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Ausgabe:

1927 Nr. 11

Spalte:

256-257

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weishaupt, Martin

Titel/Untertitel:

Rebmanns Reisen im Dschaggaland 1927

Rezensent:

Schomerus, Hilko Wiardo

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 11.

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Problem spricht und neben ein paar Einseitigkeiten
großenteils beherzigenswerte Wahrheiten enthält, hinsichtlich
derer O. mit größeren Kreisen als er selbst
denkt sich in Übereinstimmung befindet. Ich selbst kann
um so eher vielem zustimmen, als G. theologischen Formulierungen
von mir ja auch hier mitunter nahe kommt.
Aufgabe dieser Besprechung braucht darum nur die
Beurteilung von Textgestaltung und Auswahl zu sein.

Was nun die Textgestaltung anlangt, so bin
ich mit G. der Meinung, daß der (an sich nicht schöne)
Ausgleich zwischen altem Lautbestande und neuer Rechtschreibung
, den die Erlanger Ausgabe versucht hat, für
eine an weitere Kreise sich wendende Ausgabe zweckmäßig
ist und von ihm nachgeahmt werden durfte. Nur
trifft seine Angabe, er habe abgesehn von den
durch die neueste Rechtschreibung geforderten Anpassungen
einen treuen Abdruck aus der Erlanger Ausgabe
geliefert, leider nicht vollständig zu. Sein Text hat,
gegenüber dem Erlanger, einige Nachteile.

1. Er gibt Luthers Sehriftzitate nur nach Kapiteln. Ich kann es
billigen, daß er nicht mit Erl. Ausg. die Verszahlen mit Klammerzeichen
in den Text selbst gefügt hat; warum aber hat er sie nicht
an den Rand gesetzt? 2. Er druckt nicht genau. Ich habe als Stichprobe
Nr. 1 mit E. A. 72,6—13 durchverglichen. Auf diesen 5 Seiten
Q.'s sind mir 21 Abweichungen vom Erlanger Text aufgefallen,
welche aus dem heutigen Brauch der Rechtschreibung gegenüber dem
Erlanger nicht zu rechtfertigen sind. Großenteils sind sie nicht wichtig
und treffen nur den Lautbestand; doch, abgesehn davon, daß auch
diese dem von G. selbst geltend gemachten und überwiegend befolgten
Grundsatze widersprechen, es bleibt dabei nicht. S. 5 Z. 11 v.
o. hat G. vor „alle" ein „doch" zugesetzt, S. 6 Z. 1 v. o. hat er
hinter „oder" ein „du" weggelassen. Soweit ich sehe, sind sämtliche
Abweichungen unbeabsichtigt. 3. Er hat sich da, wo die Erl. Ausg.
einen Variantenapparat gibt, nicht durchgefunden. Nr. 2 (S. 8—14)
liegt zugrunde E. A. 152, 423—34. Die Erl. Ausg. hat den Einzeldruck
von 1522 oder wenig später und die Roth'sehe Bearbeitung
für die Kirchenpostille (welche von der W. A. getrennt wiedergegeben
sind, 10 III, 208—216 und 17 II, 446—53) so gedruckt, daß
sie das Mehr der ursprünglichen Bearbeitung (Roth's Weglassungen)
— unter Hinzufügung erläuternder Anmerkungen — mit eckigen
Klammern in den Text gesetzt hat, ihr Minder und Anders
dagegen (das auf Roth's Zusätzen und „Verbesserungen" beruht) unter
dem Texte mitteilt. Man kann so bei ihr beide Gestalten der Predigt sauber
für sich herausschälen. Wollte G. nun — wie's an sich für seinen
Zweck richtig ist — einen Text ohne Apparat geben, so mußte er wählen
zwischen den beiden Gestalten, d. h. entweder alles in eckigen
Klammern Stehende weglassen, oder aber aus den übrigen Anmerkungen
die erste Fassung rein herstellen und diese drucken lassen.
Statt dessen läßt er bloß die Klammerzeichen (nicht auch das in
ihnen Stehende) und die Anmerkungen weg und schafft so eine ganz
neue Mischgestalt des Textes, die es niemals gegeben hat.

Dazu kommt, daß man in der Erlanger Ausgabe
sich, bei genauer Beachtung der Einleitungen und Zeichen
, über die Sammlung, der die Predigt entstammt,
weiter über ersten Druck und vielfach auch Entstehungszeit
der Predigt einigermaßen unterrichten kann und
auch darüber, ob die Gestalt der Predigt von Luther
selbst oder einem Bearbeiter herrührt, in der Regel
irgendwo Auskunft erhält. Bei G. fallen alle diese
Nachrichten weg (abgesehn von einer flüchiigen Anmerkung
zu Nr. 16), sodaß vor dem Leser, der nicht die
allgemeinen Angaben der Fundstellen in der Erl. Ausg.
nachschlägt, jede Predigt steht wie Melchisedek: äua-

autßHJQ, ayevta/.<>yrjTog.

Was nun die Auswahl anlangt, so wird man
von ihr zweierlei verlangen müssen. Einmal, daß
sie nach durchsichtigen Grundsätzen gemacht sei. Hier
muß ich nun bekennen, daß ich Grundsätze irgendwelcher
Art nicht wahrgenommen habe. Es kommt
mir so vor, als ob G. zusammengerafft habe, was ihm
irgendwie zu paß kam oder auffiel. Höchstens kann
man von einer gewissen Bevorzugung der Festpredigten
reden. Zweitens aber wird man verlangen können,
daß jemand, der Luther wieder zur Geltung bringen
will, alle Predigten beiseite läßt, die als freie Umarbeitungen
einer Predigtnachschrift durch einen Dritten
weder Luther's Gedanken noch seinen Ausdruck treu
wiedergeben, d. h. er darf neben den von Luther selbst

j für den Druck geformten Predigten nur solche von
j Dritten herausgegebene wählen, die noch heute als treu-
i lieh, Wort für Wort, an eine Nachschrift sich anschließend
| zu erkennen sind. Und dieser Grundsatz ist besonders
i zu beachten, wo wir mehrere Predigten über den gleichen
Text besitzen: da Luther über den gleichen Text
aufs Letzte gesehen das Gleiche zu sagen pflegt, ist der
Bearbeiter einer so kleinen Auswahl dann schlechtweg
an das als authentisch sich Empfehlende gebunden.

Ich kann nun nicht sämtliche 38 Nummern auf ihre Ursprüng-
I lichkeit hin prüfen. Ich habe als Stichprobe gewählt die drei ersten
und die drei letzten Predigten des ersten Teils (Nr. 2—4 und 16—18)
und gehe sie nun hier durch. Nr. 2 (E. A. 152 , 423—34) geht zurück
auf Luthers Predigt vom 29. VI. 1522, die aus Augsburger und
Nürnberger Druck bekannt (W. A. 10 III, 208ff) ist und von Roih
1526 für seine Sommerpostille sehr frei bearbeitet wurde. Ober G.s
Textgestaltung ist oben gesprochen; sie teilt mit Roth die nicht
authentischen Zusätze und Änderungen. Ober den Bearbeiter des
ersten Druckes und sein Verhältnis zu seinen Unterlagen ist nichts bekannt
. Es gibt über den gleichen Text eine andre Predigt, mit ursprünglichem
Wortlaut und sogar gewisser Berühmtheit (W.A. II 241 ff.).
— Nr. 3 (E. A. 122, 27—56) stammt aus der in W.A. noch nicht
gedruckten Sommerpostille Crucigers von 1543. Grundlage der Predigt
ist die Predigt des 5. V. 1538, von der W.A. XLVI, 355—63
eine Nachschrift wiedergibt. Die Bearbeitung hat mit Luthers Predigt
kaum noch etwas zu tun. Es gibt über den gleichen Text Predigten
in Luther viel näherer Fassung. — Nr. 4 (E. A. 20 II, 375—92
= W.A. LI, 1—11) ist eine Predigt Luthers zu Halle am 5. VIII.
1545, die Wanckel bearbeitet und herausgegeben hat nach seiner
eignen Nachschrift. Eine Nachschrift, die die Treue der Bearbeitung
nachzuprüfen gestattete, ist nicht mehr vorhanden; im ganzen scheint W.
pietätvoll gewesen zu sein. — Nr. 16 (E. A. 182, 304—61) ist eine Bearbeitung
Crucigers von Predigten Luthers am 9. VI., 16. VI., 30. VI.,
21. VII. und 28. VII. 1532. W.A. XXXVI, 416—77 gibt neben der
diese fünf Predigten zusammenziehenden Bearbeitung Crucigers die
Nachschriften Rörers. Es ergibt sich, daß Cruciger sich starke Freiheiten
und Verwässerungen erlaubt hat. — Nr. 17 (E.A. 92, 142
bis 157) stammt wieder aus der Sommerpostille von 1543. Grundlage
der Bearbeitung ist die Predigt vom 4. VII. 1535 (W.A. XLI,
368—74). Das Verhältnis zwischen Luthers Vortrag und der Bearbeitung
ist dem in Nr. 16 gleich. — Nr. 18 (E.A. I2, 259—67- =
W.A. LH, 177—82) stammt aus Dietrichs Hauspostille. Grundlage
ist Luthers Hauspredigt vom 1. III. 1534, von der wir eine auf grund
einer Nachschrift hergestellte handschriftliche Wiedergabe Rörers besitzen
(W.A. XXXVII, 313—16). Die Hauspostille bleibt dieser Wiedergabe
ziemlich nahe. Gleichwohl ist auch hier G.s Wahl unrichtig. Wir
besitzen über den gleichen Text im Fastenteil der Kirchenpostille eine
von Luther selbst für den Druck geformte Predigt, welche bei
gleichem Grundgedanken nicht nur an Authentie, sondern auch an
Lebendigkeit und Tiefe die Predigt aus der Hauspostille weit übertrifft
; vgl. E.A. II2, 121 ff. — W.A. 17 II, 200ff. — In den
meisten dieser Fälle konnte G. schon aus der Erl. Ausg. bei aufmerksamer
Benutzung erkennen, daß eine Bürgschaft für ursprünglichen
Text ihm nicht gegeben war, was ihn zur Untersuchung an Hand
der W.A. hätte veranlassen sollen. Im übrigen gehörte es auch so
schon zu den Pflichten des Herausgebers, den von der W.A. hinsichtlich
der Predigten Luthers aufgedeckten Tatbestand im Auge zu haben.
Wem Echtheit und Ursprünglichkeit der gebotenen
| Texte das erste Erfordernis für eine Auswahl aus Luthers
Predigten ist, wird G.s Auswahl also ablehnen. Zusammen
mit der Planlosigkeit der Anordnung, dem
l Fehlen aller Angaben über Zeit und Sammlung und
dem zutappend Willkürlichen der Auswahl ist seine
Ausgabe das Muster einer Ausgabe, wie sie nicht sein
soll.

Es geht bei diesem Urteil wirklich nicht bloß um
philologisch-historische Belanglosigkeiten. Es geht um
die Sache selbst. Eine so stark auf nicht authentische
Texte aufgebaute Auswahl wie die G.s vermag ein Bild
von Luthers Predigt überhaupt nicht zu vermitteln.
Göttingen. • E. Hirsch.

Weishaupt, Missionsinspekt. Martin: Rebmanns Reisen im
Dschaggaland. Mit 7 Abb. Leipzig: Verlag d. Evangel.-luther.
Mission. (39 S.) 8°. Rm. —40.

Im Juni 1846 erhielt Dr. Ludwig Krapf, der erste Missionar
Ostafrikas, in dem Missionar Rebmann einen Mitarbeiter, der bis zu
seiner Erblindung im Jahre 1875 in Ostafrika ausharrte und 1876
starb. In dem vorliegenden Hefte schildert der Verfasser in anschaulicher
Weise auf Grund der Tagebuchblätter Rebmanns die drei Reisen,