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Ausgabe:

1926 Nr. 17

Spalte:

437-440

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Michaelis, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Gefangenschaft des Paulus in Ephesus und das Itinerar des Timotheus 1926

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 17.

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Er stellt die Gedankengänge der Briefe sorgfältig heraus,
gleitet aber über wichtige religionsgeschichtliche Fragen
, die in letzter Zeit auch in Italien eingehend erörtert
wurden, vorsichtig hinweg. Die neueste deutsche Literatur
ist angegeben. Wenn es S. 9 heißt, daß die Bekehrung
Pauli dreimal „gleichförmig" erzählt werde,
so scheinen mir doch die Unterschiede gar zu gering angeschlagen
zu sein. Denn ob die Begleiter dabei wohl
die Stimme hörten, aber niemanden erblickten (AG. 9, 7),
oder zwar das Licht sahen, aber keine Stimme hörten
(22, 9), ist schließlich doch nicht ganz einerlei. Bemerkt
sei noch, daß B. im a7Cotäv/.ievotg 1. Cor. 1,18 eine Anspielung
auf^roz/wg erblickt (S. 42).

München. Hugo Koch

Michaelis, Priv.-Doz. Lic. Wilhelm: Die Gefangenschaft des
Paulus in Ephesus und das Itinerar des Timotheus. Unter-
suchgn. z. Chronologie d. Paulus u. d. Paulusbriefe. Gütersloh:
C. Bertelsmann 1925. (VIII, 193 S.) 8°. = Neutestamentl. Forschgn.,
I. Reihe: Paulusstudien, Heft 3. Rm. 6 — .

Das vorliegende Buch eines jungen neutest. Forschers
— eines Gelehrten darf ich noch nicht sagen —
in Berlin scheint eine neue Epoche in der Wissenschaft
von Paulus einzuleiten. Wenigstens bricht in ihm eine
Katastrophe herein über fast alles, was bisher die neu-
testamentliche Literaturgeschichte (Einleitung) betr. der
Briefe des Apostels Paulus festgestellt zu haben glaubte.

Der älteste uns erhaltene Brief ist der Galaterbrief,
auf der 2. Missionsreise i. J. 51 aus Korinth an die süd-
galatischen Gemeinden gerichtet. Im Anfang der
3. Reise — also vielleicht Herbst 52 — mag Paulus als
Gefangener im pisidischen Antiochien Philem u. Kol.
geschrieben haben. Etwa im Sommer 54 erläßt er —
von Aristarch aus Thessalonich besucht — den 2. Thessa-
lonicherbrief. Herbst oder Winter 54 gerät er aufs
neue in Ephesus in Gefangenschaft. Als deren Ende
naht, wohl Jan./Febr. 55, reist Epaphrodit. mit Phil, in
die geliebte Heimat, schlimmstenfalls könnten Philem.
Kol. u. „Eph." noch Februar auf März „vor der günstigen
Wendung des Prozesses" erlassen worden sein. Um
Ostern 55 geht 1. Kor. ab. Bereits Frühsommer 55
der verlorene Zwischenbrief nach Korinth. Im Hochsommer
55 dankt Paulus mit 1. Thess. dieser Gemeinde
für ihr Wohlverhalten, das Timotheus soeben dem
Apostel hat bestätigen können. Herbst 55 von Mazedonien
aus 2. Kor. Den Römerbrief hat Paulus in den
Passahtagen 56, die er in Philippi verlebte, verfaßt, das
nach Ephesus gerichtete Billet Rm. 16, 3 ff. ebenfalls von
Philippi „auf direktem Wege nach Ephesus" befördert.

Nach dem Schluß der 3. Missionsreise hat der
Apostel keine Briefe mehr geschrieben; denn über die
Pastoralbriefe hüllt sich Mich, in delphisches Schweigen.
Wir erfahren bloß noch, daß sein Transport aus Cäsarea
nach Rom im Herbst 58 erfolgte. — Mithin, wenn wir
von Gal. (2. Thess.) absehen, fallen sämtliche Briefe
des Apostels in einen Zeitraum von 14 Monaten!

Der Eindruck der Neuheit bei diesem imposanten
Bau weicht indessen, sobald wir auf seine einzelnen Bestandteile
achten. Die Hinaufverlegung der Gefangenschaftsbriefe
aus Rom (oder Cäsarea) nach Ephesus
hat M. ja von einer Reihe bekannter moderner Theologen
übernommen, die Hinabverlegung von 1. und 2.
Thess. aus der zweiten in die dritte Missionsreise von
Hadorn, den Ansatz von Gal. während der 2. Reise teilt
er mit den Südgalatikern, hinzukommen einige Einfälle
von Dilettanten, deren Schriften M. zu Unrecht vergessen
glaubt; als sein ureigenes Fündlein bleibt bloß übrig der
Inhalt dessen, was er in die Passahtage von Philippi
(56) hineinquetscht.

Oder tue ich dem Verf. unrecht, wenn ich von
Abhängigkeit bei ihm rede? Ist es nicht lediglich
Zufall, daß er im Einen und Anderen mit viel oder
wenig anerkannten früheren Forschern zusammentrifft?
Nach seiner Meinung hätte er auf alle Resultate auch
ohne Vorläufer kommen müssen, nachdem er die rechte

Methode gefunden hatte, die den Schreibtischgelehrten
der bisherigen Paulusforschung verborgen geblieben
war. Der wahre Weg führt über die Itinerarien zum
Geist. „Es ist methodologisch unberechtigt, den sprachlichen
(literarischen) und theologischen Merkmalen
(auch Eigenheiten) so großes oder gar entscheidendes
Gewicht für die Chronologie beizulegen" (S. 7). „Ein
Urteil über die Entwicklung der paulinischen Rheologie'

— besser: der Gedankenwelt des Paulus — ist abhängig
von der Chronologie der Quellen, der Paulusbriefe; die
Chronologie der Paulusbriefe aber ist grundsätzlich und
entscheidend abhängig von dem Urteil über das itine-
rarium Paulinum" (S. 8). Da an dem Itinerar des
Paulus schon andere — es scheint doch wohl erfolglos?

— gearbeitet haben, greift M. die Sache von einer neuen
Seite an und rekonstruiert die Itinerare der Mitarbeiter des
Paulus, hier zunächst das des Timotheus, seines
iooipv%og.

Aber weitere werden folgen, von Itineraren des
Titus, Aristarch, Epaphras, sogar Erastus und Onesimus
hören wir bereits mehr als genug. Mit dem Wort Itinerar
, das uns wohl tausendmal begegnet, verfährt der
Verf. zwar etwas willkürlich; bei den Alten bedeutet es
immer nur eine Art von Literatur, während M. seine
Itinerarien doch eben erst aus literarischen Quellen,
höchst fragmentarisch, zusammenzustellen vermag; Konjekturenarbeit
, die niemals eine „Quelle" selber ersetzen
kann. „Die Reisewege des Tim." wäre der angemessenere
Name gewesen. Aber viel wichtiger ist der
Fehler, den M. in der Einschätzung solcher Itinerarien
begeht. Er kann sie doch nur aus Act. und Paulusbriefen
konstruieren, muß aber, um die letzteren brauchen zu
können, von ihrer Zeitfolge schon den richtigen Begriff
haben. Andrerseits wagt er doch selber der Apg. nicht
Vollständigkeit der betr. Mitteilungen zuzutrauen. Einen
Aufenthalt z. B. des Paulus zus. mit Silas und Timotheus
in Athen kann er nur aus 1. Thess. 3, 2 belegen;
die Apg. weiß von einem Zusammenarbeiten der 3 nur
auf der 2. Missionsreise. Wenn M. in seinem Itinera-
rium Timothei eine Reise der 3 konstatiert, wo sie gemeinsam
in Athen weilen u. Tim. von dort nach Thessalonich
abgesandt werden kann, so entnimmt er das
Recht dazu weder aus Apg. noch aus einem paulinischen
Brief, sondern als Argumentum e silentio behauptet er
frisch, daß Silas doch dabei gewesen sein könne,
obwohl wir nicht einmal von Tim. wissen, daß er den
Apostel auf jener unglücklichen 2. Fahrt nach Korinth
begleitet hat. Lediglich von seiner Voraussetzung über
die Lage von 1. Thess. aus stellt er eine These auf, die
diese Lage beweisen soll. Eine Logik, zu der sich ein
Seitenstück S. 167 (Aristarch!) findet. Manchmal bemerkt
M. selber, daß seine Itinerarien höchstens zeigen,
wann ein Brief liegen kann, nicht wann er es muß; in
der Hauptfrage benennt er offen, daß das Itinerar genau
so gut Rom wie Ephesus als den Ort der Gefangenschaft
zulasse, da doch Tim. den Apostel höchstwahrscheinlich
auch nach Rom begleitet haben werde.
Und dann soll seine Studie geeignet sein, aus einem Itinerar
„die Geschichtlichkeit der Gefangenschaft des
Paulus in Ephesus nachzuweisen" (S. 10)!

Wer andere Sammlungen undatierter Briefe mit dem
Wunsch, sie richtig zu ordnen, durchstudiert hat, z. B.
die des Augustin oder Hieronymus — aber bei einem
Schleiermacher- oder Lutherbrief würde es garnicht anders
stehen — weiß, daß über Echtheit und Reihenfolge
mit unbedingt gleichem Recht wie äußere Indizien
(Lokales, Persönliches) die sprachlichen und die
„theologischen" zu entscheiden haben, z. B. die Frontstellung
gegen den Pelagianismus, Begeisterung für
Origenes. Über diese methodologische Pflicht mit M.
zu streiten lohnt freilich nicht, wenn er doch ohne das
leiseste Bedenken den Timotheus durch Paulus um der
Juden in Galatien willen beschnitten werden und denselben
Paulus ein Jahr später in Gal. 5, 2 f. vor den
Zeugen dieser seiner Handlung empört ausrufen