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Ausgabe:

1927 Nr. 9

Spalte:

208-209

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zwirner, Eberhard

Titel/Untertitel:

Zum Begriff der Geschichte 1927

Rezensent:

Haering, Theodor

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Theologische Literaturzeitung 1927 Nr. 9.

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keit. Arminius und Coccejus werden besonders individuell
beleuchtet, was ja auch sachgemäß heißen muß. Darf
ich noch andeuten, wo ich in gewisser Weise die
„Schranken" Ritschis empfunden habe, so ist's ein Doppeltes
, was mir nicht ganz zu seinem Rechte gekommen
scheint. Ritsehl hebt im einzelnen immer wieder hervor,
wie stark das intellektualistische, rationale Moment in
dem Denken des Theologen sei, über den er berichtet.
Und er tut doch hier, meine , ich, dem nicht ganz Genüge
, worum es geht. Von Zwingli und Bucer her, alias
vom Humanismus aus, wirksam auch in dem Manne der
zweiten Generation, dem gewiß großen Calvin, liegt
dem nicht unter Luthers direktem Einflüsse stehenden
Protestantismus eine Neigung zu abstrakter, „rein" verstandesmäßiger
, gedankenzergliedernder „Nüchternheit"
im Blute, die je länger, je unerträglicher wird. Die
reformierte Scholastik ist wirklich öder als die lutherische
. Die reformierte Theologie verfällt stärker philosophischem
, logicistischem Geklüngel. Die Aufklärung
hat in „reformierten" Ländern begonnen. Aber England
kommt bei Ritsehl zu kurz. Das hängt damit zusammen,
daß er die „Dogmen"idee fester hält, einseitiger als Leitfaden
verfolgt, als in der Sache begründet ist. Der
reformierte Typus hat größere Umrisse als bei Ritsehl
zu Tage tritt. Das Zweite, was ich erwähnen möchte,
ist dies, daß es nicht zufällig heißen darf, daß die
Fo ed er a 1 theologie eigentlich „deutschen" Ursprungs
ist. Sie bricht mit einer Gesc h ich ts intuition in den
niederländischen „Calvinismus", seinen starr und ledern
gewordenen Intellektualismus, ein. Dahinter steht
doch Melanchthon, vielmehr letztlich Luther
und dessen „Vereinheitlichung" der Anschauung oder
Empfindung der Bibel, ihrer Konzentrierung um Personen
(„Christus"), nicht Theorien. Das Luthertum hat
Geschichtssinn entbunden, den Sinn für den Gott,
der ein „Herz", ein „Gemüt" in sich hegt und nicht sowohl
in Dekreten, die er verkündet, als in Männern, die er
„wirken" läßt, sich bezeugt hat. Doch das bemerke
ich, non ut dicam, sed ne taceam. Ritsehl hat so viel
geleistet, daß ich ihm im Grunde nur zu danken weiß.
Halle. F. Katten tausch.

Petraschek, Dr. K. O.: Die Logik des Unbewußten. Eine
Auseinandersetzung mit den Prinzipien u. Grundbegriffen d. Philosophie
Eduards von Hartmann. 2 Bde. München: E. Reinhardt
1926. (XIX, 596 u. VIII, 590 S.) gr. 8°. Rm. 32—.

Dieses unfängliche Werk, das die Unterstützung
der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft gefunden
hat, darf sich nach der Art eines scholastischen
Aristoteleskommentars in die Motivierung und Auslegung
der Hartmannschen Kategorienlehre vertiefen. Wer sich
freilich von überschwänglicheren wissenschaftlichen Zielsetzungen
noch nicht frei machen kann, wird von der
Form dieses Werkes enttäuscht sein. Das Buch erhebt
sich nirgends zu freier historischer Darstellung, sondern
es sucht immer wieder den engsten und zwar
weithin wörtlichen Anschluß an die Formulierungen
Hartmanns. Vom Standpunkt des Verfassers aus aber ist
das als ein Vorzug zu betrachten; und er setzt über seine
eigene Leistung ein entsprechendes Motto aus der „Philosophie
des Unbewußten": „Es hat sich wieder einmal
recht deutlich gezeigt, wie unendlich viel fruchtbarer
als bloße Kritik das Nachdenken über die Gründe
ist, durch welche große Männer zu falschen Hypothesen
verleitet sind". Der in dieser Absicht unternommene
Interpretationsversuch schließt sich eng an die „Kategorienlehre
" an. Aber während bei Hartmann jede
einzelne Kategorie durch die drei Grundsphären des
Systems: die subjektiv-ideale, die objektiv-reale und die
metaphysische, hindurchverfolgt wird, untersucht Petraschek
die Gesamtheit der Kategorien in jeder Sphäre
besonders. Das ergibt in der Tat eine wichtige „Rechnungsprobe
". Für die Ausdeutung der in der „Kategorienlehre
" zu kurz gekommenen „geistesphilosophischen
" Kategorien werden in weitestem Maß auch die

andern Schriften Hartmanns herangezogen. Über die
innere Stellungnahme des Verfassers unterrichten seine
! eigenen Worte: „Hartmann hat die Wahrheit, die
alte Wahrheit nicht erkannt, sondern verkannt und
verleugnet; kein Wunder, daß seine Metaphysik in ihrem
ganzen imposanten Aufbau doch nur ein Blendwerk
ist, das vor den Augen des schlichten Gottbekenners
| in nichts zusammenfällt". Es wäre aber falsch, aus diesen
Äußerungen den Schluß zu ziehen, daß man im Buc.i
I eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen dem
I Christentum und der modernen Philosophie fände, als
j deren entscheidenden Vertreter der Verf. E. v. Hartmann
ansieht. Dazu ist bei dem Stilcharakter der Arbeit
keine Möglichkeit gegeben. Damit aber ist auch der ihr
bestimmte Wirkungskreis ein sehr beschränkter.

Bremen. H. Knittermeyer.

Zwirner, Eberhard: Zum Begriff der Geschichte. Eine Untersuchung
üb. d. Beziehungen d. theoret. z. prakt. Philosophie.
Leipzig: Quelle & Meyer 1926. (IX, 68 S.) gr. 8°. Rm. 4—.

Verfasser stellt die Beziehung zwischen theoretischer
und praktischer Philosophie, welch letztere für

I ihn nur Geschichte sein kann, dadurch her, daß er ihre
wesenhafte wechselseitige Untrennbarkeit aufweist. Dieser
Nachweis geschieht in drei Etappen, die kurz die

I Überschriften „Urteil", „Schluß", „Begriff" tragen. Der
erste Abschnitt zeigt, wie kein einzelnes Urteil, das
doch immer die Grundlage alles theoretischen Wissens
und Erkennens ist, an sich bestimmt ist, sondern, wie
wir seit Kant und seinen Nachfolgern wissen, nur
durch ein unübersehbares System anderer Urteile, die es
logisch begründen und ihrerseits wieder durch es begründet
werden und aus ihm folgen. Diesen logischen
Begründungsbedingungen ist alle wissenschaftliche
Wahrheit unterworfen, und in ihrem Nachweis besteht
die wesentliche Aufgabe der theoretischen Philosophie
gegenüber den Einzelwissenschaften. Aber zu dieser logischen
Seite aller wissenschaftlichen Wahrheit kommt
die p s y c h o 1 o gi s c h-tatsächliche: zum Begriff des
Urteils gehört es, daß es auch wirklich gedacht, zum
Begriff des Gegenstandes, daß er erlebt werden kann,
wie ganz im Anschluß an Hoenigwalds Denkpsychologie
ausgeführt wird. In dem System der Einzelwissenschaften
erst, mit den sie konstituierenden Systemen von
Voraussetzungen, realisiert sich der „unendliche Modus"
des Denkens in unendlichem zeitlichem Prozeß (Schluß),
dem psychologischen Äquivalent des logisch-dialektischen
(aber zeitlosen) Wesens aller Wahrheit im obigen Sinn.

Aber noch ein letztes gehört zum Begriff und
Wesen jeder wissenschaftlichen Wahrheit selbst: ihre
Werthaftigkeit für jemand, insbesondere für mich, der

I ich sie denke, bezw. für die Gemeinschaft der Forscher,

j der ich damit angehöre. Ohne diese Beziehung zur Geschichte
einer Wissenschaft bezw. ihrer Möglichkeit,
ist überhaupt keine Wahrheit das, was sie ist. Diese
„Einmaligkeit" bezw. dieser Wert jedes Urteils aber ist

i (wie sein sprachlicher Ausdruck) jeweils nur der Aus-

! druck eines „Systems von Ideen", die das Individuum
und seine Gemeinschaft beherrschen.

Auf solch „Einmaliges" und solchen Wert (nicht
auf „alle Fälle"), geht überhaupt alles historische
Urteil, obwohl auch es Wahrheit aussagen will, die
für alle gilt und die begründet ist. In ihm ist, wie der
Verf. an den verschiedensten Geistesphänomenen zeigt,
zugleich alles erschöpft, was von einer praktischen Philosophie
wahrhaft gefordert werden kann, die zugleich umgekehrt
wieder die theoretische, von der vorher die
Rede war, untrennbar voraussetzt.

Wie im ersten Teil (mit Kant und seinen Nachfolgern
) Abstraktionslogik und Metaphysik, im zweiten
(vor allem mit Hocnigswald) Logizismus und Psycho-

[ logie, so werden hier im dritten (dem eigensten des Verfassers
) der Historismus und Traditionalismus (Absolutismus
) der üblichen „praktischen Philosophie" dadurch
aufgehoben und überwunden, daß die über-