Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925 Nr. 8

Spalte:

173-174

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kalt, Edmund

Titel/Untertitel:

Biblische Archäologie 1925

Rezensent:

Steuernagel, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

178

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 8.

174

schmiegen sich dienend der Persönlichkeit Christi an und zeugen
mit für die Wahrheit des Ganzen: was war das für ein
Mensch, an den solche Mythen sich heften konnten,
ohne daß man ästhetisch eine Naht sieht? Hat sich Rode
so seinen Weg zurück zum alten Olauben gebahnt, so stößt er
auf das Problem der Kirche. Ohne daß eine Kirche da steht
als Mittelpunkt alles geistigen Lebens und Heimat aller Herzen
in der trotz allem hart bleibenden Welt, scheint ihm die
neue Hinwendung zur Religion nicht vollendet. Aber da sieht er
nun praktisch keinen Weg. Die evangelischen Kirchen haben keine
Lebenskraft und scheiden aus; die katholische aber, die die innere
Kraft hätte, verschließt sich starr und steif der Entwicklung. So
ists für Rode tröstlich, daß sein Glaube und seine Hoffnung schließlich
über die Kirche hinausgeht auf das dritte Reich: das letzte
Ziel aller Menschheitsentwicklung ist die vollkommene Geistwerdung
des Menschen und der Menschheit im Sinne Christi.

Recht froh werden kann man dieses Buches
trotz vieler wertvoller Einzelbemerkungen nicht; es
fehlt der gesammelte Ernst der Entscheidung. So
liegt denn auch nicht ein grundsätzlicher, sondern ein
zufällig-einzelner Gegensatz gegen das 19. Jahrhundert
vor; gar zu schnell und leicht sind die Grundlinien
eines neuen Bundes zwischen Wissenschaft und Christentum
ausgezogen; und die „Entwicklung", nur als Entwicklung
zum dritten Reiche hin, bleibt ein Heiligtum.
So scheint mir das Buch im einzelnen vielfach ein
Muster zu sein, wie man die neue Lage apologetisch
nicht ausnützen darf, ohne auf neue Weise einem Dienst
der Eitelkeiten zu verfallen. Trotz aller Bedenken aber:
ein lebendiger Mensch redet auch hier. Und er redet
im Namen einer größeren Zahl als Reventlow. Vor
allem aber ist eins an dem Buch stark: der der Tatsächlichkeit
zugewandte Sinn, der eine Kirche, eine Gemeinschaft
im Heiligen, verlangt.

Im ganzen wird man finden, daß die Lage in Kopenhagen
nicht viel anders ist als bei uns auch. So haben
mir diese Bücher wieder die Verantwortung spürbar gemacht
, die die neue Lage auf uns Theologen legt. Unser
geistiges und persönliches Ringen muß so tief und so
leidenschaftlich sein, daß wir mit dem Tiefsten aus
unsrer Arbeit auch Männern wie Reventlow und Rode
etwas zu sagen haben, trotz aller Vorurteile, die sie
gegen uns haben. Denn das ist freilich deutlich: obwohl
sie unsre Bücher zum großen Teil (und nicht umsonst)
gelesen haben, hat ihre Hinwendung zum Christentum
ihnen bisher die Liebe und Achtung uns gegenüber
nicht vermehrt.
Göttingen. E. Hirsch.

Kalt, Prof. Dr. Edmund: Biblische Archäologie. Freiburg:
Herder & Co. 1924. (XII, 157 S.) kl. 8°. = Herders Theologische
Grundrisse. Gm. 2.30; geb. 3.20.

Es ist selbstverständlich, daß der Verf. von streng
traditionalistischem Standpunkt aus geschrieben hat.
Kritische Ansichten werden zwar berücksichtigt, aber
regelmäßig als schriftwidrig abgewiesen. Auch moderne
Theorien, die an sich mit einem streng biblischen Standpunkt
vereinbar wären, z. B. die Theorie, daß die Opfer
teilweise Mittel sakramentaler Kommunion seien oder
daß die israelitische Ehe in einzelnen Zügen (Mohär)
noch ihren ursprünglichen Charakter als Kaufehe erkennen
lasse, werden abgelehnt. Geschichtliche Entwicklungen
werden nur soweit anerkannt, als sie ausdrücklich
biblisch bezeugt sind. Stellt man sich einmal
auf den Standpunkt des Verfassers, so muß man
anerkennen, daß er eine große Fülle von Stoff im
ganzen in zuverlässiger und geschickter Weise zusammengefaßt
und klar dargestellt hat. Gänzlich fehlt
ein Kapitel über Schrift- und Buchwesen. Auch über die
moderne archäologische Erforschung Palästinas, deren
Ergebnisse sporadisch herangezogen werden, wäre wohl
eine kurze Orientierung am Platze gewesen. Solche Bestimmungen
des Codex Hammurapi, deren Geltung
),.sr^el nicht erweisbar ist, sollten nicht einfach wie
, lische, ^echtsbestimmungen zitiert werden, was gelegentlich
geschehen ist (z. B. S. 50 Zeile 1-3). Einige

kleine Ungenauigkeiten (z. B. S. 7 die der Küste Palästinas
vorgelagerten Inseln, S. 18 Früchtehonig
als Ausfuhrartikel [die Ägypter setzen bei Erwähnung
des aus Palästina stammenden Honigs das Determinativ
der Biene] usw.) wären bei einer neuen Auflage zu beseitigen
; auch könnte da eine etwas größere Vorsicht
gegenüber gewissen Theorien (z. B. S. 73: Salbung des
Königs durch den Hohenpriester vor der Investitur)
geübt werden.

Breslau. C. Stcuernagel.

Landersdorfer, Dr. Simon, O.S. B.: Studien zum biblischen

Versöhnungstag. Münster i. W.: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung
1924. (IV, 90 S.) gr. 8°. = Alttestamentliche Abhandlungen
hrsg. v. J. Nikel, X, 1. Om. 2.90.
Das Buch enthält acht relativ selbständige Studien:
1. Das Amtskleid des Hohenpriesters am Versöhnungstag
, II. Asasel, III. Lev. 16 und der Rauchopferaltar,
IV. Der Versöhnungstag als Neujahrfest, V. Das Versöhnungsfest
des P. und die Sühntage des Ezechiel, VI.
Der Versöhnungstag und Neh. 8 f., VII. Das Alter des
Versöhnungstages, VIII. Das literarische Problem von
Lev. 16. Den gemeinsamen Zielpunkt aber aller dieser
Studien bildet die Frage nach dem Alter des Versöhnungstages
, so daß die Abhandlung VII. richtiger an
den Schluß zu stellen gewesen wäre, wie sie denn tatsächlich
auch wesentlich zusammenfassenden Charakter
trägt.

Der Verf., der überall auf die modernen Probleme
eingeht und sich der herrschenden kritischen Methoden
bedient, hat in seinen gründlichen und sorgfältigen
Untersuchungen zweifellos eine Reihe von Fragen berührt
, die bisher noch nicht genügend beachtet sind und
deren Erörterung lohnend ist. Daß aber seine Lösung
voll befriedige, kann ich leider nicht zugeben. Er gibt
der Kritik d arin recht, daß Neh. 8 f. den von Lev. 16
geforderten allgemeinen Büß- und Sühntag noch nicht
kennt, daß also die Forderung dieses Tages jüngeren
Ursprungs ist. Andererseits macht er darauf aufmerksam
, daß in den Bräuchen, die Lev. 16 vorschreibt,
manche archaischen Elemente stecken: die linnene Kleidung
des amtierenden Hohenpriesters statt des später
üblichen Ornates, die Asaselzeremonie (ein primitiver
Entsündigungsritus, neben den der fortgeschrittenere
eines Sühnopfers getreten ist), Sühnung durch
Brandopfer (v. 24), Verknüpfung mit dem altisraelitischen
Neujahrfest im Herbst, Unbekanntsein des Räucheraltars
im Heiligen, der doch bereits im salomonischen
Tempel vorhanden war, usw. Daraus ergebe
sich, daß der Versöhnungstag in ältere, vorsalomonische
Zeit zurückreiche, so daß seiner Anordnung durch Mose
kein ernstliches Bedenken im Wege stehe. Die Lösung
des Widerspruches findet der Verf. darin, daß der Versöhnungstag
im Laufe der Zeit seine Bedeutung verändert
haben soll: er ist alt als Tag der Entsündigung «=
Reinigung des Heiligtums und des Kultuspersonals, ging
aber als solcher nur die Priesterschaft, nicht das Volk
an; zu einem Volksbußtag wurde er erst in der nach-
exilischen Zeit, eine Entwicklung, die sich auch in der
literarischen Schichtung von Lev. 16 reflektiert (v. 7
bis' 10. 26—34 nachexilische Zusätze). Diese Lösung
scheint mir vor allem darum nicht zu befriedigen, weil
die altertümliche Asaselzeremonie als Ritus der Entsündigung
des Volkes doch über den Rahmen der
vom Verf. angenommenen älteren Bedeutung des Versöhnungstages
hinaus weist. Dann aber schließt das
Zeugnis von Neh. 8 f. doch den Versöhnungstag am
10. VII. für die ältere Zeit absolut aus. Die These
wäre m. E. dahin zu ergänzen, daß für die ältere Zeit
unterschieden würde zwischen einer Tempelreinigung
(am 10. VII. ? vgl. unten) und einer Entsündigung des
Volkes (mit Asaselzeremonie), die nicht an einen bestimmten
Tag gebunden war, sondern je nach Bedarf
vorgenommen wurde, z. B. aus Anlaß von Seuchen oder
nationalem Unglück (vgl. Jer. 36,9). In der nach-
exilischen Zeit wäre der Tag der Entsündigung des