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Ausgabe:

1927 Nr. 11

Spalte:

260-261

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schünke, Hermann

Titel/Untertitel:

Religion, Kultur und Wirtschaftsleben. Untergang oder Rettung 1927

Rezensent:

Ernst, ...

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 11.

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düngen und den aus der gegebenen Notlage erwachsenden Aufgaben
sich abfinden und auf dieser Grundlage die vor allem sittlich bestimmte
sozialistische Idee zu verwirklichen suchen. Gewerkschaftsbewegung
und nationale Differenzierung würden nur um so einseitiger
und verhängnisvoller sich zur Geltung bringen, wenn die
Theorie es sich leisten zu dürfen glaubt, beide als Machtfaktoren
von bloß zweiter Ordnung gelten zu lassen. Der Sinn der sozialistischen
Gesellschaftslehre liegt nicht in theoretischer Prinzipienfestigkeit
. Sie kann nur eine Lehre „für die Arbeiterbewegung
werden, wenn sie die Lehre von der Arbeiterbewegung geworden
ist" (399). Der Verf. glaubt daher, daß nur eine Erneuerung des
Fabianismus für die Zukunft des Sozialismus Heil bringen kann;
d. h. also einer Bewegung, „die, die Klassenorganisation der
Arbeiterschaft anerkennend, unterstützend und belebend, aber auf
anderer Ebene wie sie, den religiösen, sittlichen, seelenumbildenden
Gehalt des Sozialismus zum Ausdruck zu bringen sucht." (309).

„Der Sozialismus bedeutet Gegenwartsglück lebendiger Gegenwartsmenschen
, oder bedeutet garnichts" (418). In dieser Auffassung
bezeugt sich nun freilich auch die Kehrseite des Werkes.
Es ist natürlich richtig, daß nicht „schöne Träume", sondern
,.schöne Taten das Leben schön machen" (434). Aber ganz abgesehen
von der reichlich optimistischen Auffassung vom Leben,
die auch an vielen andern Stellen sich kundgibt, liegt die Gefahr
einer solchen Einstellung in einer Unterschätzung der Theorie als
solcher. Gerade durch die Theorie findet Kampf und Gegensatz im
Wirklichen seine bedeutungsvolle Anerkennung. In ihr bricht der
Widerspruch für das Bewußtsein auf und wird dadurch ein Element
der geschichtlichen Bewegung. Das muß man gelten lassen, auch
wenn man keineswegs davon überzeugt ist, daß die wirkliche Bewegung
sich in der Theorie darstellen oder gar vorwegnehmen läßt.
Die Theorie ist eben nicht nur Traum, auch und gerade wenn sie
sich nicht damit zufrieden gibt, der empfundenen Situation sich anzupassen
.

Das aber ist die prinzipielle Meinung de Man's. Es sieht
zwar so aus, als ob der Intellektualismus des „Ich denke, also bin
ich" zugunsten eines tapferen „Ich will, also bin ich" aufgehoben
werden soll. Aber dies Wollen versinkt, wenn es selber losgelöst
wird von der_ Sichtigkeit der Idee, nur zu leicht in die Unent-
schiedenheit unfreier Triehe. Bei de Man aber wird es tatsächlich
zum Resultat einer Mechanik der Affekte, in der beinahe der
Schatten der Herbartschen Psychologie wieder sichtbar wird. „Nur
von dem Stärkeverhältnis der aus dem Affekt hervorgehenden, um
Durchbruch ringenden Willensvorstellungen hängt die Entscheidung,
das Wollen ab" (37 ff). Die „logische Vernunft" wird zum Produkt
„triebhafter Veranlagung", und dem Gehirn soll nur die Rolle eines
aufmerksamen „Verkehrspolizisten" zukommen. Hier zeigt sich der
Einfluß der englischen Psychologie denn doch zu deutlich, als daß
man glauben könnte, de Man sei jemals wirklich von dem marxistischen
Enthusiasmus beseelt gewesen, der doch sehr unterschieden
wäre von dem Elan Jaures', wie ihn de Man aus eigener Anschauung
einmal sehr treffend der Art Bebels, gegenüberstellt (43 ;
382ff). Für de Man ist die Kategorie eine psychologisch bedingte
Arbeitshypothese. Sogar das mathematische Gesetz soll auf „Eigentümlichkeiten
des menschlichen Wahrnehmungsvermögens zurückgehen",
die noch dazu „vom Kulturzustand abhängig" sind. (60). Diese Grund-"
haltung, die also gerade den „schöpferischen Denker" seine Idee
aus der Empfindung entwickeln läßt (144), macht sich in der ganzen
Darstellung der sozialistischen Denkweise und Bewegung sehr einseitig
geltend. Besonders kommt ihm dahei auch der psychoanalytische
Inferioritätskomplex zu Hilfe, der ja immer eine einfachste Formel für
die Deutung einer unglücklichen Lage ahgibt, aber leider keine Bewegung
auslösen kann, sondern — wenn er sich beheben ließe — aller-
höchstens das unglückliche Bewußtsein neutralisieren könnte.

Dieser theoretische Unterbau wird also keinesfalls das leisten,
was der Verfasser von seinem Werke erhofft: die Befreiung vom
Marxismus. Ueberhaupt ist das ganze Werk zwiespältig. Schon das
Vorwort weist darauf hin. Das Buch soll „nichts anderes als ein
Stück geistiger Selbstbiographie" sein ; aber es, möchte zugleich dem
Jungsozialismus zum „Arbeitsprogramm" werden. Daß die Geschichte
der Bekehrung eines Menschen zugleich einer neuen Generation
Arbeitsprogramm werde, ist eine Zumutung, die dem eigenen
Ich eine etwas zu große Bedeutung beilegt. Dadurch aber kommt
es nun auch, daß der Verfasser nicht nur berichtet — und dieser
Bericht über die eigene sozialistische Erfahrung ist weitaus das Interessanteste
und Beste an dem Buch —, sondern zugleich tief in theoretische
Betrachtungen sich verstrickt. Hier aber fehlt die volle Verantwortung
. Auch wenn man in Rechnung stellt, daß nicht Marx, sondern
der Marxismus bekämpft werden soll — eine Trennung, die übrigens
selbstverständlich auch in der eigenen Praxis des Verfassers nicht
durchführbar ist —, ist die innere Kraft des theoretischen Impulses
viel zu niedrig bewertet, um die marxistische Ideologie wirksam erschüttern
zu können. Daß die Kritik „von der Ebene des Wissens in
die Ebene des Gewissens" verlegt werden soll, ist nicht nur an sich
bedenklich, sondern dem Marxismus gegenüber eine vollendete Hilflosigkeit
. Ich fürchte, daß man es als eine schlimme Sentimentalität
] betrachten wird, wenn ein Blumenbeet vor einem Arbeiterhäuschen für
wichtiger gehalten wird als eine neue Theorie des Klassenkampfes
i (410). Denn die völlige Isolierung einer solchen Theorie von der
I Wirklichkeit könnte unter Umständen eine große Illusion sein ; und
vielleicht hat die marxistische Theorie mehr Blumenbeete vor Arbeiter-
i häusern hervorgebracht, als die resignierte Liebe eines sozialistischen
j Psychologen für diese Blumenbeete es je vermögen wird.

Das alles darf man sagen, ohne auch nur ein Wort für Marx
! selbst sagen zu müssen. Schließlich sei noch vermerkt, daß der Ver-
I fasser auch dem Anreiz nicht widersteht, die christliche und die sozia-
i listische Eschatologie in Parallele zu setzen. Die christliche Symbolik
I ist der abendländischen Kultur am meisten gemäß. Die Zukunftserwartung
, die Projektion der Massensehnsucht auf einen persönlicher]
j Träger und Heilbringer : „Spartakus spricht...", das Erstehen neuer
Prophetengestalten: Marx und Lenin, der Märtyrerkult und anderes
I werden herangezogen zur Bestätigung der Parallele. Die sozialistische
Mariannenverehrung ist ein Gegenstück des Madonnenkults, und das
j Marxsche Kapital ein Gegenstück zur Bibel. Man sieht, daß die
i Betrachtung hier notwendig sich an äußeren Zeichen genügen läßt,
I ohne auf das Entscheidende in der christlichen Verkündigung sich beziehen
zu können.

Bremen. H. Knittermeyer.

Schfinke, Hermann: Religion, Kultur und Wirtschaftsleben.

Untergang oder Rettung. Cuxhaven: O. Rauschenplat & Sohn
in Komm. 1924. (91 S.) 8°. Rm. 1.50.

Das erste Kapitel des Büchleins weist nach, daß die Grundlage
| aller Kultur die Arbeitsteilung ist. Sie bedeutet für den einzelnen
Menschen Bindung und Befreiung. Mit der Arbeitsteilung verbunden
ist die Schaffung des Geldes. Das zweite Kapitel zeigt den inneren
[ Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleben, Kultur und Religion. Im
i geschichtlichen Überblick wird eine Parallelität zwischen wirtschaft-
i lichem Leben und der Religionsform nachgewiesen. „Zwischen dem
j wirtschaftlich-kultürlichcn Leben und der Religion sind auffallende
J Beziehungen feststellbar, sie bedeuten aber nicht, daß das religiöse
j Leben ein Produkt des wirtschaftlich-kultürliehen Lebens ist, sondern
es entspricht dem tatsächlichen Befund, daß zwei parallele Ebenen
vorhanden sind" (S. 59). Das dritte Kapitel will nachweisen, daß
bei absinkender Kultur ein inneres Sterben der Religion einsetzen
| muß. „Unter den Massen, die im wirtschaftlichen Kampfe Schaden ge-
| nommea haben an Leib und Seele, kann das Glaubensleben schwerlich
oder gar nicht aufkommen" (S. 69). Auch die bewußten Christen
werden durch das heutige kranke Wirtschaftsleben innerlich be-
| drückt. Im letzten Kapitel wird dann die Rettung angegeben. Nicht
der Appell an das Gewissen der Maßgebenden kann an den wirt-
i schaftlichen Verhältnissen etwas ändern (Soziale Botschaft des Betheler
Kirchentages!), sondern allein die Umänderung des Wirtschaf ts-
j lebens selbst. Das Wirtschaftsleben folgt eigenen Gesetzen, das
Hineintragen fremder Gesetze wie Nächstenliebe, Brüderlichkeit,
Verantwortlichkeit vor Gott ist sachwidrig. Die Rettung sieht der
! Verfasser in den Ideen Silvio Gsells („Freiland-Freigeld"). Die Erhebung
des Goldes zum Gelde ist der große Sündenfall des Men-
i sehen gewesen. Es ist ein neues Geld zu schaffen, das der je-
i weiligen Menge der Waren entspricht. Das Land ist aus dem privaten
, Besitz zu lösen und in Staatsbesitz überzuführen. — Das Buch will
| dem Kullurpessimismus wehren. Statt der Untergangsstimmung Raum
! zu geben, gilt es Hand ans Werk zu legen. Darin wird man dem Ver-
| fasser zustimmen. Die Stärke des Buches liegt in dem zweiten Kapitel,
wo die inneren Zusammenhänge zwischen Religion und Wirtschaftsleben
j — oder soll ich besser sagen: zwischen Wirtschaftsleben und Reli-
• gion? — in interessanter Weise aufgedeckt werden. Am wenigsten
. befriedigt das letzte Kapitel. Die Ausführung ist zu kurz, als daß
man aus ihr die Überzeugung gewinnen könnte, daß die Schaffung
des Freigeldes und des Freilandes die segensreichen Folgen haben
würde, welche der Verfasser erwartet. Es scheint die Eigenart aller
Verkünder wirtschaftlicher Reformideen zu sein, daß sie von der
wirtschaftlichen Reform ein Paradies auf Erden erhoffen. Ich vermag
; mir nicht vorzustellen, wie solche glückhaften Zustände, wie sie der
Verfasser beschreibt, durch Einführung von Freiland und Freigeld
eintreten können. Ob beispielsweise der unter dem Steuerdruck
seufzende Landwirt jetzt Steuer oder nach Einführung des Freilandes
Pacht zu zahlen hat (S. 88) ändert doch nichts an der Sache. Wie
man bei Einführung des neuen Geldes doch von einem Großhandelsindex
(woran soll man messen? etwa wieder am Golde?) und einem
Preisstand, der die Menge des Geldes bestimmt, reden kann, ist mir
■ nicht klar geworden. Gegen die Ansicht des Verfassers muß ich
glauben, daß die sozialen Nöte der Gegenwart in dem Aufkommen
der Maschinen und in der Industrialisierung des Landes, und nicht
in der Art des Geldes ihre Ursache haben. Diese Nöte sind Schicksal
. Das schließt aber nicht aus, daß wir diese Nöte, soweit es
in unserer Macht steht, zu mildern, auch den Überkapitalismus und
die Bodenspekulation durch geeignete Maßnahmen zu bekämpfen
| haben. Die Theorie vom Freigeld und Freiland will mir einstweilen