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Ausgabe:

1926

Spalte:

27

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofmann, Ernst

Titel/Untertitel:

Die Sprache und die archaische Logik 1926

Rezensent:

Güntert, Hermann

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 2.

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warten gewesenen materialen Geschichtsphilosophie
liegt die erkenntnistheoretische Arbeit des Historismusbandes
, auf grund der manche Linie anders gezogen
worden wäre. Der Hauptteil dieser Geschichtsphilosophie
wäre sicherlich nicht früheren Schriften entnommen
, sondern neu geschrieben worden.

Aus dem vorliegenden Band spricht der feinsinnig
analysierende Historiker, dem sich das begrenzteste
Spezialthema zu gewaltigen Perspektiven ausweitet, aber
noch nicht der Metaphysiker des Historismusbandes,
der in synthetischem Bemühen nach einem letzten und
höchsten Weltanschauungsstandpunkt sucht. So dankenswert
die Sammlung der bis jetzt verstreuten Aufsätze ist,
so muß doch jeglicher Anschein, als ob durch die bloße
Zusammenstellung des Alten und einige Erweiterungen
das Bisherige in einem neuen Lichte erscheine, zurückgewiesen
werden. Wer die materiale Geschichtsphilo-
sophic des 2. Historismusbandes sucht, der findet sie in
dem 4. Band der Gesammelten Schriften nicht, auch
nicht einen Ersatz für sie.

Heidelberg. Robert W i n k 1 e r.

Hoffmann, Ernst: Die Sprache und die archaische Logik.

Tübingen: J. C. B. Mohr 1925. (VIII, 79 S.) gr. 8°. =» Heidelberger
Abhdlgn. z. Philos. u. ihrer Geschichte, 3. Rm. 2.80.

In dieser Abhandlung, die offenbar durch E.
Cassirers Philosophie der symbolischen Formen I, die
Sprache, 1923 angeregt ist, wird das Problem vom
Verhältnis der Sprache zum Denken, von Wort zu dem
benannten Ding in der altgricchischen Philosophie behandelt
und gezeigt, daß die vorsokratische Sprachphilosophie
das Entstehen der Logik bei Piaton und Aristoteles
vorbereitet hat. Während der naiven Denkform,
wie sie sich im Mythos äußert, das Wort eine Art Behälter
des Dings ist, so daß man mit dem Wort auch die
Sache hat, haben schon die älteren griechischen Denker
Wort und Objekt von einander getrennt, wobei sich
die Frage erhob, wie dies Verhältnis zu denken sei. Da
wird denn zuerst ein „Logos" von den Wörtern und
Namen, den Epea, getrennt, eine universale, produktive
Macht der „Rede" im Gegensatz zu dem widerspruchsvollen
, mehrdeutigen Einzelwort, die die eigentliche
Funktion der Seele darstellt: Denken heißt mit seiner
Seele reden. Der bekannte Meinungsstreit, ob die Wörter
„von Natur" oder „durch Vereinbarung" entstanden
seien, geht nicht auf den Ursprung der Sprache, sondern
auf die Richtigkeit: sagt ein Wort nichts aus über die
Natur des Objekts, dann ist es nicht „von Natur". Das
Natürliche in der Sprache ist den Denkern gleichbedeutend
mit dem Richtigen. Trotz aller Abweichungen
im einzelnen war man vor Piaton der Ansicht, die Wörter
gehörten zu den Dingen oder sollten zu ihnen gehören,
wenn sie „richtig" wären. Piaton jedoch erkennt, daß
die Sprache nie die Dinge geben will, sondern nur eine
„Kunde" von den Dingen, d. h. die Wörter bezeichnen
stets nur unsere Vorstellung von den Objekten, nie diese
unmittelbar. Somit kann zwar Sprache Werkzeug der
Erkenntnis werden, nie aber verrät sie etwas über die
Eigenschaften der Dinge selbst. Aristoteles aber entdeckt
, daß das Wort nur Zeichen oder Symbol einer
Vorstellung ist, und lehrt, daß man aus der Methode
dieser Zeichengebung Rückschlüsse auf die bezeichneten
Objekte ziehen kann. Diese ganze Entwicklung veranschaulicht
, wie bei den Hellenen sich das begriffliche
Denken allmählich von den sprachlichen Bindungen
frei zu machen wußte.

Somit liefert die klar geschriebene Abhandlung, die
auch in nebensächlichen Dingen manch fördernde Beobachtung
enthält, einen wertvollen Beitrag zur Geschichte
der antiken Sprachphilosophie allgemein wie
auch des schillernden Logosbegriffs im besondern und
verdient warme Anerkennung.

Rostock. Hermann Güntert.

Glasenapp, Otto von: Indische Gedichte aus vier Jahrtausenden
in deutscher Nachbildung. Berlin: G. Grote 1925.
(XXXI, 177 S.) gr. 8°.

„Nachdichtungen indischer Lyrik von der ältesten,
vedischen Zeit bis zur Gegenwart" (Ein Gedicht, das
letzte, hat sogar Heidelberg zum Gegenstand). „Eine
auch nur einigermaßen vollständige oder systematische
Übersicht über die Entwicklung der indischen Poesie ist
nicht beabsichtigt". „Die einzelnen Stücke sind nach
ihrem dichterischen Wert und ihrer literar- und religionsgeschichtlichen
Bedeutung ausgewählt". Aber „aus der
älteren ... Zeit" „sind" „nur einige Proben gegeben
worden", weil „die Poesie der Veden und anderer heiliger
Schriften durch mehrfache Übersetzungen bereits
in unsere Literatur eingeführt worden ist". „Vorzugsweise
berücksichtigt wurde" namentlich „die Hindi- und
Bengali-Dichtung der letzten fünfhundert Jahre". —
Die Unvollkommenherten, die sonst sich zu ergeben
pflegen, wenn ein Umdichter die fremdsprachigen Verse,
die er umdichtet, nur aus Übersetzungen kennt, konnte
v. Gl. vermeiden, weil er in seinem Sohne, dem bekannten
Indologen Helmuth von GL, einen guten Helfer,
Vermittler und Berater besaß und besitzt. Es sind, soweit
nachgeprüft, keine wesentlichen Verstöße zu verzeichnen,
und die Verse sind größtenteils glatt und geschmackvoll.
So kann das Buch warm empfohlen werden. Eine literar-
geschichtliche Einleitung ist vorausgeschickt, und den
Schluß bilden Erläuterungen und Nachträge zu den
einzelnen Stücken.

Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Dietrich, Pfarrer Lic. theol. Dr. phil. Ernst Ludwig: HD^ DIEL
Die endzeitliche Wiederherstellung bei den Propheten.

Gießen: A. Töpelmann 1925. (VI, 66 S.) gr. 8°. = Beihefte z.
Zeitsc.hr. f. d. alttestamentl. Wissenschaft. 40. Rm. 4—.

Die Abhandlung, deren religionsgeschichtlicher Teil
für den Druck leider gekürzt werden mußte, versucht zunächst
die Bedeutung der Phrase HDJtf DIE? durch
exegetische und grammatisch-ethymologische Beobachtungen
sicherzustellen. Dabei geht der Verf. gewissenhaft
abwägend vor, seine Exegese ist knapp, klar und
einleuchtend, das Resultat folgendes: E?"5Ji, ursprünglich
„wiederherstellen (wie einst)", ist zusammengesetzt
aus dem transitivierten 3)bj*, das an Stelle eines noch
gebräuchlichen DTE?n getreten ist, und dem Nomen

lTDES das, von 312? abgeleitet, zuerst säbüth gelautet
haben muß, später aber durch Verwechslung mit dem
Nomen [Pl'DÄ* „Gefangenschaft" falsch ausgesprochen
und gedeutet, schließlich sogar im Gebrauch
mit rPDJy vertauscht wurde, woraus die schon im
A. T. an jüngeren Stellen anhebende Mißdeutung „Exil
wenden" entstand (S. 36).

Das zweite Kapitel behandelt die mit dem heilsprophetischen
Terminus E'"E' verbundenen Vorstellungen
. Sie gehören alle in den großen Komplex der
nationalen Eschatologie, die von der universalistischmythologischen
(kürzer und besser wäre: „kosmischen")
Eschatologie theoretisch klar getrennt werden muß,
wenn auch beide Reihen oft ineinander übergehen. Das
Thema der nationalen Eschatologie ist die Wiederherstellung
Groß-Israels, wie es, in der Auszugszeit geschaffen
, unter David bestanden hat. Mit einer Ausnahme
, die ich mit Sellin gegen den Verf. für überaus
beachtlich halte: Hosea's Eschatologie lokalisiert, wie
2, 16 unwiderleglich beweist, das Israel der Endzeit
der Wüste!'

1) Hosea vertritt von den Propheten am eindeutigsten das noma
dische Ideal gegen die unsozialen Verhältnisse im Kulturland.