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Ausgabe:

1927

Spalte:

19-21

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Amiel, Henri-Frédéric

Titel/Untertitel:

Fragments d‘un Journal intime. Tome I - III 1927

Rezensent:

Katz, Peter

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19 Theologische Literaturzeitung 192/ Nr. 1. 20

das Collegiutn theologicum nach Leiden 1598—1604, | sam geformtes Staffeleibild in die Freiluftstudie auf,

dann auf die dortige Universität, wo damals Gomarus,
Arminius, Vulcanius und Scaliger wirkten. Ob er seinen
Wunsch, in Deutschland zu studieren, ausführte, bleibt
offen. Über seine Wirksamkeit in Amerika, die Einrichtung
und Organisation der Gemeinde, auch seinen
Konflikt mit dem Gouverneur unterrichten sehr eingehend
von E. neu aufgefundene Briefe; das Lebensende
ist unbekannt. — Das Ganze ist ein wertvoller Beitrag
zur Geschichte der Kolonisation und der Missionskraft
des holländischen Calvinismus.

Zürich. W. Köliler.

Amiel, Henri - Fr&i£ric: Fragments d'un "Journal Gnlime.

Edition nouvelle conforme au texte original augmentee de fragments
inedits et precedcc d'une introduction par Bernard Bouvier. Fronti-
spicesgraves sur bois par P.-E. Vibert. Tome I—III. Genf: Georg
& Cie. (III, LXI, 337, III, 343 u. IV, 437 S.) 8°. = Collection
Helvetique. s. Fr. 30—.

Bouvier, Bernard: Henri-Frederic Amiel. översättning frän
författarens Manuskript av Anna Bohl in. Stockholm; Svenska
Kyrkans Diakonistyrelses Bokförlag, 1925. (376 S.) 8°.

schvv. Kr. 5,75; geb. 7,— .

Amiel, II.-Fr.: En drömmares dagbok. Urval och översättning
av Klara Johanson. 7., wesentlich erneuerte Aufl. Stockholm:
Wahlström Rt Widstrand, 1925. (XII, 294 S.) 8 schw. Kr. 7,50.

1. Von Amiel war hier schon einmal die Rede, als ich
T. Bohlins Studie anzeigte, die ich demnächst deutsc.i
vorlege (Jh. L. Z. 1923 Nr. 23 Sp. 496/7). Sie hat unterdessen
ein andres Gesicht bekommen, wie unser Bild
von Amiel auch. Die zweibändige Ausgabe des Tagebuchs
, die seit 1882/3 in verschiedenen von einander
etwas abweichenden Auflagen erschien und allen bisher
erschienenen Übersetzungen in die andern Kultursprachen
zugrundelag, wollte die Herausgeberin, Amieis vertraute
Freundin Fanny Mercier (1836—1918), zuerst Caracte-
ristique du Penseur nennen — Amiel selber hatte eine
Sammlung Sittensprüche in Vierzeilern // Penseroso genannt
(1858). Was Amiel bei Lebzeiten sich nie abzuringen
vermochte, zwang die vielbeschäftigte Lehrerin,
die cherc calvinisie, petite sainte, chretienne, die Sensitive
, Seriosa, Fida, Stdica den Nachtstunden des Trauerjahres
ab: sie stellte aus den 16900 Seiten der 174 Hefte
Tagebuch, treu dem letzten Willen Amieis, einen Band
von etwa 500 Seiten zusammen. Nicht nur räumlich
wollte sie ihm zur Geschlossenheit helfen. Nein, alles
mehr Zufällige, Alltägliche, Banale oder Unkonventionelle
sollte fallen. Der Text sollte, von aller Vergänglichkeit
gereinigt, das Testament des „Denkers" sein,
der in ihr fortlebte. Das führte zu Retuschen dort, wo

aus der es F. M. gewonnen hatte (Bouviers Einleitung
S. XLV). Nun sehen wir, daß bis in Amieis Referat
hinein die korrigierende Feder eingegriffen hatte.

Ich komme dabei auf ein von Gottfried Bohnenblust (Neue
Zürcher Zeitung 1923, Nr. 1367 ff., 4 Artikel) ausgezeichnet gewähltes
Beispiel zurück: Nach einer Predigt Adolphe Monods in Saint-
Gervais, 9. 11. 1851, führt Amiel auf zwei Seiten die angeregten
Gedanken fort. Monods Thema war „Paulus oder das tätige Leben",
nachdem er am Vorsonntag über „Johannes und das innere Leben des
Christen" gepredigt hatte. Den Schluß der Inhaltsangabe Amieis und
die darauffolgende kritische Kennzeichnung muß man im alten,
Mercierschen, und im authentischen, Bouvierschen, Text nebeneinander
lesen:

M I B

„Peuple de Dieu, reveille-toi!
Seme avec larmes pour moisson-
ner avec chants de triomphe 1"
— „Quelle ctude que celle d'une
predkatlon parcille; qua de tre-
sors d'habi'ite ä admirer en meme
temps qu'on nleure! Diction, compositum
, images, tout est instruetif
et precicux ä recueillir. J'ai ete
emerveiile, remue, saisi."

„Peuple de saint Paul, leve-
toi et ä l'ceuvre! Paul a pleurd,
mais il triomphe. Aujourd'hui
comme lul, demain avec lui." —
„Diction, composition, ressources,
dehit, images, tout est instruetif,
etonnant, precicux ä recueillir.
Quelle etude infinic que celle
d'une heure pareiile; que de tre-
sors d'hahiüte ä admirer en meme
temps qu'on pleure!"
Sehr richtig sagt Bohnenb'ust: „Man kann sich denken, wie sehr
bei solcher Zensur das Tagebuch ais Bekenntnis zurücktritt. Amiel
sagt und klagt, daß er sich immerzu entpersönliche. Der Text F. Ms
stelll diesen Vorgang möglichst als vollendete Tatsache hin" .. „Es ist nie
angenehm, ein Buch, das wir lieben, sein Antlitz derart verwandeln
zu sehen". Es gilt schon auch hier, was man J. O. Wallin, dem
Schöpfer des geltenden schwedischen Gesangbuchs von 1819, in Rückgabe
seines eignen Ausdrucks, bitter gesagt hat: er habe den Staub
von den zu bearbeitenden Liedern „mit sehr kräftigem Atem" weggeblasen
.

Es mögen auch objektive Gründe für F. M.s Verfahren gesprochen
haben. Wieder vergleicht Bohncnblust aus seinem Schweizer
Gesichtskreis ausgezeichnet: „Der Fall liegt ähnlich wie der Leui-
holds: es ist klar, daß wir heute das Wort auch dieses Dichters
lesen und hören wollen, wie er es geschrieben hat. Trotzdem bleibt
es wahrscheinlich, daß sein Werk seinerzeit ohne Geibel, Keller und
Bächtold spurlos verschwunden wäre". Nun erleben wir das Wunder,
daß der echte Amiel mit seinen vielseitigen Interessen, mit seiner
mimosenhaften Feinfühligkeit für Alles, was das Metischsein einschlicht
, mit seinem encyclopädischen Ausgreifen und dem unbestechlichen
Bohren in die Tiefen der Probleme des Makrokosmos draußen
und des Mikrokosmos in der eignen Brust, eine Zeit vorweggenommen
zu haben scheint, die die Generation nach seinem Tod ausfüllte, eine
Zeit, von der wir uns erst heute in schmerzlichem Ringen befreien,
in der Hoffnung doch, ihr Bestes in die heraufzuführende Zukunft
hinüberzuretten.

Amiel steht nun als die reichste Seele, ja, Bouvier

aer in inr Tortieote. uas tunrte zu Kctuscn.cn dort, wo sagt a]s der größtc Moralphilosoph romanischer Zunge
die Sprache gehobener, der Gedanke „würdiger", die , in der Schweiz vor uns. Von Zeitgenossen aus seinem
Haltung priesterlicher gemacht werden sollte. Umredt- j Heimatland darf man nur Nietzsche und Burckhardt in
gierungen des Textes finden sich auf jeder Seite. Ist : Basel nennen. Was er sich selber vorwirft, die Über-
Amiel gerade darin so unromanisch, daß er den Falten- ; fülle der nebeneinandergesetzten Kennzeichnungen sei-
wurf der Rhetorik als Versuchung, Blößen zu decken, , nes sprachlichen Ausdrucks, lassen uns mitansehen, wie
verschmäht und seinen Ruhm in sciilichter Unmittel- ; die Gedanken bei ihm auftauchen, sich überschneiden und
barkeit, die nach keinem Effekt schielt, sieht — „Wollte j einen oft unentschiedenen Kampf ausfechten. Nichts
ich interessant und beredt nach franzosischer Manier i Bewegendes aus dem reichen Jahrhundert der Geseilt
, so weiß ich, was dazu nötig ist. Aber im Allge- j schichts- und Naturwissenschaft ist Huri fremd keinem
meinen vermeide ich, zu gefallen, mit gleicher Sorgfalt, i i<ampf geht er aus dem Weg. Und grade dies, daß sein
wie Andre darnach streben" (ungedrucktes Fragment bei j Herz, das feurige, zarte, zum Schlachtfeld wird, ist das
Bouvier (2) S. 147 v. 16. 6 1860 —, so wirft ihm die Ergreifendste. Das Ringen wird zum Leiden, die um-
Nachlabvollstreckerin unbarmherzig das Gewand über, ! fassende Sympathie zum Miterleiden der Geburtsohne
das man in der gebildeten Gesellschaft des Jahr- j schmerzen der neuen ersehnten Welt,
zehnte nicht erscheint. Selbst Edmond Scherer, der 2. Der Ausspender dieser Schätze, Bouvier, hat ein

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eben durch B. Bouvier als jungen Studenten — 1882
für den Plan gewonnen wurde und auch die Einleitung
schrieb, fügte sich widerstrebend dieser Methode wonl-
meinender Bevormundung, die auch in F. Merciers Aus

reiches Vorwort beigegeben. Seine zehn Uppsalenser
Olaus - Petri-Vorlesungen zeichnen Leben und Welt
Amieis unter grundsätzlicher Beibringung fast durchweg
bisher, auch in der dreibändigen Ausgabe des Tage-

gfb Mhveu Ha"d A'' l887^ grundsätzlich die : buchs, ungedruckten Tagebuch- und Briefmaterials. Von

gleiche blieb. ihm dürfen wir eine Auswahl der Briefe sowie eine

Und jetzt stellt B. Bouvier, dem, endlich! die Ver
fügung über den Text zugefallen war, Amieis Hand wieder
her. Nun fallen die undatierten Sprüche am Ende
jeden Jahres, die teils dem Tagebuch, teils Briefen, teils
Gedichten entnommen waren, nun löst sich manch sorg-

Biographie erwarten, die die vorläufige von Amieis
andrer nahstehender Freundin, Berthe Vadier (Paris
1886) entbehrlich machen wird. Möc.ite Bouvier Leben
und Kraft erhalten bleiben, daß er gebe, was nur er vermag
! Mit diesem Wunsch schließt die Anzeige, die