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Ausgabe:

1926

Spalte:

326

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Drews, Arthur

Titel/Untertitel:

Die Petruslegende. Völlig umgearb. Ausg 1926

Rezensent:

Dibelius, Martin

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325

Theotogische Literaturzeitung 1926 Nr. 12.

326

wird erwähnt (S. 166 f.) — so völlig alle Namen bei-
seit, daß auch hier eine Diskussion sich erübrigt. Nur
etwas Allgemeineres sei mir zu sagen gestattet. Zuerst
inbezug auf die böse Kritik. Ich teile in weitern Umfange
des Verfassers Stimmung; aber er verkennt in
höherem Maße, als mir richtig erscheint, die wirklichen
Schwierigkeiten, die vorliegen. Der „Uber conformitatum
vitae S. Francisci cum vita D. n. Jesu Christi" des Barthol-
mäus Albizzi (f 1401) ist ein törichtes Buch; aber an
der Vergleichbarkeit der Evangelien mit den vier alten
Erzählungen über das Leben des Franciscus (den beiden
Viten des Celano, der vita trium sociorum und dem
Speculum) ist viel zu lernen. Celano hat seine vita
prima schon 2 Jahre nach dem Tode des Franz geschrieben
und hatte Beziehungen zu alten Franziskus-
Jüngern, die m. E. sicherer sind, als die des Markus zu
Petrus; und doch wie ungenau ist sein Bericht! Die vita
secunda desselben Celano ist besser unterrichtet; und in
der jüngsten der Quellen, dem Speculum perfectionis, erweist
das häufige „nos, qui cum eo fuimus" sich als
vertrauenswürdig. Daß wir über viele geschichtliche
Ereignisse bessere Quellen haben, als unser Markus-
Evangelium es ist, braucht m. E. kein Christ zu verkennen
; und den Satz, daß die Ereignisse der allgemeinen
Geschichte glaubwürdig bezeugt sind, „al-
though there is no demonstrative evi-
dence for any particular fact or event" (S.
165), vermag ich nicht zu verstehen. — Im Zusammenhange
hiermit kann ich zweitens der Behandlung der
Wunderfrage nicht zustimmen. Ich bin nicht „wunderscheu
"; aber daß unser an die Kategorie der Kausalität
und an die Analogie der sonstigen Erfahrung gebundenes
wissenschaftliches Erkennen in der Vergangenheit
keine Wunder „feststellen" kann, ist mir zweifellos.
Ihrer Grenzen bewußte geschichtliche Forschung kann
Raum lassen für den Glauben, der dem Herrn Taten zutraut
, die wir nicht wirklich zu „erkennen", geschweige
denn zu verrechnen vermögen; aber jede positivere
Stellung der historischen „Wissenschaft" zu den
Wundern verträgt sich m. E. nicht mit dem Begriff der
Wissenschaft. — Eine diskutable wissenschaftliche
Frage allgemeinerer Art ist drittens H.'s Stellung
zu der Markus-Ueberlieferung. Wer dem „tQ/u^vevrijs
llirgov" des Papias Vertrauen entgegenbringt, darf
m. E. sein „tov uivroi T«'£et" nicht unbemerkt lassen.
Und wenn Jesus, wie H. zugibt, wahrscheinlich häufiger
in Jerusalem war, als Markus weiß (S. 42; 74, Anm. 2);
wenn auch der johanneische Bericht über den Todestag
Jesu wahrscheinlich korrekt ist (S. 145f.); und wenn
— wovon H. freilich nicht redet — Jerusalemer Erscheinungen
des Auferstandenen trotz Mark. 16, 7 anzunehmen
sind: wird dann das Vertrauen zu der „coherent,
intelligible and therefore true history" bei Markus (S. 73;
vgl. 183) nicht arg erschüttert? — Viertens kann ich
nicht verschweigen, daß die Kapitel VI und VII mir
hinter den übrigen zurückzubleiben scheinen. Wie ich
zu den Aufcrstehungsberichten stehe, habe ich anderorts
(„Die Auferstehungsberichte und ihr Wert", 1898,
3. Aufl. 1908) so deutlich gesagt, daß H. mich nicht für
einen „Rationalisten" wird halten können. Um so mehr
bin ich verpflichtet zu sagen, daß H. hier m. E. die
Schwierigkeiten zu leicht nimmt — die Frage z. B., ob
die Erscheinungen in Galilaea, oder in Jerusalem zu
lokalisieren sind, wird gar nicht erörtert —, und die
These, daß „the evidence for that fact (die Auferstehung
) seems to be as strong as the evidence for any event
in ancient history" (S. 167), erscheint mir im Munde
des gelehrten Bischofs nicht haltbarer, als in dem eines
unbedeutenderen Apologeten. Die „personal experience"
spielt hier, wie auch ich meine, eine größere Rolle, als
H. sie ihr läßt. Könnte dem Glauben an die Auf-
erweckung Jesu die Bedeutung zugeschrieben werden, die
Paulus ihm gibt (Rom. 10, 9), wenn er Historienglaube
wäre? — Wirklich unzureichend scheinen mir die Ausführungen
über die Jungfrauengeburt zu sein. Kann man

: mit Zeugnissen des 2. Jahrhunderts (S. 172 ff.) dartun,
daß der (in den weit älteren Erzählungen bei Matthäus
! und Lukas sich aussprechende) Glaube an die Partheno-
genesis „was part of the e a r 1 i e s t teaching of the
church"? Und wenn man zugäbe, daß die Erzählungen
im ersten und dritten Evangelium „explain teaching" und
daß diese Lehre älter gewesen sein muß, als jene Erzählungen
(S. 171): wäre das entscheidend? Die ältere
Lehre könnte die inbezug auf die Person Christi uralte
! Unterscheidung des xcttu uctpx« und xaxa rcvevii« sein
| (Rom. 1,3 f.; 1. Petr. 3, 18), die weitere Stufe das
' ytYvi 'yiivxa ix rcvev/naxog aycov xu), Maqlaq xr)q JtaQ-
| itivnv , die letzte dann Matth. 1 und Luk. 1. — Bei
! Kap. VII will ich nicht kritisierend verweilen. Denn des
j Verf.'s Überzeugung, daß „fundamentally the Christian
| Church has always taught the same truths" (S. 4), und
seine eigene Kennzeichnung der dogmengeschichtlichen
und dogmatischen Ausführungen in Kap. VII als „stated
very broadly" würden alle dogmengeschichtliche Kritik
als kleinlich erscheinen lassen. Eines aber kann ich
nicht verhehlen: Ausführungen, die von dem gewissenhaft
wiedergegebenen biblischen Sohnesbegriff ohne
Stolpern, ja ohne e i n weiteres Wort, zu dem der spätem
Dogmatik übergehen (S. 194), und die mannigfachen
Hinweise auf die „incarnation" neben dem Satze von
den die Welt regierenden „spiritual forces", die „were
incarnatc in Jesus Christ" (S. 169), scheinen mir der
freundlichen „breadth" etwas gar zu viel zu zeigen. —
Dein letzten Kapitel, das die Erwartung der nahen
Parusie von Jesus abrückt und die Gemeinde des Neuen
Bundes an sein Lebensziel heranrückt, kann ich nur zustimmen
. Aber die These ist sehr unmodern in der neueren
protestantischen Theologie. Man muß und kann das
tragen.

Halle a. S. Friedrich Loofs.

Drews, Arthur: Die Petruslegende. 3.-5. Taus. Völlig um-
gearb, Ausg. Jena: E. Diederichs 1924. (IV, 79 S.) S°. Rm. 1.75.
Drews' Petruslegende erschien zuerst im Jahre 1910 und ist damals
in dieser Zeitung (1910, Sp. 548) von mir besprachen worden.
Die neue Ausgabe ist im Endresultat von der alten Bearbeitung nicht
unterschieden; es ergibt sich dem Verf. eine mythische Gestalt, die
mit Simon Magus, Herakles, Melkart, mit Mithra, Atlas und Proteus
und auch mit Janus in Beziehung gesetzt wird vermöge jenes religionsgeschichtlichen
Eklektizismus, der aus Drews' älteren Arbeiten
| bekannt ist. In dieser Bearbeitung hat der Verf. anscheinend mehr
j Wert als früher auf den quellenkritischen Unterbau gelegt; es werden
zunächst die Angaben der Evangelien untersucht mit dem Ergebnis,
daß aus ihnen geschichtliche Kunde über den Apostel nicht zu erheben
sei. Von irgend einer Differenzierung zwischen den Berichten
ist nicht die Rede. Auch die Nachrichten der Apg. erweisen sich
Drews als gleichermaßen wertlos, da er für alle Probleme in der
Ungesehiehtliehkeit der Sache eine Lösung findet; so bemerkt er zu
Apg. 12, 17 einfach; „es scheint,-daß dem Verfasser der Apostel-
! geschichte . . . der Stoff . . . ausgegangen ist". In dem mytho-
i logischen Teil ist der Mithras-Parallele besonderer Raum gewidmet,
leider ohne daß der uns doch immer noch sehr problematische und nur
aus den Denkmälern zu erschließende Mithras-Mythus irgendwie erhellt
wird, aber sicher mit Recht insofern, als der Gegenüberstellung des
größten Apostels der zur Macht gekommenen Kirche und des Gottes
des zur Macht gekommenen Mysterienkults eine starke Parallelkraft
eigen ist. Das Hauptproblem wird aber auch hier wieder übersehen
: wenn die mythische oder auch wenn die katholisch-traditionelle
Ansicht von Petrus zu Recht besteht, so muß man doch fragen, warum
dieser Petrus in den ältesten Dokumenten keine größere Rolle spielt.
Und das ist ja überhaupt die Schwäche aller Drewsschen Beweisführungen
: sie sind nicht auf der Interpretation der Quellen, sondern
auf einem Durchstöbern der Quellen aufgebaut. Bei jener Tätigkeit
ist man willens zu hören, was die Quelle sagt; bei dieser weiß man
es im Voraus schon gewiß. Ich erwähne noch, daß I). im letzten
Teil, der die Geschichtlichkeit des römischen Aufenthalts des Petrus
bestreitet, sicli mit Lietzmann auseinandersetzt. Leider verfällt er
auch hierbei in einen Ton, der weder der Sache noch dem Philosophen
ziemt: „eine mit vieler höchst überflüssiger Gelehrsamkeit
angefüllte Abhandlung" (von Lietzmanns Buch), „die langweiligen
wasserschöpfenden Töchter des Danaos" „theologische Verbohrtheit
oder Gedankenlosigkeit" (in der Vorrede) — das alles sind keine
Beweise, sondern höchstens — Gegenbeweise gegen den Autor.
Heidelberg. Martin Dibelius.