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Ausgabe:

1927 Nr. 14

Spalte:

321-322

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sickenberger, Joseph

Titel/Untertitel:

Kurzgefaßte Einleitung in das Neue Testament. 3. u. 4., verb. Aufl 1927

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 14.

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das Werk rechnet, in der Mehrzahl der Fälle selbst

sagen.

Jenseits der kritischen Beanstandungen stehen natürlich
Besonderheiten der Interpretation im einzelnen, die
nicht mit der Methode oder den Grundfragen der Urteilsbildung
zusammenhängen. H. hat die Anschauungen,
auf deren Vertretung er besonderen Wert legt, in der
Einleitung genannt; einiges davon wie von dem, was ich
mir selbst bei der Lektüre angemerkt habe, will ich zur
Orientierung des Lesers hier mitteilen, ohne mein eigenes
Urteil hinzuzufügen.

Mk. 7, 1—25 stellt den entscheidenden Bruch Jesu mit dem
Judentum dar. Die „Verklärung" deutet das Messiashekenntnis des
Petrus, tfixatoavvi} »eoS bei Paulus ist Gottes Vollkommenheit,
die der Messiasgemeinde durch Gottes Gnade unter Vergebung der
Sünden zugesprochen und am Gerichtstage Gottes geschenkt ist.
Rom. 16 ist ein Anhang an eine von Paulus nach Ephesus geschickte
Abschrift des Römerbriefes. Gal. ist von Korinth nach Südgalatien
geschrieben. Der Mittler Gal. 3,19f. einigt eine Vielheit sich widerstrebender
Willen. Act. 2 ist eine „zweifellos mißlungene Darstellung";
die Quelle erzählte von der neu auftretenden Glossolalie. Der Schluß
der Apg. beweist, daß der Vf. eine Fortsetzung geben wollte; „aber
daß sie verloren wurde, nachdem er sie gegeben hatte, ist auch nicht
anzunehmen"; der Canon Muratori kennt mit „passio Petri" und
,,profectio Pauli ab urbe ad Spaniam proficiscentis" vielleicht Bruchstücke
der nicht vollendeten Fortsetzung. Der Lieblingsjünger von
Jon. 13 ist eine ideale Figur im Stil der Deipnosophisten, Joh. IS ist
ein anderer gemeint, 19,35 ein Zeuge, der mit geistigem Auge schaut.
Das Johannesevangelium ist von Justin abhängig. Apc. 13,18 ist die
Zahl 616 zu lesen und auf FATOE KAIEAP alt Name Cäsars und
gleichzeitig seines Adoptivsohnes Augustus zu beziehen, von deren
Erfolgen letztlich das vom Apokalyptiker bekämpfte Unheil herrührt.

Das ganze Werk stellt den kritischen Referenten
wieder einmal vor die schwere und oft behandelte Frage
nach dem für Pfarrer zu schnellster Orientierung brauchbaren
Kommentar. Es wird deutlich geworden sein,
daß ich in dem Werk von H. zwei Forderungen nicht
erfüllt finde, die m. E. an eine solche Erklärung gestellt
werden müssen. Sie müßte m. E. die Leser mit der gegenwärtigen
Lage der Forschung vertraut machen, ganz
unabhängig davon, ob der Verf. diese Lage günstig oder
kritisch beurteilt. Die zweite Forderung, die ich stellen
würde, geht darauf, daß ein solcher Kommentar die
religiöse Welt des Neuen Testaments, d. h. das Wort
Gottes an die Menschen und die Haltung des Menschen
zu Gott, wenn auch nur in Umrissen, so doch mit aller
Bestimmtheit und vielleicht unter Absetzung von anderen
möglichen und wirklich gewesenen Lebenshaltungen verdeutlichen
müßte. Das ließe sich auf knappstem Raum
erreichen, wenn dafür auf jede psychologische Unter-
malung verzichtet würde. Aber ich muß bekennen, daß
ich eine ganze Anzahl der Forderungen, die nach meinen
Erfahrungen sonst noch an ein solches Werk zu richten
wären, bei H. erfüllt finde: gedrängte Kürze, Erklärung
aus einem Geist, Verbindung mit einer Übersetzung,
praktische Einrichtung sowohl für die Zwecke kursorischer
Lektüre wie für schnelles Nachschlagen. Das
Werk soll und will die vorhandenen Kommentare nicht
ersetzen; innerhalb der angedeuteten Grenzen wird es
einen Dienst tun.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Sickenberger, Prof. Dr. Joseph: Kurzgefaßte Einleitung in
das Neue Testament. 3. u. 4., verb. Aufl., 5. -7. Tsd. Freiburg i.
Br.: Herder & Co. 1925. (XIV, 148 S.) kl. 8°. = Herders Theologische
Grundrisse. Rm. 2.30; geb. 3.20.
Sickenbergers Einleitung (1. Aufl. 1916, 2. Aufl. 1920) ist in
Form und Inhalt das alte Buch geblieben, knapp und zuverlässig
orientierend, ohne die Forschung durch originelle Gedanken weiter
zu führen. Daß der Umfang von 166 auf 148 Seiten zurückgegangen
ist, liegt nur daran, daß der Druck gedrängter ist. Von einigen stilistischen
Korrekturen und der Ergänzung der Literatur abgesehen finden
sich gegenüber der 2. Aufl. nur wenige Änderungen und Hinzufügungen
. So hat § 22 einen Zusatz erhalten, der bemerkt, es sei
durchaus möglich, daß „die Formgebung bei einigen ntl. Schriften
einem Mitarbeiter zugeschrieben werden muß"; nur so sei
z.B. der Unterschied zwischen Joh. und apc oder zwischen l. und
2. Pt. zu erklären. Auf die Probleme der formgeschichtlichen Forschung
geht der Verf. nicht ein; alles was er ihr zollt, ist höchstens
die kurze Bemerkung am Schluß von § 14, daß sich in den Evangelien
„eine gewisse Rhythmik des Textes (Parallelismus, dreifache
Gliederung, Strophenbildungen u. ä.)" beobachten lasse, und der Hin-

1 weis auf den Einfluß der mündlichen Tradition am Schluß von § 37.

I In § 39 ist die Redeweise des Joh. jetzt nicht nur als „einfach aber

1 sehr lebendig", sondern auch als „aramäische Färbung aufweisend"
charakterisiert, wozu auf Schlatter, die Sprache und Heimat des

I vierteil Evangelisten (1902) hingewiesen wird, während noch kein
Bezug genommen ist auf Burney, the aramaic origin of the fourth

| gospel (1922) und die daran sich anschließende Literatur.

Marburg. R. Bult m a n n.

Harnack, Adolf v.: Die Entstehung der christlichen Theologie
und des kirchlichen Dogmas. Sechs Vorlesungen. Gotha:
L. Klotz 1927. (V, 90 S.) 8». Rm. 2.50.

In dieser Schrift — sechs Vorlesungen, die er im
Mai 1926 an der Bonner Universität gehalten und dann
| zunächst in der „Christlichen Welt" 1926, Nr. 16—20
' veröffentlicht hat — beantwortet v. Harnack die beiden
Fragen, wie es zu einer christlichen Theologie und zu
einem kirchlichen Dogma gekommen ist. Zu diesem
Zwecke behandelt er zuerst die Loslösung des Christentums
vom Judentum und die Entstehung der Kirche,
sowie die Quellen und Autoritäten für die Verkündigung:
der Geist, der Herr, die Zwölfapostel samt den Aposteln
, Propheten und Lehrern, das A. T. Sodann die
Grundzüge der Verkündigung als Voraussetzung der
Theologie und des Dogmas: 1. Der kommende Herr,
; das Gericht und das Reich Gottes, 2. Gott der einzige
und allmächtige Vater, 3. Jesus Christus, der hl. Geist,
die hl. Kirche und die Auferstehung. Die Entstehung
der christlichen Theologie zeichnet er hierauf in den
Stufen: Paulus, Johannes, die Gnostiker und Marcion,
die Apologeten. Die Entstehung des kirchlichen Dog-
1 mas kennzeichnen die Gesichtspunkte: Umbildung der
J christlichen Verkündigung zu antignostischen und anti-
marcionitischen kirchlichen Lehren, das Problem der
I Christologie (1. Epoche), der Einfluß der apologetischen
i Theologie auf die Ausbildung des Dogmas, das Pro-
i blem der Christologie (2. Epoche). Es sind die aus
seiner Dogmengeschichte (bzw. seinem „Marcion") bekannten
Gedanken, aber in scharf geprägter Zusammen-
! fassung, mit teils zustimmender, teils ablehnender Stel-
; lungnahme zu den neuesten Anschauungen und For-
; schungen, und blitzenden Lichtern über Erscheinungen
| der Vergangenheit und der Gegenwart. Karl Holls Vortrag
über „Urchristentum und Religionsgeschichte" erklärt
er (S. 17) „für das Beste, was im letzten Menschen-
I alter über eine Hauptfrage der urchristlichen Geschichte
[ erschienen ist", ohne aber seinem Grundgedanken ganz
beizustimmen, da eine Religion niemals durch ihr Eigenes
und Bestes zum Siege gelange und so auch das Christentum
nicht durch den Gottesbegriff Jesu, sondern
durch die sittlich-sozialen . und politischen Kräfte, die
es von Anfang an besessen oder entbunden habe, Herr
über die Massen geworden sei. Der „religionsgeschichtlichen
" Schule steht v. H. nach wie vor ablehnend
j gegenüber, indem er die paulinische und johanneische
Theologie mehr aus dem Spätjudentum und der eigenen
Erfahrung als aus dem Einfluß griechischer Mysterienvorstellungen
ableitet und diesen nur für die weitere
' Entwicklung zugibt. Auch auf die Theologie des „Ganz
Anderen" fällt S. 61 ein Seitenblick mit treffendem
Hinweis auf einen Satz der basilidianischen Dogmatik,
und S. 88 heißt es mit Recht, daß jede „Theologie von
Innen" überhaupt keine wissenschaftliche Theologie,
sondern etwas Anderes, Höheres ist, ein Bekenntnis,
und daß Gemeinschaft bildend nur die „Theologie von
Außen" wirkt. Vom A. T. sagt v. H. S. 35 ganz richtig,
daß die alte Kirche das Buch wider seinen eigentlichen
Sinn beibehalten hat und daß deshalb wer heute diesen
Sinn für autoritativ erklärt, eine Last auf sich nimmt,
die die alte Kirche abgelehnt hat. S. 78 stimmt er der
Aufstellung Erich Kaspars von der Umwandlung der
ursprünglichen Lehrerketten in die Ketten der das apo-