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Ausgabe:

1926 Nr. 11

Spalte:

301-304

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Loesche, Georg (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus im ehemaligen und im neuen Österreich. 45. u. 46. Jahrg 1926

Rezensent:

Walter, Johannes

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 11.

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von katholischer Seite in voller Sachlichkeit dargelegt
wird, dann kann man sich wahrlich nicht wundern;,
wenn in einem Menschenalter noch nicht alle Schäden
beseitigt waren. Es war alles viel zu sehr eingewurzelt.
Moritz von Hutten tat was er konnte. Er sah ein, wo
zuerst die Hand angelegt werden mußte; aber seine Bemühungen
, einen tüchtigen Klerus heranzuziehen mußten
scheitern; ein einzelner war machtlos; hier hätten alle
Diözesen zusammenstehen müssen. So kommt denn
dieser Arbeit weit mehr als lokale Bedeutung zu. Noch
bedeutungsvoller aber ist die sachliche Art und Weise, in
der die ganze Untersuchung geführt wurde. Sie ausdrücklich
anzuerkennen ist dem Rezensenten eine besondere
Freude. — Zu Ambrosius Tentener S. 53 s. Beiträge
zur bayr. K. O. 32 S. 143. Zu S. 10 A. 40: Merkendorf
war doch im eigentlichen Sinne des Wortes
kein Kloster. Zu S. 25 A. 87 Herrieden: F. X. Büchner
, Archivinventare der kath. Pfarreien in der Diözese
Eichstätt. München und Leipzig 1918 S. 423 ff.
(ist wohl das Stiftsarchiv repertorisiert).

Roth. Karl Schornbaum.

Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus
im ehemaligen und im neuen Österreich. Begr.
v. Theodor Haase, Gustav Trauten berger, C. A. Witz-
Oberlin, hrsg. v. Georg Loesche. 45. u. 46. Jahrg. Wien:
Manz — Leipzig: J. Klinkhardt 1625. (III, 266 S.) gr. 8°.

Rr. f. Mitgl. Rm. 3.50.

Der 45. und 46. Jahrgang des Jahrbuches für die
Geschichte des österreichischen Protestantismus ist dem
dreihundertjährigen Andenken an das „Würfelspiel
auf dem Haushamerfeldc" und an die Glaubenshelden
aus der Zeit des 30jährigen Krieges gewidmet und
bringt zwei Beiträge zur Geschichte des oberösterreichischen
Protestantismus. Der erste Beitrag ist eine
Cieschichte der evangelischen Landschaftsschule in Linz
aus der Hand des am 27. Februar 1924 verstorbenen
D. C. F. Bauer. Die vom evangelischen Adel Oberösterreichs
um die Mitte des 16. Jahrhunderts gegründete
evangelische Landschaftsschule wurde nach Anfängen,
die im Dunkel liegen, 1567 nach Enns verlegt, woselbst
sie bis 1574 bestand. Wir besitzen noch eine von dem
damaligen Rektor Eckel huber verfaßte Schulordnung,
die noch manche Mängel aufweist (kein systematischer
Religionsunterricht, Vernachlässigung der Realien,
Fehlen des Griechischen, starkes Hervortreten der lateinischen
Eloquenz). Es fällt auf, daß das neunzehnköpfige
Personal für den Unterricht und die Verpflegung
der 24 Schüler reichlich groß ist. Das wird erst anders,
als die Schule 1574 nach Linz zurückverlegt und 1576
unter die Leitung des Württembergers Johann Memhard
gestellt wird, der unter den Auspizien seines Straßburger
Lehrers Johann Sturm eine gute Schulordnung verfaßt,
über die der Leser in den Abhandlungen von Schiffmann
(Linzer Musealbericht 1901) und Khull (Beitr. zur
österr. Schulgeschichte, Heft 3, 1901) Aufschluß suchen
muß. Auch Memhard ließ sich Versäumnisse zu Schulden
kommen, die seine Entlassung nach 22jähriger Dienstzeit
zur Folge hatten. Sein Nachfolger Anomäus mußte
die Auflösung der Schule unter Rudolf IL im Jahre
1600 erleben. Auch in der Zeit einer kurzen Nachblüte
seit 1609 litt die Schule unter häufigem Wechsel des
Lehrpersonals, wurde indes zu einem Bildungszentrum,
das über Kapacitäten wie Kepler (er wirkte 1612—1626
an der Schule) verfügte. Das schlimme Jahr 1629
brachte den Übergang der Schule in Jesuitenhände. Zu
bedauern ist, daß der Betrieb der Schule nicht mit demjenigen
gleichzeitiger katholischer Schulen verglichen
wird; nur so würde ein gerechter Maßstab zur Beurteilung
ihrer Leistungen gewonnen werden können.

Auch Loesche stellt seine weitgehende Gelehrsamkeit
in den Dienst der Geschichte des oberösterreichischen
Protestantismus. Da er bekanntlich in seiner
Geschichte des Protestantismus in Österreich (2. Aufl.
1921) die Methode befolgt, die Entwickelung des Protestantismus
in den einzelnen Kronländern gesondert zu

verfolgen, so hätte es eine Wiederholung bedeutet, wenn
er eine Geschichte des oberösterreichisenen Protestantismus
geschrieben hätte. Auch ist er bei seiner Durchforschung
der Archive selbstverständlich auf zahllose
Minuzien gestoßen, deren Einarbeitung in eine geschichtliche
Darstellung zu weit geführt hätte, deren Veröffentlichung
aber im Interesse der Lokalgeschichte
wünschenswert erschien. Infolgedessen beschritt er den
Weg, unter der Überschrift: „Zur Geschichte des Protestantismus
in Oberösterreich" Sammlungen aus den Archiven
zu veröffentlichen, und zwar in einem ersten
Teil zeitlich geordnet solche, die sich auf die allgemeine
Geschichte des oberösterreichischen Protestantismus beziehen
, in einem zweiten Teil örtlich und zeitlich geordnet
solche über die einzelnen Städte und Ortschaften
des Landes. Genaue Orts- und Namenregister sind beigegeben
. Welch eine Summe von Fleiß in dieser Arbeit
steckt, ergibt sich daraus, daß nach meiner Zählung über
1300 Auszüge aus Akten oberösterreuchischer Archive
„in tunlichster Vollständigkeit" (vgl. S. 47) bis zum
Toleranzpatent veröffentlicht worden sind. Unterstützt
wurde Loesche bei dieser Riesenarbeit durch den Archivrat
Dr. Straßmayr zu Linz, wo sich der Hauptfundort
der Sammlung, das oberösterreichische Landesarchiv, befindet
, und für die Geschichte des Protestantismus zu
Steyr durch Pfarrer D. Sellc-Aussee. Vor allem konnte
er die Sammlungen des Superintendenten a. D. D. Fr.
Koch-Gmunden und die schöne Presbyterologie des
gegenwärtigen oberösterreichischen Superintendenten J.
E. Koch-Wallern benutzen, wobei ihm dessen Sohn,
Pfarrer Ernst Koch zu Hallstatt, manche Dienste leistete,
i Nach dieser systematischen Durcharbeitung der Archive
| dürfte die Auffindung oberösterreichischer Protestantica
fortab mehr oder weniger Sache des Zufalls sein, und
j kein zukünftiger Geschichtsschreiber Oberösterreichs
wird ohne Benutzung dieser grundlegenden Veröffentlichung
arbeiten können.

Fragt man sich, ob das Bild, das auf Grund dieser
Vorarbeit gezeichnet werden kann, ein vollständiges
sein wird, so ist diese Frage leider nicht schlechtweg zu
bejahen. Denn einmal hat der Brand des Linzer Landhauses
1800 verheerende Lücken in den Bestand des
ständischen Archives gerissen (S. 47), und ferner muß
man sich gegenwärtig halten, daß besonders belastende
Akten meistens aus den Archiven
j entfernt wurden. Das ergibt „eine Verschiebung
i des- Gleichgewichts zu Ungunsten der Evangelischen"
I (S. 61 Anm. 8). Selbstverständlich ergeben die Akten
überdies nur in den seltensten Fällen ein Bild vom
j Innenleben des oberösterreichischen Protestantismus,
denn es handelt sich zumeist um eine Geschichte der
Verfolgung der Protestanten durch Rom und Habsburg.
Wie Orthodoxie, Pietismus und Aufklärung auf die Gemeinden
gewirkt haben, wie diese sich in ihrem Eigenleben
entfaltet haben, erfährt man aus diesen Akten
nicht. Was darüber zu sagen ist, faßt Loesche in einer
Einleitung (S. 47—61) zusammen, die, trotzdem sie dem
Wißbegierigen nicht alle Fragen beantwortet, doch eine
sehr dankenswerte Ergänzung der Darstellung in der
Geschichte des Protestantismus in Österreich ist. Wirklich
reichlich fließen die Akten für das 18. Jahrhundert,
wo manche wichtige Einzelheiten bezüglich der Salzburger
Emigration und der Maßregeln Maria Theresias
geboten werden, ferner im zweiten Teil für das unter
Jörgerschem Einfluß stehende Kirchdorf (S. 156—167).
für Linz (S. 173—177) und namentlich für Steyr (S.
197—218), wo Seiles Arbeiten verwertet werden konnten
(s. o.). Für manche Ortschaften, die heute im Mittelpunkt
des kirchlichen Lebens stehen, wie Thening und
namentlich Gallneukirchen, ergeben die Quellen leider
nur wenig.

Wenn ein Vertreter des Evangelischen Bundes oder
des Gustav Adolf-Vereins eine Vortragsreise nach Oberösterreich
unternimmt, wird ihm Loesches Buch große
Dienste leisten, worauf an dieser Stelle ausdrücklich hin-