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Ausgabe:

1927 Nr. 13

Spalte:

295-296

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bergner, Heinrich

Titel/Untertitel:

Naumburg und Merseburg. 2., umgearb. Aufl 1927

Rezensent:

Beyer, Hermann Wolfgang

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295

I

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 13.

296

Daß er gegen den Terror, den das römische Volk unter
Führung des Senators Matteo Orsini über das erste
Konklave ausübte, nicht sich behaupten konnte, ist ein
Zeichen dafür, daß dieses Konklave einen Wendepunkt i
in dem Kampfe zwischen Papsttum und Kaisertum bedeutet
. Es ist Wencks Verdienst, dies in seiner umfassenden
Gelehrsamkeit und Kenntnis des dreizehnten
ahrhunderts klar herausgestellt und damit wieder einen
edeutenden Beitrag gegeben zu haben zur Aufzeigung
und Würdigung der Gegensätze, „die sich an die Bestellung
des Oberhauptes der Kirche geknüpft haben,
seit diese römische Kirche zu einer weltlich-politischen
Macht ohnegleichen geworden war."

Kiel. O. Ficker. j

Bergner, Heinrich: Naumburg und Merseburg. 2., umeearb.
Aufl. Mit 190 Abb. Leipzig: E. A. Seemann 1926. (VIII, 224 S.)
8°. = Berühmte Kunststätten, Bd. 47. geb. Rm. 7—.

Das schmucke und handliche Büchlein im Taschenformat
der bekannten Seemannschen Sammlung „Berühmte
Kunststätten" verdient schon darum eine Anzeige
an dieser Stelle, weil es ursprünglich das Werk eines
Theologen ist, eines jener Männer, die in stiller und
hingebungsvoller Lebensarbeit der Erkenntnis gedient
haben, daß die evangelische Kirche in den reichen Kunstwerken
, die ihr aus dem Mittelalter überkommen sind,
einen Schatz besitzt, den sie sich immer neu aneignen
muß und der ihr eine Verantwortung auferlegt. Mit wirklicher
Liebe zur Sache hat H. B. die ihm besonders vertrauten
Kunststätten an der Saale beschrieben. Wenn das Buch
jetzt in 2. Aufl. erscheinen sollte, braucht es gleichwohl
eine Neubearbeitung von Grund aus nach den methodisch j
und sachlich neuen Erkenntnissen, zu denen die Kunstwissenschaft
in den letzten Jahrzehnten gekommen ist.
Um so mehr muß die feine und zurückhaltende Art anerkannt
werden, in der der Kunsthistoriker Dr. Haesler,
welcher der Verfasser der neuen Auflage ist, den Namen
B.s hat stehen lassen und seine Arbeit bewußt im Sinne
des Theologen getan hat.

Das Buch bietet zunächst einen kurzen, sehr lebendig
geschriebenen Abriß der Geschichte Naumburgs, der
Stadt, seines Bistums und seines Domes. Für dessen
Baugeschichte konnte Haesler die Forschungen Hermann
Gieseus bereits in Rechnung stellen. Mit besonderer
Spannung liest man natürlich, was das Buch in
seiner neuen Form über den Westchor des Naumburger |
Domes, diesen Höhepunkt der deutschen Kunst im
Mittelalter, zu sagen hat. Von der Baugestaltung kommt
Haesler zu den Bildwerken. Vielleicht hätte der wundervolle
, zum Wesen des Ganzen gehörende Zusammen- i
hang zwischen beidem, der nur in der Sagrestia nuova
von San Lorenzo in Florenz ein Gegenbeispiel hat, noch j
etwas stärker betont werden sollen: Der Raum ist — hier
wie dort — für die Figuren, die in ihm stehen, geschaffen
. B. hatte eine ganze Novelle erfunden, um — ausgehend
von der Nachricht, daß einer der dargestellten
Stifter, Timo, sich an einem Gegner für eine Beleidigung
durch einen Mord gerächt habe, — alle Figuren in einen
dramatischen Zusammenhang zu bringen, aus dem sich
dann die Haltung jedes Einzelnen erklären sollte. Mit
Recht hat Haesler diesen Versuch stillschweigend auf- j
gegeben. Er sieht die Gestalten nicht als die Handelnden
in einer heimlichen Tragödie; sondern gerade in ihrer
Besonderheit und ihrem Eigenwert: „Als Menschen der J
Zeit stehen die Stifter vor uns da, urwüchsig erdennah, j
geladen mit Leben und so unendlich reich und schwer
in ihrem bloßen Da-sein, ein jeder für sich, wie es nur
„Charaktere" zu sein vermögen; bestimmte, plastisch |
herauskristallisierte Arten von Menschen, aktiv, passiv,
gehalten und gedrängt; gebändigt alle unter das gleiche
steinerne Gesetz ihres rätselhaften, überragenden Schöp- j
fers." (S. 52). Zug für Zug auf genauer Beobachtung |
beruhend und doch nicht am rein Formalen haftend ist !
die Schilderung der einzelnen Bildwerke. Manche von j
ihnen, z. B. die beiden Ehepaare, die schon durch ihren |

Standort hervorgehoben sind, erlauben wohl — und
darf man so etwas nicht ruhig aussprechen, ohne unwissenschaftlich
zu werden? —, daß man jenem „rätselhaften
" Schöpfer doch ein wenig ins Herz sieht. Diese
Gestalten können nur aus ureigenster erschütternd
menschlicher Erfahrung geschaffen sein. Und das macht
ihre Eigenart aus. Darum passen sie so wenig in den
üblichen Zeitstil. Und so wagt man denn auch immer
seltener, sie „gotisch" zu nennen. Besonders erfreulich
ist, wie entschieden Haesler betont, daß die Naumburger
Bildwerke, die des Chors ebenso wie die am Lettner
„einer einzigen himmelhoch überragenden Persönlichkeit
" (S. 52) ihr Dasein verdanken. Ich glaube sogar,
daß man auch in einem Führer wie dem vorliegenden
etwas zuversichtlicher von dem Entwicklungsgange dieses
Künstlers, eines der größten deutschen, hätte reden
können, der vom Tympanon der Metzer Kathedrale und
dem Mainzer Lettner nach Naumburg gekommen ist,
der hier zuerst die Passionsszenen des Lettners und.
dann die Stifter geschaffen, ja vielleicht den Christus
und die beiden anderen Figuren am Lettnerportal noch
selbst entworfen hat, während der Diakon wohl ganz
Schulwerk ist. Das muß schon darum deutlich ausgesprochen
werden, weil Dehips Meisterwerk (Geschichte
der deutschen Kunst I, S. 343) darüber etwas ganz
Falsches sagt, was sich gerade bei der Bedeutung dieses
Buches allzu leicht festsetzen könnte. Die Kunstgeschichte
wird, nachdem sie trefflich geschult ist, auch
die feinsten stilistischen Formunterschiede zu erkennen,
die Einheit und Mannigfaltigkeit im Geiste eines wirklichen
Schöpfers zu begreifen haben. Auch im Mittelalter
haben die Menschen sich entwickelt. Wenn diese Erkenntnis
sich in der Beurteilung des Naumburger Meisters allmählich
durchsetzt, wird man sie auch in Bamberg
stärker anwenden müssen als es jetzt geschieht — wie
erst jüngst wieder durch Pinder.

Vom Dom aus wandert man an Hand des B.sehen
Führers durch die Stadt Naumburg, dann hinaus nach
Pforta, dessen Bauwerke eingehend gewürdigt werden.
Die Umgestaltung eines rechteckigen Zisterzienserchors
in einen polygonalen, die dort vorgenommen worden ist,
scheint übrigens recht häufig vorgekommen zu sein.
Die Ausgrabung der Fundamente in Eldena bei Greifswald
im vorigen Herbst hat es wieder gezeigt. Mit Recht
betont Haesler die Zugehörigkeit der Abtskapelle zu
jener Reihe von Bauformen, die auf den Meister des
Maulbrunner Paradieses zurückgehen, eine Reihe, die
auch das ganz persönliche Gepräge eines schöpferischen
Geistes zeigt.

Rudelsburg, Saaleck und Schönburg werden besprochen
. Dann geht es ins Unstruttal nach Freyburg
mit seiner Marienkirche und dem Schloß Ludwigs des
Springers. Schade, daß nicht auch die viel zu wenig
beachtete Klosterruine in Memleben mit ihrer schönen
Krypta, deren Zugehörigkeit zum Naumburger Kunstkreis
S. 3 anerkannt ist, einbezogen worden ist. Schließlich
wird Merseburg ausführlich behandelt. Die Baugeschichte
des Domes bringt hier auch wissenschaftlich
Neues, da Haesler für sie seine eigene Hallenser Dissertation
verwerten konnte. So ist das Buch ein wirklich
zuverlässiger Führer durch die Kunst- und Kulturgeschichte
des Saalelandes, das für die Ostpolitik des
Reiches und der Kirche im Mittelalter so bedeutsam
gewesen ist.

Greifswald. Hermann Wolfgang Beyer.

Work man, Herbert B., D. Ut, D. D.: John Wyclif. A study
of the english medieval church. Tvvo vols. Oxford: Clarendon
Press 1926. (XL, 342 u. XII, 346 S.) je sh. 30/—.

Die kurze Vorrede dieser wertvollen zwei Bände
(I, p. VII—IX) gibt zwei Rätsel auf. Sie beginnt mit der
Bemerkung, der Verfasser schreibe voller Dankbarkeit
die Zeilen, die ein Werk abschlössen, das die spärliche
Mußezeit der letzten 12 Jahre ihm ausgefüllt habe, aber
auch nicht ohne Schmerz über die Trennung von dem