Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1926 Nr. 11

Spalte:

305-306

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Werdermann, Hermann

Titel/Untertitel:

Der evangelische Pfarrer in Geschichte und Gegenwart 1926

Rezensent:

Schian, Martin

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

305

Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 11.

306

zu einem reichlich 100 Seiten umfassenden Büchlein
zusammengestellt. Dasselbe kann nicht den Anspruch
einer erschöpfenden wissenschaftlichen Missionskunde
erheben. Es hat auch nicht in der Absicht des Verfassers
gelegen, uns eine solche zu geben. Vielmehr
möchte er aus einer im elfjährigen Missionsdienst erworbenen
reichen persönlichen Erfahrung „den Amts-
brüdern in der Heimat, den Lehrern und nachdenklichen
Christen in allgemeinverständlicher Form einige Gegenwartsfragen
aus der Arbeit der Mission nahebringen,
auch den jungen Freunden, die sich auf den Missions-
seminarien und auf den Universitäten auf die Arbeit
draußen rüsten, einen kleinen Hilfsdienst leisten bei der
Lösung der großen Aufgaben, die ihrer draußen warten
". So ist das Ziel, das sich der Verfasser mit der
Herausgabe seiner Vorträge gesetzt hat, ein praktisches.
Wer in der Heimat zur Belebung und Vertiefung des
Missionssinns Ansprachen und Vorträge zu halten hat
und dazu nach Anleitung und Anregung ausschaut, wird
in diesen Erfahrungen eines bewährten Missionsarbeiters
ein wertvolles Hilfsmittel finden. Am brauchbarsten
für diesen Zweck sind wohl die unter dem Gesamttitel
,,M i s s i o n s a n f ä n g e" zusammengefaßten Aufsätze,
die einen fesselnden Einblick in die praktische Missions-
arbeit gewähren und ein reiches Illustrationsmaterial
darbieten. Die landläufigen Auffassungen über Art und
Erfolg der Missionsarbeit finden dabei eine willkommene
Berichtigung. Die zentral-biblische Grundlage und Zielsetzung
der Mission kommt in den beiden grundsätzlichen
Vorträgen über „die Kraft Christi in der Mission"
und „das Evangelium der Reformation bewährt in der
Mission der Gegenwart" in erfrischender Klarheit zum
Ausdruck. In dem letzten Vortrag setzt sich der Verfasser
mit dem von der katholischen Kirche vielfach
erhobenen Vorwurf auseinander, daß die Reformation in
Bezug auf die Mission versagt habe und daß die spätere
reformatorische Kirche nur aus dem Grunde die Mission
begonnen habe, weil Roms Ruhm sie nicht habe schlafen
lassen. Demgegenüber wird mit überzeugender Klarheit
bewiesen, wie gerade die evangelische Mission mit
ihrer Arbeitsweise und ihren Arbeitserfolgen eine göttliche
Legitimation des reformatorischen Evangeliums
bedeutet. Die evangelische Mission der Gegenwart ist
ein deutlicher Beweis für die Universalität des Evangeliums
, und somit dient die Missionmicht nur der Heidenwelt
, sondern auch der heimatlichen Christenheit. —
Hermann8burg. Chr. Schomerus.

Werdermann, Pastor Priv.-Doz. Lic. Dr. Hermann: Der evangelische
Pfarrer in Geschichte und Gegenwart. Im Rückblick
auf 400 Jahre evang. Pfarrhaus. Leipzig: Quelle (V. Meyer 1025.
(140 S.) kl. 8°. = Wissenschaft und Bildung, 216. geb. Rm. 1.80.

1905 erschien Drews' ausgezeichnetes Buch über
den evangelischen Geistlichen in der deutschen Vergangenheit
. Rechtfertigt sich die Herausgabe eines Buchs
mit fast demselben Gegenstand zwei Jahrzehnte später?
W. unterscheidet seine Absicht von der von P. Drews:
D. habe allgemein zusammenfassend geschildert, während
er selbst an typischen Einzelbildern eine besondere
Zeit und Art darzustellen suche. Das ist richtig, aber
für sich allein noch nicht ausreichend. Schwerer wiegt,
daß W. eine ganze Menge von D. nicht genannten
Einzelstoffs heranzieht und zur lebendigen Veranschaulichung
benutzt. Diesen Stoff gewinnt er besonders aus
dem Studium der mittel-, nord- und ostdeutschen Verhältnisse
, während D. zwar durchaus nicht ausschließlich,
aber doch vorwiegend Sachsen, Thüringen und Hessen
berücksichtigt hatte. Auch hat W. dem 19. Jahrhundert,
das D. kaum noch geschildert hatte, starke (etwa 45 S.)
Beachtung geschenkt. Endlich drängt er seine Schilde-
runS 3uf knappsten Raum zusammen (unter Verzicht
auf Abbildungen), sodaß sein Büchlein trotz der Teuerung
billiger ist als das von D. Sehr erfreulich ist, daß
W. rund heraus bekennt, daß er auf D. aufgebaut hat,
und nicht bloß auf dem genannten Buch; Frau Drews

hat hier das unveröffentlichte Vorlesungsheft ihres
Gatten zur Verfügung gestellt. Auch steht W., was Auffassung
und Urteil betrifft, ganz und gar im Einklang
mit D. Wir haben also eine D.s Arbeit dankbar benutzende
, in vielem aber ergänzende und fortführende
Darstellung vor uns, die ihr Eigenrecht besitzt und sich
ihren Platz erobern wird. Weil nach dem Gesagten
auf das 19. Jahrhundert besonderer Nachdruck fällt, erwähne
ich dafür die Abschnittsthemata: 1. Schleiermacher
und Reinhard; Wiederbelebung der Frömmigkeit:
Büchsei; Durchschnittstypus: Stanr, Herker, Teile (alle
Mark Brandenburg); Aus der Pastoraltheologie; Die
Pfarrfrau; Pfarrersöhne; Allgemeines und Besonderes;
Der Pfarrer in der Literatur. Nachher folgt noch ein
Kap. „Der Pfarrer in der Gegenwart". Es ist deutlich,
daß auch W. das 19. Jahrh. nicht entfernt ausgeschöpft
hat; er hört mit der ausführlicheren Darstellung von
Typen viel zu früh auf. Was für Stoff bieten noch Biographien
aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts!
Sie sind großenteils benutzt, aber längst nicht ausgenutzt.
Die Lebensbeschreibung W. Baurs (in den Hessischen
Volksbüchern), Selbstbiographieen von Beyschlag, W.
Kölling u. a., Biographieen von Rogge (B. Rogges
Vater), Kögel, G. Knak, Stöcker bieten noch eine unendliche
Fülle von Stoff. Dazu kommen für die Gegenwart
Bücher wie die von M. Unbekannt. Die Skizze über
den Pfarrer der Gegenwart kann nur Andeutungen
geben. Aber wenn der unerschöpfliche Stoff noch sehr
wohl weitere Ausschöpfung vertrüge, so mindert das
den Dank für das von W. Gebotene nicht. Sehr erfreulich
ist, daß W. auch über den Pfarrer der Aufklärung
gerecht zu urteilen sich müht. Überhaupt hilft er zu
wirklichem geschichtlichem Verständnis aus dem Zusammenhang
mit der Zeit heraus. Daher begrüße ich
sein Buch als eine wertvolle Ergänzung zu Drews und
hoffe, daß es das Studium der Geschichte des Pfarrerstandes
aufs Neue anregen und heilsam befruchten wird.

Breslau. M. Schi an.

Stange, Lic. Erich: Die kommende Kirche. Oedanken zum
Werdenden innerhalb unserer deutschen evang. Kirchen. 3., völlig
umgearb. u. erw. Aufl. Dresden: C. L. Ungelenk 1925. (175 S.) 8°.

Scheurlen, Paul: Du und deine Kirche. Eine Handreichung
f. d. cvangel. Kirchenvolk. Mit Beitr. v. J. Schoell, M.
Diestcl u. E. Reiff. 1.—10. Tsd. Stuttgart: Quell-Verl. d.
Ev. Gesellschaft 1925. (66 S.) kl. 8°. Rm. —75.

Stange's Buori besteht aus mehreren Stücken. Ein
Abschnitt „Führernot" (die letztlich nichts als eine Not
der Führer sei) bildet den Anfang, eine Betrachtung
„Vom werdenden Pfarrergeschlecht" den Beschluß. Das
Kernstück stellen zwei Aufsätze dar, die „die kommende
Kirche" und ihr „vierfaches Werden" behandeln. Eine
„neue Schau" der Kirche sucht unsere Zeit. Die heutige
Kirche hat das Bewußtsein des „Abstands" verloren;
die volkskirchliche Einstellung hat das verursacht. Das
Eigenbewußtsein der Gemeinde muß belebt werden; in
der missionarischen Haltung beginnt sich das auszuprägen
. Volkskirchen mit missionarischer Verantwortung
: das ist das Problem. An anderer Stelle formuliert
St. so: „Wieweit das lebendige Christentum
; unserer Tage noch die Möglichkeit findet, sich innerhalb
der einzelnen Landeskirchen sein Bett zu graben, oder
: ob es gezwungen sei, die Dämme zu durchbrechen"
j (S. 39). Eine gefährliche Formel! St. kommt zu ganz
| bestimmten Forderungen nach Umgestaltung kirchlicher
I Formen; er denkt an Einführung des Bischofsamts und
| ganz besonders an Änderung der Konfirmationspraxis.
Für die ganze Schrift ist charakteristisch: 1.) daß sie
stark betont, daß nichts gemacht werden könne; vielmehr
sei Voraussetzung, daß das neue Leben „da ist und
im Sturm über uns hereinbricht". Im Grunde nimmt
diese Haltung, wenn konsequent durchgeführt
, den konkreten Forderungen die aktuelle Bedeutung
. Aber werden die Freunde von St.s Gedanken
bei dieser Stellung bleiben? 2.) daß der Kritik an den
olkskirchlichen Verhältnissen weder eine Darlegung