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Ausgabe:

1927 Nr. 10

Spalte:

226

Autor/Hrsg.:

Windfuhr, Walter

Titel/Untertitel:

Baba batra (“Letzte Pforte” des Civilrechts) 1927

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 10.

226

..... ~ . ■ j___ n„u«,.t,.,-aDe I-io ! steht, daß der Genuß 2,24ff an die Beugung unter Gottes Walten

welche die innersten Geheimnisse des Gottesbundes be- ^ w? , fcaim hjer J£r g|Jessimismus prinzj ,

spricht, sondern eine mehr peripherische, worin das, überwunden.. (S. 17) sein, wenn der A5schnitt wieder mit dem

was eine engere Vertrautheit mit dem göttlichen Leben monotonen „auch das ist nichtig" (2,26) schließt? wie kann die

erfordert, zwar nicht ganz fehlt, aber doch nur ange- ; Aussage 9,5f auf diejenigen beschränkt werden, „die ihren Lehens-

deutet ist" (S. 4). Aus dieser Zweckbestimmung, nur ZWeck in der Welt suchen" (S. 45), wenn g,2 darüber klagt, daß

Lehre für die große Menge geben zu wollen, ist es zu alle, seien sie gut oder böse, dasselbe Geschick trifft? wie kann

verstehen daß diesem Buch SO manches fehlt, was man Jerusalem 1,16 „das geistige Jerusalem" (S. 15) im Sinn von Hebr.

in einem 'israelitischen Weisheitsbuch erwartet; der Verf. U, 10 sein? u a

läßt absichtlich weg, was über den Horizont der . Die Hauptsache aber ist diese: ist es denkbar, daß ein We.she.ts-

»« , . , 7 •• i• V j- rx- j __:„Uru^,„„ lebrer, der das Volk lehren will (12,9), mit dem Besten, was> er

Menge hinausgeht namhch die Dinge der unsichtbaren vorsichti,g zurückhält und aus ihm ein Geheimnis macht? Eine

Welt, die ihm selbst aber wohlvertraut sind weil er Predigt> die im negativen Teil breit auslädt und im positiven nur

„in tiefer Gemeinschaft und Einigung mit Gott Steht „andeutet", hat allezeit für eine sehlechte Predigt gegolten. War

(S. 10). Die „Allgenugsamkeit Gottes" (S. 9) für den ' es die große Menge nicht wert, aus der oberen Welt Licht zu be-

Menschen bildet den unentbehrlichen Hintergrund für j kommen für das Elend des Alltags und über die Trostlosigkeit des

alle die schonungslosen Ausführungen Über die Nichtig- Daseins mit dem Ausblick auf die Ewigkeit getröstet zu werden?

keit der Welt und ihrer Güter- nur weil Koh. eine i Was hatte es für einen Zweck, sich in dunklen Andeutungen zu erhöhere
Welt kennt, kann er über die jetzige SO weg- ^ anstatt klar herauszureden, was des Lebens Rätsel löst? Ein
r , ■ v a i u ,.7„;^ ,,^„ dioew I solcher „Beruf" wäre schwer vorzustellen. Nein, wenn Koh. die Nich-
werfend reden. Zwar redet er sehr wenig von dieser , ^ Lebeng h d£n Vord£rffrunQ ^ 'md einem vernünfti

höheren Welt; aber sein Beruf ist eben „vorwiegend ; Lebensgenuß das Wort red€t) » ist das ^ine ehriiche Meinung ohne

negativ", er hat nicht die Aufgabe, „die Menschen BOSI- Hinteigedanken, und man darf ihm nicht unterstellen, daß er in

tives Über Gott ZU lehren, sondern ihnen diejenigen I Wahrheit mit dem Wichtigsten hinter dem Berge gehalten habe. Seine

Meinungen ZU Zerstören, Von welchen sie sich immer ( Anschauung ruhte eben nicht auf dem Gesetz und den Profeten: vom

beherrschen lassen Und die ihnen ein Hindernis sind, ! Gesetz ist, abgesehen von dem Schlußzusatz 12, 13, nirgends die

Gott recht ZU finden" (S. 7). Prüft man aber Koh.'s ' Rede (8,5 bezieht sich auf das Königsgebot), und profetdsche An-

eigentliche Meinung, SO ergibt sich, daß auch seine j schauung Ud höchstens in 4,17 zu finden einer Stelle, deren Text

Lehre „auf der geistigen Grundlage Israels in Gesetz ; !*? dle mann«fachsten Den ungen zulaß und gefunden hat. Was

v. „um 6>-iowS , 1 e __ ' Koh. von den Profeten trennt, ist die Art des Gottesglaubens: bei

und Proteten" ruht. Die Empfehlung des Lebensgenusses 1 ;hnen w er wjrk|ich das Herzstück> 5ei Koh. ist er kM und fast

spricht nicht dagegen: sie ist kein Zeichen des Matena- J periprlerisch, von „tiefer Gemeinschaft und Einigung mit Gott" ist

lismus oder der Resignation, sondern die Aufforderung, | mchts zu spüren. (in diesem Zusammenhang möchte ich meine
in demütiger Beugung unter Gottes Walten die gebotenen
Gaben als Zeichen seiner Güte dankbar hinzunehmen
. Und auch die starke Betonung des allgemeinen
Todesloses ist nur die eine Seite der Anschau

Verwunderung darüber ausdrücken, wie K. (S. 53) das Pauluswort
Phil. 1,23 mit Koh. 4,2 f. 7,1 auf eine Stufe stellen oder das
ewige Haus der Scheol Koh. 12,5 mit der oixia auavio; iv
oig ovgayots 2. Kor. 5,1 in Parallele setzen kann.) Läßt sich
ungen Yob^l'^^bimwäii er auch vonlinem'j e n - j i0™' der '"halt von Koh. nicht mit K.'s These vereinigen, so ist seine

t- i> ; r; „ „ „ a..„„i ;„u /o 1-7 __ „_ i_„Z,u„™ Erklärung des Wortes Qohelet vollends eine morsche Stutze:

seifigen Ausgleich (3 17 u. a.); wenn er trotzdem ^ wi, nicht iD?wa8 Q. heißt) aber daß es nicht die

von der Auferstehung und dem ewigen Leben so wenig ] personifizi£rte Weisheit bedeuten kann, ist schon oft bewiesen worden,
redet, so deshalb, weil diese Glaubensuberzeugungen j Damit fänt die unnatürliche Verbindung mit der Schulammit dahin.

Sich nicht für jedermann zwingend beweisen ließen; K. macht in der Einzelexegese eine Reihe von trefflichen Be-

es entsprach also nur wieder dem „Beruf" des Koh., | merkungen und hat auch in Konjekturen nicht selten eine glückliche

darüber nicht viele Worte ZU machen. Hand (ich erwähne 2,2. 8. 5,2. 6,6. 7,7. 8,10. 9,17; dagegen die

Die hier kurz Skizzierte Anschauung Kuhns gibt dem j Verbesserungen in 2,12. (10, 1. 10) sind unhebräisch); wertvoll sind

Koh.-Buch nicht nur einen viel positiveren Inhalt als | ferner die Bemerkungen zu lxx, Peschitto und Targum (S. 54ff).

man bisher darin fand, Sondern bietet auch die Möglich- ! Aiber G^amtauffassung wird wenig Zustimmung finden Jene

■--ei j__duu • j »ui. u- • • 1, 1 alten Rabbinen, die die Kanonwurdigkeit des Koh.-Buches bestritten,

keit, das Buch ohne jeden Abstrich einem einzigen Ver- ! hab£n scbarf£r Lesehen als sein neu Jer E t
tasser zuzuschreiben. Man mochte deshalb gerne zustimmen
, aber es geht nicht: man müßte die ganze gekünstelte
Exegese Kuhns in Kauf nehmen.

Die überraschendste der Thesen, daß Koh. den Jenseitsglauben

Tübingen. W. Rudolph.

Windfuhr, Past. D. Walter: Baba batra („Letzte Pforte" des
Civilrechts). Text, Übersetzung u. Erklärung. Nebst e. textkrit.
vertrat, wird z. B. durch folgende Methode gewonnen: mit dem immer 1 Anhang. Gießen: A. Töpelmann 1925. (vii, 112 S.) gr. 8°. = Die

wiederholten „unter der Sonne", „unter dem Himmel" ist „ein Gegen- j Mischina IV, 3. Rm. 9—.

satz angedeutet zu einem anderen Gebiet, das über der Sonne, über dem Auch bei diesem Kommentar bewährt Windfuhr seine philologische

Himmel liegt" (S. 5); die skeptischen Worte 6,12: „wer weiß, was , Gründlichkeit und archäologische Sachkenntnis. Besonders günstig

dem Menschen gut ist im Leben während der Zahl seiner nichtigen ! war daß er die ihm vor jahiren überlassene Pariser Handschrift (ent-

Lebenstage" sind in Wirklichkeit eine Andeutung Koh.'s, daß es außer j naltend ßaba batra, Ahoda sara und Horajot) gleich auch für diesen

dem jetzigen Aon der Nichtigkeit einen gibt, der einen bleibenden Wert Traktat verglichen hatte, was jetzt kaum mehr möglich gewesen

hat (S. 32); daß es eine Zeit gibt, wo Menschen über Menschen ; ware |n der Einleitung gibt Vf. einen anschaulichen Überblick über

herrschen (8,9), laßt, da ja alles seine Zeit hat, darauf schließen, ^ Inhait des Traktats, und es treten die im Traktat geschilderten

daß auch einmal eine Zeit kommt, wo diese Art von Herrschaft auf- ; archaologischen Verhältnisse deutlich zu Tag; dem gleichen Zweck

bort und Gott allein herrscht (S. 43); die in 12,5 vorkommenden : dienen die Überschriften der Abschnitte im Text der deutschen

Bi1 der aus dem Naturleben „scheinen, indem sde den Prozeß des ; Übersetzung. Die Anmerkungen sind bei aller Knappheit reichhaltig;

Aiterns beschreiben zugleich eine Hoffnung anzudeuten, die auf die j sie ^„^„1 Textkritisches, Grammatikalisches, Lexikographisches,

Ewigkeit weist" (S. 52); sogar das „dort" 3,17 soll gen Himmel , vor allem vt/ort-, Satz- und Abschnittexegese, Archäologisches, Pa-

deuten (S. 21; vgl. noch S. 19 zu 3 11- S 22 zu HTJOv 3>22' S 46 ! rallelen aus dem römischen Recht u. ä„ bisweilen wird eine Stelle

*u 9,10). Es bedarf keines Beweises, daß hier überall etwas'in den ! *? .A'.T-'..°dfr " T 8 ^aJ^. Jf**J SSS^SSSJ^

Text hineingedeutet wird, was von Aaus aus nicht darinsteht. Und ; wird' durchgehend durch emgeklammertc: erklärende Worte deutheh ge-

wenn sich K. auf die Stellen beruft die vom göttlichen Gericht reden, ' m^a w'o Du"chles^ des ^'^igen Traktats dem

so glaube ich allerdings nach wie vor daß 3 17. 8, 12b—13. 11,9 b Schlußwort des Rabbi Ismael zustimmen: „Wer klug werden will,

12,12-14 verbessernde Glossen sind - m. E. die einzigen im ganzen beschäftige sich mit vermögensrechtlichen Dingen In einem wert-

Buch _; aber auch wer diese stellen für ursprünglich hält, kann vo,l€n ausfuhrl'chen Anhang sind die Textvar.anten gebucht,

sie angesichts der bestimmt ausgesprochenen Hoffnungslosigkeit, der 1 Tübingen. P. Volz.
Mensch mit dem Tode entgegengeht (3,19 ff. 9,2ff. 11,8. 12,7

• »•), nur auf ein diesseitiges Gericht deuten. K. selbst erklärt, die
°h "alIes' was k°mmt. 'St nichtig" (11,8) so: „der jetzige,
rasen entschwindende Zeitpunkt ist die einzige sichere Gelegenheit,
j VaL "tes von ewigem Werte aus Gottes Hand zu empfangen...,
aas warten auf die Zukunft bietet nichts Besseres" (S. 52). Wo hier
der Jenseitsglaube Platz hat, vermag ich nicht zu erkennen.

Dieselbe hineindeutende Methode begegnet auch anderwärts. Wo

Flebig, Paul: Der Erzählungsstil der Evangelien, im Lichte
des rabbinischen Erzählungsstils unters., zugleich ein Beitr. zum
Streit um die „Christusmythe". Leipzig: J.C. Hinrichs 1925. (XII,
162 S.) gr. 8<>. = Untersuchungen z. N.T., Heft 11.

Rm. 8.40; geb. 10.50.
Zu seinen früheren Materialsammlungen zu den
synoptischen Gleichnissen und Wundergeschichten und