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Ausgabe:

1926 Nr. 2

Spalte:

43

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schweizer, Walter

Titel/Untertitel:

Erklären und Verstehen in der Psychologie 1926

Rezensent:

Siegfried, Theodor

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 2.

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handeln zeitlebens ebenso ferngerückt bleiben, wie behütete
Menschen den groben Versuchungen. Da stoßen
wir doch auf verborgene Rätsel der göttlichen Welt-
regierung, d. h. auf den „deus absconditus", dem gegenüber
es gilt, zu glauben, daß er als gerecht sich erweisen
wird, auch wo er uns ungerecht erscheint! Keinesfalls
aber durfte der Verf. (S 15) den Zitaten aus de
servo arbitrio einen auch für ihn in seinem Zusammenhange
„orthodox" deutbaren Satz aus Luthers Römerbriefscholien
(ed. Ficker S. 23, 3 f.) so anschließen, daß
der Leser „den Menschen", von dem da gesprochen wird,
auf den Judas Ischarioth deuten muß, von dem das letzte
der Zitate aus de servo arbitrio redet.

Halle a. S. Friedrich Loafs.

Schweizer, Dr. Walter: Erklären und Verstehen in der
Psychologie. Bern: P. Haupt 1924. (V, 21 S.) gr. 8°. Rm. 2.40.

Vf. bietet eine Auseinandersetzung mit Karl Jaspers,
die vor allem auf Jaspers Psychopathologie und einen
Aufsatz von Jaspers aus der Zeitschrift f. die ges. Neurologie
und Psychiatrie (Bd. 14, 1913) zurückgreift.
Gegenüber der "schroffen Trennung von Erklären und
Verstehen bei J. fordert Vf. ein verstehendes Erklären.
Er will zeigen erstens, daß jene Scheidung bei Jaspers
auf ein „somatisches Vorurteil" zurückgehe, das vergeblich
versuche Psychisches durch außerbewußte Mechanismen
zu erklären, oder auf Gehirnprozesse zurückgehe
, und zweitens, daß Jaspers Kausalzusammenhang
und mechanischen Zusammenhang verwechsle. In der
Tat scheinen bei J. Unstimmigkeiten vorzuliegen, die
vielleicht nicht nur den Wortlaut betreffen. Aber zu
einer wesentlichen Klärung darüber bringt es Schweizers
Arbeit m. E. nicht. Auch er muß einen „methodologischen
" Unterschied zwischen Erklären und Verstehen
eingehen (S. 70) und trennt scharf die Evidenz des Kausalprinzips
von der Evidenz des Verstehens (S. 38). Die
Kritik an Jaspers bleibt durchaus an der Oberfläche.
So leicht zu finden aber sind die Widersprüche bei J.
nicht.

Bereits beim ersten Lesen der Schrift machte mich die Art der
Zitatanwendung stutzig. Wenn J. 1919 in der Psychologie der Weitanschauungen
von einem „Unendlichkeitscr le b n is des Verstehens"
und der Tendenz sich „versuchsweise" dem Fremddeuten zu
nähern spricht, 1913 dagegen die „Forderung" unbegrenzter Verständlichkeit
ablehnt, so müßte der, der hier einen Widerspruch
findet, zum mindesten den Versuch machen, ob etwa eine Wandlung
in Jaspers' Denken anzunehmen ist, was bei einem so lebendigen und
neue Welten sich erobernden Denker wie J. kein Wunder wäre. Aber
ein Erlebnis und eine Forderung (d. h. eine kategoriale Setzung)
liegen so wenig in einer Ebene wie eine psychische Tendenz und
eine Forderung. Wenn J. auf derselben Seite die Theorie der gehirnphysiologischen
Lokalisation ablehnt, aber von „einer Wirkung de,'
Gehirnprozesse auf das Seelenleben zu sprechen" für „erlaubt" hält,
so wäre es wohl geboten zweimal zu lesen, ehe man einen Widerspruch
festnagelt. J. lehnt die Lokalisationstheorie ab und findet
keine Beziehung zwischen den durch Hirnforschung gewonnenen
Lokalisationen und den durch psychologische Analysen gefundenen
Elementen, d.h. die gegenwärtige Forschung kann nach J. eindeutige
Beziehungen nicht feststellen. Vf. liest heraus, J. anerkenne gar keine
Beziehung zwischen Seelischem und Physischem, während J. selbst
auf der vom Vf. angezogenen Seite in acht Sperrungen nur die
direkte, die entfernteren Bedingungen überspringende Zuordnung
abweist. (Jaspers, Psychopathologie S. 192, Schweizer S. 57). Wenn
man den Wunsch zurückstellt, daß Vf. auf breiterer Grundlage gearbeitet
und die ernste wissenschaftliche Diskussion über J. berücksichtigt
hätte, so hätte Vf. doch mit ganz anderem Verstehen in
Jaspers' Grundhaltung eindringen, zum mindesten aber dem zitierten
Text die gebührende, elementare Aufmerksamkeit schenken müssen.

Jena. Theodor Si e g f r i e d.

Koppelmann, Prof.Lic.Dr. Wilhelm : DerErlösungs-und Heilsgedanke
von freisinnig-protestantischem Standpunkt aus.

Von der Teylerschen Gesellschaft gekrönte Preisschrift. Haarlcm:
d. Erven F. Bohn 1925. (X, 182 S.) gr. 8°. fl. 6.50.

Vom freisinnig-protestantischem oder — wie er
sich sonst zumeist ausdrückt — vom freien protestantischen
Standpunkt aus will Koppelmann in dieser Schrift

den zentralen Gedanken unseres besonderen christlichen
Glaubens behandeln. Das Besondere dieses Standpunktes
liegt ihm nicht in irgend einer inhaltlichen
Bestimmtheit; es ist „methodischer Art" und besteht
in der „Freiheit und Unbefangenheit des Geistes auch
in der theologischen Forschung". In der historischen
Theologie hat sich die damit gegebene „Loslösung von
den Fesseln der Autorität" weithin durchgesetzt; „hier
wird im allgemeinen mit denselben Methoden gearbeitet
wie in der historischen und .. literarischen Forschung
". Dagegen die systematische Theologie ist „jedenfalls
in den meisten ihrer Erzeugnisse" „von dieser
grundsätzlichen Voraussetzungslosigkeit noch ziemlich
weit entfernt". Man sucht hier wohl „die Fühlung
mit der modernen Wissenschaft und vor allem mit der
Philosophie aufrecht zu erhalten"; aber doch zumeist
nur, um mit deren Hilfe einer „mehr oder weniger
durch die Kirchenlehre gebundenen Auffassung Geltung
zu verschaffen", anstatt daß man sich auch hier wirklich
„methodisch auf denselben Boden voraussetzungs-
loser Forschung stellt wie die Religionsphilosophie".
Das zu tun ist die Absicht Koppelmanns. Und in
diesem Sinne will er bei der Behandlung seines Gegenstandes
mit der freisinnig-protestantischen Einstel-
lung „vollen Ernst machen".

Dazu gehört nun aber für Koppelmann, „daß die
Theologie, sofern sie Wissenschaft bleiben will, sich
auch .innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft' zu
halten hat" (S. 9) in der Richtung von Kants Urteil
über das Christentum: „Hier ist nun eine vollständige
Religion, die allen Menschen durch ihre eigene Vernunft
faßlich und überzeugend vorgelegt werden
kann." Und darum erscheint ihm die neuerliche
starke Betonung des Irrationalen, Geheimnisvollen,
Numiniosen in der Religion mit einem freien protestantischen
Standpunkt nicht vereinbar.

Daß hier Gefahren am Wege liegen, wird m. E.
I zugegeben werden müssen. Ich glaube aber nicht, daß
[ wir durch ein lediglich ablehnendes Verhalten wirklich
weiter kommen. Dazu bedarf es einer wirklichen
Verarbeitung grade auch dieser neuen Richtlinien und
damit eindringenderer Neuarbeit, als sie Koppelmann
von seiner Einstellung aus zu leisten vermag. Ist wirklich
Freiheit und Unbefangenheit des Geistes das spezifisch
charakteristische des freien Protestantismus, so
hat sich diese nach allen Richtungen zu bewähren,
nicht nur gegenüber der kirchlichen Tradition.

Mit seiner energischen Betonung dessen, daß das
christliche Heils- und Erlösungserlebnis wie der christ-
liichie Gottesglaube bis in sein Allerinnerstes hinein
ethischer Art ist, hebt K. sicher etwas hervor, was nie
vergessen werden darf und was grade auch gegenüber
einer Vorliebe für die Hervorhebung anderer fundamentaler
Momente religiösen Erlebens zu unterstreichen
nötig ist. Ebenso sehr gilt aber auch das Andre,
daß wir nur vom ethischen Ansatz aus den christlichen
Erlösungs- und Heilsgedanken nicht wirklich erreichen
. Denn es handelt sich hier nicht lediglich um
sittliches Heil und sittliche Erlösung durch göttliche
Hilfe, sondern vielmehr zentral um Erlösung vor Gott;
und da ist immer jenes Andre mit dabei, zu dem wir
lediglich vom Ethischen aus auch mit Hinzufügung
des Gottesgedankens den Zugang nicht finden. In dieser
rein ethischen Linie aber hält sich auch K. Das
findet schon darin seinen Ausdruck, daß moralphilosophische
Erörterungen in dieser Untersuchung über
eine religiöse Zentralidee weitaus den breitesten Raum
einnehmen. Und der Angelpunkt der christlichen Erlösung
ist nach ihm die Hinwegräumung des Hindernisses
für den sittlichen Willen, daß das sittliche Gut
nur als Ideal geahnt wird, nicht aber als Realität dasteht
. Darin liegt das Erlösende der Reichsgottesverkündigung
Jesu.

Koppelmann erwartet den Vorwurf des Rationalismus
. Anstatt dieses Schlagwort zu gebrauchen, würde