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Ausgabe:

1927 Nr. 14

Spalte:

318-321

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holtzmann, Oskar

Titel/Untertitel:

Das Neue Testament 1927

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 14.

318

Schmidt, Prof. D. Hans: Die Alkoholfrage im Alten Testament.

Hamburg: Neuland-Verlag 1926. (40 S.) gr. 8°. = Die Alkohol-
frage in d. Religion, Bd. 1, H. 1. Rm. 1—.

Inder ihm eignen künstlerisch belebten und anregenden Weise, die
es versteht, den Gegenstand beziehungsvoll so zu behandeln, daß der
historisch Gebildete und der religiös Interessierte ebensosehr Bereicherung
erfahren wie der an dem Kampf gegen den Alkoholismus
Beteiligte, widmet der Verfasser der Alkoholfrage im A. T. sieben
Kapitel, deren Ausführungen in 58 Anmerkungen belegt und ergänzt
werden. Vom Weinland Palästina und der zu einem beträchtlichen
Teile ,,alkoholfreien" Verwendung der reichlichen Weinernte, berichtet
er einleitend, um dann im 2., 3. u. 4. Kapitel die Religion des Baal-
Dionysos der Jahwereligion als die Naturreligion des Rausches der
Religion der sittlichen Entscheidung entgegenzustellen. Frommes Staunen
gilt in Syrien und Palästina dem göttlichen Geheimnis, das im i
Weinstock lebt. Bildliche Darstellungen des Baal deuten auf diony- I
sischen Charakter seiner Religion. Wollen wir dagegen mutmaßen, j
wie das „Urisrael der ältesten Zeit" die Weintraube wertete, so werden
wir Rechabiter und Nasiräer zu fragen haben. Es ergibt sich der i
Gegensatz einer Religion, der das Wunder des naturhaften Lebens
das Wunder des Göttlichen ist, die darum die selige Trunkenheit der >
Ekstase als Vereinigung mit der Gotiheit zu erleben meint, und
einer Religion, in der die Majestät des persönlichen, gebietenden
Gotteswillens das Gegenüber und die Bewußtheit zu vernichten nicht i
erlaubt. Daß die Baalsreligion, der der alkoholische Rausch ein
,.frommes Anliegen" war, in den Gottesdienst der Jahwepriester j
eindrang, aber durch das Gericht der Propheten aus ihm verwiesen
wurde, sucht dann Kap. 5 wahrscheinlich zu machen. Wie sehr man
die Verwüstungen des Rauschtranks im ,,Miteinander der Menschen"
in Israel erfuhr, entfaltet Kap. 6. Endlich tut Kap. 7 an drei alt-
testamentlichen Trinkliedern, an I, Mos. 9,20, der Parabel des
Jotham, an Ps. 104,13 und Zitaten aus der Weisheitsliteratur dar,
daß der naturreligiöse Lobpreis der Euphorie des Alkohols, daß die
eudämonistische Empfehlung der Alkoholnarkose, dem wachen Ver-
antwortlichkeitsbewußtsein des echten Jahwismus zum Trotz, mannig- i
fach im A. T. zum Ausdruck kommen. Um so heller trete ins Licht, |
daß die prophetische Religion wider die berauschenden Getränke für !
„die heilige Unruhe der Selbstkritik" streite.

Wie weit das Zeugnis der Denkmäler und der biblischen
Äußerungen ausreicht, um wahrscheinlich zu machen, daß die syrisch- j
palästinische Baalsreligion eine dionysische Rauschreligion darstelle
, stehe dahin. Daß die religiöse Wertung der Alkoholekstase |
mißbräuchlich im Jahwekultus Eingang fand, ist durch das Beigebrachte
m. E. nicht erhärtet. Der Zorn des Propheten gilt einfach j
der sittlichen Verwahrlosung, dem Exzeß (vgl. 1. Cor. 11,21).
Der „Wein der Gebüßten" verstärkt m. E. Hans Schmidts Beweisführung
nicht. Möglich, daß Hes. 44,21 ein Nachklang des strengen Urteils i
vorexilischer Propheten über Zuchtlosigkeit im Heiligtum ist. Gewiß
beweist diese Bestimmung, daß der Kult, den Hes. will, mit Diony. j
sischem nicht das Geringste zu tun hat. Aber sie beweist noch nicht,
daß es Hes. unmöglich gewesen wäre, das vielzitierte Psalmwort Ps.
104,13 sich zu eigen zu machen. Die Frage, wie weit die Propheten j
die „Euphorie des Alkohols", auch wenn nur eine ganz leichte
„Weinnarkose" „Frohgefühl" erzeugte, billigten oder ablehnten, läßt
sich m. E. nicht beantworten. Nicht einmal von den Rechabitern, I
die ja den Anbau von Getreide ebenso wie den von Wein verwarfen, i
läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß sie Gegner jener Euphorie
waren. Stärker als es Hans Schmidt tut, würde ich die Tatsachen J
hervorheben, und verbinden, daß es eine gebotene Verwendung von
Wein im Gottesdienste Jahwes gab, daß Hosea den Most als eine
Gabe Jahwes reklamiert, Jeremia den Söhnen Rechabs in einer Tempelhalle
Wein anbietet, und glauben, daß deshalb alle Feststellung naturreligiöser
Grundlagen in Ps. 104 und anderswo in alttestamentlichen
Äußerungen des Danks für den „herzerfreuenden" Wein, noch nicht
wahrscheinlich macht, solche Worte stammten nicht „aus dem Geist !
des Mose und des Jahwismus". Trinkern und dem Rausch ist die
Gewissensreligion des Jahwismus sicherlich gram. Die „salomonische"
Zecherweisheit vom Sorgenbrecher Wein ist gewiß nicht Geist vom
Geist der ernsten prophetischen Entscheidungsreligion. Aber der j
Euphorie des Alkohols an sich kann der Jahwismus sehr wohl weit |
naiver gegenübergestanden haben als der moderne Kämpfer wider
den Alkoholismus das wahr haben möchte. Es darf auch nicht der
Schein entstehn, als berechtige wissenschaftliche Feststellung die
reflektierte Abstinenzbewegung von heute, sich ohne Umschweife
auf den genuinen Jahwismus zu berufen. Je mehr ich mit Hans
Schmidt die soziale Pflicht des Christen der Gegenwart, sich cnt- ]
schlössen dem Kampf gegen den Alkoholismus zur Verfügung zu
stellen, unterstreiche, je mehr ich ihm für die „Euphorie" zu danken
habe, die er uns durch seine Sachkunde und die überlegene Gestaltung
des Stoffs vermittelte, desto mehr darf ich es aussprechen: Das
non liquet scheint mir gerade dann ein Anliegen der Wissenschaft
zu werden, wenn das Absolutheitsbewußtsein von allerlei gesetzlichen
Reformismen Dogmen erzeugen will, die die Geschichte vergewaltigen. -
Jena-__ Waldemar Macholz.

Rudolph, Prof. Dr. Wilhelm: Hebräisches Wörterbuch zu Jeremia.

Gießen: A. Töpelmann 1927. (VI, 46 S.) gr. 8°. = Einzelwörterbuch
z. A. T., H. 3. Rm. 2—.
Von den früher erschienenen „Einzelwörterbüchern" steht das
vorliegende demjenigen von Baumgärtel zur Genesis — s. hier 192
am nächsten. Es erweist sich auch bei eingehender Prüfung als ungemein
sorgfältig gearbeitet und wird den Benutzer schwerlich je im
Stiche lassen. In der Kennzciclmug verderbter Stellen und Angabe
von Verbesserungsvorschlägen scheint es mir das richtige Maß zu
treffen. Zu "IflN (S. 2 a) könnte für 32,29 die Konjektur ~1DK
erwähnt sein. Daß der beliebte Vergleich des tVHlD D"1D
mit oqxih Ttfivttv (S. 18 a) arg hinkt, hat Pedersen, Der Eid
bei den Semiten (1914) S. 46 gezeigt. Bei dem ziemlich seltenen
TI51'j7 hätte ich von der Regel Zahlwörter nicht aufzunehmen eine
Ausnahme gemacht. (S. 32 a) ist nicht Substantiv, sondern
Adjektiv.

Marburg. W. Baumgartner.

Stave, Erik: Biblisk Ordbok för hemmet och skolan. Av Erik

Nyström. Sjätte upplagan omarbetad. Rikt illustrerad. Uppsala:

J. A. Lindbloms Förlag 1926. (483 S.) gr. 8°.

Nachdem der Verfasser dieses Biblischen Realwörterbuches etwa
von der Art des von Th. Hermann 1924 neu herausgegebenen Biblischen
Handwörterbuchs, 1907 gestorben war, wurde es für die 5. Aufl.
1915 von S. Lundquist umgearbeitet, und nun hat der durch mancherlei
biblische Arbeiten wohlbekannte langjährige Vertreter des Alten
Testaments, Erik Stave, durch sorgsame Arbeit es zeitgemäß umzugestalten
gesucht, immer im Einklang mit der ursprünglichen Absicht
, für Haus und Schule die heilige Geschichte anschaulich zu
machen. So bemerkt man denn überall die Hand des jetzigen Herausgebers
, auch bei den Abbildungen, die manches anderwärts so
nicht zu Findende darstellen, wenn auch vieles aus der Zeit vor der
Photographie Stammende leider geblieben ist. Historische Kritik
wird geübt, wenn bei Moses gesagt wird, daß sich ein Kranz, von
Legenden um seine historische Gestalt gesponnen hat, und Literar-
kritik, wenn die vier Hauptqticllen des Pentateuchs beschrieben werden
. Doch wird kein Versuch gemacht zu zeigen, was an Moses
Gestalt Geschichte ist, oder wie jene Quellen sich zeitlich verhalten
und sachlich zu beurteilen sind. Von den Ergebnissen der Ausgrabungen
wird Gehrauch gemacht, wenn bei dem Artikel „Brot"
eine altertümliche Handmühle aus Geser und eine Ägypterin mit
Reibstein abgebildet wird. Doch wird im Text dem seltenen Funde
von Geser große Aufmerksamkeit geschenkt, während die Reibsteineinrichtung
, welche bei den Grabungen als die im alten Israel gewöhnliche
Methode für die Herstellung von Mehl erscheint, gar
nicht erwähnt ist. Als Backofen wird aus dem heutigen Palästina
in Ubereinstimmung mit den Grabungen vor allem der tannur beschrieben
, doch würde der Leser wohl gern eine genauere Mitteilung
über Form und Dicke des Brotes gewünscht haben, zumal nachher
vom Brechen desselben die Rede ist, das doch mehr ein Zerreißen
gewesen sein dürfte. Bei dem Artikel „Saat" wird aus mir unbekannter
Quelle als „ägyptischer Weizen" die seltene Weizenart abgebildet
, welche sich verzweigende Ähren hat. Dazu wird 1. M. 41, 5f.
zitiert, wo die zweimal sieben Ähren auf einem Halme doch nicht
etwas wirklich Vorkommendes meinen müssen, wenn nicht an eine
Mehrzahl von Ähren auf einem Stock gedacht ist, was etwas ganz
Gewöhnliches wäre. Als eine dritte Getreideart außer Weizen und
Gerste wird Hirse erwähnt, die als Durra noch in Palästina gebaut,
auch gebacken und roh gegessen werde und die auch abgebildet ist.
Gemeint ist wohl die eigentliche Hirse (Panicum miliaceum), die ich
aber in Palästina nie gesehen habe nnd die jedenfalls recht selten angebaut
wird. Ihr arabischer Name duchn erinnert an das biblische
dohan. Daß in Ägypten eine andere Grasart als duchn angebaut wird,
macht zweifelhaft, was die Israeliten unter diesem Namen kannten,
zumal für das alte Ägypten nichts Entsprechendes sicher nachgewiesen
ist. So bleibt hier Gelegenheit zu noch mancherlei Forschung, die
dann hoffentlich auch für die Anschauung des Bibellesers Zuverlässiges
ergeben wird.

GreifswaM. G. D a 1 m a n.

Holtzmann, Prof. D. Oskar: Das Neue Testament. Nach dem
Stuttgarter griech. Text übers, u. erkl. 3 Lfgn. Gießen: A. Töpelmann
1925 u. 1926. (XXXVI, 1059 S.) 4«. Rm. 27—; geb. 33—.

Das Erscheinen einer Erklärung des ganzen Neuen
Testamentes aus der Feder eines einzigen Gelehrten ist
unter unseren Verhältnissen schon ein Ereignis von nicht
alltäglicher Bedeutung; zumal wenn es sich dabei um einen
verdienten Forscher wie Oskar Holtzmann handelt, der
seine Vertrautheit mit der Umwelt des Urchristentums und
seine in einem langen Gelehrtenleben erworbene exege-