Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1925

Spalte:

117-118

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

HIlbert, Gerhard

Titel/Untertitel:

Wider die Herrschaft der Kultpredigt! Ein Wort zur Agendenreform 1925

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

117 Theologische Literaturzeitting 1925 Nr. 5. *18

des formalistischen Denkens herauskommen. Manches dergeschrieben, wie sie aus seinem Innern herausströ-
ist nur zu sehr Andeutung geblieben und hätte weiter men. Ohne Thema und Teile, aber aus einem am Text

geklärten Willen heraus ergießt sich oft stoßweise ein
Impuls nach dem andern. Die Sprache ist einfach, aber
von verborgener Poesie leise verklärt. Kein gewöhnlicher
Oedanke ist zu finden, aber alles ist leicht verständlich
ausgedrückt. Es fehlt auch nicht an Wendungen
kräftiger Art, wenn z. B. die Christenfreiheit als
Herrenfreiheit der Zigeuner-, Schieber- und Lumpenfreiheit
entgegengesetzt wird. Auch hier ist von der Art der
Kultpredigt nichts mehr zu finden. So kann man an
Feiertagen und an Sonntagen predigen mitten im gewöhnlichen
kultischen Rahmen. Nicht überall verlangt
es die Gemeinden nach Hochfeiern ohne Wort oder
mit einem Feierwort, und Gottesdienste mit einer Predigt
im einfachen kultischen Rahmen haben wir ja schon
in unsern Nebengottesdiensten. Es gibt doch eine Reform
der Predigt, die sie im liturgischen Rahmen erträglich
und wirksam macht, wenn beide ein geschlossenes
nicht logisch, aber psychologisch aufgebautes Ganzes
bilden.

Marburg. F. Niebergall.

ausholender Darlegung bedurft. Den Reiz der Schrift
macht nebenbei auch die Beleuchtung aus, die der
Rationalismus, Leibniz, Kant erfahren.

Logik und Ethik zusammen bedürfen noch der Ergänzung
; die von Sendling gesuchte Ästhetik soll sie
darbieten. Geht aber, fragen wir dagegen, allem
Schöpferischen nicht das Geschenk voraus? Weisen
Logik, Ethik, Ästhetik zumal nicht ihrerseits über sich
hinaus? Bleibt der Autor hier nicht hinter dem bedeutsamsten
Zug unserer Zeit zurück?
Münster i. W. O. Wehrung.

Hilbert, Prof. D. Gerhard: Wider die Herrschaft der Kultpredigt I

Ein Wort zur Agendenreform. Leipzig: A. Deichert 1924. (53 S.)
gr. 8°. Kart.Gm. 1.80.

Stange, Prof. D. Carl: Jesus der Heiland. Predigten. Gütersloh
: C. Bertelsmann 1924. (VIII, 274 S.) 8°. Gm. 4.50; geb. 5.50.

Gros, Pfarrer Erwin: Im Frieden Gottes. Ein Jahrgang Predigten.
Stuttgart: W. Kohlhammer 1924. (VII, 340 S.) gr. 8°.

Gm. 5—; geb. 0—.

H. macht von dem Recht des Polemikers auf Übertreibung
und Karikatur reichlich Gebrauch. Die Kultpredigt
solle eine Reihe von Eigenschaften vereinigen,
die niemand vereinigen kann: Textauslegung soll sie
sein und persönliches Zeugnis, ein wohlgegliedertes
Kunstwerk und gemeindegemäße Rede, Feier- und Erziehungswort
, also für Christen und für Nichtchristen
bestimmt. So habe sie den Gottesdienst mit seinen Gebeten
und Liedern homiletisiert, das Abendmahl erdrückt
und die Pfarrer überfordert. Darum müsse ihre Zeit
vorbei sein. Das Abendmahl müsse eine selbständige
Feier werden und eine Mannigfaltigkeit von Darbietungen
die einseitige Kultpredigt ablösen: die Feierrede, die
Sonntagspredigt, der Vortrag, die Bibelstunde. — Das ist
alles schon im Werden; H. faßt zusammen, was sich
in den letzten Jahren anbahnt. Was er als Kultpredigt
zeichnet, gibt es in dieser Weise nicht mehr allzuoft;
literarisch wagt es sich nicht mehr ans Licht. Prüfen
wir darauf die beiden Predigtsammlungen, die des Professors
und die des Dorfpfarrers.

St. predigt in der älteren Weise,, indem er Thema
und Teile nennt. Er selbst bezeichnet seine Art als lehrhaft
. Mit Recht; er will christliche Gedanken ausbreiten
, um christliches Leben zu erzielen. Es sind Gedanken
nicht alltäglicher Art. Einige seien herausgehoben
. Welches war denn eigentlich der verlorene Sohn
von den beiden Brüdern? Im Unterschied von uns

Dörries, D. Bernhard: Der Wille zum Leben. Ein neuer Jahrgang
Predigten. Göttingen: Vandcnhoeck & Ruprecht 1924. (4*,
364 S.) 8°. geb. Gm. 8—.

D. gibt den vierten großen Band Predigten heraus.
Seine Art im Ganzen hat er nicht gewechselt. Die
knappe Sachlichkeit, die gedankliche Energie, die bei
aller Schlichtheit der Form anfassende Anschaulichkeit,
vor allem die Kunst, ganz aus dem Leben der Hörer
heraus zu reden und auch vielbehandelten Texten neue
Seiten abzugewinnen charakterisieren ihn auch in diesen
68 Predigten. Wenn die neue Sammlung doch einen
Sondercharakter hat, so dankt sie das, wenn ich recht
sehe, zwei Eigenschaften: 1. der Berücksichtigung der
Nachkriegszeitverhältnisse und 2. der klar heraustretenden
religiösen Gesamthaltung, die mir gegenüber zumal
der „Botschaft der Freude" und dem „Evangelium der
Armen" doch manche eigentümliche Wendung zu haben
scheint. Zu 1: D. hält selten Zeitpredigten im besonderen
Sinn. So mag man die Predigt „Vom Völkerbund
" nennen (die ich recht glücklich finde), so die
Predigt „Ich glaube an Deutschland wie an Gott" (nach
Matth. 22,37—39), die über „Brot in der Teuerung"
und noch ein paar andere (daß diese Predigten nicht
datiert sind, ist schade). Meist verfährt er anders: die
Zeitverhältnisse geben die Anschauung, die konkrete
Stimmung, aber nicht mehr. Es ist eben selbstverständ-
trennt Jesus Gott und Welt nicht räumlich und zeitlich; | lieh, daß der Prediger zu den Menschen spricht, die
Luther hat uns wieder die unbefangene Stellung Jesu zur unter seiner Kanzel sitzen, und daß er ihnen ins Herz zu
Welt klar gemacht und in der Versöhnung den Weg zur | sehen sich müht. D. versteht das wie wenige. Das
Herrschaft über die Welt gezeigt; alles Glück und alles j zeigt auch dieser Band: Als Beispiel sei die Predigt über
Leid unseres Lebens liegt im Verhältnis von Ich und Du. j Joh. 16,5—7 genannt: „Was uns bleibt." Zu 2. D.'s

religiöse Gesamtanschauung scheint mir gegen früher
sich stärker in der Richtung seiner Schrift „Der Glaube
an die Welt" gestaltet zu haben. Vielleicht in unmerklichen
Übergängen; aber schließlich wird doch eine
veränderte Betonung deutlich. Allerdings: auch jetzt ist
ihm Golgatha die Quelle der Gewißheit: Gott ist die
Liebe. (S. 102 f.). Auch jetzt predigt er das Kreuz als
das Zeichen, dem der Sieg gehört über Verwesung und
Tod (S. 148). Dogmatisch liegt keine Umstimmung
vor. Aber es treten doch wohl die Gedankenreihen
stärker hervor, die man innerweltlich nennen könnte,
ohne daß sie es im ausschließlichen Sinn sein sollten.
S. 192 ff. redet in dieser Art vom „Geist", der uns
bleibt; S. 202ff. bestimmen „Ziel und Weg" mit starker
Hervorhebung der nächsten Schritte, bei denen freilich
das höchste Ziel den Wanderer beseelen soll. Ganze
Predigten gehen — daß ich so sage — den Weg des
gleichsam vorsichtigen Hinleitens zu höheren Zielen,
nicht den des wuchtigen Zeugnisses von Gott, seiner
Gnade und seinem Willen. Bei diesen Predigten könnte
ich eine Kritik, wie sie von religiös-sozialer Seite an
anderen geübt worden ist, verstehen. Ob sie im Recht

— Theologische Farbe ist kaum sichtbar; der Akademiker
verrät sich freilich in der rein gedanklichen
Sprache, die jeder Anschaulichkeit und jedes rednerischen
Charakters entbehrt. Alles bleibt in kühler und
klarer Ferne. Es sind Predigten vor einem Publikum
gehalten, mit dem den Prediger nichts als das Allgemeine
verbindet — das häufige Los des akademischen
Kanzelredners. Aber von dem oben geschilderten Cha-
™ FHder Kultpredigt ist außer der Proposition nichts
FeieH hl • Keine überstiegene Redeweise, keine betonte
iu,,./1C u K, nichts, was man nicht in einem einfachen
liturgischen Rahmen ertragen könnte.
L 1 , £anz anders. Das sind nicht einzelne Prediger
V p0n.d^rn das sind Glieder einer umfassenden Pre-
uigt-Erziehungsarbeit. Hier müht sich ein Mann, der
, p i leinen Getneindegliedern steht, ihnen die Güter
enH kS- 2? 211 ordnen, wie es dem Willen Gottes entspricht
. Es ist der Seelsorger, der weiter helfen will
M flnc- ""'fassenden und planmäßigen Arbeit, um sie
Not, Sunde und Tod überwinden und den Sinn des
Lcoens in Gott finden zu lehren. Er bietet ihnen nicht
vorgetragene Abhandlungen, sondern er hat Reden nie-