungen. Daß
da mancherlei sich ergänzen läßt, ist im Grunde selbstverständlich.
Nach einer „Introduction" über den Begriff und die Autorität eines
1 „Symbols" (S. 22—39) gibt N. eine Skizze der Forschung über die
oekumenischen Symbole. Das gehört ja zur Sache. Ich darf
wohl notieren, daß ihm beim Apostolikum ein Mißverständnis untergelaufen
ist. Ganz mit Recht stellt er C. P. Caspari und seine
Forschungen in den Vordergrund. Aber wenn er dabei als Werk des
trefflichen Deutsch-Norwegers notiert: „Das apostolische Symbol
. Seine Entstehung, sein geschichtlicher Sinn, seine ursprüngliche
Stellung im Kultus und in der Theologie der Kirche. Vol. I Die
Grundgestalt des Taufsymbols, Leipzig 1894", so ist
das ein Irrtum. Das ganze Werk stammt von mir. N. bemerkt
(S. 41): „vol. II (!) of this work was written by F.
Kattenbusch Leipzig 1 9 0 9." Dieser 2. Band erschien schon
in Wirklichkeit 1900. Sonderbarerweise notiert N. selbst wenige Zeilen
nachher: ,,A great work in two volumes has been published by
F. Kattenbusch: Das Apostolische Symbol, Leipzig 1894 and 1900."

Sehr mit Freude sah ich, daß N. das Subjekt der Rede in der
Augustana gemäß dem lateinischen Texte richtig versteht. Das
erste Wort „Ecclesiae" in art. 1 (das fortwirkt durch das Ganze)
ist nicht etwa Genitiv zu dem angeschlossenen „magno consensu",
sondern Nominativ zu dem „apud nos docent". Es kann darüber gar
kein Zweifel walten, wie ich in einem kleinen Aufsatz in den Theol.
Studien und Kritiken, 1920/21 (93. Jahrg., S. 115f.), übrigens nicht
als erster, gezeigt habe und weiter beweisen könnte, wenn jemand
widerspräche. Ich habe hier das Richtige schon vor mehr als fünfzig
Jahren durch Chr. H. Weisse gelernt. O. Zöekler hat die
Konfusion angerichtet, der die meisten seither erlegen sind (mit unter
Einwirkung des undeutlichen deutschen Textes des Bekenntnisses).
Neuestens erst habe ich gesehen, daß auch K. Thieme erkannt
hat, daß „ecclesiae apud nos" das Subjekt ist; s. seinen Artikel , Bei
uns lehren die Gemeinden", Christi. Welt 1912 (26. Jahrg.), Nr. 4
(S. 84 ff.). Wie die Vorrede zum deutschen Text des Bekenntnisses
zeigt, ist an die „Prediger" gedacht. Melanchthon hat in der
Augustana dem Kaiser vorführen wollen, was die „Gemeinden bei
uns" im Namen des Evangeliums als rechten Glauben vertreten, sich
predigen lassen, er meint damit zu beweisen, daß „wir" durchaus
treu zu „der Kirche" stehen.

Halle. F. Kattenbusch.

Zwingliana. Mitteilungen z.. Gesch. Zwingiis u. d. Reformation, hrsg.
vom Zwingliverein in Zürich. 1926, Nr. 2 (Bd. IV, Nr. 12). Zürich-
Berichthaus. (S. 353—384.) gr. 8». Fr. 1.50.

Auf die Stellung der Reformatoren zur Musik kommt
A. E. Cherbuliez zu sprechen in dem Aufsatz:
Zwingli, Zwick und der Kirchengesang. Unter Hinweis
auf Zwingiis Beherrschung einer Reihe von Musikinstrumenten
nennt ihn Ch. den musikbegabtesten unter den
Reformatoren. Daß er die Musik aus dem Gottesdienst
verbannte, sucht d. Vf. zu erklären aus theologischen
und psychologischen Gründen, die er vor allem Zwing-