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Ausgabe:

1927 Nr. 13

Spalte:

307-309

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mulert, Hermann

Titel/Untertitel:

Konfessionskunde 1927

Rezensent:

Grützmacher, Georg

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 13.

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In seinem Titel und in seinem Grundgedanken ist
H.'s Buch eine Frage an uns Protestanten: haben die
Reformatoren nicht bisweilen das Kind mit dem Bade
ausgeschüttet, und hat nicht die weitere Entwicklung
des Protestantismus dazu geführt, daß noch mehr von
wertvollem katholischen Erbe preisgegeben wurde? Dieser
Frage nachzudenken ist Pflicht auch für den, der
viele Sätze in diesem Buche H.'s für übereilt und ungeschichtlich
hält. H. hat namentlich in dem hier abgedruckten
Vortrage „Evangelische Katholizität" das, was
ihn init seiner Heimat, mit der alten Kirche verbindet,
stärker ausgesprochen, als in seinem letzten großen
Buche „Der Katholizismus"; aber jener Vortrag ist schon
vor diesem Buche geschrieben, er gehört zur früheren
Gestalt dieses Buchs. So überschätze man das Maß
nicht, in dem H. wieder katholischer geworden sei.
Überdies weiß er sich auch jetzt in Wichtigstem dankbar
mit Luther verbunden. Ich hoffe, nicht ungerecht
gegen ihn zu werden, wenn ich meine, daß zu seiner
Anhänglichkeit an die katholische Kirche nicht nur deren
religiöse Schätze beitragen, sondern auch, daß sie so
reich ist an anderen geistigen Gütern. Sei dem, wie es
mag, am stärksten und am sympathischsten in H.'s
religiöser Denkweise ist seine Liebe zu allen Christen.
Solche Liebe wird alle Glaubensspaltungen beklagen.
Aber was zur abendländischen Glaubensspaltung führte,
war nicht (oder wenigstens nicht in erster Linie) Mangel
an Liebe. An Liebe war die Kirche des Mittelalters,
die Kirche des hl. Franz und der hl. Elisabeth, auch zu
Luthers Zeit nicht arm. Aber dem Christen soll neben
der Liebe die Wahrheit heilig sein. Weil Luther in der
Kirche die Wahrheit unterdrückt sah, darum brach er
mit dieser Kirche, und wenn in unseren Tagen die Liebe
uns zur Vereinigung mit allen christlichen Brüdern treiben
möchte, so können wir doch an den Punkten uns
nicht mit ihnen vereinigen, an denen nach unserer Überzeugung
wir der Wahrheit dienen, und sie irren und z.
T. die Wahrheit gewaltsam unterdrücken.

S. 181 und 184 sind Aufsätze H.'s mit dem früheren Fundort
zitiert ohne Hinweis darauf, daß sie in diesem Buche abgedruckt
sind. S. 12 oben 1. Hilgers, S. 99 I. Parmoor, S. 104 1. Tilemann,
S. 111 I. Rendtorff; S. 144 Z. 12 1. kann kein Zweifel darüber
bestehen. Zu S. 10 Anm.: Wenn in der Schweiz sich viel mehr Leute
bei der Volkszählung „christkatholisch" nennen, als in den christkatholischen
(altkatholischen) Gemeinderegistern stehen, so beruht das nicht bloß
darauf, daß viele in der Diaspora wohnen, sondern es wirkt hier der
alte Sprachgebrauch nach, daß viele (römische) Katholiken sich so
bezeichnen (^christlich-katholisch).

Kiel. Hermann M u 1 e r t.

Mulert, Prof. D. Hermann: Konfessionskunde. (2 Hälften.)
Gießen: A. Töpelmann 1926 u. 1927. (XXIV, 501 S.) gr. 8°. =
Sammlung Töpelmann, Bd. 5. Rm. 12—; geb. 14—.

Im Vorwort spricht sich M. über die Gesichtspunkte
aus, nach denen er sein Buch abgefaßt hat. Es soll den
Inhalt geben, den nach seiner Meinung eine Vorlesung
vor Studenten über dieses Stück der Theologie haben
soll. Deshalb hat er erstens den Stoff weggelassen, den
Kirchen- und Dogmengeschichte zu behandeln pflegen,
zweitens bewußt darauf verzichtet, in dem Abschnitt über
den Protestantismus einen Abriß protestantischer Dog-
matik, Ethik und protestantischer Theologie zu geben.
Daß der Abschnitt über den römischen Katholizismus
fast die Hälfte des ganzen Buches ausmacht, wird damit
begründet, daß der wesentliche Zweck des Buchs ist,
die evangelischen Theologen in das Wesen des römischen
Katholizismus und anderer fremder Konfessionen einzuführen
. Die kurze Behandlung der Sekten wird damit
erklärt, daß die älteren in der Kirchengeschichte behandelt
werden und für die neueren wie z. B. die ernsten
Bibelforscher der Pfarrer auf Spezialliteratur angewiesen
ist. Daß man gegen die Ungleichmäßigkeit der Stoffbehandlung
, besonders gegen die unverhältnismäßig
kurze Darstellung des Anglikanismus, Protestantismus
und der protestantischen Sekten gewichtige Bedenken
erheben kann, hat M. selbst empfunden und damit ent-

I schuldigt, daß der Druck des Buches bereits begonnen
hatte, als die letzten Abschnitte noch nicht fertiggestellt
| waren. Zum Schluß seines Vorwortes betont M. daß er
! im Sinne von Kattenbusch und Loofs die Aufgabe der
i Konfessionskunde darin sieht, die Kenntnis der Tat-
i Sachen, der gegenwärtigen Zustände der einzelnen christlichen
Kirchen, dem Studenten zu vermitteln. In 19
Kapiteln wird der Inhalt der Konfessionskunde dargestellt
. Das 1. Kapitel handelt von ihrer Geschichte und
Aufgabe. M. sieht diese Aufgabe nicht bloß im Vergleich
der Lehren, sondern in der allseitigen Schilderung
des Lebens der verschiedenen Kirchen. Die Konfessions-
i künde soll die Geschichte nur heranziehen, um in das
j Verständnis der Gegenwart einzuführen. Das 2. Kapitel
| sucht die Frage nach der Einheit und Spaltung in der
| Christenheit zu beantworten. Den gemeinsamen religiösen
Besitz der Christenheit möchte M. am einfachsten
1 mit Friedrich Naumann in dem sehr blassen und viel-
[ deutigen Satz formulieren, daß das Christentum die
geistige Bewegung ist, die von der Person Jesu von
Nazareth aus durch die Geschichte der Menschheit hin-
I durch geht. „Den religiösen Besitz, der trotz der Spal-
I hingen der Kirche allen Christen gemeinsam ist, in
i gemeinsamer Lehre zusammenzufassen und in kurzen
! Formeln auszusprechen, gelingt nicht recht." Das 3.
j Kapitel über die altkirchlichen Symbole reproduziert
I kurz die älteren Forschungsresultate, ohne neuere Hypo-
I thesen wie z. B. die von Eduard Schwartz über das
Nicaeno-Constantinopolitanum zu berücksichtigen. Das
4.—7. Kapitel ist der morgenländischen Christenheit gewidmet
. Hier war es eine besonders schwierige Auf-
[ gäbe, über den gegenwärtigen Zustand, insbesondere
der russischen Kirche zuverlässige Angaben zu machen.
: Man wird hier M. zu großem Dank für die vielen, zum
| Teil völlig neuen, wertvollen Mitteilungen verpflichtet
sein. Von besonderem Interesse ist der Abschnitt über
die rumänische Kirche, die der Verfasser aus eigener
Anschauung kennt und die er mit Recht als die nächst-
I größte unter den orthodoxen Kirchen nach der russischen
j Kirche stärker berücksichtigt hat. Bei der russischen
Kirche hätte erwähnt werden müssen, daß die Klöster
durch die bolschewistische Regierung aufgehoben sind
und das Mönchtum verboten ist, woraus sich für die
russische Kirche bei der Besetzung der Bistümer mit aus
dem Kloster hervorgegangenen Mönchen, die als
Bischöfe zum Coelibat verpflichtet sind, heute noch unabsehbare
Konsequenzen ergeben müssen. Auch auf das
Verbot des religiösen Unterrichts der Kinder und jeder
kirchlichen Liebestätigkeit hätte hingewiesen werden
müssen. Mit besonderer Gründlichkeit, wie bereits
erwähnt wurde, ist der römische Katholizismus vom
8.—14. Kapitel dargestellt. Während beim morgenländischen
Christentum das Dogma und die Verfassung
neben dem Kult nur eine verhältnismäßig geringe Berücksichtigung
erfahren, stehen hier Kirchenbegriff, Kirchenverfassung
und Dogma im Mittelpunkt. Aber auch
das Verhältnis der Kirche zum Staat, zur Wirtschaft,
zur Schule, zur Kultur wird eingehend beleuchtet. In
5 Kapiteln kommt dann der Protestantismus zur Darstellung
: die anglikanische Kirche, Allgemeines über eleu
Protestantismus, der lutherische und reformierte, der alte
und neue Protestantismus, die protestantischen Bekenntnisschriften
, die nichtkatholischen Gruppen englisch-amerikanischen
Ursprungs. Dieser Abschnitt wird m. E. am
wenigsten befriedigen, obwohl er auch viel wertvolles
Tatsachenmaterial enthält, das der Verfasser zum Teil
aus entlegenen Quellen zusammengetragen hat. Daß
[ der Verfasser die katholische Gnadenlehre beim römi-
[ sehen Katholizismus behandelt, die protestantische Recht-
fertigungslehre aber, in der das Wesen des evangelischen
Christentums seinen klarsten Ausdruck findet, in die
protestantische Dogmatik verweist, will mir nicht in den
! Sinn. Und daß er z. B. seine Erörterung über die Bedeu-
I tung der Bekenntnisschriften im Protestantismus mit
! einer so wenig sagenden, selbstverständlichen Bemerkung