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Ausgabe:

1926 Nr. 10

Spalte:

267-272

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wutz, Franz

Titel/Untertitel:

Die Psalmen. Textkritisch unters 1926

Rezensent:

Rudolph, Wilhelm

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Theologische Literaturzeitung 1926 Nr. 10.

268

Verf. ist sich bewußt, daß bei seinem Versuch, das
System zu analysieren, noch manches unklar geblieben
ist. Mir scheint vor allem zweierlei nicht genügend erhellt
. Einmal gelingt es nicht, die Verbindung der Isis
mit O. begreiflich zu machen. Und vor allem genügen
die vom Verf. angegebenen Gründe (strenggenommen ist
es nur das Verhältnis des O. zu Geb) nicht, um die
Aufnahme des O. in das System zu erklären. Verf.
berichtet selbst von Widerständen, die dabei überwunden
werden mußten; also müssen die Gründe für die Aufnahme
sehr stark gewesen sein. War nun O., wie Verf.
sagt, „vor der Mitte der 5. Dynastie überhaupt unbekannt
" (ein andermal vermutet er allerdings, daß sich
der Kult des O. vor seiner Erhöhung in das heliopoli-
tanische System „schon über größere Teile des Deltas
erstreckt" habe), dann versteht man nicht, warum die
Theologen von Heliopolis diesen unbekannten Gott erwählt
hätten. Wahrscheinlicher ist doch, daß er vorher
schon eine große Beliebtheit errungen hatte, daß die
Priester auf diese Rücksicht nehmen mußten, und daß
nun seine Beliebtheit durch diese Aufnahme vollends
außerordentlich gesteigert wurde. Der nicht eingeweihte
Leser möchte wohl auch noch erfahren, warum die
Priesterschaft von Heliopolis gerade bei der Neunheit
stehen blieb und aus diesem Grund des Osirissohn
Horus, das Glied der 5. Generation, nicht mehr zugelassen
hat.

Die scharfsinnige Untersuchung des Verf. gibt einen
trefflichen Eindruck davon, wie gedankenschwer und
verwickelt das theologische System der heliopolitanischen
Dogmatiker war. Verf. hält es für das letzte Ziel der
wissenschaftlichen Forschung, zu der Seele des Volkes
zu dringen; aber er verhehlt sich nicht — und seine
Darlegung macht das recht deutlich — daß zwischen
solchen theologischen Spekulationen und der Seele des
Volkes eine weite Kluft war.

Tübingen. P. Volz.

Wutz, Prof. Franz: Die Psalmen. Textkritisch unters. München:
Kösel & Pustet 1925. (VIII, LXIII, 472 S.) gr. S°

Rm. 27—; geb. 30—.
Der Name des Verfassers wurde der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit erstmals durch seinen Vortrag auf
dem Berliner Orientalistentag 1923 bekannt, in dem er die
schon von Tychsen (Tentamen 1772) und Masch (Bib-
lioth. sacra 1781) aufgestellte, inzwischen aber nach
Bekämpfung durch J. D. Michaelis und Gesenius
wieder vergessene These vertrat, daß den Übersetzern
der Septuaginta (G) der hebräische Text nicht in hebräischen
Buchstaben, sondern in griechischer Transkription
vorlag (gedruckt in: „Theologische Blätter" 1923 Nr. 5).
Was damals und in anderen seitherigen Mitteilungen
(Biblische Zeitschr. 1924 Nr. 3/4; ZAW. 1925, S.
115—119) nur kurz angedeutet werden konnte, davon
gibt W. auf breitester Grundlage Rechenschaft in den
„Texten und Untersuchungen zur vormasoretischen
Grammatik des Hebräischen" (herausgeg. von Paul
Kahle), in denen bis jetzt von Wutz' Arbeit die erste
Lieferung: „Die Transkriptionen von der Septuaginta bis
zu Hieronymus" (1925) erschienen ist. Während so
W. dort seine Ergebnisse in systematischer Form veröffentlicht
, hat das hier zu besprechende Werk den
Zweck, an einem bestimmten Buch des A. T. zu zeigen,
was seine Methode zu leisten vermag, um den Text aufzuhellen
. W. will nicht eine neue sachliche Erklärung
der Psalmen geben; in dieser Hinsicht begnügt
er sich mit einer kurzen Einführung am Anfang jedes
Psalms und mit gelegentlichen Bemerkungen; sein
Hauptinteresse gilt der Textherstellung.

W. druckt zunächst immer den Text der Vulgata und den MT
(nach Oinsburg) in 2 Kolumnen nebeneinander ab und fügt, soweit
vorhanden, die Mercatischen Fragmente der 2. Kolumne der Hexapla
an; es folgen: textkritischer Apparat (nach Art der Kittelbibel),
deutsche Übersetzung in fortlaufenden Zeilen und schließlich Bemerkungen
textkritischer Art. Besonders wichtig ist die 48 Seiten
umfassende Einleitung, in der w. seine Grundsätze entwickelt und

begründet und die damit zu einer förmlichen Textgeschichte des
Psalters wird. Den Schluß des Buches bildet ein Lexikon neuer
hebräischer Wörter (mehr als 200 Stämme!), die W. durch seine
Textbehandlung gewinnt, und ein sehr ausführlicher (S. 396—465)
„Sach- und Wortindex der Psalmen", eine Art deutscher Psalmenkonkordanz
, die mit dem Zweck des Buches in keinem erkennbaren
Zusammenhang steht. Mißlich ist, daß die Psalmen in
der Einleitung, in den textkritischen Bemerkungen und in den Schlußlisten
nach der hebr. Zählung angeführt werden, während die Uberschriften
im Kommentar die griech.-lat. Zahlen und nur in Klammern
die hebr. geben: das erschwert die Benützung des Buchs und gibt
Anlaß zu Druckfehlern (besonders ungeschickt z. B. S. LIX: 72, 3
statt 73, 2).

W. geht auch hier davon aus, daß die G-Übersetzer
nicht aus dem hebr. Konsonantentext, sondern aus einem
mit griech. Buchstaben geschriebenen Transkriptionstext
geschöpft haben. Dieser schwierige Text, der
den Übersetzern nicht mehr im Original vorlag (S. IV),
war nicht selten verschrieben oder wurde falsch gedeutet
; daraus zusammen mit vielen innergriechischen
Verlesungen ergaben sich nicht wenige scheinbare Differenzen
zwischen G u. MT, während in Wirklichkeit beide
denselben Text hatten. Darüber hinaus aber liefert die
aus G rekonstruierte hebr. Vorlage einen um Jahrhunderte
älteren und darum besseren Text als MT, und
aus dem Vergleich dieser beiden Texte lassen sich eine
Reihe wichtiger Regeln über mögliche Verlesungen hebräischer
Buchstaben u. a. ableiten, die W. S. XII—XVIII
aufzählt, und die über die von Delitzsch in seinen
„Lese- und Schreibfehlern im AT." zusammengestellten
wesentlich hinausgehen. Diese Regeln werden nun dadurch
bedeutsam, daß sie uns die Mittel zur Rekonstruktion
des Urtextes an die Hand geben. Der G
zu Grunde liegende hebr. Text ist ja keineswegs mit dem
Urtext identisch; im Gegenteil, nach W. hat kein anderer
Text des A. T. der G in so verderbtem Zustand
vorgelegen wie gerade der Psalmentext (S. VII. XIX).
Da nun aber die hebräische Buchstabenschrift in der
Zeit vor G denselben dem Palmyrenischen verwandten
Duktus zeigt wie in der Zeit nach G (S. XVI. XXIII.
XXXII, vgl. das nicht viel abweichende Resultat Johann
Fischers in: „Das Alphabet der LXX-Vorlage im Penta-
teuch" 1924 und dessen Schrifttafel) — einer Umschrift
der althebr. in die Quadratschrift will W. (S.
XXIV), falls sie je stattfand, keinen Einfluß auf die
Textverstümmelungen verstatten —, so sind die aus dem
Vergleich der hebräischen G-Vorlage mit dem MT gewonnenen
paläographischen Regeln ohne weiteres auch
für die Herstellung des Urtextes anzuwenden (S. XXI),
wobei sich W. ergibt, daß cod. B dem ältesten hebr.
Text am nächsten steht (S. XL XXII). Dieses Vorgehen
ist nach W. der einzige Weg, um aus der bloßen Kon-
jekturalkritik herauszukommen: jetzt handelt es sich
nicht mehr um bloße Einfälle, sondern um „absolut verlässige
Regeln" (S. XXI), um „zwingende Gesetze"
(S. XXVI). Und der Erfolg ist verblüffend genug: „Der
Buchstabenbestand des heutigen hebr. Konsonanten-
bestandes erweist sich als höchst sorgfältig überliefert.
Gerade an den korrupten Stellen tritt das am besten
zutage" (S. XLVIII), insofern nämlich kein Buchstabe
fehlt, auch wenn er fehlerhaft geworden ist.

Man muß es W. danken, daß er noch schärfer als Delitzsch
gegen die planlosen, spielerischen Konjekturen zu Felde zieht
Manche Werke gerade der letzten Jahre ließen in diesem Punkt die
wissenschaftliche Zucht vermissen ; doch ist es nicht nötig,
Steine zu werfen : wer hätte darin nicht schon gesündigt
? Darum ist W.'s methodisches Vorgehen schon an sich eine
Wohltat; aber mehr: er erreicht damit in der Tat an einer Reihe von
Stellen einleuchtende Erfolge. Ich erwähne 118, 12: „mögen sie
mich umringen wie die Bienen die Waben (ins. 1J)1), und mögen

sie au ff lammen (1. H&Dl)

wie das Feuer im Dorngeslrüpp"; 90, 9
am Ende: „unsere Jahre sind wie Spinnengewebe, das man wegwischt
" (1. )JH 7>D3); 133,2: „..das herabträufelt über den

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