Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925 Nr. 6

Spalte:

142-143

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bittlinger, Ernst

Titel/Untertitel:

Lebenskunst. Der Weg zum deutschen Kulturprogramm 1925

Rezensent:

Winkler, Robert

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

Hl

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 6.

142

Leben-Jesu-Forschung zurückgreift; dessen „Philosophie
der Ehrfurcht vor dem Leben" sei nichts als der Versuch
, den Willen, der im eschatologischen Denken,
Wollen und Handeln der Persönlichkeit Jesu in der
Geschichte sich manifestiert hat, in Ideen sich aussprechen
zu lassen, die sich gemäß unserem Erkennen
und Denken als denknotwendig erweisen (S. 129 f.).
Schw. sei für unsere Zeit der Apologet des Christentums
. Dazu mache ich ein großes Fragezeichen. Wichtiger
als die runde Bejahung Schw.s ist an W.s Schrift
die ihren größeren Teil füllende Kritik B.s. Nicht in
allen Punkten wird sie Recht behalten. Daß B. darin
neben Schw. gestellt wird, daß er wie dieser von der
Theologie verlangt, daß sie sich zum Denken bekehre,
ist zum mindesten mißverständlich. Auch sonst wird
W.'s Kritik an B. verschieden beurteilt werden: mir
scheint sie in vielem beachtenswert; manchmal trifft
sie geradezu den Nagel auf den Kopf. Wenn er es als
erstaunlich bezeichnet, was Paulus auf B.s „exegetischer
Folterbank" alles erdulden muß, so wird er weithin auf
Zustimmung rechnen dürfen. Wenn W. formuliert, daß
auch B. sich lediglich um das Problem des Optimismus,
der Lebensbejahung, des Sinnes des Lebens, und der
Ethik müht (S. 18), so scheint mir dieser Satz überspitzt
zu sein. Mit dem, was er B.s Begründung des Optimismus
nennt, geht W. scharf ins Gericht; er konstatiert
hier einen schweren Selbstwiderspruch. Derselbe
wiederholt sich in Bezug auf die Ethik: „immer neue
Anläufe zur Position, die aber rettungslos immer in der
Negation versanken" (S. 49). W. glaubt nachweisen
zu können, daß B. auf seinem Wege zur Begründung
der Ethik gar nicht zu einem wirklichen ethischen
Prinzip gelangt; erst recht komme es bei B. nicht zur
Klarheit in der praktischen Auseinandersetzung zwischen
Ethos und Wirklichkeit. Das Letztere wird an dem
Problem des Verhältnisses zwischen der ethischen Persönlichkeit
und der Gesellschaft und Gesellschaftsethik
näher gezeigt. Ganz besonders interessant ist das Kapitel
, das das Verhältnis zum Christentum beleuchtet.
B. eigne sich in Worten den eschatologischen Erlösungsoptimismus
des Urchristentums an; in der Sache
gebe er ihn preis. Ja: jede objektive Heilsbedeutung
Jesu als des Christus sei bei B. hinfällig geworden.
Man könne die ganze B.sche Theologie in ihren wesentlichen
Grundzügen lückenlos darstellen, ohne Persönlichkeit
und Gedankenwelt Jesu auch nur mit einem
einzigen Wort zu erwähnen. Ob sich B. gegen diese
letzte Behauptung nicht doch mit Recht wehren kann,
bleibe dahingestellt. Aber zu Recht besteht, daß W. mit
scharfsinniger Kritik die Gedankengänge B.s durchmustert
und dabei schwache Stellen von großer Bedeutung
nachgewiesen hat, und zwar mit einer Energie,
wie das bisher noch nicht geschehen ist. Er wird in der
Polemik manchmal kräftiger, als das sonst in wissenschaftlichen
Auseinandersetzungen üblich ist. Aber B.
seinerseits braucht ja noch viel deutlichere Worte! Auf
alle Fälle verdient diese Kritik B.s durch W. aufmerksame
Beachtung; in nicht ganz wenigem wird sie sich
m- E. bei der Prüfung bewähren.

Breslau. M. Schi an.

Höffding, Harald: Der Begriff der Analogie. Leipzig: O. R.
Reisland 1024. (H 110 S.) gr. 8°. Om. 2.40.

Der dänische Philosoph bietet uns diese Studie in
einem achtbaren Deutsch. Kleinere Unebenheiten erinnern
daran, daß es nicht seine Muttersprache ist;
selten sind stärkere Versehen untergelaufen (z. B. der
Ausfall des Verbums S. 35 oben). Die Hinweise auf
andere Schriften des Verfassers brauchen nicht irre zu
machen, das Ganze ist durch sich selbst verständlich,
rür uns nützlich ist die Heranziehung fremder, besonders
französischer Literatur. Die Monographie
scheint einem logischen Spezialproblem nachzugehen,
tatsächlich führt sie zu universalen, metaphysischen

Ausblicken, hauptsächlich durch Verfolgung des Unterschiedes
von Analogie und Identität und der Geltung
beider Formen, was sich durch die ganze Schrift hinzieht
. Hier ist ihr eigentlicher Reiz. — Die Einleitung
gibt die wichtigsten Gesichtspunkte an. Der Verf. geht
darauf aus, der Analogie ihren Platz in der Reihe der
Kategorien zu geben und ihre spähende, vorgreifende,
anspornende Bedeutung darzulegen. K. I über unwillkürliche
Analogien wirft Licht auf das Vorstellungs-
| leben der Primitiven, auf das Schaffen des Genius, oder
auf Probleme wie Wiedererkennen, Assoziation, Wert
und Wesen des Symbols. K. II erörtert die Frage
„Analogie und Logik". Plato als Vertreter des Identitätsprinzips
und Aristoteles als Entdecker des Analogiegedankens
und seiner Bedeutung treten trefflich auseinander
, wie diese Schrift in der Charakteristik philosophischer
Leistungen von dem gewählten Gesichtspunkt
aus oft eine glückliche Hand hat. Hier schon
wird der Tragweite von Identität und Analogie für das
zum Abschluß strebende Denken nachgegangen. Die
Analogie hilft auch das Wesen der Induktion bestimmen
, — unwillkürlich vergleicht man mit Sigwart,
der bei mancher Berührung hier seinen eigenen Standpunkt
einnimmt. — Psychologisch wie erkenntnistheo-
| retisch belangreich ist K. III, das der Analogie zwischen
Erkenntnisfunktionen nachgeht. Weit voneinander Abliegendes
weist gemeinsame Züge auf; es ist wirklich
lehrreich, sich etwa die Analogien zwischen dem antiken
und dem modernen Denken, z. B. in der Atomlehre
, oder zwischen dem naturwissenschaftlichen
Denken des 17. und dem des 19. Jahrhunderts, oder
wieder die Analogien zwischen den Stufen des Vor-
stellungs-, Gefühls- und Willenslebens zu vergegenwärtigen
. K. IV (Analogie zwischen Erkenntnisgebieten)
zeigt anschaulich die Unmöglichkeit, selbst für Logik
und Arithmetik oder für formale und reale Wissenschaft
ein Identitätsverhältnis anzunehmen, wo Analogie allein
den Schlüssel bietet. „Die Entwicklung des Denkens hat
dazu geführt, daß man jetzt Analogie da findet, wo man
früher Identität sah." „Weil aber Analogie nur Verhältnisähnlichkeit
, nicht Identität ist, bleibt immer ein Irrationales
zurück." Kant, Hegel, die Marburger Schule
finden hier eine Beurteilung, der ich in der Hauptsache
zustimmen muß. „Es war eigentlich ein orientalisches
Ideal, das hier im europäischen Philosophieren zur
Herrschaft kam." Ebenso darf der Erörterung über das
Verhältnis von Psychologie und Physiologie Besonnenheit
des Urteils nachgesagt werden, mag auch hinter
das erkenntnistheoretische Subjekt als einen der interessantesten
Gegenstände der Psychologie ein Fragezeichen
zu setzen sein. In der Aussprache über Wissenschaft
und Weltanschauung faßt sich sozusagen alles
zusammen. „Der Gedanke soll herrschen und ist doch
Element in einer Welt, die größer als er ist". „Aber
die Analogie selbst zwischen diesen Reihen bleibt das
letzte Resultat der Wissenschaft." — Mehr anhangsweise
handelt K. V von poetischer und religiöser Symbolik
. Einige feine Bemerkungen entschädigen doch
nicht für die Kürze, mit der Höffding seine eigene Ansicht
hinstellt. Für den Hinweis auf die Problematik
im Leben der Religion dürfen wir alles Verständnis
haben, aber im Ringen um die Lösung wollen wir
eigene Wege gehen.
Münster i. W. Q. W e Ii r u n g.

Bittlinger, Ernst: Lebenskunst. Der Weg zum deutschen
Kulturprogramm. Berlin: W. de Qruyter 8t Co. 11)24. (III 240
S) 8°. Gm. 3.50; geb.' 5—.

Lebenskunst ist die Erfüllung der Gesamtaufgabe, die das Leben
durch sich selbst an uns stellt (S. 38). Religion, Ethik, exakte
Wissenschaft, Kunst, Sozialismus, Kommunismus können dies in ihrer
Vereinzelung nicht leisten. Auch die Religion nicht, weil sie nach
dem Verf. scholastischer Begriff geworden sei, d. h. die Wahrheit
nicht aus der Tiefe der eigenen Seele, sondern aus der Geschichte
schöpfe. Ausgangspunkt für die Gewinnung der richtigen Lebenskunst