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Ausgabe:

1927 Nr. 16

Spalte:

363-364

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Karman. Ein buddhistischer Legendenkranz 1927

Rezensent:

Franke, R. Otto

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363

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 16.

364

zur Illuminaten-Mystik, zur Empfindungs-Mystik, zur Natur
-Mystik. Die Parallelen, die O. anführt, sind zum
Teil in der Tat schlagend, und sehr glücklich weiß er
nicht nur für einzelne Sanskrittermini neue und treffende
deutsche Äquivalente zu geben — eine Gabe, die bereits
in seinen Ubersetzungen hervortrat — sondern sogar

manche Worte Eckarts durch Formeln Sankaras wiederzugeben
. Vom ersten zum zweiten Teil leitet dann ein
kurzer Abschnitt über, in welchem die Besonderung
des mystischen Gefühls überhaupt an Beispielen entwickelt
wird. Der zweite Teil des Buches behandelt die
Unterschiede zwischen den Anschauungen der beiden
Meister. O. stellt dem Brahmanen des indischen Mittelalters
in wirkungsvollem Kontrast den Menschen der
deutschen Gotik gegenüber und zeigt die tiefe Wesensverschiedenheit
beider auf. Für Sahkara ist das Brah-
man stille, unbewegte Geistigkeit, für Eckart ist Gott

die Einheit von Ruhe und bewegter Spontaneität. Sahkara
will den Weg zeigen, der von der Unwissenheit
des Fürwahrhaltens einer illusorischen Welt befreit und
von den trügerischen Leiden des Samsära erlöst, Eckart
hingegen sieht in seiner in's Mystische gewendeten
Rechtfertigungs- und Gnadenlehre das Heil darin, daß
der Mensch frei wird von der Sünde und daß sein Wille,
in Harmonie mit dem göttlichen, in freudiger Tat wirkt.
Der Weise, der das Ideal des Vedänta darstellt, steht
jenseits von Gut und Böse, in stolzer Einsamkeit ist
er erhaben über sittliche Pflicht und kultische Satzung,
der demütige Christ aber betätigt sich in der von ihm im
tiefsten Sinne als gottdurchwaltet erkannten Welt in
Werken der Liebe gegen Gott und den Nächsten. Der

Heilige Sankara's ist voll-beruhigt, wenn er seine Identität
mit dem Absoluten realisiert hat, bei Eckart aber
strebt die Seele, auch wenn sie in das Wesen der Gottheit
eingedrungen ist, weiter, sie „sucht fürbaß" und
„versinkt immer mehr in dem Abgrund der Gottheit,
also daß sie nimmer Grund findet."

In seinem dritten Abschnitt und im Anhang behandelt
O. das Verhältnis von Fichte zum Advaita
die Mystik der „zwei Wege" bei Schleiermacher, die
Einheitsschau bei Kant und Fries sowie eine Reihe
anderer, das Wesen der Mystik betreffende Fragen.
Auch in den beiden ersten Abschnitten werden in Exkursen
andere Formen der Mystik jn neuartiger Weise
beleuchtet, so der Yoga, das Mahäväna u. a.

Jede Zeile des Buches legt Zeugnis davon ab, daß
hier nicht ein Mann spricht, der auf Grund von trockener
Buchgelehrsamkeit ein Bild von mystischen Systemen
entwirft, die ihm innerlich fremd sind, sondern ein
Denker von tiefer Religiosität, der sich auf Grund eindringenden
Quellenstudiums und feinsinnigen Verständnisses
in das Seelenleben einer früheren Zeit und eines
fremden Volkes einzufühlen weiß und die seltene Gabe
besitzt, es anderen durch seine Darstellung nahezubringen
. In seiner Stoffbeherrschung und Objektivität gehört
O.'s Werk zu dem Besten, was von einem christlichen
Theologen über indische Religiosität geschrieben worden
ist und wird hoffentlich dazu beitragen, daß die vielen
irrigen Vorstellungen über indische Mystik, denen man
heute leider noch so oft in theologischen Kreisen begegnet
, verschwinden. Dem Indologen gibt das Buch
reiche Anregung durch die selbständige Betrachtungsweise
vieler Probleme, die erneut zeigt, wieviel Licht
auf manche Fragen fällt, wenn sie von dem Gesichtspunkt
einer anderen Disziplin aus untersucht werden.
Berlin. Helmuth von Glasenapp.

Karman. Ein buddhistischer Legendenkranz. Uebers. u. hrsg. v.

Heinrich Zimmer. München: F. Bruckmann 1925. (VII, 224 S.

m. 1 Taf.) 8°. Rm. 4—; geb. in Pappe 5—; in Lwd. ö—.

Sanskrit Karman bedeutet lexikalisch „Handlung", „Werk",
„Tun" und ist religionsgeschichtlich die stehende Bezeichnung des
mystischen Fortwirkens jeder Handlung in nächste, fernste und
allerfernste Zukunft und des Auskostens sowohl guter wie böser

Folgen durch den Tuer der Werke in den Wiedergeburten der Seelenwanderung
: „Gute und reine Tat, niedrige und gemeine reifen allzumal
; und jeder erntet die seine" (S. 101); „Nicht in alle Ewigkeit
geht, was wir getan, zugrunde. Alles reift zu seiner Zeit und wird
Frucht zu seiner Stunde". Zimmer hat aus dem nordbuddhistischen
Legendenwerke Divyävadäna (3. Jh. n. Chr.) vier Geschichten, die von

| diesem Karman handeln, gut ausgewählt und richtig, geschmackvoll
und flüssig übersetzt. Die eingestreuten Verse, von denen die beiden
eben angeführten als Probe dienen mögen, sind wohllautend und
schwungvoll in gereimten Versen wiedergegeben. In der Obersetzung
sind nur einige unerhebliche Kleinigkeiten zu verbessern:
z. B. ist Tathägata doch kaum mit „ein in der Wahrheit gekommener
" zu übersetzen (S. 83; 177; 193. Was soll das übrigens be-

| deuten?), sondern „der so gegangen ist" (d. h. den rechten Weg

| vollendet hat). Es wäre zu wünschen, daß dieser Begriff in diesem
Sinne endlich zur Ruhe käme. S. Ref., Dighanikäya in Auswahl über-

{ setzt. Ein in Z.'s wohlgepflegter Sprache abgefaßtes „Beiwort"
(S. 199—226) beschließt das wohlgelungene Bändchen.

Königsberg i.Pr. R. Otto Franke.

JIrku, Prof. D. Dr. Anton: Der Kampf um Syrien-Palästina
im orientalischen Altertum. Leipzig: J. C. Hinrichs 1926.
(28 S.) 8°. = Der Alte Orient, Bd. 24, H. 4. Rm. 1.20.

Kurze Betrachtungen über die durch den Weltkrieg in Syrien-
I Palästina geschaffene Lage (1. u. 6.) geben den Rahmen ab für die
Darstellung der von 3000—5S6 v. Chr. um Syrien-Palästina geführten
Kämpfe: Von 3000—1900 vereinzelte Vorstöße der Ägypter, Baby-
! lonier und Hethiter, 1700—1600 die Hyksos-Zeit (2.); 1600—1200
j Herrschaft der Ägypter, unterbrochen durch die Chabiru-Einfälle.

Kampf zwischen Ägyptern und Hethitern. Einströmen babylonischer
I Kultur (3.); Staatenbildungen der Israeliten und Aramäer (4.);
| Unterwerfung Syriens und Palästinas durch die Assyrer und Neu-
babylonier (5.).

Einer in so großen Zügen verlaufenden Darstellung gegenüber
hat die Kritik am einzelnen zu schweigen. Aufs ganze gesehen, wird
das Heft seinem Zweck, dem Leser eine Vorstellung von den im
orientalischen Altertum um Syrien-Palästina geführten Kämpfen zu
; geben, gut erfüllen. Es wäre noch mehr der Fall, wenn der Verf.
I bei Unterdrückung dieser und jener Einzelheit die historische Bedeutung
der wichtigsten Vorgänge stärker unterstrichen hätte.

Halle (Saale). Otto Eißfeldt.

Reitzenstein, R.; Die hellenistischen Mysterienreligionen
nach ihren Grundgedanken und Wirkungen. Vortrag,
ursprüngl. geh. in dem wissenschaftl. Predigerverein f. Elsass-
Lothringen, den 11. Nov. 1909. 3., erweit. u. umgearb. Aufl.
Leipzig: B. G. Teubner 1927. (VIII, 438 S. m. 2 Taf.) gr. 8».

Rm. 14—; geb. 16—.

Diese Publikation — zuerst (1910) ein Vortrag,

; dann ein Buch (1920), nun ein umfangreiches Werk,
den erweiterten Vortrag und 20 Beilagen umfassend —
ist dem Andenken Dieterichs und Boussets gewidmet
, die nach U s e n e r die Stammväter dieses

j Zweigs der Religionswissenschaft gewesen sind; aber
der Verfasser gehört selbst zu den Begründern, und mit

{ den „hellenistischen Mysterienreligionen" wird sein Name
für immer verknüpft bleiben. Art und Geist dieses
Werks ist den Fachgenossen bekannt: Eine ausge-

| breitete Gelehrsamkeit, ein ungewöhnlicher Eifer in Bezug
auf die Erkenntniß des Dunkelsten und ein leidenschaftlicher
Drang zur universalgeschichtlichen Synthese, letztlich
im Interesse der Erforschung der urchristlichen Ent-

! wicklung, zeichnen es aus. Hinter diesem Drang tritt
die Beachtung der sehr verschiedenen Ebenen, auf denen
die verwerteten Quellenzeugnisse liegen, zurück, ebenso
die strenge Würdigung der verschiedenen Zeiten, aus
denen sie stammen, nicht minder endlich die Erwägung,
daß die Vergleichung von noch so bedeutenden Einzelheiten
der Religionen in Kultus, Lehren und Begriffen
unsicher bleibt, so lange nicht zuvor das Ganze derselben
nach Ziel und Aufbau bekannt ist und die Stufen
ihrer über Jahrhunderte sich erstreckenden Entwicklung
samt allen Bedeutungsänderungen deutlich geworden
sind. Ich vermag nicht anders zu urteilen, als daß alle
Synthese, die es mit den hellenistischen Mysterienreligionen
der Kaiserzeit, dem genuinen nachexilischen Judentum
, dem jüdischen Gnostizismus, Philo, dem Gnostizis-
mus, dem Manichäismus, mit „Hermes" und gar mit den
Mandäern auf dem Hintergrund der mesopotamischen
und iranischen Religionen zu tun hat, noch zu früh
kommt, ja ich muß noch einen Schritt weiter gehen: