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1926 Nr. 18

Spalte:

477-479

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Switalski, Kant und Katholizismus 1926

Rezensent:

Binder, Julius

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 18.

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in Schweden ihre Wirksamkeit entfalten, Prämonstra-
tenser, Zisterzienser, insbesondere die Dominikaner als
Vermittler französischer Kultur nach Schweden auftraten,
und daß durch sie dabei dann auch die französische
Kirche stärksten Einfluß auf die Gestaltung der liturgischen
Tradition in Schweden gewinnt. Die besonders
starke Einwirkung, die auf die schwedische Liturgie die
beiden letztgenannten Orden ausübten, hat Verf. S. 367
bis 386 aufgezeigt.

4. Die Verbindung Schwedens mit Rom selbst tritt
nur ganz vereinzelt einmal zu tage.

5. Diesen verschiedenartigen Einfluß aber — und
das möchte der Verf. mit Nachdruck betont haben —
hat die einheimische schwedische Kirche selbständig zu
verarbeiten gewußt. Mag man mannigfachen Einschlag
feststellen können, das Gewebe zeigt doch echt schwedischen
Charakter.

Ich wiederhole: Danken wir dem Verf. für sein
vortreffliches Werk und wünschen wir ihm wie uns,
daß er es möglichst bald vollenden kann.

Jena. Olaue.

Historische Zeitschrift. Begründe! von Heinrich von Sybel.

Register zu Band XCVII-CXXX (Dritte Folge l-XXXIV).

Bearbeitet von Friedr. Schneider. München: R. üldenbourg

1«25. (X. 424 S.) 8°. R'"- 17~-

Die Freunde der H. Z. werden das Erscheinen dieses neuen
3. Registerbandes über die 34 Bände der dritten Folge (07—130, ergeh.
1000—1024) mit Freuden begrüBcn. Daß er umfangreicher ausgefallen
ist als sein für 40 Bände bestimmter Vorgänger, liegt teils
daran, daß eine stattliche Reihe von Bänden dieser dritten Folge
— vor dem Weltkrieg — erheblich umfangreicher waren als die Bände
vorher und nachher, teils an der Beigabe eines Schlagwörterverzeichnisses
im Umfang von 02 Seiten. Wenn dessen Aufgaben auch bisweilen
zusammenfallen mit denen des Sachlichen Registers — s. Verweisungen
von jenem auf dieses z. B. S. 308 für Humanismus, für
Indien, —so führt in andern Fällen das Schlagwörterverzeiehnis (z. B.
S. 308 mit „Huß") auf geringem Räume sehr viel schneller zurr.
Ziele. — Eine Einschränkung gegenüber dem zweiten Register sehe ich
darin, daß dort aus den ,.Notizen und Nachrichten" neben den sämtlichen
in dieser Rubrik besprochenen selbständigen Schriften eine
Auswahl der wichtigeren und etwas ausführlicher angezeigten Zeit-
schriftenaufsätze verzeichnet waren, jetzt aber mit strenger Beschränkung
auf die selbständigen Schriften verfahren ist. Das führt z. B.
dazu, daß die beiden Aufsätze Joh. Hallers: Heinrich VI. und die
römische Kirche, von über 200 Seiten, deren Besprechung A. Hofmeister
in Bd. 113/16 fast drei Seiten gewidmet hat, im Register
überhaupt nicht genannt werden. Mir scheint eine Auslese vorzuziehen
. Das Register ist mit aller erwünschten Sorgfalt von Professor
Frdr. Schneider-Jena hergestellt worden. Man muß ihm für die
entsagungsvolle Arbeit dankbar sein.

Marburg. Karl Wenck.

Switalski, D. Dr.: Kant und der Katholizismus. Vortrag,
geh. auf d. Heidelberger Tagung der Oörres - Gesellschaft am
29. September 1024. I. u. 2. Aufl. Münster i. W.: Aschendorff
1925. (30 S.) 8°. = Aschendorffs zeitgemäße Schriften, 7.

kart. Rm. —80.

Kant ist der Bekämpfer — und für uns der „Zer-
nialmer" — der alten Metaphysik mit ihrer ontologischen
Erkenntnislehre, die der Katholizismus voraussetzen muß,
weil ohne sie die von ihm behauptete kirchliche Wahrheit
nicht denkbar wäre. So ist es für den Katholizismus geradezu
eine Lebensfrage, den Kantianismus zu bekämpfen
. Und so ist auch die vorliegende Schrift ganz
wesentlich von polemischem und zugleich apologetischem
Charakter. Der Verf. sucht in kurzen Worten ein Bild
der Kantischen Philosophie zu zeichnen, um an ihr Kritik
zu üben, und schließt daran in einem zweiten Teil eine
Darstellung der entgegengesetzten Auffassung der katholischen
Kirche, um ihr gegenüber der Lehre Kants überall
den Vorzug zu geben. Es ist dabei rühmend hervorzuheben
, daß die fesselnde Auseinandersetzung des Verf.
sich durchweg eines vornehmen Tones befleißigt und
der Bedeutung Kants sogar offene Anerkennung zollt;
nicht minder bemerkenswert will es mir erscheinen,
daß der Verf. bei seiner schließlichen Würdigung der
beiden gegensätzlichen Systeme, die er (S. 29) mit Augustin
als conversio in Deum und aversio a Deo charakterisiert
, gesteht, keines von beiden lasse sich andemonstrieren
oder gar gewaltsam aufnötigen; vielmehr wurzele
die Entscheidung für das eine oder das andere „tief
im Ininern des Menschen" und sei letztlich ein Mysterium
, wenn auch für den Katholiken die Entscheidung
nicht zweifelhaft sein könne und beim Abschluß des
Weltprozesses es für alle klar werden werde, welche
Entscheidung die einzig richtige war.

Der Verf. scheint mir das Wesen der Kantischen Philosophie
doch nicht ganz erfaßt zu haben. Es geht nicht an, den Kritizismus
so ohne weiteres als Subjektivismus zu bezeichnen, da es Kant doch
gerade darum zu tun war, die Objektivität der Erkenntnis für das
erkennende Subjekt zu begründen; gegen diese Charakterisierung kann
mutatis mutandis dasselbe geltend gemacht werden, was der Verf
selbst (S. 18) gegen die Bezeichnung der katholischen Einstellung
als Objektivismus vorbringt. Ist es doch eine der wichtigsten Seiten
des Kritizismus, daß sein Weg zwar bei dem erkennenden Einzcl-
subjekt beginnt, aber mit Notwendigkeit von seinem empirischen Bewußtsein
zum „Bewußtsein überhaupt" führt, in dem die Subjektivität
aufgehoben ist und das dann den Ausgangspunkt bildet für die
Rückwendnug zur Objektivität , die der nachkantische Idealismus
mit steigender Bewußtheit vorgenommen hat. Die kopernikanischc
Wendung aber, die zu Kants angeblichem Subjektivismus führt, erklärt
sich hinreichend aus der Lage der ontologischen Erkenntnistheorie
, über deren Fiasco die spätere Aufklärung sich nicht länger
täuschen konnte. Es war also für einen Geist, für den die dogmatische
Behauptung der Kirche, im Besitz der Erkenntnis zu sein, und ihr
Befehl an ihre Gläubigen, ihr das zu glauben, keine bindende Kraft
hatte, eine Notwendigkeit, aus dieser Lage herauszukommen, und daß
er dies vollbracht hat, ist eine der unsterblichen Leistungen Kants.
Damit war dann die Objektivität der Naturerkenntnis wirklich begründet
, aber auch zugleich durch die Apriorität ihrer synthetischen Urteile
das Problem entstanden, wie demgegenüber noch Freiheit und
Sittlichkeit möglich sei. Wir wissen heute, daß es die eigentliche
Aufgahe Kants war, diese zu begründen; es ist vor allem durch Max
Wundt außer Zweifel gestellt worden, daß die Annahme, Kant habe
die Unmöglichkeit einer Erkenntnis des Übersinnlichen darlegen
wollen, nicht mehr als eine fable convenue ist, die darauf beruht, daß
man den Sinn seiner Ideenlchre nicht erfaßt hat.

Nur Erfahrung in dem Sinne, wie die empirische Wissenschaft
das Wort versteht, soll auf diesem Gebiete nicht möglich sein.
(Vgl S. 11). Die kritische Philosophie, die wesentlich die Ablehnung
alles Dogmatismus bedeutet (wie gegen das auf S 12 Gesagte
betont werden muß) führt zur Erkenntnis von der Unabweisbarkeit
der Ideen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit; so wird eine
neue „Objektivität" dieser Ideen begründet und nur ihre „Dinghaftig-
keit" abgelehnt. Das Erstaunliche dieser Leistung besteht also gerade
darin, daß der Weg von dem subjektiven Ausgangspunkt mit unfehlbarer
Sicherheit zur Objektivität der Ergebnisse führt; damit wird der
bloße subjektive Standpunkt gerade abgelehnt. Und dasselbe ist von
der praktischen Philosophie zu sagen: erkennt doch der Verf. selbst
(S. 13), daß nicht das einzelne empirische Subjekt sein sittlicher
Gesetzgeber ist, sondern daß es die objektive Vernunft ist. In der
Tat geht Kant zweifellos, wenn es auch vielleicht an einer ausdrücklichen
Formulierung dieses Gedankens fehlen mag, davon aus, daß
es ebenso ein praktisches, wie ein theoretisches „Bewußtsein überhaupt
" gibt, das der Träger der sittlichen Autonomie ist; die
„Alenschheit aber in der Person" des Einzelmenschen ist nicht die
Gattung, wie der Verf. anzunehmen scheint, sondern die Idee. Schließlich
ist auch die Behauptung des Verf. (S. 13) abzulehnen, eine
historische Offenbarungsreligion habe für Kant „keine Bedeutung":
gerade das Gegenteil ergibt die Abhandlung über die Religion in den
Grenzen der bloßen Vernunft, die der Offenbarungsreligion, sagen wir
dem positiven Christentum, zu ihrem Recht verhelfen soll und die
insofern für die Theologie doch von größerer Bedeutung sein dürfte,
als die Gegenwart anzunehmen geneigt ist. — Damit soll nicht
behauptet werden, daß der Kritizismus Kants das Ende der Philosophie
und der Weisheit letzten Schluß' bilde: habe ich mich doeb
wiederholt zu zeigen bemüht, wie aus den Problemen der Kantischen
i Philosophie die verschiedenen Systeme des deutschen Idealismus her-
j vorgehen mußten, die immer neue Versuche bedeuten, die Unvoll-
kommenheiten des Kantischen Systems zu überwinden. So erscheint
uns vor allem Hegel als der Vollender dieser Philosophie, insofern
er in der theoretischen Phil. Natur und Geist verbindet und dadurch
das Reich der Freiheit endgültig sichert, in der praktischen aber den
bloßen Moralitätsstandpunkt Kants überwindet und eine Wirklichkeit
der Freiheit und der Sittlichkeit lehrt und schließlich mit seiner Auseinanderlegung
des Absoluten in objektiven und subjektiven Geist alle
Dualismen aufhebt, die bei Kant noch stehen geblieben sind. Dies
sind bleibende Ergebnisse, die nicht von Tagesfragen abhängig sind.
Deshalb können wir auch die Behauptung des Verf. (S. 16) „die
rauhe Wirklichkeit habe den recht bedingten Charakter der mensch-