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Ausgabe:

1926 Nr. 10

Spalte:

273-278

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Deißmann, Adolf

Titel/Untertitel:

Paulus. Eine kultur- und religionsgeschichtliche Skizze. 2., völlig neubearb. u. verm. Aufl 1926

Rezensent:

Bultmann, Rudolf

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273 Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 10. 274

Verf. weniger das Hoseabuch als das biblische Geschichtswerk
, für das er Zug um Zug Belege in Hosea
sucht. Auch ist die Betrachtung zu einseitig literarisch,
als hätte Hosea eben nur geschriebene Geschichte, in
der Hauptsache das uns jetzt noch vorliegende biblische
Geschichtswerk vor sich gehabt. Diese beiden Fehler
führen im einzelnen zu künstlichen Übertreibungen. Auf
den Namen des Ahnherrn Joseph z. B. sei von Hosea in
13, 2 („sie fügen Sünden hinzu") angespielt; in 1, 9
stecke der Gottesname 'Ejeh; 'anah 2, 17 („dort wird
sie zu singen anheben") entspreche dem Siegeslied
Ex. 15; „hinter dir, Benjamin" 5, 8 sei ein Zeichen

keit des Paulus benutzen. Es ist nur notwendig zu betonen
, daß dann nicht gleichzeitig der Anspruch erhoben
werden kann, den Gehalt der paulinischen Aussagen
zu interpretieren, der nun einmal ein theologischer
ist. Deshalb ist die Polemik des Verf. gegen die Begriffsanalysen
nicht am Platz; denn wenn sie auch
für seinen Zweck gleichgiltig sein mögen, so doch nicht
für eine Paulusinterpretation, die sich für das interessiert
, was Paulus gesagt hat. Denn wie anders als in
Begriffen lassen sich theologische Darlegungen geben?
und wie anders als in der Arbeit begrifflicher Analyse
lassen sie sich verstehen? Oder versteht man auch nur

daß Hosea das Deboralied (Ri 5, 14) kenne usw. Über- j einen Satz der Korintherbriefe auf Grund der Tatsache,
all erscheint der Prophet als der Verkündiger der alten j daß man benommen gewesen ist von der schwülen Einmosaischen
Religion und als der erbauliche Ausleger | samkeit der Ephesus-Landschaft (S. 59)? Das hat noch
der alten Geschichte; das war er ja gewiß; aber es ! keiner gezeigt, wie ich denn offen gestehen muß, daß
bleibt doch die Frage, ob mit dieser Schätzung die I mir noch keiner der Orientfahrer seit Renan auf Grund
volle Größe des gewaltigen Gotteszeugen erschöpft ist. i seiner Reiseeindrücke einen einzigen Satz des Neuen

Zu bedauern ist, daß P. einen großen Teil der neueren
protestantischen Literatur allem nach nicht kennt oder
nicht berücksichtigen will und trotzdem als lebhafter
Kämpfer auftritt. In einer Zeit, in der die meisten
protestantischen Exegeten des A. T. in Mose den Schöpfer
der israelitischen Religion und den religiösen Heros
erblicken und den Dekalog als die einzigartige Stiftungsurkunde
vom Sinai beurteilen, geht es doch nicht mehr
an," von der „Psychose der entwicklungssche'matischen
Mode" oder von der „völlig verfehlten entwicklungsschematischen
Meinung" zu sprechen, daß der Dekalog
erst der gesetzliche Niederschlag der prophetischen
Predigt eines Hosea, Arnos und Jesaja sei.

Tübingen. P. Volz.

Deißmann, Prof. D. Adolf: Paulus. Eine kultur- und
religionsgeschichtl. Skizze. 2., völlig neubearb. und venu. Aufl.
Mit 5 Taf. in Lichtdr. u. Autotypie sowie 7 Diagrammen. Tii-
.hingen: J. C. B. Mohr 1925. (XV, 292 S.) gr. &°.

Rm. 9.50; geb. 12.50.

Die erste Auflage dieses Buches hat 1911 W.
Bousset hier besprochen. War sein Eindruck damals der
einer Enttäuschung, so muß man angesichts der zweiten
Auflage doppelt enttäuscht sein; denn die von Bousset
damals bemerkten Mängel sind auch jetzt noch vorhanden
. Soweit sie in der geringen Berücksichtigung
der hellenistischen Religionsgeschichte bestehen, will
ich sie nicht noch einmal hervorheben; hier bin ich mit
Bousset einig. Meine Hauptkritik aber richtet sich schon
dagegen, wie der Verf. seine Aufgabe angefaßt hat; und
da er selbst an herabsetzenden Bemerkungen gegen die
Arbeit theologisch-begrifflicher Analyse nicht sparsam
ist, so wird es-ihn nicht wundern, wenn von ihrem Interesse
her der Angriff gegen sein Buch geführt wird.

Der Grundgedanke des Buches ist der, daß Paulus
in erster Linie kein Theologe, sondern ein Heros der
Frömmigkeit gewesen sei (S. 4). Dies „in erster Linie"
ist jedenfalls nicht im Sinne des Paulus gesprochen,
dem der Heroismus nur eine Versuchung ist, sodaß er
nur ttig tv d(pQoovvj] davon reden kann. Für ihn steht
in erster Linie, was Gott getan hat, und dies Heilsgeschehen
ist der Gegenstand seiner Wortverkündigung;
diese aber spricht sich in Gedanken aus, die wir als theologische
bezeichnen. Wer den Paulus in dessen eigenem
Sinne verstehen will, für den muß er in erster Linie
der Theologe sein, genau wie Luther, der sich vermutlich
sehr derb geäußert haben würde über einen Interpreten,
der in ihm in erster Linie einen Heros der Frömmigkeit
gesehen hätte. Aber damit ist natürlich nicht gesagt,
daß sich nicht jemand auch in erster Linie für etwas
anderes an Paulus interessieren dürfte, und dem Verf.
kann natürlich nicht verwehrt sein, sein Interesse in
erster Linie auf das kultur- und religionshistorische Phänomen
Paulus zu richten und es einer psychologischen
Beschreibung zu unterziehen. Mag er dabei die Paulus-
/c™ aLS .Rel,iciuien der Kultpropaganda bezeichnen
(S. 9) und sie als Material für die Analyse der Frömmig-

Testaments verständlich gemacht hat, abgesehen von der
Bereicherung der Interpretationsmöglichkeiten durch die
Erschließung neuer Quellen. Aber mag es also eine
reizvolle Aufgabe sein, den Paulus als religiösen Genius
zu interpretieren, und mag dazu auch die Kenntnis des
„fünften Evangeliums" von Nutzen sein; so hat sich
doch solche Arbeit ihrer Grenzen bewußt zu sein;
d. h. wenn sie die Aussagen des Paulus einem Verständnis
seiner religiösen Psyche dienstbar macht, so darf sie
nicht meinen, damit ihren sachlichen Gehalt zu erschließen
.

Diese Grenzen aber übersieht der Verf. völlig, denn
er meint — unter wiederholter Polemik gegen die Scholastiker
, die nur Broschüren füllen und Kandidaten
ängstigen — durch seine Betrachtungsweise auch feststellen
zu können, was Paulus unter dem Glauben
verstanden habe. Glaube sei bei Paulus nur ein anderer
Ausdruck für die lebendige Gemeinschaft mit Gott „in"
Christus (S. 65, 11), sei „Gott-Innigkeit in Christo
Jesu, Gott-Innigkeit des Christ-Innigen" (S. 128), was
doch schon durch Rom. 10 widerlegt wird. Der Glaube
an den Gekreuzigten wird als kultisch-mystische Be-
zogenheit oder Vergegenwärtigung interpretiert (S. 114),
und im Sinne der Mystik wird ohne weiteres das Verhältnis
von xvQiog und uvev^ia verstanden, ohne eine
Frage nach dem eschatologischen Charakter des Kreuzes
als Heilsereignisses oder nach der eschatologischen
Bestimmtheit des tevev^ta. So wenig in Wahrheit der
Christusglaube des Paulus eine mystisch - pneumatische
Gemeinschaft mit Christus bedeutet, so wenig weisen
darauf die S. 127 aufgezählten Wendungen wie Christusliebe
, Christusfriede etc. Der Genetiv Xgiaror bringt
vielmehr jeweils die eschatologische Bestimmtheit des
Begriffs zum Ausdruck. Er könnte in vielen Fällen
durch das Adjektivum „christlich" übersetzt werden,
wobei „christlich" im Sinne des Paulus bedeuten würde:
die Zugehörigkeit zum neuen Äon, zur neuen Menschheit
, zur neuen Schöpfung: ei reg ev Xqianp, xcarf/
xxiaig. Das h Xyiottp ist bei Paulus nicht eine
Formel der Mystik, sondern der Eschatologie. Die fünf
„Bildworte" des Paulus: Rechtfertigung, Versöhnung,
Vergebung, Erlösung, Adoption (S. 129 ff.), stehen weder
in „seelischer Synonymität", noch sind sie „antik
volkstümlich". Sie stammen vielmehr im wesentlichen
aus der jüdischen Eschatologie und bezeichnen ein
eschatologisches Geschehen, die Heilstat Gottes. Richtig
— wenn auch keine neue Erkenntnis — ist freilich, daß
mit den fünf Ausdrücken nicht verschiedene Dinge gemeint
sind; aber das entbindet nicht von der Pflicht, die
Begriffe im einzelnen zu untersuchen und ihr Verhältnis
gegeneinander abzugrenzen, um so das Verständnis des
Paulus von dem eschatologischen Geschehen zu klären.
Das eigentliche Problem dieses ganzen Vorstellungskomplexes
und damit der Eschatologie des Paulus hat
der Verf. überhaupt nicht erörtert: wie Paulus den
Menschen und die Welt sieht, wenn er im Ernste sagen
kann, daß die Fülle der Zeit da ist, daß die neue