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Ausgabe:

1927 Nr. 15

Spalte:

351-353

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte und Untersuchungen. Nr. 89 - 92, 23. Jahrg 1927

Rezensent:

Wolf, Gustav

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 15.

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in Ereignissen der letzten Jahre Analogien sucht und
findet. Von diesem Gesichtspunkt aus wertet er nun die
verschiedenen Berichte: die aus dem Lager der Fürsten
enthalten, je weiter sie die Ereignisse hinter sich haben,
um so mehr Wahrheitsmomente; der Anlaß einer Rechtfertigung
des eignen Tuns fiel ja weg; umgekehrt die
Berichte aus dem Lager der Bauern; je näher dem Ereignis
, desto wertvoller; der Druck des Siegers konnte
sich noch nicht in seiner ganzen Schwere auswirken und !
Darstellungen hervorrufen, die weit über die Tatsachen
hinausschießen. Wenn Bärwald als Quellen ersten Ranges
nun auch die dem Ereignis unmittelbar folgenden
Berichte der Fürsten wertet, so möchte er den bei
Bensen (H. V. Geschichte des Bauernkrieges in Ostfranken
Erlangen 1840 S. 334) abgedruckten Brief der
Haufen von Mühlhausen an die von Mellrichstadt, doch
nicht ohne weiteres verwerfen. (Warum hat man denn
das Original, aus dem Bensen schöpfte, noch nicht zu
eruieren gesucht?). Auch den 3 Druckschriften mißt er
eine ganz andere Bedeutung bei als noch Droysen u. a. j
Den „glaubwürdigen und wahrhaftigen Unterricht" wertet
er als Rechtfertigungsschrift aus der sächsischen
Kanzlei; in der „Histori Thome Müntzers" sieht er
einen Niederschlag der bäuerlichen Überlieferung, wenn
sie auch sonst sich gegen die Empörer wendet. Vor
allem aber sieht er in der von Droysen und Falkenheiner
verworfenen dritten Schrift: „nützlicher Dialogus"
eine wichtige Quellenschrift. Hier kommt die Stimmung j
der Bauern zum Vorschein. Auf dem Grund dieser Wer- [
tung und Bewertung der Quellen bauen sich nun die
einzelnen Untersuchungen auf. Dabei kommen diese nun
zu manchen Ergebnissen, die die bisherigen Darstellungen
einschneidend korrigieren. So sehr man die Grundsätze
, die bei dieser Darstellung befolgt wurden, billigen
und verstehen kann, so sehr möchte man andrerseits
Lenz beipflichten, daß sich das Dunkel, das über manchen
Episoden jener Tage liegt, nur dann restlos lichten
wird, wenn neue Quellen gefunden werden. Auch noch
so scharfsinnige psychologische Beobachtungen können
über ein „Wahrscheinlich" nicht hinaus führen.

Roth. Karl Schorn bäum.

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte u. Untersuchgn. Im
Auftr. d. Vereins f. Reformationsgesch. hrsg. v. Walter Friedensburg
. XXIII. Jahrg. Leipzig: M. Heinsius Nachf. 1920.
(320 S.) 3°. Rm. 12—.

O. Albrechts Abhandlung „Luthers Arbeiten an der Obersetzung
und Auslegung des Propheten Daniel in den Jahren 1530 und
1541" führt uns in die Werkstatt der Weimarischen Lutherausgabe und
verfolgt einen doppelten Zweck. Als nämlich Luther 1530 seine
Übersetzung des Daniel erstmalig veröffentlichte, fügte er ihr einen
Widmungsbrief an den Kurprinzen Johann Friedrich und eine besondere
Vorrede hinzu. Letztere blieb auch bei der Gesamtausgabe der
Prophetenübersetzung als besondere Einführung in den Daniel, also
mitten im ganzen Werke, stehen und wurde seit 1541 noch erweitert.
Da die verschiedenen Lutherausgaben Widmung und Vorrede ganz
abweichend behandelt haben, trat an die Unternehmer der Weimarischen
die Frage heran, welches Verfahren sie zu beobachten hätten.
Zweitens aber ergab sich ein neues Problem, weil vom Widmungsbrief
, einem Teile der umgearbeiteten Vorrede und Stücken der Übersetzung
Originalhandschriften aufgetaucht sind und textkritische Berücksichtigung
erheischen.

Ein Artikel von Th. Wotschke, „Zur Gesch. des Anti-
trinitarismus" sucht im Gegensatze zu Dalton aus einem Gothaer
Kodex, der zum Nachlasse Cyprians gehört, nachzuweisen, daß Fürst
Nikolaus Radziwill antitrinitarischen Ansichten gehuldigt habe und
für dieselben eingetreten sei.

Hildegard Zimmermanns Aufsatz „Vom deutschen Holzschnitt
der Reformationszeit" mit dem bezeichnenden Untertitel „Kunstgeschichte
als Hilfswissenschaft der Reformationsgeschichte" will zunächst
auf das große Werk von Max Geisberg, „Der deutsche Einblattholzschnitt
in der ersten Hälfte des 16. Jahrh.s" hinweisen und
hebt die historisch merkwürdigen Darstellungen daraus hervor. Außerdem
enthält er auch Fingerzeige, welche allgemeingeschichtlich-methodologisch
interessant sind. Unsere Lehrbücher unterscheiden zwar
mündliche, bildliche und schriftliche Überlieferung als historische
Quellen, gehen aber bei der Einzelbetrachtung über die zweite Art
kurz hinweg. Tatsächlich bietet dieselbe jedoch nach verschiedenen

Richtungen Interesse. Je nachdem die Bilder Originale oder Kopien sind
und je nach dem Künstler, von welchem sie herstammen, geben sie die
Wirklichkeitseindrücke lebendiger oder mangelhafter wieder und liefern
dadurch unter Umständen wertvolle Aufschlüsse, für welche eine noch
so zuverlässige andere Berichterstattung von Augen- und Ohrenzeugen
nicht ausreichen würde. Namentlich gilt dies von den in Geisbergs
Sammlung stark vertretenen Porträts. Des weiteren bildeten die
biblisch-religiösen Darstellungen ein wichtiges Unterrichts- und Propagandamittel
; mit Recht erwähnt die Verfasserin besonders einen
großen Tafeldruck der Vaterunsererklärung mit Cranachschen Illustrationen
und seine Wichtigkeit für die Katechismusforschung.

Kalkoff vereinigt in seiner Studie „Die Crotuslegende und
die deutschen Triaden" zwei Themata. Teils angespornt durch seine
eigenen Forschungen über Hutten und dessen Umwelt, teils veranlaßt
durch Merkers Hinweis (in seinem „Der Verfasser des Eccius dedo-
latus usw."), daß Crotus zwar seit alters epochemachende Tragweite
eingeräumt wird, daß wir aber von ihm im Grunde wenig
wissen, untersucht er die sicheren Anhaltspunkte für die Kenntnis
seiner Entwicklung und Eigenart. Es sind deren freilich wenige, so
daß von seiner Biographie vieles dunkel bleibt; immerhin gestatten
sie, Crotus' Rolle als wesentlich bescheidener, wie man meist annimmt
, zu kennzeichnen und vor allem einzelne bisher für besonders
markant gehaltene Episoden, z. B. sein Erfurter Rektorat, als Beweis
seines Quietismus hinzustellen. Offenbar war es dieser allgemeine
biographische Hintergrund, welcher Kalkoff auf die deutsche Triadensammlung
in Böckings Huttenausgabe führte. Jul. Freund hatte sie
als Quelle von Huttens Vadiskus und als Schöpfung des Crotus erkannt
. Diese Annahme wird von Kalkoff erfolgreich widerlegt. Ob
er aber mit seiner eigenen Vermutung Recht hat, daß Wimpfeling die
Sprüche, welche unter den in Rom seßhaften Deutschen entstanden
seien, zusammengestellt habe, bedarf noch der näheren Prüfung.

Eine kleine Kontroverse zwischen O. C lernen und P. Kalkoff
knüpft sich an Huttens angeblichen Bücherraub. Es handelt
sich um die Frage, ob Hutten des Diebstahls überführt sei, weil er
aus der Fuldaer Klosterbibliothek drei Handschriften mitgenommen
und nicht wieder zurückgebracht hat. In seinem Huttenbuche hatte
Kalkoff die Bejahung dieser Frage benutzt, um sein Charakterbild des
Ritters zu rechifertigen. Clemen betrachtet dagegen diese Tatsache noch
nicht als einen genügenden Beweis für eine derartige Anklage. Ich kann
nicht finden, daß Kalkoff diese Verteidigung Huttens entkräftet hat.
Seine Replik gegen Clemen redet m. E. um die Sache herum und
gewinnt teilweise einen rabuüsiischen Anstrich. Z. B. will er nicht
namens haben, daß er Hutten als Bücherdieb hingestellt hätte. Was
bedeutet aber der Vorwurf des Bücherdiebstahls anderes? Zum Begriffe
eines Diebes genügt doch ein einmaliger Diebstahl, ist nicht
eine fortgesetzte Handlungsweise nötig. Ferner ist für die Schuldfrage
völlig gleichgiltig, ob Huttens Gegner die eine dieser Handschriften,
auf der Ebernburg erbeuteten oder ob Hutten seine Habe durchs
Oberelsaß flüchten wollte. M. E. hat Kalkoff den Nachweis, daß
Hutten die Handschriften sich rechtswidrig anzueignen und nicht
zurückzugeben gedachte, in keiner Weise erbracht.

G. Lösche teilt „Zwei Wiener Stammbücher aus der Zeit der
Gegenreformation" mit. Sie enthalten längere oder kürzere Bibeloder
sonstige Sinnsprüche von verschiedenen Einzeichnern, häufig
verziert mit Illustrationen, wie das noch heute bei der heranwachsenden
Jugend üblich ist. Gewähren solche Einträge an sich psychologisches
und kulturgeschichtliches Interesse , so erhöht Lösche den
Wert seiner Veröffentlichung ganz wesentlich durch eigene Zutaten.
Denn erst wenn es möglich ist, die einzelnen Personen, von denen die
Einträge herrühren, festzustellen oder wenigstens Spuren von ihnen
anzudeuten, gewinnen die Sprüche ihre volle wissenschaftliche Bedeutung
.

Anni Koch handelt von der „Kontroverse über die Stellung
Friedrichs des Weisen zur Reformation". Sie richtet sich vor allem
gegen die Abhandlung von Frl. Wagner in der Ztschr. f. Kirchengesch.,
aber auch gegen die Aufstellungen Max Lehmanns und Th. Koldes
und verteidigt Kalkoffs These von Kurf. Friedrich, dem zielbewußten
Anhänger und Förderer der lutherischen Sache. Nun ist ohne weiteres
zuzugehen, daß Koldes Forschungen heute vielfach überholt
sind und daß Frl. Wagner, eine wissenschaftliche Anfängerin, und?
Lehmann, dessen Haupttätigkeit auf ganz anderen Gebieten lag, sich
mit Kalkoffs intensivem jahrzehntelangen Einleben in die gesamte
damalige Zeit nicht messen können, daher manche Schwächen aufweisen
. Anderseits ist Kalkoffs Standpunkt aher noch lange nicht
dadurch gesichert, daß Frl. Koch einzelne Einwände gegen ihn als-
nicht stichhaltig widerlegt. Die Gründe, welche den Wettiner bestimmt
haben, könnten an sich ebenso gut äußerlicher oder passiver
Natur wie Früchte innerer fester religiöser Überzeugung sein. Gerade
neuerdings hat Kirn in seinem Werke über Friedrichs Kirchenpolitik
wichtige Tatsachen angeführt, die eine von Kalkoff abweichende
Auffassung rechtfertigen, auch wenn man allen Sätzen Frl. Kochs
zustimmen würde.

Wotschkes kleiner Artikel über den Trübauer Superintendenten
Satbauch ergänzt Lüsches Gesch. des Protestantismus in