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Ausgabe:

1926 Nr. 14

Spalte:

381-382

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heim, Karl

Titel/Untertitel:

Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze und Vorträge 1926

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Seite 1

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 14.

382

daß nur das lebendige Sein als das bewußte in die Ewigkeit übergeht,
aber dieses auch restlos. Auch das tierische und pflanzliche" (302).
So gibt es drei Reiche der Vollendung im Ewigen: „das Reich
des untermenschlichen Seins mit seinem Obergangsgebiet" (Naturvölker
) in seiner „nicht selbst verschuldeten Beschränktheit" —
Schuld hatten nur die von der Ursprungsart abirrenden „menschlichen"
Stammväter — „unbeeinträchtigt in seinem Daseinsglück" (304); das
Reich der Vollendung der Ursprungsart; und das Reich der bewußt
abgeirrten eigentlichen Menschen bösen Willens „in Nacht und Verzweiflung
" (309). So steht am Ende „im Grunde dasselbe Sein, das
von Weltanfang war, aber sich jetzt in der Verschiedenheit und
Fülle seines Inhaltes" bewußt. „Im einzelnen nur zum Teil selig, ist
es doch als Ganzes selig. Es sieht den in Ewigkeit gefaßten Welt-
plan siegreich durchgeführt. Wie der Sieger seiner Wunden nicht
achtet, vielmehr ihr Anblick seine Siegesfreude erhöht, so ist es auch
mit der Siegesfreude Gottes und der Seligen mit ihm. Die Seligkeit
wird erst zur Seligkeit im Hinblick auf die Schmerzen, die sie gekostet
hat". Wie verderblich der Hang zum Bösen — das bewußte
Tendieren zum Stoff — für die ist, welche ihm erliegen, auch das
war mit Raum- und Stoffwelt „eine Notwendigkeit zur Erreichung des
vom Sein sich gesteckten Weltzieles" (310).

Herrnhut. Th. Steinmann.

Heim, Prof. D. Dr. Karl: Glaube und Leben. Gesammelte Aufsätze
ii. Vorträge. Berlin: Furche-Verl. 1926. (680 S.) gr. 8°.

Rm. 15—; geb. 18—,

Ders.: Das Wesen des evangelischen Christentums.

2., veränd. Aufl. Leipzig: Quelle & Meyer 1926. (123 S.) kl. 8°. =
Wissensch, u. Bildung, 209. geb. Rm. 1.80.

Karl Heim hat diese Sammlung seiner Aufsätze in
drei Gruppen geteilt. L Naturwissenschaft, Philosophie
und Religionsgeschichte (S. 31—153). II. Dogmatik und
Ethik (S. 155—512). III. Jugendbewegung, Kirche und
Mission (S. 513—680). Dem Ganzen ist eine Einführung
(S. 11—30) vorangestellt. Ein Register ist nicht beigegeben
.

IXt älteste Aufsatz des Bandes ist der bekannte Vortrag von
1905: „Bilden ungelöste Fragen ein Hindernis für den Glauben?" Der
jüngste ist der Th. L. Z. 1925 Sp. 405 von mir besprochene Aarauer Vortrag
von 1925: „Das Gebet als philosophisches Problem." Etwa zwei
Drittel des ganzen Bandes bringt aus der Nachkriegszeit Stammendes.
Z.B. sind alle Abhandlungen aus der Zeitschr. f. Thcol. u Kirche wieder
abgedruckt. Doch sind auch alle wichtigen Äußerungen H.s zum und
im Weltkriege hier gesammelt.

Im ganzen sind 28 Aufsätze gedruckt. Ich nenne im fo'genden
nur die wissenschaftlich wichtigsten außer den zwei eben erwähnten:
Zur Geschichte des Satzes von der doppelten Wahrheit S. 73 ff. —
Zur Dogmengeschichtc des Mittelalters S. 98 ff. — Der Zen-Bml-
dhismus in Japan S. 138 ff. — Krieg und Heilstatsache S. 181 ff. —
Ottos Kategorie des Heiligen und der Absolutheitsanspruch des Christentums
S. 294 ff. — Zu meinem Versuch einer neuen religionsphilosophischen
Grundlegung der Dogmatik. 438 ff. — Das Missionsproblem
in den Kulturländern Ostasiens S. 653ff.

Eine wirkliche Besprechung ist unmöglich, es sei
denn, daß man in eine allgemeine Auseinandersetzung
mit H.s ganzer Theologie Hineingehen wollte. Das ist
ja der Wert dieser Sammlung, daß sie ein Studium von
H.s theologischer Entwicklung bis hin zum gegenwärtigen
Momente möglich macht. H. selbst hat deshalb
in der Einführung über seinen Werdegang sich ausgesprochen
. Er stellt dabei voran seinen Zusammenhang
mit der studentischen Erweckungsbewegung. Als Zeugnis
des geistigen Ringens, das in ihr gewesen ist, will
er seine Aufsätze verstanden wissen. In der Tat trifft er
damit denjenigen Zug seiner Arbeit, auf dem ihre Lebendigkeit
beruht: er denkt als Seelsorger von Menschen,
in denen die Denkfragen und die religiöse Entscheidung
sich unentrinnbar ineinander geschlungen haben. Was
Kierkegaard vom Theologen fordert, — daß jeder Gedanke
über Gott und göttliche Dinge auf die individuelle
Existenz bezogen sei —, ist von H. vermöge dieses Zusammenhangs
tiefer verwirklicht als von jedem Theologen
vor ihm (Chr. Schrempf vielleicht ausgenommen).
Das ist der Punkt, an dem er wahrhaft vorbildlich ist.

Das so im Allgemeinen Gesetzte faltet H. dann
nach zwei Seiten auseinander. Einmal sei für ihn der
rückhaltlose Denkwille charakteristisch, der der Welt
von Grund auf in eigenverstandenen Begriffen sich bemächtigen
will. Der das Weltganze in eine Formel

fassen will. Darin weiß er sich mit Fichte und Hegel
verwandt, darin sieht er aber auch eine Erneuerung des
Urchristentums, das ebenso wie der Idealismus auf eine
Deutung der ganzen Welt von einem Blickpunkte her
ausgegangen sei. Zweitens sei unabhängig von aller
Philosophie ihm Christus so mächtig geworden, daß
ihm das, sein Denken umgestaltende Anliegen gewesen
sei das Suchen nach der neuen Kategorie, in der der unbedingte
Anspruch Christi, jedem Menschen Schicksal
und Entscheidung zu sein, sich fassen ließe. Aus diesen
beiden Faktoren konstruiert er nun seine Entwicklung.
Er unterscheidet vier Stadien. Das erste Stadium — das,
was wir früher einfach als H.s Theologie betrachteten —
reicht bis vor die Einwirkung Spenglers. Das zweite
bis vierte, in rascher Folge seit 1920 sich ablösend,
führt von "der Kategorie des Schicksals (Spengler) über
das Ungegebene und die Perspektive (Rickert, Schwarz)
zum Transperspektivischem (Barth, Brunner). Zu Ende
sei die Bewegung noch nicht. Deshalb, weil die so
zur Denkfrage gewordene Christusfrage immer nur vorläufig
lösbar sei.

Zu dieser Skizze der eigenen Entwicklung wird ein
Dritter zwei Fragen stellen müssen. Einmal, es liegt
nahe, die drei letzten so schnell einander ablösenden
Stadien als einziges, nämlich das einer großen noch
unentschiedenen Denkkrisis, gegen das erste zu stellen.
Seitdem H. aus dem Lösungswege des ersten Stadiums
herausgeworfen worden ist, ist sein Denken ein noch angestrengteres
Ringen als früher geworden. Dem Dritten
wird es so scheinen, als ob der Sinn dieser Krisis,
das Ziel dieses Ringens nur in der entschlossenen
Preisgabe des Versuchs, die Christusfrage als erkennt-
I nistheoretische zu lösen, sich erfüllen könnte. Sodann
, hat H. nicht die tiefste und mächtigste Einwirkung
auf sein Denken in dieser Skizze übersehen, —
die des Krieges? Mir scheint so, als ob ihm durch den
Krieg, je länger desto tiefer, eine konkrete Einsicht in
die Art Jesu und ihren Gegensatz wider die Welt erwachsen
sei, wie er sie vorher so entscheidend und so
klar nicht besessen hat, und als ob er in dieser Einsicht
die Möglichkeit besäße, die Christusfrage anders
denn als erkenntnistheoretische zu lösen. Vielleicht darf
man sogar sagen, daß sie für ihn im Grunde schon
aufgehört hat, eine erkenntnistheoretische zu sein. Es
gehört mit zur Wehrlosigkeit der Liebe Jesu, daß sie als
ein lediglich im Gewissen wahrnehmbarer göttlicher
Sinn, nicht aber als eine neue Denkkategorie zu uns
kommt. Wäre Jesus Christus zugleich Weltformel im
Sinne des idealistischen Systembegriffs, so hätte er
eine Herrlichkeit über sein Wort und sein Kreuz hinaus,
so wäre eben die Verkehrung des Osterglaubens eingetreten
, die H. in seinem „Wesen des evangelischen
Christentums" an der katholischen Kirche bekämpft.
Diese Wahrheit ist für H. wohl dadurch verdeckt, daß
der Glaube als Gottesglaube allerdings erkenntnistheo-
retisehe Beziehungen hat. Aber dies, daß der Glaube
Gott gerade in Jesus Christus ergreift, fällt aus dem
der Erkenntnistheorie und überhaupt jedem dem Systemwillen
zugänglichen Gebiete heraus. Die Herrlichkeit
Jesu Christi wird ebensowenig wie in einem Weltreiche
in einem Weltsysteme sich sichtbar machen lassen.

Von H.s schönem Buche über das „Wesen des evangelischen
Christentums" ist gleichzeitig die 2. Aufl. erschienen. Die einzige
Änderung, auf die ich bei meinen Stichproben gestoßen bin, ist die Berichtigung
eines Novalis betreffenden Irrtums der 1. Aufl.

Göttingen. E. Hirsch.

Croce, Benedetto: Fragmente zur Ethik. Übers, v. Julius
Schlosser. Zürich: Amalthea-Vcrl. 1923. (303 S.) 8°.

Diese „Fragmente zur Ethik" — Aufsätze, die Croce
seit 1915 in seiner Rundschau „La Critica" veröffentlicht
hat — sind, wie der Verfasser selbst bemerkt, nicht
Versuche, eine Ethik zu schreiben, sondern schließen
sich an seine Darstellung der Ethik („Philosophie der
Praktik") an und verdanken ihre Entstehung den verschiedensten
Lagen, der Lesung eines Dichters oder