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Ausgabe:

1926 Nr. 21

Spalte:

522-523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Piur, Paul

Titel/Untertitel:

Petrarcas „Buch ohne Namen“ und die päpstliche Kurie 1926

Rezensent:

Blanke, Fritz

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 21.

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ideal des Aquinaten besonders klar ausgedrückt Das
höhere geistige Leben erreicht seine Vollendung in der
jenseitigen Vereinigung mit Gott (S. 83 f.). Gott bereitet
uns zu diesem Ziel vor: durch den Glauben,
in dem wir Gott als ein unser Denken überragendes
Wesen denken, durch die Hoffnung, die uns stark
macht, sodaß wir uns entschieden auf Gott hinrichten,
durch die Liebe, die die Seele so in Gott festigt, daß
sie ihm unverrückt anhangt (S. 84).

Wenn auch verschiedene Umstände dem Menschen
die Hinkehr zu Gott immer erschweren: sowohl die
Schwachheit seiner Denkkraft, als die Sorge für das leibliche
Leben und die Störungen durch die erregenden
Bilder der Phantasie, so soll er doch wenigstens mit der
Gesinnung und möglichst oft auch aktuell sich Gott zukehren
(S. 87). Eine solche Gotteshingabe erfordert,
Frieden zu halten mit anderen Menschen; die Eintracht
unter den Menschen wird bewahrt durch die Gerechtigkeit
, die jedem das Seine gibt, und durch die Liebe, die
den Nächsten positiv fördert (S. 91).

Zur Hingabe an Gott ist aber auch der Friede im
eigenen Herzen erforderlich (S. 96). Damit dieser nicht
gestört werde, muß die Sinnlichkeit gemäßigt und zum
gefügigen Werkzeug des höheren geistigen Lebens gemacht
werden. G. betont, daß Th. — weit entfernt von
übertriebener Weltverneinung — nur Mäßigung, Ordnung
und Vergeistigung des Phantasie-, Gefühls- und
Trieblebens fordere, wie er auch für Erholung, Spiel
und Scherz Sinn habe: „Es ist ein freundlicher und
freudiger Sonnenschein über seine Lebensauffassung ausgegossen
" (S. 99 f.).

Th. unterscheidet eine erlaubte und sittlich gute,
eine zwar übertriebene, aber nicht schwer sündhafte
und eine völlig ungeordnete Beschäftigung mit dem
Irdischen, welche die Abkehr von Gott in sich schließt
(S. 105 f.). Die mangelnde Sorge für das Zeitliche
ist nur dann unerlaubt, wenn sie aus einem unlauteren
Motiv, z. B. Gleichgiltigkeit, entspringt, erklärt sie
sich aber aus höheren Beweggründen, z. B. aus dem
Willen, sich ungehemmt Gott hinzugeben, dann ist sie
besser als die erlaubte und sittlich gute Beschäftigung
mit dem Irdischen (S. 106 f.). Das Leben nach den
consilia evangelica macht nicht selbst die christl. Vollkommenheit
aus, sondern ist einerseits Mittel zur Erreichung
dieses Ziels, andererseits Wirkung dieser Vollkommenheit
, die in der völligen Hingabe an Gott besteht
(S. 108).

Das 4. Kapitel behandelt die Stellung des Aquinaten
zur Wissenschaft. G. zeigt hier, wie Th. im Unterschied
zur Überschätzung der weltlichen Wissenschaft
in den averroistischen u. zur Unterschätzung derselben in
den überkonservativen Kreisen jener Zeit, den Mittelweg
geht (S. 119). — Th. lehnt die august.-franziskanische
Erleuchtungstheorie ab und vertritt die Überzeugung, daß
die natürlichen Geisteskräfte zur Erkenntnis der natürlichen
Wahrheit völlig ausreichen (S. 128). Der Unterschied
zwischen natürlicher und übernatürlicher Erkenntnis
tritt bei Thomas wesentlich schärfer hervor als bei
den Vertretern der Erleuchtungstheorie (S. 128).

Dem übernatürlich gefaßten Glaubensbegriff steht
bei Th. der aristotelische Wissensbegriff (dessen Wesen
in der Evidenz des Gewußten besteht) gegenüber. Th.
scheidet einerseits scharf zwischen Glauben und Wissen,
andererseits tritt er ebenso energisch für die Harmonie
und das Zusammenarbeiten beider ein in offenbarer Abwehr
der averroistischen Lehre von der zweifachen Wahrheit
. — Die thomist. Lehre über Glauben und Wissen
ist, wie G. mit Recht hervorhebt, alles andere eher
als verworren, vielmehr ein Muster von Klarheit (vgl.
dazu meinen Artikel über „Glauben und Wissen bei
Thomas v. Aquino", Theolog. Blätter, 1926, Nr. 4).

Das 5. Kapitel handelt von der Stellung des Aquinaten
zu den ästhet. Kulturwerten. Es zeigt u. a.,
wie Thomas (selbst Dichter) auf die ital. Kunst einwirkte
.

In den beiden Schlußkapiteln bespricht der Verf.
die Wirkung der Kulturphilosophie des Th. v. Aq. auf
die Wissenschaft der Folgezeit. Im 6. Kapitel wird besonders
sein Einfluß auf das spätere Mittelalter und die
Renaissance dargestellt. Wenn G. dabei u. a. schreibt
(S. 179), selbst ein Pomponazzi feiere den Aquinaten
als den größten und besten lat. Aristoteleserklärer,
so ist zuzugeben, daß P. allerdings (z. B. „De immort.
an.", Aus,g. von 1534, S. 35 f.) erklärt, er habe vor Th.
die größte Hochachtung, andererseits bewegt P. sich
tatsächlich in seiner Aristoteleserklärung naturgemäß zumeist
im Gegensatz zu Thomas.

Im 7. Kapitel bespricht der Verf. den Einfluß des
Th. v. Aq. auf die Kultur der Gegenwart und zeigt,
wie auch die zeitgenössische Philosophie sich in einigen
ihrer Vertreter mit der des Mittelalters berührt.

Das hübsch ausgestattete Buch des stets aus dem
Vollen schöpfenden Verfassers gibt eine anschauliche,
: durchaus getreue Darstellung der Kulturphilosophie des
j Aquinaten, die nicht bloß dem Historiker etwas zu
; sagen hat.

I Rindc-rfeld bei Mergentheim. Walter B e t zen dö r f e r.

Piur, Paul: Petrarcas „Buch ohne Namen" und die päpstliche
Kurie. Ein Beitrag z. Oeistesgesch. d. Frührenaissance.
Halle a. S.: M. Niemeyer 1Q25. (XVI, 416 S.) gr. 8°. = Dtsche.
Vierteljahrsschrift f. Literaturwissensch. u. Geistesgesch., Buchreihe
6. Bd. Rm. 18—; geb. 20—.

Als Petrarca gegen Ende seines Lebens an die Ordnung
und Redaktion seiner Briefe ging, hat er diejenigen
, in denen die avignonischen Päpste allzu deutlich
angegriffen waren, zu einem besonderen Briefcorpus
vereinigt, das als eigenes Werk ohne den Namen des
Verfassers und des Empfängers unter dem Titel Liber
sine nomine erschien. Mit dieser Sammlung wollte Petrarca
seinen Gegensatz gegen die Kurie noch einmal in
geschlossener Form zum Ausdruck bringen. Um dieser
Briefe willen hat später (1556) Matthias Flacius in
seinem Catalogus testium veritatis Petrarca unter die
vierhundert Männer eingereiht, die schon vor der Reformation
gegen das Papsttum geschrieben haben. Seitdem
hatte in der protestantischen Polemik Petrarca
seinen ständigen Platz als Zeuge für ein „Luthertumb
vor Luthero". Infolge dieser Beschlagnahme durch den
Protestantismus geriet nun Petrarca auf katholischer
Seite in Verdacht. Eine italienische Übersetzung der
Sine Nomine-Briefe kam auf den Index (1557), später
versuchte man sie gar für unecht zu erklären. Das
katholische und das protestantische Vorgehen waren natürlich
unbegründet, denn Petrarca hat wohl die entartete
päpstliche Kurie, aber nie die Autorität der Kirche
angegriffen.

Piur bietet uns in seinem Buche den Text dieser
wichtigen Episteln zum erstenmal in kritisch gereinigter
Gestalt. Er war dazu wie kaum ein zweiter vorbereitet,
da er zusammen mit Burdach „Petrarcas Briefwechsel'
mit deutschen Zeitgenossen" (noch nicht erschienen)
herausgibt und sich zu diesem Zweck eine umfassende
Kenntnis der handschriftlichen Überlieferung und Textgeschichte
der Briefsammlungen Petrarcas erwerben
mußte. Eine Nebenfrucht dieser Vorarbeiten ist die
vorliegende Ausgabe des Liber sine Nomine. Wir erhalten
hier nicht nur den Text mit doppeltem Apparat
(Teil II), sondern eine Geschichte der Handschriften
und Drucke (Teil III), sowie Untersuchungen über die
Zeit der Abfassung der einzelnen Briefe und über die
Namen der Adressaten und einen Kommentar (Teil IV),
außerdem ein Personen- und Sachregister. Unsere Briefausgabe
bildet so einen ersten Anfang zu einer kritischen
Ausgabe der lateinischen Werke Petrarcas.

In einer ausführlichen Einleitung (Teil I, S. 1 — 147)
vertritt der Verf. (gegen die bisherige Petrarcaforschung)

I die Auffassung, daß Petrarcas Kampf gegen die päpst-
liehe Kurie nicht entstanden ist aus dem Gefühl persön-

I licher Gekränktheit und Zurücksetzung, sondern aus