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Ausgabe:

1926 Nr. 14

Spalte:

383-384

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Baerwald, R. (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Zeitschrift für kritischen Okkultismus und Grenzfragen des Seelenlebens. I. Bd., 1. Heft 1926

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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383

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 14.

384

Philosophen, einem politischen Zwischenfall, einem Gewissenszweifel
und dergl. Wenn man bedenkt, daß
sie während der Gluthitze des Weltkrieges und seiner
Leidenschaften und während des Siegestaumels der
ersten Nachkriegszeit geschrieben sind, dann muß man
die wahrhaft königliche Ruhe und Überlegenheit bewundern
, die diese Aufsätze, auch bei Betrachtung der
brennendsten Dinge und Ereignisse, atmen. Croce gegehört
zu den wenigen auswärtigen Denkern und Gelehrten
, die das, was sie von Deutschland an geistigen
Gütern empfangen haben, auch zu einer Zeit anerkannten
, als diese Anerkennung gefährlich werden
konnte. Nicht daß er irgendwie seinem Volk und
seiner Heimat in den Rücken gefallen wäre — bezeichnenderweise
läßt er auch bei der Beleuchtung des
Satzes, daß kein kriegführender Staat seine „Würde"
in der sittlichen Bedeutung des Wortes gewahrt habe,
Italien aus dem Spiel (S. 249 ff.) —, aber er verschmäht
es, auf einmal zu beschimpfen, was er vorher hochgeschätzt
hat. Er weiß auch sehr gut, daß es nichts
weniger als sittliche Minderwertigkeit war, wodurch
Deutschland den Weltkrieg „in nachdrücklichster Weise
verloren hat" (S. 245). Darin irrt er freilich, wenn er,
vielleicht unter dem Einfluß von unlauteren deutschen
Quellen, meint, daß „Einladungen, die Angebote der
Vermittlung und des Friedens waren, von dem augenblicklichen
Sieger übermütig zurückgewiesen" worden
seien (S. 250). Das war in Wirklichkeit nie der Fall.
Im Übrigen aber sind seine Ausführungen deutschen
Politikern, namentlich „philosophisch" angehauchten

wie fast überall, so auch in England, Okkultismus und Spiritismus
spielen, und daß gar Gelehrte von dem Range des bekannten Physikers
Oliver Lodge und andere sich damit befassen und ernsthaft
für eine wissenschaftliche Prüfung und Erforschung der betreffenden
Erscheinungen eintreten, so wundert man sich nicht, ja, man wird es
vielleicht bewillkommnen, daß in Deutschland gleichfalls eine Zeitschrift
ins Leben tritt, wie die, deren erstes Heft hier vorliegt. Dieses
entwickelt zunächst das Programm des neuen Unternehmens. Es will
und soll nämlich durchaus „parteilos", nicht für noch gegen voreingenommen
sein und nicht allein die sogenannten „okkulten Phänomene
" sondern überhaupt die „Grenzfragen des Seelenlebens" in
Betracht ziehen. Dann folgen eine Reihe von „Originalarbeiten:
Max Dessoir „Hellsehen durch telepathische Einfühlung"; 2. Bohn-
Breslau „Zur Geschichte der Apporte"; 3. Ernst Darmstaedter „Die
Alchemie"; 4. R. Tischner „Zur Methodologie des Okkultismus";
5. Alb. Hofmann „Zur Mechanik der Odstrahlen"; 6. Graf Carl v.
Klinckowstrocm „Mediumistisches"; A. I lellwig „Psychologische
Glossen" (zu einem viel besprochenen Berliner Okkultistenprozeß).
Dazu kommen Referate und Besprechungen, unter denen ein Bericht
über die Coue-Literatur auch Nicht-Okkultisten interessieren dürfte.
Im übrigen setzt die Lektüre des Ganzen bereits eine gewisse Vertrautheit
mit dem okkultistischen Schrifttum voraus. Nicht jedermann
beispielsweise weiß eo ipso, was genau unter einem „Apport" zu
verstehen ist.

Was übrigens die „Parteilosigkeit" des neuen Unternehmens
betrifft, so werden gewiß nicht alle sie als wirklich durchgeführt
anerkennen. Wer es mit der Selbstprüfung ernst nimmt, ist sich ohnehin
klar darüber, wie schwer erreichbar überhaupt völlig voraussetzungslose
Objektivität in allen Stücken ist. Ein bekannter Militär,
der auch im Kriege viel genannt wurde, sagte mir einmal, nachdem
er einer spiritistischen Sitzung beigewohnt hatte, es sei ganz interessant
gewesen; „aber ehrlich gestanden, der Himmel meines Kinderglaubens
ist mir lieber als ein solcher, aus dem ich jederzeit herunter
kommen muß, wenn unten einer mir klopft". Ich bekenne, nicht viel

unter ihnen, dringend zum Nachdenken zu empfehlen, ■ andors zu denken. Auch bezweifle ich, was oft behauptet'wird, daß
damit sie sehen, wie ein italienischer Philosoph, Und die okkultistische Bewegung eine ges un de Reaktion gegen den Mate-
wahrlich nicht der letzte unter ihnen, über diese Dinge ; riaiismus sei. Eher das Gegenteil.

urteilt. Ich habe diese politischen Gedanken heraus- I Gießen. E. w. May er (Straßburg),

gegriffen und vorangestellt, weil sie uns Deutschen auf
der Seele brennen. Bei Cr. selber bilden sie nur einen
Einschlag in das bunte Gewebe der Betrachtungen und
Erörterungen. Diese sind immer tiefgründig und geistreich
und verraten eine feine Beobachtung, mögen sie
von „Wünschen und Wollen", von „Gedankensünden",
von „Vergeben und Vergessen", von „Herz und Vernunft
" oder von was immer handeln. Wenn Cr. dem
Philosophen „die Zweifel und Probleme, die Verfeinerung
, Erneuerung, Wiederherstellung der Begriffe" als
Aufgabe zuweist (S. 277), so arbeitet er selber unermüdlich
an ihrer Lösung. Man glaubt Seneca zu lesen,
und doch ist Cr. keineswegs Stoiker (S. 133). Aber er
gleicht dem römischen Philosophen auch darin, daß
er seine ethischen Erwägungen immanentistisch anstellt
und auf jeden metaphysischen Unterbau oder Überbau
verzichtet. Wer darin einen Mangel erblickt, muß wenigstens
zugeben, daß Cr. selbst sich mit dieser seiner
Innerweltlichkeit in schwerer und harter Zeit besser
bewährt hat, als viele in Überweltlichkeit Schwelgende.
Die Übersetzung, die Julius Schlosser dem Buche „seines
großen Freundes" angedeihen ließ, liest sich im allgemeinen
recht gut. Störend wirkt das häufige „als welcher
" (statt einfach „der"). S. 119: „Als Dante...
seinen Blick über die Sterne und Planeten schweifen
läßt usw.". Warum S. 249 „Nippon" gesetzt ist für
„Japan", ist nicht einzusehen. S. 217 steht: „in Hamlet
Shakespeares"; es muß natürlich heißen: „im Hamlet
Shakespeares", oder: „in Shakespeares Hamlet". Bei den
vielen Anspielungen und Anführungen aus den Literaturen
der verschiedensten Länder unterläßt der Übersetzer
jede Handreichung.

München. Hupo Koch.

Zeitschrift für kritischen Okkultismus und Grenzfragen des
Seelenlebens. Mit Unterstützung v. E. Bonn, A. Hellwig,
Carl v. Klinckowstroem und R. Tischner hrsg. v. R.
Baerwald. I. Bd., 1. Heft. Mit 5 Textabb. Stuttgart: F.
Enke 1Q25. (80 S.) gr. 8°.

Wenn man jetzt immer wieder hört und liest, welche Rolle,

in Kürze erscheint:

Die Innenstadt von Babylon

(Merkes)

Von Dr. OSCAR REUTHER

Professor a. d. Techn. Hochschule in Dresden.

47. Wissenschaftliche Veröffentlichung der Deutschen
Orient-Gesellsdiaft.
Das Werk gibt den ausführlichen Bericht über die Ausgrabungen
auf dem von den umwohnenden Arabern als
„Merkes" bekannten Teil des Ruinenfeldes von Babylon, der
ein Stück der Wohnstadt umfaßt. Die Grabungen haben
hier in ältere Schichten geführt, als sie sonst in Babylon
erreichbar waren und einen Einblick in die Stadt der
Chammurabi-Zeit und der nachfolgenden Perioden eröffnet.
Hauptsächlich ist es aber das Babylon Nebukadnezars, das
mit zahlreichen Wohnhäusern, einem Tempel und einem
großen Teil des Straßennetzes ans Licht gekommen ist und
ein klares Bild der Stadt des 6. Jahrhunderts und überhaupt
eines babylonischen Stadtgefüges in einer Vollständigkeit
vor Augen führt, wie es bisher noch bei keiner Grabung
auf babylonischem Boden gewonnen werden konnte. Der
zweite Teil des Werkes behandelt die Gräber, die in den
Ruinen der Häuser gefunden wurden. Zum ersten Male
werden die Bestattungsformen in ihrem Wandel durch nahezu
zwei Jahrtausende in lückenloser Aufeinanderfolge vorgeführt
. Die merkwürdige Vielseitigkeit der Totenbräuche,
die an anderen Ruinenstätten des Zweistromlandes beobachtet
worden ist und vielleicht mit dem Wechsel in der Zusammensetzung
der Bevölkerung zusammenhängt, hat sich auch
für Babylon selbst bestätigt.

Etwa 272 Seiten Text. Mit 120 Abbildungen im Text
und 95 Tafeln. 4°.

Preis brosch. etwa Mk. 190 - ; geb. etwa 200—.

Verlag der J.C. HINRICHS'schen Buchhandlung, Leipzig

Die nächste Nummer der ThLZ erscheint am 24. Juli 1926.

Verantwortlich: Prof. D. E. Hirsch in Göttingen, Bauratgerberstr. 19.
Verlag der J. C. Hinrichs'schen Buchhandlung in Leipzig, Blumengasse 2. — Druckerei Bauer in Marburg.