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Ausgabe:

1927 Nr. 10

Spalte:

235

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peter, Heinrich

Titel/Untertitel:

Das christologische Problem als Lebensfrage 1927

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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235

Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 10.

236

Gegebenheit und Gelegenheit bestimmt gearteter Verhältnisse
bestimmt gearteter Verhältnisglieder mit Notwendigkeit
bestimmt geartete Effekte aus dem Nichts
entstehen, die teils Werden und Vergehen, teils Veränderungen
von Wirklichkeit darstellen" (84). Alles
Psychische kommt aus dem Nichts (81). Nicht minder
paradox sind andre Annahmen Ks., wie etwa seine
Theorie der Wechselwirkung von Leib und Seele, sein
Impersonalismus u. a., auf die nicht näher eingegangen
werden kann. K.s Lösungen der Probleme sind sämt- i
lieh unfertig, vielfach indiskutabel, aber wer Anregung
zur Weiterarbeit sucht, wird nicht selten auch bei vielverhandelten
und schon abgegriffenen Gegenständen
etwas bei ihm finden.

Berlin. A. Titius.

Peter, Pfarrer Lic. theol. Heinrich: Das christologische Problem

als Lebensfrage. Gießen: A. Töpelmann 1925. (28 S.) gr. 8°. = !

Vortr. d. theolog. Konferenz zu Gießen, 40. Folge. Rm. 1.10.

Der Vortragende faßt das christologische Problem im weitesten I
Sinne als das Problem der Möglichkeit und Wirklichkeit einer Synthese
von Gott und Welt, bzw. Menschheit. Er legt dar, daß diese
nicht vom Menschen aus, also durch irgend eine Form der Selbst-
erlösung, sondern allein von Gott aus herbeigeführt werden kann.
Er fragt sodann, ob und inwieweit sie in menschliches Erleben eingehe
, ohne zwischen den entgegengesetzten Positionen der Herr-
mann'schen und Barth'schen Theologie den vermittelnden Standpunkt
, den er sucht, befriedigend deutlich fixieren zu können. „Die
christologische Lebensfrage mit ihrer tiefgehenden Diastase für den
Menschen kommt zur Ruhe in einer Synthese, aber nicht in einer ■
harmonischen, sondern in einer tragischen Synthese, einer Synthese, !
die nicht in dieser, sondern über dieser Welt liegt, für den Menschen
auf Erden nur im Glauben und in der Liebe erreichbar ist und
ihm den leiblichen Tod als Aufstieg zu dieser höheren Synthese
zur Gewißheit werden läßt", 27. Das nähert sich der Linie der auf
S. 20 f. ziemlich scharf kritisierten Theologie Barths, die freilich
solche Ausdrücke wie „kommt zur Ruhe", „erreichbar", „Gewißheit
" — vollends die in 5 b der Leitsätze proklamierte „Erlebniseinheit
" — beanstanden und die Bundesgenossenschaft der Goethe und
Schiller, Eucken und Joh. Müller ablehnen würde. Daß die erkenntnistheoretische
Unterbauung der Ausführungen, der Aufweis des „Dynamischen
", Nichtgegenständlichen, des reinen Ich, das Mindeste zur
Klärung und Sicherung der Stellungnahme des Verf.s. beitrage, muß
ich bestreiten. Es beginnt nun bald Mode zu werden, Gott und
allerlei Glaubensgedanken in diese Region hineinzustellen, als verstünde
sich das von selbst — wohl die sonderbarste Apologetik, die
die Welt bislang sah. Auch sonst wäre noch Einiges auszusetzen.
Im Übrigen verdient der Vortrag, der bei aller Schlichtheit der
Sprache eine erfreuliche geistige Höhenlage aufweist, als charakteristische
Spiegelung der theologischen Zeitlage Beachtung.

Iburg. W. Thimme.

Kaftan, Theodor: Auslegung des lutherischen Katechismus.

Den Arbeitsgenossen in Kirche u. Schule dargeboten. Mit e. Anh.:

Der Konfirmationsunterricht auf Grund d. Iuther. Katechismus.

7., durchgearb. Aufl. Schleswig: J. Bergas 1926. (VIII, 310 S.)

gr. 8°. Rm. 7.50

Dies' Werk, das vor dem Kriege während 21 Jahren 6 Auflagen
erlebt hatte, ist nun in neu durchgearbeiteter 7. Auflage erschienen
, ein erfreulicher Beweis für die Anerkennung und Verbreitung
, die es gefunden hat. Es ist ein sehr inhaltreiches, gründliches
und gediegenes Werk, eine Vertiefung in Luthers Katechismus,
eine umsichtige Auseinandersetzung mit seinem Sinn und seiner
Verwendung. Nicht für Schüler oder Laien, sondern für Pfarrer und
Lehrer bestimmt, trägt es in erster Linie theologischen und kritischen
Charakter, daneben wird es von didaktischen und pädagogischen Gesichtspunkten
beherrscht. In großer Gelehrsamkeit und durchschlagendem
Scharfsinn setzt sich Kaftan durchweg mit alten und neuen
Auffassungen in Bezug auf Luthers Katechismus auseinander. Dabei
hat man überall das Gefühl eines tiefernsten, lebendigen Ringens
nach der Wahrheit, das ein scharfes Kämpfen für die eigne Überzeugung
mit sich bringt, aber ein Nachgeben und eine Änderung
nicht ausschließt. So hat dies Werk bei aller Reife und Abgeklärtheit
etwas Jugendfrisches an sich.

Inhaltlich kann ich ihm in weitem Maße und an vielen wichtigen
Punkten nur zustimmen. Manchmal bin ich freilich ganz anderer
Meinung. Aber eine gründliche Darlegung würde einen längeren
Aufsatz nötig machen. Ich habe das Gefühl, daß Kaftan nicht bloß
Baumgarten, sondern ebenso Dörries und mich, die doch in vielem
mit ihm übereinstimmen, als nicht ungefährlich Irrende betrachtet;
er schiebt die Schuld auf die Ritschlsche Theologie. Aber er gebraucht
S. 111, 127, 138 f. und 165 dabei Wendungen, die beweisen, daß

er sich meinen Standpunkt nicht hat völlig klar machen können.
Dabei hätte mein Aufsatz über den Charakter des kleinen Katechismus
Luthers in der .Harnack-Ebrung' (S. 268—280) und meine Ausführungen
in meinem ,Unterricht im Christentum' ihm völlige Klarheit
verschaffen können. Was ich in letzterem Buche über die
Schöpfung (§ 41 ff.), über die Erlösung (§ 22. 38. 57), über Gott
(§ 11. § 37—41) und über den heiligen Geist (§ 44 ff.) dargelegt
habe, sichert mich vollständig gegen Kaftans abfällige Urteile; und
wenn Kaftan (S. 151) zu dem Satze ,Übrigens hat Ritsehl das
Sterben Jesu das Compendium seines Lebens genannt' hinzufügt:
,ein feines Wort, das nicht durch Ritschlsche Theologie bedingt ist',
so ist das eine zweifelhafte Anerkennung. Aber lassen wir das! Wir
werden uns gegenseitig kaum überzeugen. Was aber meine Stellung
anlangt, so bemerke ich, daß ich Luthers Erklärung der 3 Artikel
nicht für ergänzungsbedürftig halte, sondern für eine vollständig in
sich geschlossene und genügende Anwendung des christlichen Glaubens
für einfache Leute, — eine Anwendung, die gerade von aller
Theologie völlig absieht und nur religiös und sittlich wirken soll.

An Einzelheiten bemerke ich folgende: Auf S. 5 vermisse ich
den Sermon von den guten Werken, — S. 32 wird das 9. und 10.
Gebot auf das ,Innenleben' bezogen. — Mt. 5, 17 bezieht sich nicht
auf den Dekalog, sondern auf das ganze A.T. (S. 33). — Beim Eingang
der 10 Gebote ist der Relativsatz nicht einfach wegzulassen,
sondern sinngemäß zu ersetzen (S. 36). — Die Erklärung des
Bilderverbots auf S. 48 ist künstlich. — Beim 3. Gebot (S. 65) wird
der Standpunkt der Conf. Aug. nicht festgehalten, und der Satz, daß
von dem Feiertag der Christen ,etwas Ahnliches gelte' wie von dem
Sabbath der Juden, kennzeichnet sich selbst durch seine Unsicherheit
. — Glauben und Wissen ergänzen sich zwar (S. 114), aber
nicht quantitativ, sondern qualitativ. — Das Blut ist für den Israeliten
und die ältesten Christen = die Seele (S. 155. 264). — Die
Gaben des heiligen Geistes sind nicht Erkenntnisse, sondern die
Tugenden (S. 176). — Deutsch ist weder Vaterunser noch unser
Vater, sondern ,lieber Vater' (S. 198). — Den rechten Sinn gewinnt
die 4. Tauffrage erst durch den Zusatz ,für das tägliche
Christenleben'. (S. 254). — Nach Kaftans Darlegungen sollte man in
der 7. Bitte immer sagen: ,Erlöse uns von dem Bösen' (S. 264).
Frankfurt a. Main. W. Bornemann.

Rotermund, Pastor u. Superint. Ernst: Ein Konfirmandenunterricht
. Ein ausgeführter Entwurf mit kurzer Begründung.
3., teilweise neu bearb. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
1925. (VI, 182 S.) gr. 8°. Rm. 6.50; geb. 8—.

Wenn Rotermunds Konfirmandenunterricht, 1911 in erster, 1913
in zweiter Auflage erschienen (von mir in der Theol. Ltztg. 1912
Nr. 25 angezeigt), jetzt trotz der schwierigen und unklaren Verhältnisse
die dritte Auflage erlebt hat, so ist das ein willkommenes
Zeichen für die Brauchbarkeit des Buches, das sich durch Selbständigkeit
, reichen Inhalt, schlichte Klarheit und praktischen Sinn
auszeichnet. Ich habe es wieder mit lebhafter Freude gelesen. Anlage
und Wortlaut des Buches sind im Ganzen unverändert. EinSchübe
und Veränderungen — wohl durchweg Verbesserungen —
finden sich SS. 20f„ 32, 43f., 46, 74L, 115, 176f.; eine Auslassung
S. 38. Ganz neubearbeitet ist der erste Abschnitt des grundsätzlichen
zweiten Teils (S. 145—152); leider sind dabei einige
wertvolle Gedankenreihen fortgefallen. Daß der Konfirmandenunterricht
mehr braucht, als was unmittelbar in Luthers Katechismus
steht, ist auch meine Ansicht. Daß er aber noch mehr, als es Rotermund
tut, an Luthers Katechismus angelehnt werden kann, glaube ich.
Besonders gilt dies auch vom 1. und 3. Artikel und vom 4. Hauptstück
. Meine Auffassung des Katechismus habe ich in der .Harnack-
Ehrung' S. 268—280 zusammengefaßt.

An Einzelheiten bemerke ich Folgendes. Der Unterschied in
der Stimmung zwischen Reformierten und Lutheranern geht nicht bloß
auf die Prädestinationslehre, sondern schließlich auf die Stellung zur
Bibel zurück (S. 14). Die Entwicklungslehre ist mindestens ebenso
wunderbar wie die Schöpfungsidee (S. 25). In dem Satze (S. 58,
letzte Zeile), daß es ein Irrtum ist, Not und Übel als eine Strafe auszulegen
, fehlt wohl ein ,immer'. An einzelnen Stellen sind die Ausführungen
und Worte (z. B. ,Perikope' S. 68) für Konfirmanden
reichlich hoch. Es ist wichtig, zu betonen, daß Vergebung und Straferlaß
nicht gleichbedeutend sind (S. 82). Das Wort .Geist' bedarf
der Erläuterung (S. 85f.). Joh. 8, 31 f. hat wohl einen noch umfassenderen
Sinn, als es nach S. 92 scheint. Ebenso scheint mir
S. 116 der Gedanke des Reiches Gottes zu eng gefaßt. Die vierte
Tauffrage Luthers ,Was solch Wassertaufen bedeutet', bekommt im
Unterschied von der zweiten erst ihren eigentlichen Sinn durch den
Zusatz ,für das tägliche Christcnleben' (S. 172ff.).

Inhalt und Art des Konfirmandenunterrichts ist natürlich in
der Gegenwart zu einem neuen, wichtigen Problem geworden, das
noch erschwert wird durch die völlige Unklarheit, die zur Zeit über
dem Religionsunterricht der Schule und seiner Gestaltung liegt. Die
Theologen können sich gar nicht genug auf katechetischem Gebiete
zur Selbständigkeit ausbilden. Daß ein gleichmäßiger Lehrplan für