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Ausgabe:

1925 Nr. 5

Spalte:

107-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Göttsberger, Joh.

Titel/Untertitel:

Biblische Zeitschrift. 16. Jg., 1. - 4. H 1925

Rezensent:

Windisch, Hans

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107

Theologische Literaturzeitung 1925 Nr. 5.

108

Ära ab orbe condito mit den geschichtlichen Tatsachen
unvereinbar ist. Und nicht nur bei at.liehen Geschichten
hat „dichtende Volksüberlieferung" eingewirkt, auch in
den Kindheitsgeschichten der Evangelien hat „das dichtende
Vermögen der Gemeinde" sich betätigt.

Ein grundsätzlicher Ausgleich zwischen Pietät und
wissenschaftlicher Unbefangenheit ist nicht erreicht. Die
für das A. T. als tragbar befundene geschichtliche Betrachtungsweise
ist nicht durchgeführt. Zwar ist der alte
Inspirationsbegriff schonend beseitigt: göttliche Eingebung
erfolgt nicht in fertigen Worten, sondern besteht
in Regungen des innersten Geisteslebens, die Gott wirkt.
Erst unter dem Aufmerken des Menschen gestalten sich
diese zu deutlichen Begriffen und suchen ihren Ausdruck
in den Worten menschlicher Sprache. Ja, sogar die
Analogie mit dem plötzlichen Aufleuchten einer neuen
Wahrheit, eines künstlerischen Gedankens wird nicht gescheut
. Diese grundsätzliche Stellungnahme hat aber
doch nicht eigentlich zur Anerkennung zeitgeschichtlicher
Bedingtheit der Vorstellungen auch des N. T.
geführt.

Den kirchlichen Wert des Werkes schlage ich hoch
an, weil es bei dem Vertrauen, das den Verfassern in den
betreifenden Kreisen entgegenkommt, geeignet ist, auch
der der wissenschaftlichen Theologie voll Mißtrauen
entgegenstehenden Laientheologie behilflich zu sein,
Tatsachen zu sehen, deren Nichtbeachtung auf die Dauer
eine ernste Gefahr der Frömmigkeit bedeutet.

Das beigegebene Bildermaterial ist sorgfältig gewählt
und insbesondere auf den Bildertafeln gut ausgeführt
. Die Karten sind dem Bibelatlas Guthe's entnommen
.

Ludwigsburg. H. Holzingcr.

Biblische Zeitschrift. Hrsg. v. Joh. Göttsberger u. Jos. Sickenberger
. 16. Jahrgang. 1. u. 2. und 3. u. 4. Heft. Freiburg i.B.:
Herder & Co. 1622 it. 1924. (IV, 318 S.) gr. 8°. 1/2: Gm. 10—;

3/4: Gm. 12—.

Auch die biblische Zeitschrift hat in den letzten
Jahren mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt: die
erste Hälfte (1. u. 2. Heft) erschien 1922, die zweite
(3. u. 4. Heft) 1924. Die Folge ist, daß die bibliographischen
Notizen der ersten Hälfte (A. T. und N. T.
zugleich umfassend und A. T.) die Literatur bis 1921,
die der 2. Hälfte (N.T.) die Literatur bis 1923bringt,eine
Ungleichmäßigkeit, die wohl im nächsten Jahrgang ausgeglichen
werden wird. Im Übrigen ist dieser Literaturbericht
wieder sehr gut geführt. Leider wird nicht
mehr nach Vollständigkeit gestrebt. Es wäre zu wünschen
, daß die Berichterstatter doch auch solche Publikationen
anführten, die sie nur dem Titel nach kennen,
und daß sie sich, etwa durch ausländische (z. B. holländische
) Mitarbeiter auch über ausländische (nicht-katholische
) Literatur orientieren ließen.

Von selbständigen Aufsätzen nenne ich, sachlich geordnet, die
folgenden.

A.T.: F. Wutz handelt über „Die Bedeutung der Transskriptionen
in der Septuaginta" (S. 193—213). Er zeigt
die hohe Bedeutung der LXX für die Rekonstruktion des ursprünglichen
hebräischen Textes. Zunächst macht er sehr wahrscheinlich
, daß die LXX einen Transskriptionstext vor sich gehabt hat (daß also
nicht direkt aus hebräischen Manuskripten übersetzt wurde). Man hat
also, namentlich bei unverständlichen Übersetzungen, erst den vermutlichen
hebräischen Text in griechischen Lettern zu transskribieren
und kann so die Verlesungen feststellen und den richtigen Text rekonstruieren
; denn die in LXX benutzte Transskription war vielfach
durch Fehler entstellt. So gelangen wir über Hexapla und über die
Koine der neutestamentl. Zeit hinweg zu dem Originaltext. Dabei bestätigt
sich, daß der primitivste LXX-Text in cod. B. steckt. Die
näheren Nachweise dieser wichtigen Ausführungen sollen in R. Kittel's
„Beiträgen zur Wissenschaft vom A. T." erscheinen.

J. Slaby geht in seinem Aufsatz über „Gen. 41, 41—42 und
die altägyptischen Denkmäler" (18—33) von der a.a.O.
bezeugten „Dekorierung" Josephs durch Pharaoh aus und zeigt an
der Hand von altägyptischen Texten, daß solche Auszeichnungen
mit dem „Gold der Belohnung" („Oold der Tapferkeit" usw.) für
Kriegs- und Friedensdienste sehr gewöhnlich waren. „Der Patriarch

Joseph — das ist der Beitrag, den die Ägyptologie zum Verständnis
der Josephsgeschichte liefert — war also der erste Hebräer, der mit
hohen Orden geschmückt worden ist" (!).

Sachlich wichtiger ist „Eine sumerische Parallele zu
Psalm 2", die P. S. L a n de r s do r f e r (S. 34—43) nachweist. Es
ist ein altsumerisches Lied, König Lipit-Istar's Vergötterung, das

H. Zimmern in den Sitz.-Ber. der sächs. Gesellsch. d. Wiss. 1916 veröffentlichte
. In beiden Dichtungen wird der König als Sohn Gottes
eingeführt, und wird diesem zum Sohn Gottes erhobenen König die
Herrschaft über die Völker der Erde übertragen. Die Vergleichung
ist auch für die neutest. Verwendung von Ps. 2 wichtig.

B. Haeusler sucht „Zu Jer. 1, 5" (S. 45—53) zu erweisen,
daß an dieser Stelle nur von innerlicher Heiligung die Rede ist.

Den Übergang zum N. T. macht ein Aufsatz von J. G o c 11 s -
berger (J. Sickenberger zum silbernen Priesterjubiläum gewidmet)
über „die Hülle des Moses nach Ex. 34 und 2. Kor. 3"
(S. 1—17). G. gibt eine Übersetzung beider Kapitel mit textkritischen
und exegetischen Anmerkungen und sucht vor allem zu zeigen, daß die
Exegese des Paulus die richtige ist; insbesondere verwirft er die moderne
, auch von mir in meinem Kommentar zum II. Kor. (1924) vertretene
, Erklärung, daß die Hülle den Zweck hatte, das Vergehen des
Glanzes zu verbergen.

N.T.: J. Vogels zeigt in seinem Artikel „Der Apostelkatalog
bei Markus in der altlateinischen Überlieferung" (S. 66—76), daß nach
dem ältesten Text, der uns in e (b c q) aufbewahrt ist, der Titel
boanerges den 12 Aposteln communiter gegeben war, wie schon
E. Preuschen (ZNTW 1917, 141 ff.) erkannt hat, vgl. auch die
griechische Hschr. £ 014.

J. Sickenberg er wirbt „Zur Q u i r i n i u s f r a ge" (S.
215 f.) für die auch von Lagrange vertretene Übersetzung: „Diese Aufzeichnung
fand früher statt als die unter der syrischen Statthalterschaft
des Qu." und sucht seine (unwahrscheinliche) Auslegung durch
Analogien ähnlicher Brachylogie zu erhärten. •

H. Dieckmann schreibt über „das fünfzehnte Jahr des
Tiberius (Lk. 3, 1)" (S. 54—65) und sucht namentlich aus dem Befund
der Münzen zu zeigen, daß an Anwendung der „Kronprinzenära
" (die Mitregentschaft des Tiberius) hier nicht zu denken ist.

A. Schulz, behandelt „das Wunder zu Kana im Lichte des
Alten Testaments" (S. 93—96). Maria soll bei ihrer Frage an die
messianischen Weissagungen gedacht haben, die mit dem Kommen
des Messias den Gedanken an Überfluß von Wein verbinden (Gen.
49, 11; Arnos 9, 13; Joel 4,18), und Jesus soll gemeint haben, die
Stunde der Welterneuerung ist noch nicht gekommen.

E. Nagl endlich versucht „die Gliederung des ersten Johannesbriefes
" (S. 77—92) noch schärfer durchzuführen, als bisher geschehen
ist. Er unterscheidet drei Hauptthemata: Gott ist Licht (1,5
bis 2,28), Gott ist gerecht (2,29—4,6) und Gott ist die Liebe
(4,7—5,19). Jeder Abschnitt ist wieder dreifach gegliedert, und
zwar nach den Gesichtspunkten Gebot halten, Bruderliebe und Gegensatz
zur Welt. Ob diese Unterteilung wirklich ein zum Verfasser des

I. Joh. gewähltes Schema wiedergibt, ist sehr fraglich.

Leiden. Hans W indisch.

Recherches de Science Religieuse. Tome XIV, 6. Paris: Bureaux
de la Revue 1924. (S. 481—576.) 8». fr. 3.50.

G. de Broglie: De la place du surnaturel dans la Philosophie
de saint Thomas. Precisions theologiques I (S. 481—496). Nachdem
der Platz im allgemeinen bestimmt ist, den Thomas selbst in seiner
Philosophie dem Übernatürlichen zuwies, werden jetzt zwei Einzel-
fragen behandelt: 1. Jusqu'oii peut-on etendre le pouvoir, aecorde
ä la raison, de connaltre la possibilite du surnaturel? 2. La possibilitc
de la Vision beatifique se demontre-t-elle positivement? — A. d'Alcs:
La doctrine de l'esprit en saint Irenec (S. 497—538). 1. L'csprit
saint dans l'humanite. 2. La gräce. — A. Malvy: „Cette generation
ne passera pas"... (S. 539—544) kombiniert Mark. 13, 30; Matth.
I 24, 34; Luk. 21, 32 mit Matth. 23, 36 und Luk. 11, 51b und be-
' hauptet hier mit Recht verschiedene Fassungen desselben Logions. —
M. Viller: Les martyrs et l'esprit (S. 544—551). Dem montanistischen
Olauben an den Beweis des prophetischen Geistes in den
Märtyrern stellte die Großkirche die katholischen Märtyrer als die
I wahrhaft Geist-besessenen gegenüber; dafür werden Belege gegeben.
— H. Pinard behandelt im „Bulletin d'Histoire des rcligions" (S.
552—573) methodische Fragen und verschiedene Studien von Ethnologen
(wie Rivers, Goldenweiser, Graebner, W. Schmidt, L. Ehrlich
und W. Koppers) über nicht-zivilisierte Völker; Oeschichtc, Enzyklopädien
und Handbücher der vergleichenden Religionskunde (wie Pala-
cios, Padovani, Anisio, M. A. Canney, Mathews and G. B. Smith,
Widgery, Soper und Sinthern); religiöse Psychologie (von Bartlett,
Bruce, Barry und Thouless).
Berlin-Schlachtensee. Hugo Grcßmann.