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Ausgabe:

1926

Spalte:

94-95

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Drahn, Hermann

Titel/Untertitel:

Das Werk Stefan Georges, seine Religiosität und sein Ethos 1926

Rezensent:

Odenwald, Theodor

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Korums eigne Vermutung über diese auch ihm fast unbegreifliche
Konnivenz der preußischen Regierung, daß
Bismarck dabei den politischen Hintergedanken hatte,
diese Ernennung im Auslände als Beweis zu verwenden,
daß auch die Alt-Elsässer sich mit der Wendung von
1870 abgefunden hätten, und daß er sich andrerseits dadurch
auch einen Rechtstitel sichern wollte, mit dem er
das Zentrum ins Unrecht setzen könnte. Ohne irgend
eine Verleugnung seines politischen oder kirchenpolitischen
Standpunktes wurde Komm also preußischer
Bischof. Er übernahm keinerlei Verpflichtung, und es
wurde kein Eid von ihm gefordert. Die Ernennung erfolgte
unter großer Aufmachung; man lese die überströmend
ehrerbietigen Briefe des Kultusministers; Bismarck
lud ihn sogar nach Varzin ein und suchte ihn zu
faszinieren, was aber an der Panzerung der Brust Korums
mit der Anrufung der Mutter Gottes scheiterte.
Der Kaiser empfing ihn in besonderer Audienz und
sprach dabei mit dem neuen preußischen Bischof, trotzdem
diesem die deutsche Sprache geläufig war, französisch
!!

Jedoch Komm war kirchlich genug, um von dem
Augenblick an, da er Trierer Bischof geworden war, sein
Franzosentum nicht mehr hervorzukehren, so wenig er
es in seinen privaten Beziehungen und in seiner Korrespondenz
verleugnete. Als gegen Ende seines Lebens
der Krieg ausbrach, hatte er sich doch innerlich so weit
gewandelt, daß Abbe Delsor keine Freude an ihm hatte;
obgleich allem deutschen Nationalismus feind, hat er
doch die Lüge von Deutschlands Alleinschuld abgelehnt
, und den fremden Besatzungstruppen gegenüber
wahrte er die Stellung des Kirchenfürsten (S. 391) mit

einer strengen Regel eingeteilt ist, sind mindestens drei
bis vier Stunden täglich der Betrachtung, dem Gebet, der
Lesung der Heiligen Schrift auf den Knieen, der Kirchenväter
- und Heiligengeschichten, der Gewissenserforschung
und der Anbetung vor dem Sakrament gewidmet.
Dazu in jedem Jahr mehrwöchentliche Exerzitien. Ebenso
bemerkenswert ist die Verbindung von Autorität und
Kollegialität im Verkehr mit seinem Klerus, und besonders
bezeichnend der kleine Zug, (S. 354) wo er
einem jungen Kleriker, den er abwesend in einer Klerikerversammlung
angegriffen hatte, weil er durch die
Veröffentlichung einer Kritik eines andern Klerikers unritterlich
gehandelt hätte, und der ihm darauf persönlich
sagte, es sei auch unritterlich, einen Abwesenden anzugreifen
, einfach zugab: Sie haben recht. Man kann doch
verstehen, daß ihm das die Herzen seines Klerus gewann.
Frankfurt a. M. Erich Foerster.

Drahn, Hermann : Das Werk Stefan Georges, seine Religiosität
und sein Ethos. Leipzig: F. Hirt 8e Sohn 1025. (X, 160 S.)
S°. geb. Rm. 5—.

Es ist beinahe Mode geworden, Luther und neuerdings auch
Kant für all das, was man im Geschichtsprozeß der letzten 4 Jahrhunderte
als Untergang bezeichnet, verantwortlich zu machen. Auch
D. ist nicht ganz frei von derartigen Gedankengängen. Sie bilden eine
Voraussetzung seines Buches. Dazu tritt noch eine andere. Er will
das Göttliche nur in und unter den Menschen binden. Beide Voraussetzungen
D.'s sind auch Elemente der Welt Georges, aber nicht seine
ganze Welt. Daher ist es um so leichter möglich, daß D. die Worte
des Dichters öfter in der Richtung seiner Voraussetzung deutet. In der
Darstellung der Religiosität und des Ethos G.'s machen sich solch
einseitige Akzentsetzungen geltend. Vier Formen der Religion sind nach
D. seit der Renaissance im Abendland hervorgetreten. Von ihnen aus
sucht er die Religiosität G.'s zu fassen. Vom Pantheismus, als dem
imponierendem Selbstbewußtsein Umso energischer aber i 0Uuben an „gestaltlose das All erfüllende Kraft", ist nichts in die
betonte Komm seinen kirchenpolitischen Standpunkt, den Wclt G .s eingegangen. Natur ist ihm Stoff für die Form, deshalb
Standpunkt des schroffsten Ultramontanismus, konziliant „i<e;n mindres Heiligtum", aber nicht das Göttliche selbst. Zum
in der Form, aber ohne alle Kompromisse. Damit hat er i Grundgedanken der Mystik: „Gott lebt nur in der Seele des Menschen
sich einmal eine empfindliche Niederlage geholt, im | und nur durch ihre Kraft" hat G. vielfache Beziehung. Auch er ein
Schulstreit 1903, wo er seinen Klerus veranlassen mußte, j Gegner der Transzendenz, aber auch er wird wie alle Mystik geeinen
Kanzelerlaß gegen die paritätischen Schulen zu- ' wungen, neben den Gott als seelische Schöpfung noch eine andere

rückzunehmen, obgleich der Erlaß zwar nicht von ihm I Kraft einen Gott zu setzen, der sich offenbart. Mit dem Rationalis-
• i_ j u j i ii- "o ji mus der Aufklärung, als dem „fruchtlosesten Versuch des Menschen ,

verordnet, aber doch den Instruktionen gemäß war, die , sich (lcm aöttUch£ m nahcili ^ es je ^ hat und je Rtbcn
er gegeben hatte, und wo er die vorher verweigerte An- j kann..( hato. nichts gemein. Er ist sein überwinder. steht fern dieser
-Stellung eines Rellgionslehrers an der paritätischen j Welt des „englisch-amerikanischen Kapitalismus", die „aus dem Schöße
Schule zugestehen mußte. Damals drahtete ihm die i theoretischer Einsicht und lutherischer calvinistischer Frömmigkeit"

erwuchs. G. ist Verkörpercr der 4, Form der Religion, der Religiosität
der Persönlichkeit, in ihrem individuellsten Sinne: „Werde, was
du bist". _

Soviel auch durch Heranziehung dieser 4 Formen richtig gesehen
ist, eins ist übersehen: Der biblisch-lutherisch-kantische Ton bei G.:
„Nun spricht der Ewige: ich will! ihr sollt!" (Vorspiel) und die
Offenbarungsatmosphäre, durch die das Ich wird, die die Weihe und
die Schönheit trägt: „Gottes Pfad ist uns geweitet ..." (Stern).
Damit will ich nicht den Fehler begehen, von G. als von einem
Protestanten zu reden oder von einem bestimmt zu bezeichnenden bib-

Kurie: „Nicht Dimission, sondern Submission." Übrigens
ist gerade die Darstellung dieses Schulstreites unklar;
z. B. ist die Bemerkung auf Seite 128 unrichtig, daß die
Angliederung von 4 simultanen Vorschulklassen an das
paritätische Seminar als Übungsschule die Gefahr heraufbeschworen
hätte, daß die katholischen Kinder in allen
Fächern, also auch in der biblischen Geschichte, von
evangelischen oder gar nichtchristlichen Seminaristinnen
unterrichtet worden wären. Diese Gefahr bestand nicht.

Wie bei dieser Gelegenheit, SO stand Komm auch bei I lischtn Christentum bei ihm. Ich glaube, es muß bei der Formulierung

Gundolfs bleiben: „Wir alle sind komplexe Wesen, Mittelalter,
Renaissance oder Barock kann unser Leben ineinander, unser Denken,
Nennen und Blicken nur nacheinander oder nebeneinander fassen".

Den Zcntralpunkt der religiösen Schwingungen G.'s sieht D. in:
„Den leih vergottet und den gott verleibt". „In diesen Worten liegt
G.'s Gottesglaubcn". Ist der Sinn dieses Glaubens auf Überwindung
der Zweiheit: Leib und Seele, Mensch und Gott, Zeitliches und
Ewiges gerichtet, so ist gerade hier bei G. Antike und Christentum
ineinander verschmolzen. Die Deutung D.'s im Sinne der Immanenz
dürfte nicht das Richtige treffen. Das abendländische Denken ringt
um die Überwindung dieser Zweiheit. Auch die Frakc der Subjekt-
Objekt-Beziehung ist ein Niederschlag dieses Kampfes. Was G. als
Dichter sagt, als Seher kündet, als Prophet schaut, vollzieht sich
gegenwärtig in diesem Denkprozeß. Der reine Subjektivismus und der
reine Objektivismus haben ihren Sinn für uns verloren. Wir suchen
nach der Synthese, in der Subjekt und Objekt einander gegenüberstehen
und doch verbunden sind. Diese Situation des Denkens ist aber
mehr als Analogie zur christlichen Glaubensaussage über den Schöpfer
und sein Werk.

Ahnliche, nicht das Zentrale des Sachverhalts ganz treffende
Urteile scheinen mir auch in der Darstellung des Ethos G.'s vorzuliegen
. Das Ethos D.'s selbst ist frei von jeglichem Intellektualismus,
es wurzelt im Irrationalen. Aber in einem Irrationalen der Fläche, nicht
des Raumes. Sein Ethos lebt im Präreligiösen. D. spürt die brennende

.'Indern im Gegensatz zum Fürstbischof Kopp und suchte
ihn an der Kurie ins Unrecht zu setzen. In der Beurteilung
der christlichen Gewerkschaftsbewegung geriet
er auch in Gegensatz zum Kölner Erzbischof und zum
Volksverein für das katholische Deutschland. Die mit
den Turmartikeln Bachems einsetzende Wendung im
Zentrum entfremdete ihm auch dieses. Aber auch die
Gegner werden sagen müssen, daß er unentwegt derselbe
blieb, der er war, und diese Haltung hat etwas Imponierendes
. Sicherlich hätte er sich nicht behaupten
können, wenn er nicht bei seinem Trierer Klerus und bei
den Trierer Katholiken einen starken Rückhalt besessen
?RQi" Allsste"unK des Trierer Rockes im Jahre

u ' s°viel Ärgernis sie den protestantischen Deutschen
gab, hat zur Stärkung des Trierer Lokalpatriotismus ihm
gegenüber viel beigetragen und war insofern sehr geschickt
berechnet.

..., Aus den Mitteilungen über seine persönliche Lebensführung
ist vor allem bemerkenswert, welch einen breiten
Kaum dann die Meditation, die Rekollektionen und die
txerzitien einnahmen. In seinem Tageslauf, der nach