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Ausgabe:

1926 Nr. 5

Spalte:

113-118

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fezer, Karl

Titel/Untertitel:

Das Wort Gottes und die Predigt 1926

Rezensent:

Heckel, Theodor

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 5.

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derbter Text vor, vermag Br. doch kunstvoll so zu erklären
, daß ein besonderer Sinn herauskommt. Merkwürdig
bleibt es, wie man bald einen kritischen philosophischen
Denker, bald einen treuen Bewahrer der den
katholischen Theologen in der Bibel überlieferten heiligen
Geschichte reden zu hören glaubt. Jesu Absicht,
sich nicht dem Volk, sondern nur seinen Jüngern verständlich
zu machen, wird nicht etwa als ungeschichtlich
angesehen, sondern „es bietet sich dafür kaum eine andre
Erklärung, als daß er die Laien in Abhängigkeit von
dem Klerus bringen wollte" (S. 65). Daß „alle in
einem gesündigt haben" wird zitiert (S. 137), ohne zu
sagen, daß der griechische Text hier doch anderes
bietet als die Vulgata! Als Br.'s eigene Ansicht von
Christus, nicht nur als Referat über die Lehre Jesu wird
man es ansehen dürfen, daß Jesus „im besonderen der
Sohn Gottes und der Gedanke" (Myog) „Gottes genannt
zu werden" verdient; aber weder war Jesus Gott, noch
auch sittlich ganz vollkommen; manche seiner Verheißungen
(was immer ihr den Vater in meinem Namen
bitten weidet, wird er euch geben; sorget nicht) und
Mahnungen (gegen den Reichtum) sind übertrieben;
„wer ethisch unterweist, sollte sich rhetorischer Hyperbeln
nicht bedienen". Die, sagen wir vorsichtig:
Nüchternheit, die in dieser Kritik an Jesu sittlichen
Weisungen sich ausspricht, zeigt sich auch in der ästhetischen
Kritik, die Br. an einigen Gleichnissen Jesu übt.
Statt weitere Einzelheiten anzuführen wie den mir unverständlichen
Satz, daß Gott ohne jede Beeinträchtigung
der Freiheit die Erbsünde hätte verhindern können (S.
41), fasse ich meinen Eindruck dahin zusammen, daß
Scharfsinn und Ernst des Verf. namentlich in dem Abschnitt
über Pascal allerdings die Herausgabe des Buchs
durchaus rechtfertigen; für Protestanten ist es nebenher
von Interesse, zu sehen, wie ein katholischer Theolog
zu weitgehender Kritik am Dogma sozusagen auf immanentem
Wege gekommen ist, anscheinend ohne vom
Protestantismus stärker berührt zu sein.

Kiel. H. Muler t.

F e z e r, Karl: Das Wort Gottes und die Predigt. Eine Weit« -

führung d. prinzipiellen Homiletik auf Grund d Ergebnisse d.

neuen religions-psychol. u. systemat. Forschg. Stuttgart: Calwer

Vereinsbuchh. 1925. (106 S.) 8°. = Handreichung f. d. geistl. Amt,

Heft 2. Rm. 2.50.

Evangelische Theologie ist Theologie des verbum
divinum. Die praktische Theologie im besondern hat die
grundlegende Aufgabe den theologischen Ort, Grund und
Notwendigkeit des ministerium verbi zu bestimmen.
Systematische und praktische Theologie berühren sich
hierbei aufs engste. Denn wie nun das verbum divinum
umschrieben wird, welche Gottes-Offenbarungsanschau-
ung, welcher Glaubensbegriff, welche Anthropologie und
Pneumatologie, welche Kirchen- und Sakramentsidee darin
enthalten ist, das alles erscheint als Projektion wieder
in der prakt. Theologie. Ein Symptom dafür, daß diese
beiderseitige Nähe in der gegenwärtigen Theologie stark
empfunden wird, tritt darin zu Tage, daß die bedeutenden
systematischen Theologen, deren Theologie die Stunde
regiert, Prediger werden. Darin kündigt sich die Gesundheit
, zum mindesten der Anspruch der theologischen
Systematik an, wirkliche Theologie und Theologie der
Wirklichkeit zu sein. Darf man den Satz umkehren, so
würde die Gesundheit der praktischen Theologie sich darin
erweisen, daß sie nicht weniger praktisch, aber mehr
theologisch wird. Ohne Zweifel aber kann die systematische
Theologie heute leichter in besonderem Sinn
„praktisch" werden, als die praktische Theologie im
eigentlichen Sinn theologisch. Die Fülle der kirchlichen
Aufgaben in ihrer kasuellen Mannigfaltigkeit verschlingt
geradezu die prinzipielle theologische Grundlegung; dazu
kommt ferner: wir haben keine eindeutige Theologie,
die eine praktische Theologie schlechthin erzeugte. Der
praktische Theologe muß heute ebenso wie der systematische
in der Front theolog. Ringens stehen.

Beides macht nun auch Wert und Grenze des F.
Buches im allgemeinen aus; daß er nämlich das Problem
der Predigt wirklich theologisch in die Mitte rückt,
und daß er über den engeren Bereich der praktischen
Theologie hinausschaut und den Pulsschlag der gegenwärtigen
Theologie fühlt. Gibt das erste dem gestellten
Problem die gerade Richtung, so durchschneidet das
zweite da und dort die Einheitlichkeit. Davon ist auch die
Form durchwaltet. Von dem eitlen Journalistentum, das
sich in der Theologie nur zu sehr breit macht, kann keine
Rede sein; eher ist die „Sachlichkeit" fast zu logisch,
fast auch zu medizinisch. Umsonst steht doch nicht
„Diagnose" und „Therapie" über den beiden Hauptkapiteln
: dem Problem der Predigt und der neuen Lösung
des Problems. Es war ja für die Gestaltung keine geringe
Arbeit alle Regungen im weiten Geäder der
theol. Literatur zusammenzusehen und ohne allzu starke
Belastung dem Gedankenzug einzugliedern. Und diese
Arbeit kann man als gelungen ansehen. In ungleich
schwerer Rüstung geht der 2. Teil einher, weil sich die
Unebenheit der theol. Richtungen dem freien Schritt der
Ideen in den Weg stellt. Doch folgen wir der Darlegung
F. selbst!

Im ersten Teil wird das Problem der Predigt entwickelt
. Es gestaltet sich zu einer Theologiegeschichte
der praktischen Theologie des 19. Jhrh. bis zur Gegenwart
. Bei dieser Wanderung durch die Galerie großer
und kleiner Geister hat man nicht das peinliche Gefühl
, daß nur Tote zitiert werden um den Lebenden
Relief zu geben; sondern die gerechte sachliche
Art (Schian und Theod. Harnack ausgenommen), wie
das Gespräch der Gegenwart mit der näheren und ferneren
Vergangenheit geführt wird und ganz aktuell geführt
wird, gibt der Geisterbeschwörung Gewissensernst.
Eine Frage ruft an Wendepunkten der Geschichte die
prakt. Theologen auf den Plan: wie kann der offenkundigen
Erschlaffung des gottesdienstlichen Lebens aufgeholfen
werden? In zwei Gruppen teilen sich die
Fragenden. Die einen antworten: Reform der Predigt,
die anderen Reform des Gottesdienstes überhaupt. Auch
in den einzelnen Gruppen herrscht nicht Gleichartigkeit
; Ziel und Weg richtet sich bei den einen
auf die Predigtreform. Dadurch wird eine Reihe richtiger
Teilschäden erkannt; die andere Gruppe, welche
von der Religionsgeschichte, Psychologie (Otto, Heiler)
oder von liturgischen Studien (Herold) angeregt ist,
überwindet das Spezialistentum, erwägt den Kultus als
Ganzes und kommt so der prinzipiellen prakt. Theologie
näher. Trotzdem wird die Not nicht überwunden
— denn zwischen beiden steht das grundsätzlich
ungelöste Rätsel der Predigt.

Die gleiche Zwiespältigkeit wie auf dem Gebiet der
homiletischen Praxis erscheint auf dem der homiletischen
Theorie. Seit Gaß-Schleiermacher durchzieht ein unversöhnter
Gegensatz die Homiletik. Die eine Genealogie:
Schlciermacher, Alex. Schweizer, Palmer, Bassermann,
Krauß, Spitta, Smend, Eckart, ist im Ganzen einheitlicher
Herkunft, die andere hat schon recht verschiedene Verwurzelung
: Vinet, Nitzsch, Achelis, Baumgarten, Hering,
Kleinert, Sachße, Niebergall, Wurster, Meyer — eine seltsame
Verwandtenreihe. Sie werden wie die erste Reihe
in eine geistige Richtung untergebracht. Nehmen wir der
Kürze halber die Kategorientafel an, so fielen die ersten
unter die Kategorie: künstlerisch-darstellende (kultische),
die letztere unter die andere: „missionarisch-pädagogisch-
seelsorgerliche" Predigtweise. Beide werden nach Vorzug
und Nachteil überprüft und dann entschlossen preisgegeben
Diese Abschnitte — wir sehen davon ab, ob die
Kategorien genügen — sind besonders beherzigenswert,
weil sie jedem Prediger zur strengen Selbstkritik dienen!
Warum dürfen wir uns hier nicht anbauen? Die pädagogische
Predigt orientiert die Teleologie des Evangeliums
von der Gemeinde her, ihre Unvollkommenheit
gibt den Zweck der Predigt an. Durch diese teleologische
Einordnung wird — auch mit den Versuchen des