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Ausgabe:

1927 Nr. 10

Spalte:

224-226

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kuhn, Gottfried

Titel/Untertitel:

Erklärung des Buches Koheleth 1927

Rezensent:

Rudolph, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 10.

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den können. Es liegt ja auch sonst durchaus in der
Eigenart des Verf.s, allgemeinere Thesen durch kritische
Bemerkungen zu mehr oder weniger willkürlich herausgegriffenen
Einzelpunkten zu beurteilen, und auch die
vorliegende Einleitung zeigt manchen Beleg dafür (selbst
an Punkten, wo der Verf. wirklich allgemeinere Erörterungen
anstellt), sobald es sich um die Auseinandersetzung
mit abweichenden Anschauungen handelt. Endlich
kann ich auch die Bemerkung nicht unterdrücken,
daß der Verf. da, wo er fremde Meinungen abweist,
mehrfach ihre Gründe nicht objektiv genug würdigt
(ein Grund der Gegner, der nicht mit vollkommener
Sicherheit beweist, beweist überhaupt nichts), daß er
gelegentlich auch den Ausdruck nicht scheut, eine Ansicht
sei „aus der Luft gegriffen" (z. B. S. 69 gegen de
Lagarde), oder „es ist ein unbegründetes Hin-und-Her-
Gerede" (z. B. S. 52 gegen Kittel).

Auf der andern Seite haben die Darlegungen Königs
auch ihre besonderen Vorzüge. Dahin gehören neben
der formalen Klarheit in der Disposition der einzelnen
Paragraphen vor allem die außerordentlich umfassende
Berücksichtigung der vorhandenen Literatur, die Methode
der Erörterung statt der bloßen Darstellung mit
Angabe nur der positiven Gründe und — freilich nicht
ohne Ausnahmen — die große Sorgfalt in den Tatsachenangaben
. Seine Ausführungen bilden eine reiche Fundgrube
und verdienen daher sorgfältige Beachtung auch
seitens derer, die vollkommen andere Wege gehen.

In der Auslegung der einzelnen Psalmen, die gegen
600 Seiten füllt, folgt der Verf. nicht der im A. T. gegebenen
Reihenfolge, vielmehr gruppiert er die Psalmen
nach ihrem Inhalt. Als Probe mögen die Gruppen
VII—IX dienen: VII. Die Begründung des speziellen
Gottesreiches: Ps. 47. 99. 100. 105. 111. 114. 147—149;
VIII. Die im speziellen Gottesreich enthüllte Gesetzgebung
: Ps. 78. 119. 112. 128; IX. Des Gesetzes positive
Wirkungen, a) Streben nach Frömmigkeit und hoher
Sittlichkeit: Ps. 5. 101. 131. 133; b) auf dem Gebiet
des Kultus innige Liebe zum Kultusort: Ps. 15. 24. 27.
42f. 63. 84. 87. 122., zu den wahren (vergeistigten) Kultushandlungen
: Ps. 50, zu den Kultuszeiten: Ps. 3. 4. 92.
81. 134. 30. Es wird wohl nur wenige geben, die eine
solche Gruppierung für dem Inhalt der Psalmen angemessen
halten; man wird im allgemeinen wohl übereinstimmen
in dem Urteil, daß hier oft ein nicht charakteristischer
Einzelzug eines Liedes für seine Einreihung
maßgebend gewesen ist (z. B. Ps. 3: Liebe zu Kultuszeiten
, weil er ein Morgengebet ist!) und daß es daher
von vornherein in falsche Beleuchtung gerückt ist. Bei
jedem Psalm gibt der Verf. eine streng wörtliche Übersetzung
, die so formuliert ist, daß sie, nötigenfalls in
Verbindung mit Einschaltung verdeutlichender Worte
und Hinweisen auf Königs Hebr. Grammatik und auf
Parallelstellen, eine genaue sprachliche Erklärung des
Textes bietet, ebendeswegen freilich oft nicht gerade
angenehm zu lesen ist. Weitere sprachliche Erläuterungen
und Auseinandersetzungen mit andern Auslegern
sind in Fußnoten gegeben. Im Text folgen sachliche
Erläuterungen einzelner Stellen, teils zwischen Abschnitte
der Übersetzung eingeschaltet, teils an deren Schluß
gestellt; doch fehlt sehr oft eine Erklärung, wo eine
solche unbedingt notwendig ist. Den Schluß macht
bei wichtigeren Psalmen eine allgemeine Betrachtung
über den Inhalt, die Einheitlichkeit, den geschichtlichen
Anlaß, die religionsgeschichtliche Bedeutung und Ähnliches
. Hier vermißt man die Übersichtlichkeit. Einen
Vorzug der Auslegung bildet die sehr reichliche Berücksichtigung
anderer Auffassungen und die große Sorgfalt,
mit der die sprachliche Seite der Texte behandelt ist.
In dieser Beziehung bildet Königs Kommentar eine
wertvolle Ergänzung und vielfach auch eine dankenswerte
Kritik anderer Kommentare. Doch geht der Verf.
sicher viel zu weit in seinem Vertrauen zur Korrektheit
des MT, das ein fast absolutes ist. Grammatik und
Lexikon müssen alles rechtfertigen, und unbedenklich
werden die gekünsteltsten Ausdrucksweisen angenommen
, um nur dem vorliegenden Text gerecht zu
werden. Gewiß ist es eine gegenwärtig zu oft vernachlässigte
Grundforderung, daß der Exeget zunächst versuchen
muß, den überlieferten Text zu erklären; bei
König aber ist dieser Grundsatz derartig übersteigert,
daß ihm darüber das Gefühl für das Mögliche und
Natürliche abhanden gekommen ist.

Mit seiner sachlichen Auffassung der einzelnen Psalmen
steht König gänzlich außerhalb der gegenwärtig
herrschenden Anschauungen; doch zeigt er andererseits
auch ein gewisses Maß von Unabhängigkeit gegenüber
der älteren traditionellen Auslegung (z. B. Ps. 2 nicht
messianisch). Im großen und ganzen bemüht er sich
um ein zeitgeschichtliches Verständnis, (gelegentlich mit
typologischem Einschlag), wobei ihm die Dichterangaben
der Überschrift den Weg weisen (vereinzelte
Ausnahmen z. B. Ps. 14.20.21.; Ps. 51 höchstens der
Grundlage nach davidisch), gelegentlich aber auch darüber
hinaus Schlüsse aus dem Inhalt des Psalmes bestimmte
Ansätze ermöglichen (z. B. Ps. 2: Zeit Salomos).
Im allgemeeinen ergibt sich ein sehr hohes Alter der
Psalmen; doch führen religionsgeschichtliche Beobachtungen
gelegentlich auch zu späten Ansetzungen (die
jetzige Form von Ps. 51 stammt wohl aus der Zeit Jeremias
, der Anhang v. 20f. aus nachexilischer Zeit;
Ps. 74 ist makkabäisch). Bei vielen Psalmen wird auf
eine Datierung und zeitgeschichtliche Deutung natürlich
verzichtet.

Im Vorwort betont König besonders, daß er sich
bemüht habe, den Psalter als Sammlung religiöser
Lieder dem Leser nahezubringen und damit seine
praktische Anwendbarkeit in Predigt und Unterricht zu
erweisen. In dieser Beziehung möchte man nur wünschen
, daß der Verf. da, wo die Frömmigkeit der Psalmen
noch deutlich auf unterchristlicher Stufe steht,
weniger das liebevolle Verstehen angestrebt hätte — wie
er das besonders S. 559 ff. bezüglich der Rachepsalmen
tut — als die Vermittlung einer klaren Einsicht in den
Unterschied israelitischer und christlicher Frömmigkeit,
die eine vollkommen gerechte Würdigung der ersteren
nicht ausschließt. Auch die verschiedenen Stufen der
israelitischen Frömmigkeit werden nicht genügend beachtet
. Bei einem Psalm wie dem 37. wird z. B. der
Leser mit keinem Wort aufmerksam gemacht auf die
Mängel der jüdischen Vergeltungslehre, wie sie hier vorgetragen
wird, sondern nur das wird hervorgehoben,
daß hier mancher Satz „höchst zutreffend und schön
formuliert" ist; bei Ps. 73 aber wird der religiös wertvollste
Gedanke v. 28 gar nicht zur Geltung gebracht,
sondern nur auf den Glauben einer gerechten Vergeltung
nach dem Tode hingewiesen.

Zum Schluß sei noch das reichhaltige Namen- und
Sachregister erwähnt. Wenn der Verf. freilich als einen
besonderen Vorzug desselben hervorhebt, daß er darin
auch eine Reihe wichtiger Psalmensätze mit Stellenangabe
aufgenommen habe (z. B. Befiehl dem Herrn
deine Wege 37,5), so möchte ich meinen, daß er sich
diese Mühe wohl hätte sparen können; was er da bietet,
reicht nicht aus, und es gibt ja doch Konkordanzen!
Breslau. C. Steuernagel.

Kuhn, Pfr. Gottfried: Erklärung des Buches Koheleth. Gierten :
A. Töpelmann 1926. (56 S.) gr. 8°. = Beihefte z. Zeitsdlr. f. die
alttestamentl. Wissensch., 43. Rm. 2.60.

Der Verfasser legt auf wenigen Seiten in knappen
Sätzen eine neue Auffassung des vielumstrittenen Buches
vor. Der Name Qohelet erklärt sich als Gegenstück
zu dem Namen Schulammit im Hohenlied, das der
Verfasser des Koh. gekannt und bereits allegorisch verstanden
hat: während Schulammit die verborgene
Liebe der auserwählten Gemeinde zu ihrem König darstellt
, ist Qohelet die personifizierte Weisheit, die in der
großen öffentlichen Versammlung (qahaü predigt:
„was sie bietet, ist auch Weisheit, aber nicht solche,